
Wenn du erkenntest die Gabe Gottes
und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!,
du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.
(Joh 4,10)
Eine Frau geht zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen. Ihren Krug hat sie bei sich, den Krug aus gebrannter Erde. Das Wasser des Brunnens ist frisch, und ausgetrocknet ist ihre Kehle. Die Glut der Mittagshitze treibt sie zum Brunnen, wo sie sich einen labenden Trunk holen will. Sie sagt: "Diesen köstlichen Brunnen hat uns unser Vater Jakob gegeben, und er, seine Kinder und sein Vieh haben daraus getrunken." Den Brunnen und seine Geschichte kennt sie. Aber den, der ihr dort entgegenkommt, den kennt sie nicht, - noch nicht.
Er ist ein Jude; sie eine Samariterin. Anfangs achtet sie auf ihn gar nicht; sie sieht nur den Krug und das Wasser und den Krug voll Wasser, den sie aus dem Brunnen zieht. Doch als sie ihren Krug absetzt, öffnet er seinen Mund und spricht zu ihr: "Gib mir zu trinken!" Sie erwidert: "Wieso verlangst du von mir, daß ich dir zu trinken gebe. Ihr stolzen Juden, in der Not wäre euch ein armes samaritisches Weib auch gut genug, aber sonst habt ihr keine Augen und Ohren mehr für uns." Sein milder Blick streift ihre Augen. Sie wirft nur mit den Steinen, mit denen man nach ihr geworfen hat. Er kennt ihr Herz; es ist nicht böse. Etwas schnippisch ist sie, gewiß; manchmal auch sehr kurz angebunden, aber das beirrt ihn nicht. Er kennt die Menschen, kennt ihre Geschichten, ihre Fragen, ihre Nöte. Er kennt auch sie. Ihre Männergeschichten, weswegen man sie meidet, aber auch ihr neugieriges, offenes Wesen. Sie sucht den, dessen Namen man nicht aussprechen darf. Wo kann ich Ihn anbeten? Wo? Ach, wo? Auf unserem Berge? Oder im Tempel in Jerusalem? Wenn Er Einer ist, wo ist die Stätte der Begegnung? Er kennt die Sehnsucht ihrer Seele. Deswegen sitzt er jetzt am Brunnen, selber durstig, um ihren Durst zu löschen.
Er preist die selig, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Selig sind sie nicht, weil sie hungern und dürsten, oh nein, der Durst nach Gerechtigkeit kann die Seele verzehren. Sie ist eine Samariterin; sie weiß das. Die frommen Leute, die wohnen in Jerusalem, möglichst nahe beim Tempel. Diese frommen Leute sind so gerecht, daß sie mit ihr, der Samariterin, keine Gemeinschaft haben möchten. Sie könnten sich ja verunreinigen. So furchtbar gerecht sind sie. Sie weiß, da stimmt etwas nicht; aber sie weiß nicht weiter. Und nun sitzt er bei ihr am Brunnen. Und seine Botschaft lautet: Selig seid ihr, die ihr nach der wahren Gerechtigkeit hungert und dürstet, denn ihr sollt satt werden. Euer Durst soll euch nicht verzehren, denn ich bin die wahre Speise und der wahre Trank. Ich kann das Bedürfnis deines Lebens stillen.
Noch kennt sie seine Botschaft nicht. Noch steht sie am Brunnen, noch schöpft sie das Wasser, noch ist sie allein, allein mit sich und ihrem Krug Wasser beschäftigt. Er hat gesagt: "Gib mir zu trinken!" Er hat Durst und sie schöpft Wasser. Und doch ist sie die Dürstende! Seinen Durst wird sie nie begreifen können, denn seine Liebe ist unfaßbar. Aber dieser, sein Durst ist nun die Brücke zwischen ihnen. Öffne dein Herz, schütte es vor mir aus! Lasse deine Tränen fließen; wehre dich, öffne dich! Gebe mir von dir zu trinken! Denn dein Gemüt ist aufgepeischt; Gedanken zucken hin und her und wehrlose Wut läßt dich nicht zur Ruhe kommen. Sie ist eine Samariterin! Sie hat es tausendmal gehört. Sie ist eine Frau; viele Männer hat sie gehabt; tausendmal dieselben Worte. Man hat sie zugemauert und vergessen. Und nun will er ihr Wasser trinken und sich an ihrer Gabe laben. Schon hüpft ihr Herz; doch ihre Zunge ist noch scharf. Doch er achtet auf das Herz, nicht auf die Zunge. Er hat sie gewonnen, hat die Wand des Schweigens durchbrochen und wortbar gemacht, was nie zur Sprache kommen sollte. Und ihre Seele öffnet sich; Worte, Fragen, alles sprudelt empor. Sein Durst war stärker als ihr Schweigen.
Oft ist sie zum Brunnen gegangen, und oft mußte sie erfahren: dieses Wasser tröstet nicht. Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder und immer wieder dürsten. Der Wissensdurst ist nicht zu stillen. Jede Antwort gebiert neue Fragen, und jeder Fortschritt kann morgen schon nicht mehr befriedigen. Und der Lebensdurst? Auch sein Maß heißt Unendlichkeit, die sie mit ihrem Krug aus gebrannter Erde nicht einfangen kann. Und doch muß sie immer wieder zum Brunnen ihrer Väter gehen, um aus seinem Reichtum zu schöpfen. Doch im Brunnen ihrer Väter fließt immer nur Vergangenheit. Deren Reichtum füllt die Leere ihrer Tage nicht aus, kann sie auch gar nicht ausfüllen. Wie oft schon mußte sie das erfahren! Aber wo ist die Fülle des Lebens zu finden? Wo? Ach wo? Sie weiß es; und sie weiß es nicht, denn im Brunnen ihrer Väter findet sie immer nur die halbe Antwort: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser." Er führet mich zum frischen Wasser; Er erquicket meine Seele. Aber wo ist Er zu finden? Wo ist die Stätte der Begegnung? Wo? Ach wo?
Das selbstgeschöpfte Wasser, selbst das des ehrwürdigen Jakobsbrunnens, kommt über das Maß der menschlichen Begrenzung nicht hinaus. Es ist zwar lebensnotwendiges Wasser, aber kein lebendiges Wasser. Das kann nur Einer geben. Am Jakobsbrunnen verbindet sich sein Durst mit ihrem Dürsten. Und der Segensstrom der Ewigkeit ergießt sich in ihr Herz: "Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das ins ewige Leben quillt." Noch umfängt ein zarter Schleier ihre Augen. Was heißt das wohl? Halb ahnt sie es; halb fragt sie noch. In Deiner Nähe sprudelt Leben; Licht und Leben sind die Worte, die Du sprichst. Sie erquicken meine Seele; und die welken Halme blühen wieder. Was machst Du fremder Gast aus meiner Seele? Du öffnest Tore, die ich selbst nie kannte, und gibst die Kraft hindurchzugehen. In Deiner lichten Nähe wird das Wort zum Lebensquell. Du sagst: "Wer an mich glaubt, wird keinen Durst mehr haben; Ströme lebendigen Wassers werden von seinem Leib fließen. Denn das ist das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen."