
Thomas Noack
Swedenborgs Auslegung von Genesis 3 ist in HG 190 bis 313 nachzulesen. Die folgenden »Beobachtungen« können die Lektüre dieses Textes nicht ersetzen. Mir geht es hier nur um Folgendes: Swedenborgs Enthüllungen des inneren Sinnes sind sehr abstrakt. Er sagt das selbst mehrfach.[1] Sie tendieren dazu, alles in der Bibel auf das Gute und Wahre zu beziehen, weil das »die Universalien der Schöpfung (universalia creationis)« (EL 84) sind. Das führt dazu, dass der Zusammenhang dieser hohen Abstraktionen mit dem Buchstabensinn nicht immer erkennbar ist. Daher möchte ich zwischen dem natürlichen und dem geistigen Sinn Stufen einbauen, die näher am Text sind, aber gleichwohl das geistige Verständnis im Auge haben. Die folgenden »Beobachtungen« sind jedoch nur erste Schritte auf dem Weg zu diesem Ziel. Ich veröffentliche sie dennoch in der Hoffnung, dass sie für den einen oder anderen Leser Swedenborgs nützlich sind und auch um für das programmatische Anliegen zu werben.
Swedenborg teilt den Text von Genesis 3 in drei Gruppen ein, nämlich in die Verse 1-13, 14-19 und 20-24 (siehe HG 190-313). Ich habe die erste Gruppe noch einmal, und zwar in die Verse 1-7 und 8-13 unterteilt. Die Verse 1-7 schildern das Gespräch der Schlange mit der Frau, das - obwohl die Schlange nicht ausdrücklich dazu auffordert - dazu führt, dass die Frau und dann auch der Mann vom Baum essen. Die Verse 8-13 schildern das Verhör durch die Stimme Gottes. Der Mensch und die Frau demonstrieren den ausweichenden Umgang mit dem für sie peinlichen Schuldbewusstsein. Die Verse 14-19 handeln von den Konsequenzen der Tat für die Schlange, die Frau und den Menschen. Die Verse 20-24 fassen das fernere Schicksal des Menschen und seiner Frau zusammen. Swedenborg schreibt zu diesem Block: »Diese Verse handeln summarisch (in summa) von der ältesten Kirche und von denen, die sich (schrittweise von ihr) entfernten; somit handeln diese Verse auch von ihrer Nachkommenschaft bis zur Sintflut, wo sie ihren Geist aushauchte.« (HG 280).
Meine Übersetzung von Genesis 3[2]: 1. Und die Schlange[3] war klüger (od. listiger)[4] als alles Wild[5] des Feldes, das Jahwe Gott gemacht hatte, und sie sprach zum Weib: »Hat Gott wirklich gesagt[6]: Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen (oder: Nicht von allen Bäumen des Gartens dürft ihr essen)[7]?« 2. Und das Weib sprach zur Schlange: »Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. 3. Aber von den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt: Ihr dürft nicht von ihnen essen und sie[8] nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« 4. Und die Schlange sprach zum Weib: »Ihr werdet keineswegs sterben. 5. Sondern Gott weiß, dass euch die Augen aufgehen werden und ihr wie Gott sein und Gut und Böse erkennen werdet, sobald ihr davon esst (wörtlich: an dem Tag, da ihr von ihnen esst).« 6. Und das Weib sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert war, Einsicht zu geben. Und sie nahm von seiner Frucht und aß. Und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß. 7. Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter[9] und machten sich Schurze.
8. Und sie hörten die Stimme[10] von Jahwe Gott, die[11] im Garten für sich wandelte[12] im Hauch des Tages[13]. Da versteckten sich der Mensch[14] und seine Frau[15] vor dem Angesicht von Jahwe Gott unter den Bäumen des Gartens. 9. Und Jahwe Gott rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: »Wo bist du?« 10. Und er sprach: »Deine Stimme hörte ich im Garten. Da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und versteckte mich.« 11. Und er sprach: »Wer hat dir gesagt (higgid: sichtlich sein lassen), dass du nackt bist? Du hast doch nicht etwa von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?« 12. Und der Mensch sprach: »Das Weib, das du mir beigesellt hast, das hat mir von dem Baum gegeben. Da habe ich gegessen.« 13. Und Jahwe Gott sprach zum Weib: »Warum hast du das getan?«[16] Und das Weib sprach: »Die Schlange hat mich verführt (oder getäuscht). Da habe ich gegessen.«
14. Und Jahwe Gott sprach zur Schlange: »Weil du das getan hast, verflucht bist du vor allen Tieren und vor[17] allem Wild des Feldes. Auf deinem Bauch sollst du kriechen (wörtlich: gehen), und Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens. 15. Und Feindschaft setze ich zwischen dir und dem Weib und zwischen deinem Samen (oder: Nachwuchs) und ihrem Samen. Er soll dir das Haupt zertreten und du wirst ihm die Ferse verletzen.« 16. Zum Weib sprach er: »Vermehren, ja vermehren will ich deine Schmerzen und dein Stöhnen (oder: und deine Schwangerschaft)[18]. Mit Schmerzen wirst du Söhne[19] gebären, und (doch) wird dein Verlangen (Swedenborg: oboedientia = Gehorsam)[20] auf deinem Mann gerichtet sein, und[21] er soll über dich herrschen.« 17. Und zum Menschen sprach er: »Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte: Du sollst nicht davon essen!: Verflucht ist das Erdreich um deinetwillen, mit Schmerzen[22] sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. 18. Dornen und Disteln lässt er dir sprossen, und das Kraut des Feldes[23] wirst du essen. 19. Im Schweiße deines Angesichts wirst du (dein) Brot essen, bis zu deiner Rückkehr zum Erdreich, von dem du ja genommen wurdest, denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren.«
20. Und der Mensch nannte den Namen seiner Frau Eva[24], denn sie wurde die Mutter allen Lebens. 21. Und Jahwe Gott machte dem Menschen und seiner Frau Röcke aus Fell[25] und bekleidete sie. 22. Und Jahwe Gott sprach: »Siehe, der Mensch ist geworden[26] wie einer von uns, indem er Gut und Böse erkennt. Dass er nun aber nicht seine Hand ausstrecke und auch noch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe![27]« 23. Und Jahwe Gott schickte ihn aus dem Garten Eden fort, um das Erdreich zu bebauen (oder: um dem Erdreich zu dienen), von dem er genommen war[28]. 24. Und er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Kerubim sich lagern und die Flamme des sich wendenden[29] Schwertes, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.
Vers 1: Und die Schlange war klüger (od. listiger) als alles Wild des Feldes, das Jahwe Gott gemacht hatte, und sie sprach zum Weib: »Hat Gott wirklich gesagt: Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen (oder: Nicht von allen Bäumen des Gartens dürft ihr essen)?«
Genesis 3 muss vor dem Hintergrund des Herrschaftsauftrag von Genesis 1 gelesen werden. Dort heißt es: »Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen!« (Genesis 1,26). »... und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!« (Genesis 1,28). In diesen beiden Versen werden die kriechenden Tiere in besonderer Weise hervorgehoben. Ist das ein Vorblick auf Genesis 3? Die Schlange ist jedenfalls das erste Tier, das der Herrschaft durch den Menschen entgleitet.
Nach Swedenborg ist die Schlange ein Sinnbild für »das Sinnliche des Menschen (sensuale hominis)« (HG 194)[30]. »Denn wie die Schlangen der Erde am nächsten sind, so ist das Sinnliche dem Körper am nächsten« (HG 195). Den sinnlichen Menschen charakterisiert Swedenborg so: »Ein sinnlicher Mensch heißt der, der nur aus dem denkt, was er im Gedächtnis aus der Welt hat, und der gegen das Inwendige hin nicht erhoben werden kann.« (HG 10236). Swedenborgs Deutung der Schlange muss im Hinblick auf den Sensualismus bzw. Empirismus seiner Zeit gesehen werden. Die Nähe der Schlange zur Erde ist im mythologischen Denken verbreitet. Bei den Ägyptern ist die Erde das Reich der Schlange. »›Erdsohn‹ ist darum eine weit verbreitete Bezeichnung wirklicher wie göttlicher Schlangen.«[31]
Bereits im Buch der Weisheit wird die Schlange mit dem Teufel identifiziert: »Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angehören.« (Weis 2,24). Demgegenüber verdient die Beobachtung Beachtung, dass die Schlange wahrscheinlich zu den von Gott geschaffenen Tieren gehört, so sah es jedenfalls Gerhard von Rad: »Die Schlange ... ist als eines der von Gott erschaffenen Tiere (2,19) bezeichnet; sie ist also im Sinne des Erzählers nicht die Symbolisierung einer ›dämonischen‹ Macht und gewiß nicht des Satans.«[32] Ich bin geneigt, mich dieser Meinung anzuschließen, auch wenn der Schluss, den von Rad aus Vers 1 zieht, nicht zwingend ist.[33] Festzuhalten ist aber, dass auch Swedenborg in der Schlange von Genesis 3 nicht den Teufel, sondern das Sinnliche sah. Es ist an sich ebensowenig böse wie das Feuer, obgleich es durch falsche Handhabung eine verheerende Wirkung entfalten kann. Von bösen Menschen und Lügnern heißt es in der Bibel: »Sie haben ihre Zunge (oder Sprache) geschärft wie eine Schlange. Viperngift ist unter ihren Lippen.« (Ps 140,4). »Gift haben sie gleich dem Gift der Schlange, wie eine taube Viper, die ihr Ohr verschließt.« (Ps 58,5).
Die Schlange hat in der Mythologie auch eine gute Bedeutung. Das sich häutende und regenerierende Tier verweist auf wieder gesundendes Leben (siehe das Arztsymbol) und auf Unsterblichkeit[34]. Die Häutung oder die Fähigkeit, in eine neue Haut zu schlüpfen, ist ein Ausdruck von Wandlungsfähigkeit und Regeneration und hängt eng mit dem Sinnlichen zusammen. Für den Übersetzer von Genesis 3 stellt sich die Frage: Soll ARUM mit klug oder listig übersetzt werde? Jesus sah in der Schlange offenbar ein Sinnbild für die Klugheit: »Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe; so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben.« (Mt 10,16). Als Personifikation der Klugheit steht sie in Beziehung zum Baum der Erkenntnis; Swedenborg nennt ihn »arbor scientiae«, das heißt Baum des Wissens. Im Buch der Sprichwörter empfiehlt der Weise seinen Schülern Klugheit (Prov 12,16.23; 13,16; 14,8.15.18; 22,3 = 27,12). Aus dem Bereich der Mythologie ist die Uräusschlange bekannt. »Die alles Böse abwehrende glutspeiende Schlange wird als feuriges Auge des Sonnengottes Re bezeichnet.«[35] Vielleicht sollte man daher in der Schlange nicht sofort den Teufel und seine List sehen, sondern die menschliche Klugheit, die auf der sinnlichen Welterfahrung beruht. Diese Klugheit ist allerdings ein Truggebilde; Swedenborg meint: »Eigene Klugheit gibt es gar nicht; es scheint nur so, als gebe es sie« (GV 191). Die eigene Klugheit ist ein schlechter Berater, das zeigt Genesis 3. Das hebräische Wort für klug (ARUM) klingt an das hebräische Wort für nackt (EROM) an. Denn die Klugheit ist die eigenmenschliche Erkenntnis aus der sinnlichen Weltwahrnehmung. In seiner auf Empirie gegründeten Klugheit ist der Mensch nicht mit höherer Weisheit bekleidet. Er ist nackt, das heißt auf seine eigene Intelligenz reduziert.
Die Stellung des Wörtchens »nicht« entscheidet über den Sinn der Frage. Möglich sind die Übersetzungen »von allen nicht«, dann ist ein totales Verbot gemeint, oder »nicht von allen«, dann ist nur ein teilweises Verbot gemeint[36]. Die Doppeldeutigkeit kann mit der Doppelzüngigkeit der Schlange in Verbindung gebracht werden. Zum Wesen der Schlange gehört die scheinbar harmlose Infragestellung, das Erregen von Zweifel; in dem Wort »Zweifel« ist die Zahl Zwei enthalten. Swedenborg äußert sich kritisch zur Ob-Frage: »Solange man bei der Streitfrage, ob es sei und ob es so sei, stehen bleibt, kann man in der Weisheit keinerlei Fortschritte machen. ... Die heutige Bildung geht über diese Grenzen, nämlich ob es sei und ob es so sei, kaum hinaus. Deswegen sind ihre Vertreter auch von der Einsicht in das Wahre ausgeschlossen.« (HG 3428; vgl. auch HH 183). Unabhängig von der Doppeldeutigkeit gibt die Schlange den Worten Gottes die Bedeutung eines Verbots. In Genesis 2,16f liegt der Akzent jedoch zunächst einmal auf der Erlaubnis. Die Schlange beginnt mit der Infragestellung eines Sachverhalts, den das Weib nicht aus eigener, unmittelbarer Erfahrung kennt. Was vorher klar schien, wird nun hinterfragt und somit zweifelhaft.
Die Verse 2 und 3: 2. Und das Weib sprach zur Schlange: »Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. 3. Aber von den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt: Ihr dürft nicht von ihnen essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.«
Unter dem Weib ist »das Eigene« (HG 194) zu verstehen, das heißt der Mensch im Bewusstsein seiner Ichhaftigkeit, in der er besonders anfällig für das Vertrauen auf die eigene Klugheit ist. Somit stehen sich mit Schlange und Weib die richtigen Gesprächspartner gegenüber. Friedrich Weinreb hat darauf hingewiesen, dass die Zahlenwerte für Schlange (300-8-50), Fall (50-80-30) und Seele (300-80-50) Gemeinsamkeiten aufweisen.[37] Daher könnte man unter dem Weib auch das rein Seelische des Menschen verstehen, das geneigt ist, den fünf Sinnen zu vertrauen, obwohl es doch vom göttlichen Geist durchdrungen werden soll.
Das Weib kennt das Gebot Gottes nur vom Hörensagen. Sie ist daher wie der sinnliche Mensch, der aus dem Gedächtnis antworten muss, weil er nicht auf dem festen Boden der unmittelbaren Gotteserfahrung steht (vgl. HG 10236). Daher sind die Unterschiede zum ursprünglichen Wortlaut der Worte Gottes eine Untersuchung wert. In Genesis 2,16f. sagte Jahwe Gott: »Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben!« Das Weib gibt das Gebot Gottes im Großen und Ganzen richtig wieder, aber mit einigen charakteristischen Unterschieden. Es hebt die generelle Erlaubnis hervor und übernimmt somit nicht die Unterstellung des Verbots. Die wichtigsten Unterschiede scheinen mir die folgenden zu sein: 1.) Der Begriff »Früchte« taucht auf (das muss mit Vers 6 in Verbindung gebracht werden). 2.) Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen ist in den Augen des Weibes der Baum in der Mitte des Gartens. Der Wortlaut von Genesis 2,9 ist nicht eindeutig. Es heißt: »und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« Seebass[38] und von Rad[39] gehen davon aus, dass beide Bäume in der Mitte des Gartens stehen. Nach Swedenborg HG 200 steht jedoch in Gen 2,9 nur der Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, während in Gen 3,2 der Baum der Erkenntnis in den Mittelpunkt rückt. 3.) Das Weib verstärkt übereifrig das Verbot Gottes, indem es auch das Anrühren ausschließt. Man hat den Eindruck, als wehre sich das Weib gegen das Andrängen der Schlange im ängstlichen Wissen um seine Anfälligkeit und Schwäche, die in der Folge tatsächlich offenbar wird.
Die Verse 4 und 5: 4. Und die Schlange sprach zum Weib: »Ihr werdet keineswegs sterben. 5. Sondern Gott weiß, dass euch die Augen aufgehen werden und ihr wie Gott sein und Gut und Böse erkennen werdet, sobald ihr davon esst (wörtlich: an dem Tag, da ihr von ihnen esst).«
Mit »Ihr werdet keineswegs sterben« widerspricht die Schlange dem Weib, das die Worte Gottes von Genesis 2,17 weitergegeben hat. Nun steht Aussage gegen Aussage. Doch die Schlange belässt es nicht beim Widerspruch, sondern stellt eine Gegenthese auf. Der angeblich wahre Sachverhalt ist folgender: Dem Menschenpaar werden die Augen aufgehen und sie werden sein wie Gott. Gott will also das Menschenpaar daran hindern zu werden wie er. Die Unterstellung von Neid untergräbt das Vertrauen in die Güte und Fürsorge Gottes.
Ein Problem ergibt sich in Verbindung mit Vers 22. Dort sagt Jahwe Gott: »Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns«. Jahwe Gott gibt der Schlange demnach im Nachhinein Recht. Nach Genesis 1,26 soll der Mensch Bild und Ähnlichkeit Gottes sein, und gemäß Vers 22 ist er wie Gott. Gönnt Gott dem Menschen nun also nicht mehr die Gottebenbildlichkeit? Nach Genesis 1,26 zeigt sich die Gottebenbildlichkeit in der Herrschaft über die Tiere (Lebenstriebe). Das Sein wie Gott in Genesis 2 verwirklicht sich jedoch, indem eines der Tiere der Herrschaft des Menschen entgleitet.
Das Gespräch der Schlange mit dem Weib endet nicht mit der direkten Aufforderung, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Doch alles ist so arrangiert, dass das Weib zugreifen wird. Darin zeigt sich die Suggestivkraft der sinnlichen Selbstberedung. Sie erzeugt einen Sog, von der das Ich verschlungen wird, obwohl der letzte Schritt dem Ich selbst überlassen bleibt.
Vers 6: Und das Weib sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert war, Einsicht zu geben. Und sie nahm von seiner Frucht und aß. Und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.
Die Rede der Schlange entfaltet nun wie ein Gift seine Wirkung in der Psyche des Weibes. Auf »Und das Weib sah« folgen zwei Dass-Sätze. Der erste Dass-Satz (»gut zur Speise«) ist eingliedrig und greift das Speisethema auf. Der zweite Dass-Satz ist zweigliedrig (»Lust für die Augen« und »begehrenswert«) und beschreibt die Steigerung bis zur Aktion. Der erste Dass-Satz spiegelt die Rede der Schlange aus Vers 5. Der erste Teil des zweiten Dass-Satzes sagt aus, dass der Baum daher mit lüsternen Augen angesehen wird (es heißt nicht: Lust für die Zunge). Der zweite Teil des zweiten Dass-Satzes besagt: Das Verlangen nach Einsicht läßt den Baum begehrenswert erscheinen. Nach Swedenborg HG 209 beziehen sich die drei Aussagen (bona, appetibilis, desiderabilis) in den zwei Dass-Sätzen auf den Willen.
Das Wallen der Gedanken reift zur Tat. Das Weib wird aktiv, schafft Tatsachen. Der Mann folgt ihr merkwürdig inaktiv nach, wie eine Spielfigur in der Hand seiner Gebieterin. So verwirklicht sich, was in Genesis 2,24 angelegt war: »Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und sie werden zu einem Fleisch werden.« Die Anhänglichkeit oder das Kleben am Weib lässt dem Mann nur die Wahl, die Entscheidungen des Weibes gleichsam willenlos nachzuvollziehen. Unter dem Mann, der sich so sehr unter die Obhut seines Eigenen begeben hat, ist nach Swedenborg »das Vernünftige« zu verstehen (HG 207).
In der christlichen Tradition denkt man beim Baum der Erkenntnis zumeist an einen Apfelbaum und bei der verbotenen Frucht an einen Apfel. Doch älter sind die Ansichten, dass es sich um einen Feigenbaum (siehe Vers 7) oder um einen Weinstock (mit Blick auf Noahs Trunkenheit) gehandelt habe. Der Apfel erscheint als verbotene Frucht zuerst im 5. Jahrhundert in Gallien. Die Kenntnis der antiken Mythologie - konkret des Hesperidenmythos und des Erisapfels (des Zankapfels) - kann zu dieser Zeit zur Festigung der Vorstellung eines Apfels als der verbotenen Frucht beigetragen haben. Das Wortspiel mit der Affinität zwischen malum (Apfel) und malum (das Böse) ist jünger als das 5. Jahrhundert.[40]
Vers 7: Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter und machten sich Schurze.
Es ist nicht anzunehmen, dass das Urpaar vorher geschlossene Augen hatte, denn in Vers 6 wird ja vom Weib gesagt, dass es sieht. Das Aufgehen oder die Öffnung der Augen ist im übertragenen Sinne zu verstehen als ein Akt der Bewusstwerdung einer vorher unbeachteten Gegebenheit. Im Erzählzusammenhang geht es um die Bewusstwerdung der Nacktheit oder Blöße. Swedenborg weist darauf hin, dass die Augen im Wort für »den Verstand« und »eine innere Einsprache« stehen (HG 212).
Wie verhält sich das Ergebnis des Essens zur Verheißung der Schlange? Die Augen gehen tatsächlich auf. Aber wie ist die Erkenntnis der Nacktheit zu beurteilen? Steht sie in einem erkennbaren Zusammenhang mit dem Sein wie Gott? Vers 22 rät dazu, einen solchen zu suchen, denn Jahwe Gott sagt dort: »Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns, indem er Gut und Böse erkennt.« Als Wissender (oder Erwachsener) ist der Mensch wie Gott, nur führt diese Entlassung in die Selbständigkeit im Falle des Menschen zur Erkenntnis der geschöpflichen Blöße, das heißt zur Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit des Menschen ohne Gott und ohne Wiedergeburt. In seiner Nacktheit ist der Mensch wie Gott, indem er nun wie Gott auf sein eigenes Sein gestellt ist.
Zur Bedeutung von nackt und Nacktheit verweist Swedenborg in HG 213 auf aufschlussreiche Bibelstellen. In Ezechiel 23,29 heißt es gegen Oholiba (Jerusalem): »Und sie werden voller Haß mit dir verfahren und all dein Erworbenes wegnehmen und dich nackt (EROM) und bloß (ÄRJAH) zurücklassen. Da sollen deine hurerische Blöße (ÄRWAH) und deine Schandtat und deine Hurereien aufgedeckt werden.« Deuteronomium 24,1: »Wenn ein Mann eine Frau nimmt und sie heiratet und es geschieht, dass sie keine Gunst in seinen Augen findet, weil er etwas Anstößiges (wörtlich: die Blöße = ÄRWAH einer Sache) an ihr gefunden hat und er ihr einen Scheidebrief geschrieben, ihn in ihre Hand gegeben und sie aus seinem Haus entlassen hat, ...« Das Wort ÄRWAH bedeutet sowohl Blöße als auch Häßlichkeit[41]. In der Johannesoffenbarung findet man die Verbindung von Nacktheit und Schande: »... rate ich dir, von mir im Feuer geläutertes Gold zu kaufen, damit du reich wirst; und weiße Kleider, damit du bekleidet wirst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde« (Offb 3,18). »Siehe, ich komme wie ein Dieb. Glückselig, der wacht und seine Kleider bewahrt, damit er nicht nackt umhergehe und man nicht seine Schande sehe!« (Offb 16,15). Die Nackheit legt die Scham bzw. das Beschämende bloß. Der Wunsch, sich zu bekleiden, zeigt, dass die Nackheit für den Menschen nunmehr beschämend ist. Er möchte seine Blöße vor sich und anderen verbergen (vgl. dagegen Gen 2,25).
Vers 8: Und sie hörten die Stimme von Jahwe Gott, die im Garten für sich wandelte im Hauch des Tages. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem Angesicht von Jahwe Gott unter den Bäumen des Gartens.
Nach Swedenborg hören sie »die Stimme«, unter der »die Einsprache (dictamen)« zu verstehen ist, die »ein Rest des (ursprünglichen) Innewerdens« ist (HG 218). Nach anderen Übersetzungen hören sie »die Schritte« (ZUR) oder »das Geräusch der Schritte« (MEN). Außerdem bezieht Swedenborg das Wandeln auf die Stimme (siehe HG 220: »vocem sibi euntem«) und deutet das Ganze so: »Unter ›der für sich gehenden Stimme‹ ist zu verstehen, dass wenig Innewerden übrig war, dass sie gleichsam für sich allein war und nicht gehört wurde« (HG 220). Den Restcharakter stützt Swedenborg hauptsächlich auf den hebräischen Hitpael (= Reflexivum zum Piel) von gehen. Nach Gesenius kann man unter der Stimme Gottes auch den Donner verstehen (Ps 29,3ff., von Swedenborg in HG 219 angeführt). Das Verstecken in Vers 8 ist Ausdruck von Furcht (siehe Vers 10).
Swedenborg übersetzt RuaCH hier mit »aura« (Hauch, leises Wehen) und gibt damit zu erkennen, dass er aus dem hebräischen Wort das kaum Vorhandene heraushört. Interessant ist, dass auch die Vorstellung des Abends hineinspielen könnte: »Die Wendung ›Tageswind‹ enthält keine genaue Festlegung der Tageszeit, sondern die bloße Annehmlichkeit in der Hitze des Orients ... Es liegt aber sehr nahe, wegen Hld 2,17; 4,6 (wenn der Tag verweht) an die Abendzeit zu denken (so LXX, Tg), da man dann im hl. Land eine frische Brise vom Meer her erwartet ...«[42] Daher taucht in einige Übersetzungen der Abend auf: »in der Abendkühle« (MEN), »beim Abendwind« (ZUR), bzw. die Kühle des Tages (gegen Abend hin): »in der Kühlung des Tages« (LEO, LUD), »bei der Kühle des Tages« (ELB). Swedenborg hat »ad auram diei (beim Hauch des Tages)«. Der Abend unterstützt die Interpretation Swedenborgs, dass hier etwas vergeht.
Die Verse 9 und 10: 9. Und Jahwe Gott rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: »Wo bist du?« 10. Und er sprach: »Deine Stimme hörte ich im Garten. Da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und versteckte mich.«
Die innere Stimme spricht. Indem sie das Gespräch mit »Wo bist du?« beginnt, macht sie klar, dass sich der Mensch vor Gott nicht verstecken kann. Er wird aus seinem Versteck gerufen und muss sich vor Gott erklären. Man beachte jedoch: Nicht die verbotene Tat als solche (das Essen von Baum der Erkenntnis) löst die Furcht aus, sondern die Nacktheit. Sie steht für die Erkenntnis der geschöpflichen Blöße. Nackheit ist hier nicht Ausdruck von Natürlichkeit, sondern eines Naturzustandes, der erst noch vervollkommnet werden muss. Nach Swedenborg ist der Mensch an sich, das heißt in seiner geschöpflichen Nacktheit, nichts als böse. Die Beurteilung des Naturzustandes ist in der Philosophie umstritten. Herbert Marcuse propagierte das Lustprinzip und die freie Triebbefriedigung. Arno Plack wollte die ursprüngliche Natur des Menschen ungehindert zur Entfaltung bringen[43]. Während Thomas Hobbes in seinem »Leviathan« den Naturzustand als einen Krieg aller gegen alle darstellt, vertritt Jean-Jacques Rousseau in seinem »Emile« die These, dass die menschliche Natur ursprünglich gut sei.[44] Der »materialistische Imperativ« lautet: »Handle deiner Natur gemäß (dann handelst du automatisch gut)! Das Prinzip dieser Natur ist das Selbstinteresse, der amour propre, der in der Moral sein recht fordert.«[45]
Vers 11: Und er sprach: »Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Du hast doch nicht etwa von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?«
Die beiden Fragen setzten die Kenntnis des Sachverhalts bereits voraus. Der Fragende geht davon aus, dass ein »wer« die Erkenntnis der Nacktheit angestoßen hat. Der Fragende geht auch davon aus, dass der Mensch vom Baum gegessen hat. Die Fragen dienen also nicht der Rekonstruktion eines unbekannten Sachverhalts. Es geht um die peinliche Erinnerung an eine verbotene Tat.
Vers 12: Und der Mensch sprach: »Das Weib, das du mir beigesellt hast, das hat mir von dem Baum gegeben. Da habe ich gegessen.«
Der Mensch leugnet den Sachverhalt nicht. Er ist ohnehin bekannt. Er bekennt sich aber auch nicht zu seiner Verantwortung. Stattdessen greift er die Frage nach dem Wer (Vers 11) auf und beantwortet sie mit dem Hinweis auf das Weib. Auf sie wälzt er seine Schuld ab, und indirekt schiebt er sogar Gott die Schuld in die Schuhe, indem er darauf hinweist, dass Gott ihm das Weib beigesellt habe (vgl. Gen 2,18.20: eine Hilfe wie bei ihm). Der Mensch macht Gott für das hereingebrochene Unheil verantwortlich. Das ist ein typisch menschliches Verhalten. Schuld sind immer die anderen. Jesus thematisiert es in der Bergpredigt mit den Worten: »Was aber siehst du den Splitter, der in deines Bruders Auge ist, den Balken aber in deinem Auge nimmst du nicht wahr?« (Mt 7,3).
Vers 13: Und Jahwe Gott sprach zum Weib: »Warum hast du das getan?« Und das Weib sprach: »Die Schlange hat mich verführt (oder getäuscht). Da habe ich gegessen.«
Interessanterweise folgt Gott der Schuldabwälzung. Letztlich wird er selbst am Kreuz die Verantwortung für seine Schöpfung übernehmen. Die Abwälzung der Verantwortung geht weiter. Das Weib reicht sie an die Schlange weiter. Aus der Sicht des Weibes hat die Schlange getäuscht oder betrogen (so auch Paulus 2. Kor 11,3). Doch mit dieser Bemerkung stellt sich das Weib dem eigentlichen Sachverhalt nicht. Denn es hätte gar nicht essen sollen. Im Vordergrund steht für das Weib gar nicht die Übertretung des Verbots, sondern wohl eher die Enttäuschung über das Ergebnis der Tat. Das Weib deutet das Tun der Schlange nun als Betrug oder Verführung. Doch das kann kritisch hinterfragt werden. Denn die Verheißung der Öffnung der Augen (Vers 5) geht tatsächlich in Erfüllung (Vers 7). Aus dem Sein wie Gott wird allerdings nur die Reduktion auf das Nacktsein. Darauf beruht die Enttäuschung des Weibes. Diese Nacktheit deutet jedoch Vers 22 als Sein wie Gott. Demnach wäre also das versprochene Ergebnis eingetroffen, nur eben anders als erwartet. Gott ist nackt, indem er reines Sein und aller Dinge bloß ist. Der Mensch ist nun auch nackt. Doch ihm gereicht seine Nacktheit zur Scham. Man könnte also die These wagen: Die Schlange hat nicht getäuscht. Lediglich die Erwartungen des Weibes gingen in die falsche Richtung.
Die Verse 14 und 15: 14. Und Jahwe Gott sprach zur Schlange: »Weil du das getan hast, verflucht bist du vor allen Tieren und vor allem Wild des Feldes. Auf deinem Bauch sollst du kriechen (wörtlich: gehen), und Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens. 15. Und Feindschaft setze ich zwischen dir und dem Weib und zwischen deinem Samen (oder: Nachwuchs) und ihrem Samen. Er soll dir das Haupt zertreten und du wirst ihm die Ferse verletzen.«
Gott wendet sich an die Schlange, die allerdings nicht mehr verhört wird. Auf der Ebene des Buchstabens wird gesagt, dass Gott verflucht. Solche Aussagen dürfen jedoch nicht zu einem Bestandteil der theologischen Lehre gemacht werden, sie sollen uns vielmehr Anlass zum kritischen Umgang mit der Bibel sein. Denn der Buchstabensinn enthält zuweilen »Scheinbarkeiten des Wahren« (HG 1043), das heißt er spiegelt zeitgenössische Vorstellungen. Swedenborg erklärt den Sachverhalt in HG 245. Worin die Verfluchung besteht, geht aus dem Kontext hervor: Die Schlange soll auf dem Bauch kriechen und Staub fressen. Im inneren Sinn ist damit die Abkehr des Sinnlichen vom Himmlischen und die Hinwendung zum Körperlichen gemeint (HG 245). Staub sind »die feinen, losen Bestandteile der Oberfläche der Erde«[46]. Daher steht Staub für das Zusammenhangslose, das vom Geist nicht Ergriffene. Staub fressen wird in Genesis 3,14 und Jesaja 65,25 von der Schlange und Micha 7,17 und Psalm 72,9 von den besiegten Feinden ausgesagt[47].
Für »zertreten« und »verletzen« steht im Uretxt dasselbe Verb. Swedenborg schließt sich dem Verständnis von Genesis 3,15 als Protevangelium an: »Niemandem ist heutzutage unbekannt, dass dies die erste Weissagung von der Ankunft des Herrn in die Welt ist« (HG 250). »Der Vers Gn 3,15 ist schon von Justinus († 165), besonders aber von Irenäus († um 202) heilsgeschichtlich interpretiert worden. Seit den Kirchenvätern des 4. Jh. wird er auf Christus und auf Maria bezogen.«[48] Schon Römer 16,20 ist wahrscheinlich auf Genesis 3,15 zu beziehen. Neben der textgemäßen christologischen Deutung existiert die mariologische Deutung (die Vulgata hat in Gen 3,15 ipsa)[49]. Die Feindschaft besteht in einem Vernichtungskampf zwischen der Kirche bzw. dem Wort als dem Samen der Kirche und der sinnlichen Weltmacht oder zwischen Geist und Materie. Zu beachten ist der Gegensatz zwischen Haupt (oben) und Ferse (unten). Hört Israel aus der Ferse den Namen Jakob heraus? Martin Buber gibt »Jaakob« in Genesis 25,26 mit »Fersehalt« und in Genesis 27,36 mit »Fersenschleicher« wieder. Die Ferse steht nach HG 259 für »das unterste Natürliche und das Leibliche«.
Vers 16: Zum Weib sprach er: »Vermehren, ja vermehren will ich deine Schmerzen und dein Stöhnen. Mit Schmerzen wirst du Söhne gebären, und (doch) wird dein Verlangen auf deinem Mann gerichtet sein, und er soll über dich herrschen.«
Die spezifischen Tätigkeiten von Frau (Vers 16) und Mann (Vers 17) werden peinvoller. Wieso bringt das Essen vom Baum der Erkenntnis Schmerzen bei der Schwangerschaft hervor? Swedenborg bezieht die Geburten auf das Hervorbringen von Wahrheiten (HG 263). Neue Wahrheiten können sich oft nur nach heftigen Kämpfen durchsetzen. Und doch - trotz dieses schmerzhaften Prozesses - ist das Verlangen des menschlichen Geistes auf die Befruchtung durch das Wahre gerichtet. Das Verhältnis von Mann (das Vernünftige) und Frau (der menschliche Geist in seiner Empfänglichkeit) soll durch Unterordnung und Gehorsam gekennzeichnet sein.
Die Verse 17 bis 19: 17. Und zum Menschen sprach er: »Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte: Du sollst nicht davon essen!: Verflucht ist das Erdreich um deinetwillen, mit Schmerzen sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. 18. Dornen und Disteln lässt er dir sprossen, und das Kraut des Feldes wirst du essen. 19. Im Schweiße deines Angesichts wirst du (dein) Brot essen, bis zu deiner Rückkehr zum Erdreich, von dem du ja genommen wurdest, denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren.«
Gott erinnert den Menschen zunächst an den Tatbestand: Er hat auf die Stimme seiner Frau gehört und nicht auf das Gebot Gottes von Genesis 2,16f. Er hat von dem Baum gegessen, von dem er eigentlich nicht essen sollte. Doch wieso trifft der Fluch den Erdboden und nicht den Menschen? Vorher waren die Angesprochenen - die Schlange und das Weib - unmittelbar betroffen. Mit Swedenborg wird das verständlich, denn das Erdreich steht für den äußeren Menschen (HG 268). »Mit Schmerzen vom Erdreich essen« und zwar »alle Tage des Lebens«, das ist die Beschreibung eines elenden Lebenszustandes (HG 270). Die Bebauung des Erdbodens ist nach Genesis 2,5 die Bestimmung des Menschen. Doch nun wird diese Bestimmung, die Kultivierung des äußeren Lebens durch den Geist, eine äußerst mühselige Angelegenheit. Im Alten Testament besteht auch sonst eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Mensch und Erde. Man denke nur an das Volk und das Land Israel.
Die Dornen und Disteln in Vers 18 können mit den Schmerzen von Vers 17 in Beziehung gebracht werden. Das Kraut tauchte schon in Genesis 1,29 als Nahrung für den Menschen auf. Hier hat es jedoch die Bedeutung von »Feldfutter« (pabulum agreste). Feldfutter essen bedeutet »leben wie ein wildes Tier« (HG 274). Seebass weist auf einen Zusammenhang des Spruches für den Menschen mit den Versen 5f. hin: »Man muß fragen, warum der Spruch für den Menschen so auf das Wort ›essen‹ fixiert erscheint ... Es scheint ..., daß solche Fixierung gemäß talio [gleiche Wiedervergeltung] eine Anspielung an V5f beabsichtigt«[50].
»Im Schweiße deines Angesichts« (wörtlich: im Schweiße deiner Nasenlöcher) wird in der Regel auf die Mühsal der Feldarbeit gedeutet. Swedenborg geht jedoch zunächst einmal von der »Abneigung (aversatio)« gegenüber dem Himmlischen (HG 276) aus. Die Mühsal ist die Folge dieser Abneigung. Der Mensch wandte sich dem chontischen Bereich der Schlange zu. Doch die Befruchtung der Erdmutter erfolgt durch den göttlichen Geist. Das Erdreich ist nicht aus sich heraus lebensschöpferisch. Auch der äußere Mensch braucht Inspiration; ohne sie bleibt der Ertrag seiner Lebensleistung mager. Der Erdling (ADAM) kann dem Erdreich (aDAMAH) aus eigener Kraft nur »Feldfutter« entlocken, und auch das nur mit Mühe.
Die Rückkehr zum Erdboden ist die Rückkehr zum Ursprung (Gen 2,7). Für Staub wird bei Gesenius[51] auch die Bedeutung »Grab« angegeben (mit der Belegstelle Ps 22,30, die auch Swedenborg in HG 278 anführt). Die Rückkehr zum Staub meint das Sterben bzw. den Tod. Sie meint ferner die Rückkehr zu dem, was der Mensch vor seiner Geistbegabung (= Wiedergeburt) war. Daher kann Swedenborg Staub auf den Verdammten und den Höllischen beziehen (HG 278). Staub meint auch den Stoff, aus dem die Menschen geschaffen sind (Gesenius[52] mit der Belegstelle Ps 104,29, die Swedenborg ebenfalls in HG 278 nennt; außerdem natürlich Gen 2,7). Der Staub meint den Menschen in seiner puren Menschlichkeit (= Irdischkeit) ohne alles Höhere, ohne den Atem Gottes.
Vers 20: Und der Mensch nannte den Namen seiner Frau Eva, denn sie wurde die Mutter allen Lebens.
Die Fähigkeit des Menschen, den Wesen einen wesensgemäßen Namen zu geben, die uns schon von Genesis 2,20 her bekannt ist, setzt sich fort. Überraschend ist aber die Wende zum Positiven. Müsste das Weib nicht Verführerin heißen? Stattdessen bekommt sie einen Namen, der sie als Mutter allen Lebens ausweist. Der Mensch greift aus Vers 16 offenbar nicht die Schmerzen der Schwangerschaft heraus, sondern die Fähigkeit des Weibes Leben zu gebären. Mutter wird nach Gesenius auch »als Personifikation des Volkes im Gegensatz zu den Individuen«[53] verwendet. Gesenius verweist auf Jesaja 50,1 und Jeremia 50,12. Swedenborg wertet diese Stellen in HG 289 als Belege dafür, dass Mutter die Bedeutung von Kirche hat. Das Volk bzw. die Glaubens- oder Kulturgemeinschaft ist die Mutter des geistigen Lebens.
Vers 21: Und Jahwe Gott machte dem Menschen und seiner Frau Röcke aus Fell und bekleidete sie.
Der Vers drückt Fürsorge aus. Jahwe Gott bedeckt die Blöße, vor der der Mensch sich nun schämt. Er hat etwas zu verbergen, und Gott sorgt dafür, dass das Schändliche seines unwiedergeborenen Naturzustands nicht offensichtlich wird. Nun muss sich der Mensch vor Gott (und seinen Mitmenschen) nicht mehr verstecken. Die Rückkehr in den Urzustand einer Nacktheit ohne Scham, das heißt die Rückkehr in die kindliche Unschuld, ist zwar nicht mehr möglich, aber dem Menschen wird gewissermaßen eine neue Haut gegeben. Bis heute machen Kleider Leute. Da die Felle dem Tierreich entnommen sind, könnte aber auch die Tierähnlichkeit des Menschen gemeint sein. Nach HG 297 deuten die Fellröcke auf die Leiblichkeit des Menschen.
Vers 22: Und Jahwe Gott sprach: »Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns, indem er Gut und Böse erkennt. Dass er nun aber nicht seine Hand ausstrecke und auch noch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe!«
Zu wem spricht Jahwe Gott? Offenbar zu seiner Umgebung, denn er sagt: »wie einer von uns«. Nach HG 299 meint »Jahwe Elohim« den Herrn, aber auch den Himmel, das heißt die Gesamtheit der Engel (siehe auch HG 298). Jahwe Gott bestätigt indirekt die Worte der Schlange von Vers 5, indem er feststellt: »Der Mensch ist geworden wie einer von uns«. Swedenborg sagt dazu Folgendes: »Dass der Mensch nun ›das Gute und Böse weiß‹ bedeutet, dass er himmlisch geworden ist, somit weise und verständig« (HG 298, siehe auch HG 300). Das heißt: Er ist erwachsen geworden. Er hat den Zustand der kindlichen Unschuld verlassen, und nimmt sein Leben nun selbst in die Hand. Den Anstoß dazu gab die Auseinandersetzung mit der sinnlichen Welterfahrung. Die Erde ist die Schule der Kinder Gottes. Hier werden sie durch die Verwirklichung ihrer Gedanken zu kleinen Göttern. Kann man Genesis 3 mit der Tradition die Erzählung vom Sündenfall nennen? Man kann es eigentlich nur dann, wenn man jedes Icherwachen in der Welt als einen Sündenfall versteht. Problematisch ist dieses Werden wie ein kleiner Gott gewiß. Doch in all den Verwicklungen, die sich der Mensch dadurch einhandelt, dass er den Weg der eigenen Erfahrung gehen will, bleibt er ein von Gott geschütztes Wesen. Denn er sorgt dafür, dass der Mensch an den Baum des Lebens nicht Hand anlegen kann. Damit bleibt das Leben etwas Heiliges, etwas Unberührbares; und die menschlichen Kämpfe und Schicksalsverwicklungen nehmen auf diese Weise dann doch wieder den Charakter der Spiele von Kindern an, die sie freilich mit großem Ernst und leidenschaftlicher Verbissenheit betreiben. So kann der Mensch zwar in entsetzliche Zustände geraten, aber offenbar das Allerheiligste des ihm von Gott geschenkten Lebens im Innersten seines Herzens nicht entweihen. Zur Problematik der Entweihung äußert sich Swedenborg ausführlich in seinem Werk über die göttliche Vorsehung.
Vers 23: Und Jahwe Gott schickte ihn aus dem Garten Eden fort, um das Erdreich zu bebauen (oder: um dem Erdreich zu dienen), von dem er genommen war.
Vers 23 greift etwas modifiziert Vers 19 auf. Hiess es in Vers 19 »Im Schweiße deines Angesichts wirst du (dein) Brot essen« so ist in Vers 23 die dem zugrunde liegende Tätigkeit des schweißtreibenden Ackerbaus thematisiert. In beiden Versen wird gesagt, dass der Bezug zum Erdboden (aDAMAH) der Bezug zu dem Ort ist, von dem der Mensch (ADAM) genommen wurde. Die Abkehr von Jahwe Elohim senkt den Blick des Menschen nach unten zum Erdboden und bindet ihn daran. Im Bebauen des Erdbodens liegt eine Ambivalenz. An und für sich gehört das Bebauen des Erdbodens nach Genesis 2,5 zum Schöpfungsauftrag des Menschen. Man kann darunter die Kulturtätikeit des Menschen verstehen, die Kultivierung des Irdischen, und im höchsten Sinne die Wiedergeburt. Diese ist jedoch nur kraft des Göttlichen möglich. Im Vers 23 erscheint uns das Bebauen des Erdbodens als die Tätigkeit jenseits von Eden, die Tätigkeit nach der Verstoßung aus dem Garten Eden. Und in Genesis 4,2 wird Kain »Knecht des Erdbodens« genannt, womit der Dienst am Irdischen und die Versklavung durch das Irdische gemeint ist. Die Bearbeitung der irdischen Verhältnisse ist so gesehen zwar die Aufgabe des Menschen (Gen 2,5), aber in dieser Aufgabe liegt eben auch die Gefahr durch das Irdische bearbeitet bzw. versklavt zu werden, das heißt die Souveränität zu verlieren. Nach Swedenborg meint der Ackerbau jenseits von Eden »fleischlich werden (fieri corporeus)« (HG 305). Der Mensch ist nun also dem Erdboden ausgeliefert.
Vers 24: Und er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Kerubim sich lagern und die Flamme des sich wendenden Schwertes, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.
»Die Auffassung, dass der Zugang zu Geheiligtem durch mythische Wesen beschützt wurde, findet sich überall auf der Welt«[54]. Nach Gesenius kommen die Kerubim im Alten Testament als »Träger der Erscheinung Gottes«[55] vor (mit dem Beleg Ezechiel 9,3, der von Swedenborg als Beleg für die Bedeutung »Vorsehung« HG 308 genommen wird). Nimmt man das alles zusammen, so ergibt sich: Gott als Inbegriff der Liebe und Weisheit in machtvoller Wirkung kommt in seiner Vorsehung zur Erscheinung und sorgt dafür, dass der Mensch in seinem unheiligen Zustand nicht den Weg zum Baum des Lebens findet und sich so der Entweihung schuldig mache.
[1] Swedenborg selbst verwendet die Formulierung »abstrakter Sinn«. Was er darunter versteht ist aus HG 9125 ersichtlich: »Ich spreche vom abstrakten Sinn, weil die Engel ... in ihrem Denken von den Personen abstrahieren (in sensu abstracto dicitur, quia angeli ... cogitant abstracte a personis)«.
[2] Gelegentlich verweise ich auf andere Bibelübersetzungen, für die ich die folgenen Abkürzungen verwende: LEO: »Die Bibel oder die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments übersetzt ... von Dr. Leonhard Tafel«, Frankfurt am Main 1880. - LUD: »Die Bibel oder die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments übersetzt ... von Dr. Leonhard Tafel, revidiert von Professor Ludwig H. Tafel«, Philadelphia 1911. - ELB: »Elberfelder Bibel«, 2006. - LUT: »Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers«, revidierte Fassung von 1984. - ZUR: Die »Zürcher Bibel« von 2007. - EIN: Die »Einheitsübersetzung«, Stuttgart 1980.
[3] Vers 1: Die Schlange ist im Hebräischen männlich. Nach Horst Seebass ist das für das Verständnis von Genesis 3 »grundlegend« (Genesis 1: Urgeschichte (1,1-11,26), 1996, Seite 100). Auf dem bekannten Bild Michelangelos vom Sündenfall in der Sixtinischen Kapelle ist die Schlange dagegen als weibliche Gestalt zu erkennen. Außerdem ist die Schlange, obwohl sie hier das erste Mal in der Bibel auftaucht, mit dem bestimmten Artikel verbunden.
[4] Vers 1: Von den von mir berücksichtigten Vergleichsübersetzungen der Bibel haben alle »listiger«, nur die Einheitsübersetzung hat »schlauer«. Auch Paulus spricht in 2. Kor 11,3 von List (panourgia. Aqulia und Symmachus haben in Genesis 3,1 das Adjektiv panourgos). Das hebräische ARUM (klug oder listig) klingt an EROM (nackt) von Genesis 2,25 an.
[5] Vers 1: Vom »Wild des Feldes« war in Genesis 2,19 im Zusammenhang mit einer »Hilfe« für den Menschen die Rede. Das hier mit »Wild« übersetzte Wort ist eigentlich das Femininum des Adjektivs ChaJ (lebendig), es meint also das Lebendige. Deswegen schreibt Swedenborg: »Dieses Wort bedeutet in der hebräischen Sprache auch ein Lebewesen (animal), in dem eine lebende Seele (anima vivens) ist ... denn es ist dasselbe Wort.« (HG 774). Die wildlebenden Tiere in Feld und Flur werden im Unterschied zum zahmen Vieh verwendet. Die Frau des Menschen wird in Vers 20 Eva genannt, welches Wort ebenfalls mit ChaJ in Verbindung gebracht wird (»Mutter allen Lebens«).
[6] Vers 2: Nach torahstudium.de formuliert die Schlange hier keine Frage, denn es fehlt das Fragepronomen bzw. die Fragepartikel Ha vor dem Aussagesatz. Die Zürcher Bibel 1931 übersetzte: »Gott hat wohl gar gesagt: ...« Luther sagte: »Ich kann das Ebreische nicht wohl geben, widder deutsch noch lateinisch; es laut eben das Wort aphki als wenn einer die Nase rümpft und einen verlachet und verspottet.« (zitiert nach: Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose: Genesis, 1987, Seite 60). aF bedeutet auch Nase und Zorn.
[7] Vers 2: Der Sinn der Aussage variiert je nach der Stellung des Wortes »nicht«.
[8] Vers 3: Das Suffix in MIMMÄNNU kann auf den Baum oder die Frucht bezogen werden. In HG 202 verbindet Swedenborg »berühren« sowohl mit »Baum« als auch mit »Frucht«. Die meisten Übersetzungen beziehen das Suffix auf die Frucht, nur LEO hat »ihn« (= den Baum).
[9] Vers 7: Der Masoretische Text formuliert im Singular, der hebräische Pentateuch der Samaritaner und die Septuaginta im Plural.
[10] Vers 8: Andere Übersetzungen haben »die Schritte« (ZUR, ebenso Vers 10) bzw. »das Geräusch der Schritte« (MEN).
[11] Vers 8: Swedenborg bezieht das hebräische Partizip »MITHaLLEch« auf die Stimme (siehe HG 220), nicht auf Jahwe Gott. Die Neukirchenbibeln (LEO und LUD) lassen das Partizip stehen und fällen auf diese Weise keine Entscheidung. Die übrigen Übersetzungen beziehen es auf Jahwe Gott.
[12] Vers 8: Swedenborg übersetzt das Hitpael von »gehen« reflexiv (= für sich wandeln) und stützt darauf seine Auslegung (siehe HG 220).
[13] Vers 8: Hebräisch LeRUaCH HaJJOM. Swedenborg hat »ad auram diei« (= beim Hauch des Tages). Die Bandbreite der Übersetzungen deutet auf Verständnisschwierigkeiten: »in der Kühlung des Tages« (LEO, LUD), »bei der Kühle des Tages« (ELB), »in der Abendkühle« (MEN), »beim Abendwind« (ZUR), »gegen den Tagwind« (EIN).
[14] Vers 8: Weil die Verbindung Mensch und Frau ungewöhnlich ist, tauchen auch die Übersetzungen »Mann« und »Adam« auf.
[15] Vers 8: Swedenborg übersetzt ISCHSCHAH mit mulier (Weib) und uxor (Frau). Ich habe das in meiner Übersetzung kenntlich gemacht, indem ich mulier mit Weib und uxor mit Frau wiedergegeben habe.
[16] Vers 13: Oder: »Was hast du da getan?« Swedenborg hat: »Quare hoc fecisti? (Warum hast du das getan?)«.
[17] Vers 14: Die hebräische Präposition MIN kann auch komparativisch verstanden werden: »... verfluchter bist du als alle Tiere und alles Wild des Feldes«. Eine weitere Möglichkeit schlägt Gesenius vor: »... verstoßen bist du von allem Getier und von allem Wild des Feldes« (Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 1962, Seite 68).
[18] Vers 16: Swedenborg hat »et conceptum tuum (und deine Empfängnis)«. Seebass meint jedoch: »Die üblich werdende Herleitung des ›heron‹ im MT von der Wurzel ›hrh‹ ›schwanger sein/werden‹ scheint mir verfehlt, vor allem weil neben ›Schmerzen‹ ein paralleles Wort nötig ist ... Unter den alten Übersetzungen hat nur LXX [die Septuaginta] mit ›hägjonek‹ [dein Stöhnen] einen sinnvollen Text« (Genesis 1: Urgeschichte (1,1-11,26), 1996, Seite 100).
[19] Vers 16: Die meisten Übersetzungen geben BANIM (Grundbedeutung: Söhne) mit »Kinder« wieder, um weibliche Nachkommen nicht auszuschließen.
[20] Vers 16: Swedenborg übersetzt TeSCHUQAH mit oboedientia (Gehorsam). Bei Sebastian Schmidt fand er desiderium (Verlangen). Gesenius gibt als Bedeutung dieses nur dreimal in der hebräischen Bibel vorkommenden Wortes an: »Trieb, bes. Zug des Weibes n. d. Manne« (Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 1962, Seite 891).
[21] Vers 16: Die Partikel We (und) kann hier eine folgernde Funktion haben (Wolfgang Schneider, Grammatik des biblischen Hebräisch, 1989, 53.1.3.2), so dass zu übersetzen wäre: »... und dein Verlangen wird auf deinem Mann gerichtet sein, so dass er über dich herrschen wird.«
[22] Vers 17: Swedenborg, der im allgemeinen zu einer Wort-für-Wort-Übersetzung neigt, gibt hier ein hebräisches Wort (IZZABON) mit zwei lateinischen wieder: »in magno dolore (in großen Schmerzen)«. Sonst ist »Mühsal« als Übersetzung üblich.
[23] Vers 18: In seiner Übersetzung hat Swedenborg »herba agri«. Gemäß HG 274 versteht er darunter »pabulum agreste« (Feldfutter).
[24] Die Septuaginta (= LXX), das ist die altgriechische Übersetzung der hebräischen Bibel, hat »Zoe« (Leben).
[25] Vers 21: Das hebräische Wort für Fell (OR) klingt wie das hebräische Wort für Licht(OR), es wird aber anders geschrieben.
[26] Vers 22: Die neukirchlichen Bibeln (LEO und LUD) haben »war«, wohl weil Swedenborg »fuit« hat. In der Auslegung HG 298 schreibt er jedoch: »quod homo ›sciverit bonum et malum‹ significat quod caelestis factus (dass der Mensch ›das Gute und das Böse‹ erkannt hat, bedeutet, dass er himmlisch geworden ist)«.
[27] Vers 22: Dass ist offenbar kein vollständiger Satz. Seebass hat: »Und nun: Damit er nicht seine Hand ausstreckt und auch vom Baum des Lebens nimmt, ißt und für immer lebt ...!« (Genesis 1: Urgeschichte (1,1-11,26), 1996, Seite 100).
[28] Vers 23: »... um das Erdreich zu bebauen, von dem er genommen war«: Nach Genesis 2,7 wurde der Mensch genau genommen »aus Staub vom Erdreich« gebildet.
[29] Vers 24: Swedenborg hat »et flammam gladii vertentis se (und die Flamme des sich wendenden Schwertes)«. »Sich wenden« wird bei Gesenius als Bedeutung des hebräischen Verbs angegeben (Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 1962). Üblich sind jedoch die Übersetzungen »zuckend« (ELB, ZUR), »kreisend« (MEN), »blitzend« (LUT) oder »lodernd« (EIN).
[30] Die Begriffe Sinn, Sinne und Sinnlichkeit bestehen aus den Konsonanten SNN, die eine Schlangen- bzw. Wellenform haben. Es gibt ein Verb NACHaSCH, das »beschwören«, »Wahrsagerei treiben«, »als Omen nehmen« bedeutet. Hängt »Schlange« (= NACHASCH) damit zusammen?
[31] Hans Bonnet, Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, 2000, Seite 682. Vgl. auch Manfred Lurker: »Der Erde und den Erdgottheiten zugehörig, ist sie [die Schlange] Gegenspieler des himmlischen Vogels« (Wörterbuch der Symbolik, 1985, 601).
[32] Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose: Genesis, 1987, Seite 61.
[33] Kann man aus Vers 1 wirklich sicher schließen, dass die Schlange zu den von Gott geschaffenen Tieren gehört? Vers 1 könnte auch besagen, dass die Schlange klüger war als alle Tiere aus der Gruppe der von Gott geschaffenen Tiere.
[34] Manfred Lurker, Wörterbuch der Symbolik, 1985, Seite 601.
[35] Manfred Lurker, Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter, 1998, Seite 219.
[36] Horst Seebass, Genesis 1: Urgeschichte (1,1-11,26), 1996, Seite 120.
[37] Friedrich Weinreb, Schöpfung im Wort: Die Struktur der Bibel in jüdischer Überlieferung, 2002, Seite 79.
[38] Horst Seebass, Genesis 1: Urgeschichte (1,1-11,26), 1996, Seite 108.
[39] Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose: Genesis, 1987, Seite 54.
[40] Hans Martin von Erffa, Ikonologie der Genesis, Band 1, 1989, Seiten 119-123.
[41] Wilhelm Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 1962, Seite 618.
[42] Horst Seebass, Genesis 1: Urgeschichte (1,1-11,26), 1996, Seite 123.
[43] Annemarie Pieper, Einführung in die Ethik, 2000, Seite 269f.
[44] Annemarie Pieper, aaO., Seite 139.
[45] Annemarie Pieper, aaO., Seite 279.
[46] Wilhelm Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 1962, Seite 608.
[47] Wilhelm Gesenius, aaO., Seite 608. Siehe auch HG 249.
[48] Hans Martin von Erffa, Ikonologie der Genesis, Band 1, 1989, Seite 226.
[49] In der Vulgata lautet Genesis 3,15 so: »inimicitias ponam inter te et mulierem et semen tuum et semen illius ipsa conteret caput tuum et tu insidiaberis calcaneo eius« (Feindschaft will ich setzen zwischen dir und dem Weib und deinem Samen und ihrem Samen. Sie soll dein Haupt zertreten, und du sollst ihrer Ferse nachstellen).
[50] Horst Seebass, Genesis 1: Urgeschichte (1,1-11,26), 1996, Seite 128f.
[51] Wilhelm Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 1962, Seite 608.
[52] Wilhelm Gesenius, aaO., Seite 608.
[53] Wilhelm Gesenius, aaO., Seite 45.
[54] Horst Seebass, Genesis 1: Urgeschichte (1,1-11,26), 1996, Seite 133.
[55] Wilhelm Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 1962, Seite 362.
Abgeschlossen am 1. Mai 2008. In: OT 2 (2009) 61-85