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Bauvorhaben endet im Durcheinander

Eine Auslegung von Genesis 11,1 bis 9 aus der Schule Swedenborgs

Thomas Noack

Eine Überschrift für Genesis 11,1 bis 9

Eine passende Überschrift ist nicht leicht zu finden. Meist steht der Turm im Mittelpunkt. In den Bibelausgaben lautet die Überschrift in der Regel entweder „Der Turm zu Babel“[1] oder „Der Turmbau zu Babel“[2]. Auch in der Ikonographie dominiert das Motiv des Turmes, entweder sein Bau oder seine Zerstörung, die allerdings im Alten Testament nicht erwähnt wird (LCI 1,237). Demgegenüber scheint der urgeschichtlichen Erzählung die Stadt wichtiger zu sein. Denn in den Versen 4 und 5 wird erst die Stadt und dann der Turm genannt. Und in Vers 8 ist nur von der Stadt die Rede, die im Schlussvers den Namen Babel erhält. Jedoch hat der Leser wohl nicht zu Unrecht den Eindruck, dass der Turm das Wahrzeichen[3] dieser Stadt ist. In ihm verdichtet sich die Bedeutung der Weltstadt am Euphrat.

Selten wird die Sprachverwirrung in der Überschrift genannt. Hermann Menge ist eine solche Seltenheit, er wählte „Der Turmbau zu Babel und die Sprachverwirrung“, und Horst Seebass entschied sich in seinem Genesiskommentar für „Sprachen (11,1-9)“[4]. Dieses Motiv ist tatsächlich ein wesentlicher Bestandteil, denn es rahmt die Erzählung.

Genesis 11,1 bis 9 hat sonach zwei Schwerpunkte, das Bauvorhaben und das sprachliche Durcheinander. Daher meinte Georg Lorenz Bauer: „Man kann einen doppelten Mythos unterscheiden, den vom Thurmbau, … und den anderen vom Ursprung der Sprache.“[5] Vor dem Hintergrund dieser ungewöhnlichen Motivkombination kann es als eine Aufgabe der geistigen Exegese angesehen werden, den inneren Zusammenhang zwischen den beiden Motiven herauszuarbeiten. Warum endet das Städtebauvorhaben in der babylonischen Sprachverwirrung? Ein Erdbeben hätte dem stolzen Turm doch auch ein Ende bereiten können.

Übersetzung von Genesis 11,1 bis 9

1. Und die ganze Erde hatte eine Lippe und dieselben Worte. 2. Und es geschah, als sie von Osten aufbrachen, da fanden sie ein Tal im Lande Schinar und wohnten dort. 3. Und sie sprachen, ein Mann zu seinem Genossen: Wohlan, lasst uns Ziegel ziegeln und zu Gebranntem brennen. Und so hatten sie Ziegel statt Stein und Erdpech statt Lehm. 4. Und sie sprachen: Wohlan, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, und sein Haupt sei im Himmel. Und lasst uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die Angesichte der ganzen Erde zerstreuen. 5. Und JHWH stieg herab, um die Stadt und den Turm zu sehen, den die Söhne des Menschen bauten. 6. Und JHWH sprach: Siehe, ein Volk sind sie, und eine Lippe haben sie alle, und dies ist der Anfang ihres Tuns. Und nun wird von ihnen nichts ferngehalten werden, was sie gedenken zu tun. 7. Wohlan, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Lippe verwirren, damit sie nicht hören, ein Mann die Lippe seines Genossen. 8. Und JHWH zerstreute sie von dort über die Angesichte der ganzen Erde. Und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. 9. Deswegen nannte man ihren Namen Babel, denn dort verwirrte JHWH die Lippe der ganzen Erde, und von dort zerstreute sie JHWH über die Angesichte der ganzen Erde.

Zusätzliche Informationen zum Urtext und zur Übersetzung

Diese Übersetzung basiert auf dem Urtext und steht in der Tradition der lateinischen Übersetzung Swedenborgs und der deutschen Übersetzungen der Swedenborgianer Leonhard und Ludwig Tafel. Sie alle waren sich des inneren Sinnes bewusst, dennoch bleibt jede Übersetzung unvollkommen. Deswegen möchte ich einige zusätzliche Informationen zum Urtext und zur Übersetzung geben.

In Swedenborgs Besitz befanden sich mehrere lateinische Übersetzungen der Bibel, eine davon war die des Straßburger Theologen Sebastian Schmid. Swedenborgs Übersetzung von Genesis 11,1 bis 9, abgedruckt in den Himmlischen Geheimnissen, und die von Schmid sind sich sehr ähnlich. Um so interessanter sind die wenigen Abweichungen, von denen die wichtigsten in der Anmerkung genannt sind.[6] Sie zeigen, dass Swedenborg eine möglichst wörtliche Übertragung der hebräischen Vorlage anstrebte.

Ich habe das Tetragramm unvokalisiert gelassen. Swedenborg liest mit seiner Zeit bekanntlich Jehovah. Diese Aussprache beruht jedoch auf einem Irrtum. Aufgrund von Angaben bei den Kirchenvätern nimmt man heute an, dass Jahwe richtig ist. Die heilige Schrift (Exodus 3,14) und mit ihr Swedenborg (WCR 19) durchhellen den Gottesnamen vom hebräischen Verb „sein“. Das unvokalisierte Tetragramm bringt zum Ausdruck, dass die Unendlichkeit des Seins (WCR 36) unaussprechbar ist.

Um der vorphilosophischen Sinnlichkeit der hebräischen Sprache etwas näher zu kommen, steht in der Übersetzung Erde statt Erdbewohner oder Menschen (11,1), Lippe statt Sprache (11,1), Haupt statt Spitze (11,4) und Angesichte der Erde statt Oberfläche der Erde (11,4.8.9). Allerdings hat uns die abendländische Tradition der philosophisch-abstrakten Begriffsbildung das Urerlebnis des Bildes so sehr verschlossen, dass seine Sinnlichkeit in einer Übersetzung kaum zum Nacherleben gebracht werden kann. Zwar ist Idee von sehen abgeleitet, aber unser Geist ist längst erblindet. Er sieht nichts mehr, er denkt nur noch.

Vers 1. Der hebräische Text beginnt mit einer Schwierigkeit, nämlich einem Kongruenzproblem. Auf eine maskuline Verbform (= er war) folgt ein feminines Subjekt (= die Erde).[7] Ich bin mir nicht sicher, welche Bedeutung ich dieser sprachlichen Beobachtung beimessen soll. Ich erwäge aber die Möglichkeit, dass dadurch die Vermännlichung der weiblich-empfangenden Mutter Erde angedeutet werden soll. Der Turm, dessen Spitze in den Himmel hineinragen soll, könnte auch ein Symbol des männlichen Zeugungsgliedes sein. Die Erde will in den Himmel eindringen, sie will ihn über-zeugen anstatt sich von ihm befruchten oder über-zeugen zu lassen.

In der Tradition Swedenborgs stehend, habe ich mich für Lippe und Worte entschieden. Das hebräische sapah bedeutet Lippe und Rand, gesehen wird demnach die Umrandung des Mundes. Die Septuaginta, die griechische Übersetzung der heiligen Schrift, die im 3. und 2. Jahrhundert vor Christus in Ägypten entstanden ist, bewahrt dieses Bild rein, denn cheilos bedeutet ebenfalls Lippe und Rand. Das hebräische dabar deutet auf das, was durch diese Mündung (oder Öffnung des Mundes) hervorgebracht wird, also auf die Lautgebilde, die Worte oder die Rede. Die Übersetzer der Septuaginta wählten phone (Laut, Rede).

Vers 2. Ich habe miqqedem mit „von Osten“ übersetzt. In mehreren Bibeln ist jedoch „nach Osten“ zu finden, beispielsweise in der Lutherbibel 1984, bei Hermann Menge und in der Verdeutschung der Schrift von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Doch der innere Sinn spricht für die erste Möglichkeit, auch für Horst Seebass ist das „die näherliegende Übersetzung“[8]. Interessant ist, dass qedem auch die Bedeutung von Urzeit oder Vorzeit hat, also auch die älteste Kirche meint. Die „Tage der Vorzeit“ (kime qedem) in Jesaja 51,9 stehen nach Swedenborg „für den Zustand und die Zeit der ältesten Kirche“ (HG 6239). Demnach könnte der Aufbruch von Osten auch die Entfernung von den noch lebendigen Überlieferungen der Urkirche in sich schließen.

Die hebräische Sprache kennt mehrere Wörter für Tal. Das hier verwendete biqah wird gewöhnlich von dem hebräischen Verb für spalten abgeleitet, wobei jedoch hinzugefügt werden muss, dass diese Ableitung umstritten ist. Spalten würde aber gut zur analytisch-zerlegenden Tätigkeit des Intellekts passen. Dem entspricht, dass in den Versen 3 bis 4 erst die Bauelemente Ziegel und Lehm und dann der Bau genannt werden. Die Bewegung rückt also von den Bestandteilen zum Ganzen vor. Das ist die Denkbewegung des äußeren Menschen. Der innere Mensch hingegen geht von der Ganzheitsschau aus.

Vers 3. Anstelle von „ein Mann zu seinem Genossen“ steht in der Elberfelder Bibel „einer zum anderen“ und in den verschiedenen Ausgaben der Tafelbibel sogar nur „zu einander“. Ich habe mich für die wörtlichere Variante entschieden, weil darin die Eintracht oder das Wir-Gefühl stärker zum Ausdruck kommt, das auch in der 1. Person Plural (lasst uns ziegeln, brennen, bauen, machen, 11,3-4) spürbar ist.

Zu beachten sind die etymologischen Figuren, „Ziegel ziegeln“ (= Ziegel streichen) und „zu Gebranntem brennen“ (= hart brennen).

Kaum übersetzbar sind die Laut- und Sinngemeinsamkeiten zwischen Ziegel (lamed-beth-nun-he) und Stein (aleph-beth-nun) einerseits und Erdpech (chet-mem-resch) und Lehm (chet-mem-resch) andererseits. In der Verdeutschung von Martin Buber und Franz Rosenzweig lesen wir: „So war ihnen der Backstein statt Baustein und das Roherdpech war ihnen statt Roterdmörtels.“ Den hebräischen Wörtern für Ziegel und Stein ist die Lautverbindung bn (beth-nun) gemeinsam. Sie findet sich auch im hebräischen Wort für bauen (beth-nun-he), und Ben (beth-nun) heißt Sohn. Erdpech und Lehm haben völlig dieselben Konsonanten, sie unterscheiden sich nur in der Vokalisation. 

Indem ich „Lehm“ wähle, folge ich Swedenborg, der bei Sebastian Schmid caementum vorfand, sich stattdessen aber für lutum entschied. Dem Material nach ist Lehm, der Verwendung nach jedoch Mörtel gemeint.

Vom inneren Sinn her bevorzugt die swedenborgsche Übersetzungstradition „statt“. Sprachlich korrekt ist aber auch „als“: „Und der Ziegel diente ihnen als Stein und das Erdpech als Lehm.“

Vers 4. Das Wort für Turm (migdal) ist aus mem = M und „groß sein“ zusammengesetzt. M ist in fast allen Sprachen der Mutterlaut, das heißt der Laut der Formbildung. Der Turm ist demnach die Form der Größe, der eigenen, selbsterrichteten Größe nach der Abkehr von Osten. Sie soll bis an oder sogar bis in den Himmel reichen.

Vers 5. Beim Verb jarad muss sich der Übersetzer zwischen hinabsteigen oder herabsteigen entscheiden. Spricht der Urtext also vom Standpunkt Jahwes, der hinabsteigt, oder der Menschen, die sehen, wie er herabsteigt?

Das Relativpronomen kann auf Stadt und Turm oder nur auf den Turm bezogen werden. Swedenborg hat es nur auf den Turm bezogen, wobei nicht sicher ist, ob er die andere Möglichkeit überhaupt gesehen hat. Am Sinn ändert das aber nicht viel.

Vers 6. Lo jibbaser mehem übersetzt Swedenborg mit „es würde nicht ferngehalten werden von ihnen“ (non prohiberetur ab iis). Die ganze Aussage versteht er demnach so: „Alles, was sie gedenken zu tun, würde nun (wenn Jahwe nicht herabsteigen würde) nicht (mehr) von ihnen ferngehalten werden.“ Mit dem Bau der Stadt und des Turmes überschreiten die Bauleute eine Schwelle. Sie begeben sich ganz in die Hand ihres eigenen Denkens und liefern sich ihm schutzlos aus. Das eigene Denken kann nun, nachdem die Hemmschwelle überwunden ist, nicht mehr von ihnen ferngehalten werden. Möglich ist auch die folgende Übersetzung: „Alles, was sie gedenken zu tun, wird ihnen (= von ihnen aus gesehen) nun nicht (mehr) unzugänglich sein.“ Mit der Absicht, einen Turm zu bauen, dessen Spitze im Himmel sein soll, haben sie alle Grenzen zumindest mental abgeschüttelt, nichts scheint unzugänglich, nichts unmöglich.

Vers 7. Balal bedeutet vermengen und verwirren. Dieselbe Bedeutung haben auch confundere bei Swedenborg und synchein in der Septuaginta. Nach der Abkehr vom inneren Licht des Geistes (= Auszug von Osten) werden Gedanken und Begriffe ohne Rücksicht auf den inneren Zusammenhang miteinander vermengt. Da die strukturierende Kraft des Lichtes erloschen ist, geht die Ordnung in der Begriffswelt verloren. Das jeweils aktuelle Durcheinander, die Muster, die aus den Scherben beliebig gebildet werden können, entsprechen nicht mehr der Wahrheit und sind haltlos. 

Vers 8. Im samaritanischen Pentateuch und der Septuaginta steht zusätzlich „und den Turm“, so dass der Vers dort lautet: „… und sie hörten auf, die Stadt und den Turm zu bauen.“ Vermutlich ist das aber als Angleichung an die Verse 4 und 5 zu bewerten.

Vers 9. Rein sprachlich ist auch „Deswegen nannte er (= Jahwe) …“ möglich, zutreffend ist aber doch wohl „Deswegen nannte man …“. Die Septuaginta hat statt Babel Synchysis (= Verwirrung). Im Urtext liegt ein Wortspiel zwischen Babel und dem Verb balal (= verwirren) vor.

Abgrenzung und Stellung von Genesis 11,1 bis 9

Die Abgrenzung von Genesis 11,1 bis 9 ist problemlos möglich, siehe auch HG 1279. Das vorangehende Geschlechtsregister Noahs endet deutlich erkennbar mit 10,32. Auch der Beginn des nachfolgenden Abschnitts ist mit „dies die Geburten“ 11,10 deutlich markiert, er umfasst 11,10-26 (HG 1281). Dieselbe Kennzeichnung erscheint noch einmal in 11,27, wiederum am Anfang einer Einheit, nämlich 11,27-32 (HG 1282). 

Der Turmbau zu Babel steht am Ende der Urgeschichte (1,1-11,26). Swedenborg kannte diesen Begriff allerdings noch nicht, machte aber eine wichtige Unterscheidung: „Vom ersten Kapitel der Genesis … bis Eber (erstmals 11,14 erwähnt) war es keine wahre, sondern gemachte Geschichte (historica facta)“ (HG 1403, siehe auch 1020). Swedenborg überwand mit dieser Erkenntnis ein altes Missverständnis, denn von der Zeit des Neuen Testaments an[9] wurde das in Genesis 1 bis 11 „Erzählte als Geschichte verstanden, genau wie alles andere, was die Bibel berichtet. Daß diese Ereignisse von der Schöpfung bis zum Turmbau von Babel im AT selbst nicht als Geschichte in unserem Sinn gemeint sind und daher auch niemals in die Geschichtstraditionen einbezogen werden (Credo), wurde nicht gesehen …“[10] Der Turmbau zu Babel steht auch für Swedenborg an einem Ende, nämlich am Ende der gemachten Geschichte. In einem ungemein dichten Bild zeigt er uns Anfang und Ende, Wesen und Wandel der ersten Alten Kirche (HG 1279).

Gliederung

Genesis 11,1 bis 9 gliedert sich deutlich erkennbar in zwei Teile. In den Versen 1 bis 4 ist die Menschheit das Subjekt, in den Versen 5 bis 9 hingegen ist es Jahwe. Im ersten Teil sieht Swedenborg vier aufeinanderfolgende Zustände und im zweiten fasst er die Verse 5 und 6 sowie 7 bis 9 zu zwei Untergruppen zusammen (HG 1280).

1.  Die Menschen (11,1-4)

1.1  Der Anfangszustand:

„Und die ganze Erde hatte eine Lippe und einerlei Worte“ (11,1)

1.2  Der Ortswechsel:

„Und es geschah, als sie von Osten aufbrachen, da fanden sie ein Tal im Lande Schinar und wohnten dort.“ (11,2)

1.3  Die Bautätigkeit (11,3-4)

1.3.1  Erster Aufruf mit Einleitungsformel, der Baustoff:

„Und sie sprachen, ein Mann zu seinem Genossen: Wohlan, lasst uns Ziegel ziegeln und zu Gebranntem brennen.“ (11,3a)

1.3.2  Kommentar zum Baustoff:

„Und der Ziegel diente ihnen als Stein und das Erdpech als Lehm.“ (11,3b)

1.3.3  Zweiter Aufruf, der Bau (11,4)

1.3.3.1  Aufruf zum Bau von Stadt und Turm:

„Und sie sprachen: Wohlan, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, und sein Haupt sei im Himmel.“ (11,4aa)

1.3.3.2  Der gemachte Name (das Image oder Ansehen):

„Und lasst uns einen Namen machen …“ (11,4ab)

1.3.3.3  Der Gefahr der Zerstreuung soll entgegengewirkt werden:

„… damit wir uns nicht über die Angesichte der ganzen Erde zerstreuen.“ (11,4b)

2.  Jahwe (11,5-9)

2.1  Die Herabkunft Jahwes:

„Und Jahwe stieg herab, um die Stadt und den Turm zu sehen, den die Söhne des Menschen bauten.“ (11,5)

2.2  Die Jahwerede (11,6-7)

2.2.1  Hinweis auf den Anfangszustand:

„Und Jahwe sprach: Siehe, ein Volk sind sie, und eine Lippe haben sie alle“ (11,6aa)

2.2.2  Bewertung des Tuns als Auftakt:

„Und dies ist der Anfang ihres Tuns“ (11,6ab)

2.2.3  Die ungehinderte Verwirklichung des eigenen Denkens (nichts ist unmöglich):

„Und nun wird alles, was sie gedenken zu tun, nicht von ihnen ferngehalten werden.“ (11,6b)

2.2.4  Herabkunft zur Verwirrung der Lippe, so dass die Geistabsicht nicht mehr herausgehört werden kann:

„Wohlan, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Lippe verwirren, damit sie nicht hören, ein Mann die Lippe seines Genossen.“ (11,7)

2.3  Die Zerstreuung und das Ablassen von der Bautätigkeit:

„Und Jahwe zerstreute sie von dort über die Angesichte der ganzen Erde. Und sie hörten auf, die Stadt zu bauen.“ (11,8)

2.4  Die Endzustände im Perfekt: Stadtname, Verwirrung und Zerstreuung:

„Deswegen nannte man ihren Namen Babel, denn dort verwirrte Jahwe die Lippe der ganzen Erde; und von dort zerstreute Jahwe sie über die Angesichte der ganzen Erde.“ (11,9)

Eine Zusammenfassung des inneren Sinnes

In den Himmlischen Geheimnissen 1279 bis 1328 legt Swedenborg den inneren Sinn der Turmbaugeschichte aus, indem er die Begriffe der Reihe nach erklärt. Doch am Ende setzt er daraus kein Gesamtbild zusammen. Wir sehen die Pinselstriche des Meisters, aber nicht das Gemälde des inneren Sinnes als Ganzes. Dieser Anblick eröffnet sich nur dem, der den Abstand zu den Pinselstrichen vergrößert, und zwar so sehr, dass er diese schließlich aus den Augen verliert, dafür aber das Bild gewinnt.

Wenn ich dennoch hier nun ein Gesamtbild formuliere, dann sollte diese Komposition aus Buchstaben nicht mit der Ganzheitsschau verwechselt werden. Es ist wie mit dem Skelett eines Menschen, das dessen Gestalt zwar erahnen läßt, aber nicht der lebendige Mensch ist. So ist auch das folgende Gerüst nicht der lebendige, innere Sinn, obwohl es den Himmlischen Geheimnissen entlehnt ist.

1. Die ganze Kirche hatte eine Lehre im allgemeinen und besonderen. 2. Als sie sich aber von der tätigen Liebe entfernten, wurde ihr Gottesdienst unreiner und unheiliger und dementsprechend auch ihr Lebenswandel. 3. Da sprachen sie zueinander: Wohlan, lasst uns Eigenes denken aus unseren eigenen Interessen. Und so galt ihnen ihr Falsches als Wahres und ihr Böses als Gutes. 4. Und sie sprachen: Wohlan, lasst uns eine Lehre formen, die dem Ansehen der eigenen Person dient und uns sogar göttliche Vollmachten zuschreibt, damit man uns für mächtig hält und wir nicht bedeutungslos werden. 5. Doch das Gericht konnte nicht ausbleiben, denn die Lehre war verkehrt und der Gottesdienst, den sie sich ersonnen hatten, unheilig. 6. Daher sprach Jahwe: Siehe, noch eint sie die überlieferte Glaubenswahrheit, aber das ist nun der Grundgedanke und die Absicht ihres Tuns. Daher werden sie sich durch nichts mehr aufhalten lassen, ihrem Sinnen und Trachten zu folgen. 7. Wohlan, lasst uns ihren Zustand verändern. Das Wahre soll aus ihrem Gesichtskreis entschwinden und große Uneinigkeit soll übrig bleiben. 8. So werden sie keine Anerkennung mehr finden und müssen vom Ausbau ihrer Lehre ablassen. 9. Deswegen nannte man den daher stammenden Gottesdienst babylonisch (verworren), denn der innere Gottesdienst verlor sich und wurde schließlich ganz zunichte.

Swedenborgs Auslegung der Turmbaugeschichte

In den Himmlischen Geheimnissen übersetzt Swedenborg die Turmbaugeschichte in eine Sprache, zu der Begriffe wie Kirche (ecclesia), Lehre (doctrina), Nächstenliebe (charitas), Glaube (fides), Gottesdienst (cultus), das Wahre (verum), das Falsche (falsum), das Gute (bonum) und das Böse (malum) gehören. Diese Begriffe kann man in ein theologisches System bringen. Doch sollte man das swedenborgsche Begriffssystem nicht für das einzig mögliche halten. Denn der innere Sinn ließe sich auch in eine andere Terminologie gießen.

Am Ende der Urgeschichte stehend, fasst der Turmbau zu Babel Anfang und Ende der ersten Alten Kirche zusammen (HG 1279, 1280). Die Stellung am Ende der Urgeschichte lässt jedoch erwarten, dass das Gewicht mehr auf dem Untergang dieser Kirche liegt. Der folgende Abschnitt 11,10-26 handelt von der zweiten Alten Kirche (HG 1281), und 11,27-32 vom Ursprung der dritten Alten Kirche (HG 1282).[11] Unter der Alten Kirche verstand Swedenborg eine bestimmte Epoche der altorientalischen Geschichte. Swedenborgs Auslegung von Genesis 11,1 bis 9 hat somit einen historischen Bezug. Diese Feststellung ist insofern interessant, als der innere Sinn eigentlich nichts von Zeit an sich haben soll. Swedenborg schreibt: „Vor den Engeln, die im inneren Sinn sind, verschwindet alles, was zur Materie, zu Raum und Zeit gehört.“ (HG 488, vgl. auch 813, 3254). Also verschwindet vor ihnen auch die Alte Kirche als eine Epoche. Swedenborg schreibt weiter: „Wenn man die Vorstellung von Zeit entfernt, dann bleibt diejenige des Zustandes der Dinge, die zu jener Zeit waren.“ (HG 488). Demnach wäre zu fragen, was die Alte Kirche zuständlich betrachtet bedeutet.

Dem Bibelkundigen fällt auf, dass viel von dem, was erst in Genesis 11,1 bis 9 entsteht, schon vorher vorhanden ist. Erstens, die Stadt. Zu ihrem Bau wird in 11,4 aufgerufen, nach 11,9 heißt sie Babel. Doch schon in 10,10 wurde Babel erwähnt. Zweitens, die Sprachen. Eine Folge des Bauvorhabens ist nach 11,9 die Verwirrung der Lippe. Doch bereits in der Völkertafel 10,1 bis 32 ist von verschiedenen Sprachen die Rede (siehe 10,5.20.31). Da die eine Lippe geistig verstanden eine Lehre bedeutet, ist außerdem darauf hinzuweisen, dass schon die drei Söhne Noahs „drei Arten von Lehren“ (HG 616) meinten. Drittens, die Zerstreuung. Eine weitere Folge des Bauvorhabens ist die Zerstreuung über die Oberfläche der ganzen Erde. Doch bereits die Völkertafel zeigt die Verbreitung der Nachkommen Noahs über die ganze Erde. Diese Beobachtungen unterstreichen noch einmal, dass Genesis 11,1 bis 9 ein Bild für die gesamte Geschichte der ersten Alten Kirche ist, vom ersten bis zum letzten Zustand (siehe HG 1280).

Vers 1. Die Bibelübersetzungen zeigen, dass das hebräische Wort für Erde auch die Erdbewohner meinen kann.[12] In 1. Könige 2,2 sagt der sterbende König David: „Ich gehe den Weg aller Erde.“ Gemeint ist aller Erdbewohner oder alles Irdischen. Auf der Subjektstufe des Verstehens meint Erde nicht die objektive, sondern eben die subjektive Erde, das heißt die Erde als ein Gesamterlebnis der Psyche, ja die Psyche selbst. Doch aus swedenborgscher Sicht ist dieses an sich richtige Verständnis noch zu allgemein. Denn das überlieferte Wort der Bibel ist Gottes Wort. Daher ist die Erde Gottes gemeint, das heißt die Erde oder Psyche als Geschöpf Gottes, die Gemeinschaft der Wiedergeborenen oder, wie Swedenborg sagt, die Kirche.

Mit Lippe ist die Vorstellung des Äußerlichen verbunden. Das hebräische Wort meint den Rand oder die Um-Randung des Mundes. Die Vorstellung des Äußerlichen kommt sehr deutlich auch im Begriff des Lippenwortes zum Ausdruck (siehe 2. Könige 18,20). Bei Jesaja heißt es: „Weil dieses Volk mit seinem Mund sich naht und mit seinen Lippen mich verherrlicht, aber sein Herz fern von mir ist und ihre Furcht vor mir nur angelerntes Menschengebot ist, …“ (Jes 29,13). Auch Swedenborg weist auf den Aspekt des Äußeren hin: „Im Worte heißt es öfters Lippe, Mund und Sprache. Die Lippe bedeutet dort die Lehre, der Mund das Denken und die Sprache das Bekenntnis, weil nämlich Lippe, Mund und Sprache das Äußere des Menschen sind, durch das das Innere offenbar gemacht wird.“ (OE 455). Die Lippe als Äußerliches bedarf der Füllung durch das Innerliche. Die Lippe an sich ist nur die Umrisslinie des Geistes.

Swedenborg sieht in der Lippe die Lehre. Der Anfangszustand der altorientalischen Religionssysteme (De primo ejus statu, HG 1280) war die einheitliche Lehre. Nach der Sintflut begann die Menschheit mit einem allseits anerkannten Erbe oder System. Sowohl die allgemeinen Konturen (= die Lippe), als auch die ins Einzelne gehenden Begriffe (= die Worte) waren einheitlich. Allerdings wurde die Einheit der Lehre wohl nicht erstrangig durch die überall gleichen Lehrsätze gewährleistet, sondern durch das Gefühl der Verbundenheit (vgl. charitas, HG 1327) aus dem Bewusstsein eines gemeinsamen, geistigen Ursprungs (Uroffenbarung der ältesten Kirche). Ich vermute also, dass das geerbte Lehrgebilde nach der Sintflut noch verhältnismäßig einheitlich war, aber es war nicht starre Orthodoxie, sondern eher ein lebendiger Organismus, dessen Zusammenhalt durch die Seele der Gemeinschaftstreue (charitas) bewirkt wurde. Ich möchte also einerseits die Einheitlichkeit der Lehre in den alten Kirchen nicht unterschätzen, andererseits die einheitsstiftende Kraft nicht im Kognitiven suchen.[13]

Swedenborg unterscheidet die Lehre (doctrina) von der Wahrnehmung (perceptio). Eine Lehre stattet den Belehrten mit Lehrsätzen oder Satzwahrheiten aus, deren Realgrund der Belehrte selbst nicht notwendigerweise in einem Akt unmittelbarer Wahrnehmung gesehen haben muss. Als Beispiel diene die Lehre von der Wiedergeburt. Man kann sich diese Lehre aneignen, auch ohne wiedergeboren zu sein, das heißt ohne den Realgrund aus eigener, unmittelbarer Erfahrung zu kennen. Swedenborg meint nun, dass die alte Kirche nur noch eine Lehre hatte, während die älteste Kirche echte, innere Wahrnehmungen hatte, und dass die Lehre der alten Kirche das Erbe jener Wahrnehmungen der Urkirche war. „Die Lehrgegenstände beim Menschen der alten Kirche stammten … aus den Offenbarungen und inneren Wahrnehmungen der ältesten Kirche.“ (HG 1068, siehe auch HG 530). Eine Lehre ist gegenüber den Wahrnehmungen verhältnismäßig äußerlich, so dass sie treffend durch das Bild der Lippe dargestellt werden kann. Wie die Lippe die Umrisslinie des Mundes ist, so ist die Terminologie die Grenzlinie des Geistes (lat. terminus = Grenze). 

Vers 2. Der Osten ist die Gegend des Sonnenaufgangs. Im geistigen Verständnis ist das die Gegend des Herzens, denn dort geht die Gottessonne der Liebe auf. Swedenborg deutet den Osten als „die tätige Liebe, die vom Herrn angeregt wird.“ (charitas a Domino, HG 1291).[14] Der Aufbruch von Osten bedeutet den Verlust der gemeinschaftsbildenden Liebe. Mit diesem Aufbruch geht die einheitsstiftende Mitte verloren, nämlich der Herr. Danach soll ersatzweise vom Bau der Stadt und des Turmes die integrierende Kraft ausgehen, die eigentlich nur von der geistigen Sonne im Osten ausgehen kann.

Das Tal im Lande Schinar ist der äußerliche Gottesdienst, in dem Unreines und Unheiliges ist. Zum Tal führt Swedenborg aus: „Berge bedeuten im Worte Gottes die Liebe (amor) oder Hingabe (charitas), weil diese das Höchste oder auch das Innerste in der Gottesbeziehung (in cultu) sind … Ein Tal deutet demgegenüber auf das, was unterhalb der Berge liegt, auf das Untere oder auch Äußere in der Gottesbeziehung.“ (HG 1292). Zum Land Schinar kann Swedenborg nicht viel mitteilen, nur soviel, dass es „der äußere Gottesdienst, in dem Unheiliges ist“ (HG 1292) darstellt.[15]

Vers 3. Die Erzählung wendet sich erst den Baustoffen (11,3) und dann den Bauwerken (11,4) zu. Der Blick geht also von den Teilen zum Ganzen. Die Bauleute wollen Ziegel streichen und hart brennen. Das heißt, eigenes Denken, nicht die überlieferte Uroffenbarung, wird die Substanz ihrer Lehrbildung sein. „Ein Stein bedeutet im Wort Wahres. Daher bedeutet ein Ziegel Falsches, weil er ein von Menschen, also künstlich gemachter Stein ist.“ (HG 1296). Dass der Ziegel im Feuer hart gebrannt werden soll bedeutet, dass die Festigkeit des eigenen Denkens durch die eigenen Interessen bewirkt wird. Hinter den Gedanken und Überzeugungen sind immer Interessen wirksam, die dem Denken und Reden Zusammenhalt und Festigkeit geben. So diente ihnen also Falsches als Wahres. Asphalt oder Erdpech korrespondieren mit dem Übel des Habenwollens (malum cupiditatis), denn es ist schwefelhaltig und brennbar (HG 1299). Lehm korrespondiert mit dem Guten. Die meisten Übersetzungen haben Mörtel, betonen also die Bindefunktion. Swedenborg bringt in HG 1300 Stellen (Jes 64,7; Jer 18,6), die Lehm als Baustoff zeigen, denn der Mensch ist letztlich die Gestalt des Guten.

Vers 4. Auch die Stadt korrespondiert wie die Lippe mit einer Lehre (HG 1305). Wenn mehrere Begriffsbilder anscheinend dieselbe Bedeutung haben, dann lohnt es sich, nach dem je eigenen Aspekt zu fragen. So meint Lippe die Lehre, insofern diese ein äußerliches Begriffssystem ist, das heißt die begriffliche Umgrenzung oder Terminologie einer geistigen Anschauung. Stadt hingegen meint die Lehre, insofern diese eine geistige Struktur ist, die gemeinschaftsbildend wirkt. Städte vereinigen Menschen, und Weltanschauungen oder Glaubensgemeinschaften ebenso. „Städte waren in jener Zeit nichts anderes als Familien, die beisammen wohnten.“ (HG 1358). Daher bezeichnet eine Stadt „eine Lehre, insofern diese eine Umfassung oder Verknüpfung ist“ (doctrinale in suo complexu; HG 2723, siehe auch HG 2392).[16]

Der Turm ist das Zentrum und Wahrzeichen der Stadt. Daher ist er im geistigen Verständnis der Kern oder das Wesen der Lehre. Er zeigt an, worum es in der babylonischen Lehre eigentlich geht. Schon rein sprachlich ist er, wie oben bereits gesagt, der Ausdruck von Größe. Er korrespondiert mit dem Egoismus oder der gottgleichen Stellung des Ichs, Personenkult statt Gottesdienst. Swedenborg spricht von cultus sui und erläutert: „Selbstanbetung oder -verehrung (cultus sui) liegt dann vor, wenn man sich selbst so sehr über andere stellt, dass man Gegenstand der Verehrung wird. Deswegen wird die Selbstliebe (oder Selbstverliebtheit), die Eigendünkel und Überheblichkeit ist, Höhe, Hoheit und Erhebung genannt und durch alles beschrieben, was hoch ist.“ (HG 1306). Wo die göttliche Mitte verlassen wird, sammelt sich das Volk um die eigene Mitte. Wo Gott verschwindet, betreten die Götter die Bühne, die zahlreichen Stars, Diven und Idole, die dem kleinen Ich Bedeutung verleihen, indem sie es Teil einer kollektiven Person sein lassen. Die Notwendigkeit einer Mitte kann eben nicht umgangen werden, der Mensch hat nur die Wahl zwischen Gott oder Götze.

Unklar ist, ob sich Swedenborg unter dem babylonischen Turm einen Befestigungs- oder einen Tempelturm vorstellte. In HG 1306 schreibt er: „Einst wurden die Städte mit Türmen befestigt, in denen Wächter waren.“ (HG 1306). Demnach dachte er an einen Befestigungsturm. Gleichzeitig erkennt er aber im Turm das Bild eines Kultes (cultus), wozu die Vorstellung eines Tempelturmes besser passt.

Die Erhebung des Hauptes bis in den Himmel meint die Ausdehnung der Herrschaft bis auf den Himmel (vgl. HG 1307). Das Göttliche wird den eigenen Interessen untertan gemacht. Interessant ist der Zusammenhang mit Genesis 3,15: „Er wird dir (= der Schlange) das Haupt niedertreten.“ Swedenborg bringt sowohl das Haupt der Schlange als auch das des Turmes mit der sich ins Maßlose steigernden Herrschgier der Selbstliebe in Verbindung (vgl. HG 257 mit HG 1307).

Der Name, den man sich machen will, ist der Ruf, den man sich erwerben will. Es ist „der Ruf, mächtig zu sein“ (fama potentiae, HG 1308). Das ist das Image, das sich mit dem alles menschliche Maß übersteigenden Turm in den Köpfen der gläubigen Betrachter einprägen soll. Dieser Ruf soll der Auflösung des Lehrkomplexes bis hin zur Bedeutungslosigkeit entgegenwirken. „,Über die Oberfläche der ganzen Erde zerstreut werden‘, heißt aus ihrem Anblick verschwinden, somit nicht angenommen und anerkannt werden.“ (HG 1309).

Fassen wir den inneren Sinn des ersten Teils (11,1-4) der Erzählung zusammen: Die altorientalischen Religionssysteme waren anfangs im wesentlichen einheitlich. Als man jedoch vom Ursprung und Garanten der Einheit, nämlich der geschwisterlichen Verbundenheit, abrückte, veräußerlichte das gesamte Religionswesen. Der Verlust der lebendigen Gotteserfahrung sollte durch eine beeindruckende Lehre überdeckt und gleichsam aufgehoben werden. Doch da das eigene Denken und die eigenen Interessen an die Stelle der alten Überlieferungen und der echten Demut gesetzt wurden, war die pompöse Lehre im Kern nichts weiter als ein Ausdruck der Entthronung Gottes. Doch auf diese Weise hatte man Macht über die Gemüter der einfachen Menschen erlangt und glaubte, dem Untergang in die Nichtigkeit des eigenen Seins für immer entgegengewirkt zu haben.

Vers 5. Die Herabkunft Jahwes geschieht zum Gericht. Swedenborg schreibt: „Von Jehovah heißt es, er steige herab, wenn er Gericht hält.“ (HG 1311). Das Haupt des Turmes sollte selbst vor dem Himmel nicht Halt machen. Dieses Bild will sagen, dass das Böse zur Maßlosigkeit tendiert, dass es jede Grenze überschreitet und die höchste Verwirklichung anstrebt. Damit aber wird es reif für das Gericht. Noch einmal Swedenborg: „Von Gericht wird gesprochen, wenn das Böse seine höchste Verwirklichung erreicht hat … alles Böse hat nämlich seine Grenzen, bis zu denen es gehen darf. Sobald es jedoch darüber hinausgeht, verfällt es der Bestrafung des Bösen … und diese heißt dann Gericht.“ (HG 1311, vgl. auch 1857). Doch diese Bestrafung geht nicht von einem höchsten Wesen aus, sondern ist die der bösen Tat innewohnende Folge. „Alles Böse führt seine Strafe mit sich, beide sind miteinander verbunden. Daher gilt, wer im Bösen ist, ist auch in der Strafe des Bösen.“ (HH 509). „Alles Böse hat eine entsprechende Strafe bei sich, die sogenannte Bestrafung des Bösen. Sie ist im Bösen wie etwas mit ihm Verbundenes enthalten.“ (OE 556). Was also in den folgenden Versen als Tat oder Gericht Jahwes dargestellt wird, muss als Folge des Bauvorhabens gedeutet werden.

Das Haupt des Turmes reicht nach menschlicher Vorstellung bis in den Himmel. Dennoch muss Jahwe herabsteigen, um die Stadt und ihr Türmchen überhaupt zu Gesicht zu bekommen. So winzig klein ist menschliche Größe. Der Abstand zwischen Jahwe und den Nachkommen Adams hat sich seit dem Sündenfall sehr vergrößert. Im Garten Eden wandelte Jahwe noch mit dem ersten Menschenpaar auf einer Ebene (Genesis 3,8). Doch nun wohnt er hoch oben, und auch das Türmchen kann diesen Abstand nicht überbrücken.

Vers 6. Die Einheit des Volkes und der Lippe bedeutet, dass „alle in der Glaubenswahrheit und der Lehre eins waren“ (verum fidei et doctrina una omnibus, HG 1316). Das heißt nach Swedenborg nicht unbedingt, dass bei allen dieselben Glaubensinhalte und Lehrsätze waren, denn er führt aus: „,Ein Volk und eine Lippe‘ heißt, alle haben das allgemeine Wohl (bonum) der Gesellschaft, das allgemeine Wohl (bonum) der Kirche und das Reich des Herrn zum Ziel, denn so ist im Ziel der Herr (wirksam), von dem her alle eins sind“ (HG 1316). Man würde Swedenborg mißverstehen, wenn man meinte, die Einheit würde durch die Einheitslehre gewährleistet. Swedenborg sieht das einheitsstiftende Moment im Herrn, in der lebendigen Gotteserfahrung, nicht in der Uniformität von Satzwahrheiten. Das schließt nicht aus, dass die altorientalischen Lehrsysteme wesentliche Gemeinsamkeiten hatten, aber das war nicht der Grund ihrer Verbundenheit. Das war vielmehr der Herrn. Doch dieses einheitsstiftende Moment hatten sie mit ihrem Aufbruch von Osten verlassen. Damit war die Einheit nur noch eine äußerliche, traditionell bedingte, aber nicht mehr eine von innen her gewährleistete.

Der Anfang des Tuns ist im geistigen Verständnis nicht das äußere, zeitliche Beginnen, sondern „der Gedanke oder die Absicht, folglich das beabsichtigte Ziel.“ (HG 1317). Das liegt jedem Realisierungsversuch als innerer Anfang zugrunde. Die Stadt und der Turm beschreiben demnach eine Intention und auch den dazugehörigen entschlossenen Willen.

„Und nun wird von ihnen nichts ferngehalten werden, was sie gedenken zu tun.“ Nachdem sich die Intention, die Stadt mit dem himmelhohen Turm zu bauen, im Gemüt durchgesetzt hat, stehen der Umsetzung dieser Idee keinerlei Bedenken mehr im Weg. Daher wird sich der Zustand ändern (HG 1318). Welche Änderungen oder Folgen aus der Entschlossenheit resultieren, zeigen die folgenden Verse. 

Vers 7. Die Verwirrung der Lippe bedeutet, dass als Folge des Bauvorhabens ein großes Durcheinander im System der Satzwahrheiten entsteht. „Niemand hat das Wahre der Lehre“, denn „verwirren bedeutet im inneren Verständnis nicht nur verfinstern, sondern auch auslöschen (oder vergessen machen) und zerstreuen (oder zerstören), so dass nichts Wahres mehr übrig bleibt.“ (HG 1321). Der Bau der Stadt mit dem Turm versinnbildlicht eine geistige Strukturbildung, der es im Kern darum geht, den Menschen an die Stelle Gottes zu setzen. Die Verwirrung der Lippe ist die unausweichliche Folge dieser Absicht und ihrer Verwirklichung. Der Mensch verliert die Fähigkeit, das metaphysische Wahre zu erkennen. Natürlich kann er mit seinen körperlichen Sinnen nach wie vor die Welt beobachten und beschreiben, aber er kann die Fakten nicht mehr deuten, er kann den Sinn der Zeichen nicht mehr entziffern. Da nun aber dennoch eine gewisse Notwendigkeit besteht, zu Systembildungen zu gelangen, tritt der Pluralismus der Theorieansätze in Erscheinung. „Sobald der selbstbezogene Dienst (cultus sui) an die Stelle des Dienstes für den Herrn (cultus Domini) tritt, wird alles Wahre nicht nur verdreht, sondern vernichtet, und am Ende hält man Falsches für wahr und Böses für gut.“ (HG 1321). In diesem Stimmenwirrwar verliert sich die Bereitschaft auf Andersdenkende zu hören. Dass keiner auf die Lippe des anderen hört, bedeutet „alle sind uneinig oder einer gegen den anderen.“ (HG 1322).

Der Einheit der Lippe steht nicht die Vielheit gegenüber, sondern die Vermengung oder Verwirrung. Zwar darf man Vielheit mit heraushören, denn Verwirrung zieht Auflösung und Zerfall in Einzelteile nach sich, aber der Akzent liegt dennoch auf der Verwirrung der Lippe. Darauf hatte schon Philo von Alexandrien hingewiesen: „… das Ergebnis nannte er Synchysis, obwohl er es doch, hätte er nur die Entstehung der Sprachen darstellen wollen, mit einem treffenderen Ausdruck als Sonderung statt als Synchysis (Zusammengießung) bezeichnet hätte. Denn was geschieden wird, wird nicht zusammengegossen …“[17] Wirres Zeug entsteht, wenn das Licht des Geistes verlischt. In der geistigen Umnachtung werden Begriffe und Begriffssequenzen zwar noch kombiniert, aber nicht mehr im Lichte der Wahrheit, sondern nach eigenem Gutdünken. So entsteht die babylonische Vermengung der Gedanken und Begriffe. Jede intellektuelle Revolution bringt nun zwar ein neues Paradigma hervor, hebt aber das Durcheinander nicht auf, sondern vergrößert es nur noch.

Vers 8. Zerstreuung ist das Gegenteil von Sammlung. Nach der Abkehr von Osten, das heißt der vom Herrn ausgehenden gemeinschaftsbildenden Kraft, soll die Stadt ersatzweise die gemeinschaftsbildende Funktion übernehmen. Doch die Selbstvergötterung (cultus sui) kann nur einen ungeordneten Haufen, jedoch keine Einheit hervorbringen. Das Projekt Großstadt mit Turm endet im Wirrwarr der Meinungen, denen allesamt die universelle Anerkennung versagt bleibt.

Vers 9. Das großartige Lehrgebäude heißt Babel. Dieser Name spielt auf die dort geschehene Verwirrung der Lippe an, das heißt auf die heillose Unordnung der Lehre. Die Zerstreuung der Bauleute über die ganze Erde bedeutet, dass sie als Einheit auseinander fallen, weil sie sich untereinander nicht mehr verstehen. Sie zerfallen in verschiedene Schulen und Richtungen. Gleichzeitig werden sie dadurch aber auch wie Saatgut über das ganze Feld der Erde ausgestreut, so dass die geistige Verwirrung fortan überall aufgehen und alle Gemüter erfassen wird. Es wird lange dauern bis Babylon, die Große fallen wird (Offenbarung 18). Die Zerstreuung der Bauleute am Ende der Urgeschichte bedeutet, dass „die innere Anbetung zunichte geworden ist.“ (HG 1328). Damit ist aber auch das Allerheiligste dem menschlichen Zugriff entzogen, die profane Geschichte kann beginnen.

Fassen wir den inneren Sinn des zweiten Teils (11,5-11) zusammen: Alles menschliche Tun hat Konsequenzen. Die menschlichen Gedankengebäude sind bei weitem nicht so bedeutsam ist, wie es aus irdischer Perspektive den Anschein haben mag. Hinzu kommt, dass gemeinsame Überzeugungen und Lehren zwar in der Regel den Ausgangspunkt von Gemeinschaftsleistungen bilden. Doch wenn die Demut gegenüber dem Höchsten schwindet, und es im Grunde genommen nur noch um größtmögliche Selbstbehauptung und Überheblichkeit geht, dann erlischt die Führung durch das innere Licht des Geistes. Der Gemeinschaftswille zerfällt im Meinungsstreit und der Anspruch, ein allumfassendes System zu finden, kann nicht mehr verwirklicht werden. Das nennt man dann Babel, Gebabbel, weil in diesem Durcheinander der Begriffe und Vorstellungen die Klarheit des Geistes nicht mehr vorhanden ist. Die Zerstreuung in alle möglichen Schulen und Richtungen ist ein Zeichen des Untergangs der inneren Geisteskultur.

Fußnoten

[1]  Zürcher Bibel 1931, Tafelbibel in der Revision von Ludwig H. Tafel (dort ohne Artikel).

[2]  Lutherbibel 1984, Einheitsübersetzung, Elberfelder Bibel 1985.

[3]  Dazu passt, dass der innere Sinn von Babel (HG 1326) und auch vom Turm (HG 1306) der cultus sui ist. Die Bedeutung der Stadt verdichtet sich also im Turm. „Durch den Turm wird hier Babels Beschaffenheit beschrieben.“ (HG 1303).

[4]  Horst Seebass. Genesis, 1. Urgeschichte (1,1 - 11,26). Neukirchen-Vluyn 1996, 269.

[5]  G. L. Bauer, Hebräische Mythologie des alten und neuen Testaments, 1802, 226.

[6]  Vers 1: tota terra bei Swedenborg statt universa terra bei Schmid. Vers 2: vallem statt vallem planam. Vers 3. laterificemus lateres statt formemus lateres. aduramus in adustum statt aduramus in coctile. pro luto statt pro caemento. Vers 4. dispergamur statt dispergi cogamur. Vers 7. audiant statt intelligant. Vers 9. totius terrae statt universae terrae.

[7]  Der Vorschlag von Horst Seebass zur Lösung dieses Problems befriedigt mich nicht. Er übersetzt: „Und es geschah: die ganze Erd(bewohnerschaft) war eine Lippe mit denselben Worten.“ (a.a.O., 270). Das lässt ein Geschehen erwarten. Tatsächlich folgt aber ein Zustand.

[8]  a.a.O, 270.

[9]  Man denke nur an Paulus, für den Adam ein Personenname und somit der erste Mensch war.

[10]  Claus Westermann, Genesis 1-11, 1989, EdF 7, Seite 3.

[11]  Näheres zu den drei Alten Kirchen findet man unter HG 1327.

[12]  Bei Hermann Menge steht „Erdbevölkerung“ und in der Einheitsübersetzung „Menschen“.

[13]  Das Ideal eines einheitlichen, allumfassenden Systems befremdet uns als Kinder der Postmoderne, die wir den weltanschaulichen Pluralismus preisen. Wir empfinden die Vielzahl der Sichtweisen als Freiheit und die Einheit als Zwang. Vielleicht ist aber der Pluralismus nur die freundliche Umschreibung für geistige Blindheit, Beliebigkeit, Orientierungslosigkeit und Sinnlosigkeit. Jedenfalls begann die Menschheit nach der Sintflut mit einem Religions-, Orientierungs- und Wertesystem.

[14]  Von der Deutung des Ostens als der Gegend des Aufgangs der geistigen Sonne des Herrn sind mehrere Bräuche abgeleitet: "Weil der Herr der Osten ist, war es vor dem Bau des Tempels in der vorbildenden jüdischen Kultgemeinschaft ein heiliger Brauch, das Gesicht beim Gebet nach Osten zu wenden." (HG 101). "Aus der Antike wurde vom frühen Christentum der Brauch übernommen, sich beim Gebet der aufsteigenden Sonne = Christus zuzuwenden." (Manfred Lurker, Wörterbuch der Symbolik, 1985, 289).

[15]  Philo von Alexandrien brachte Schinar mit dem hebräischen Verb erschüttern (nun-ajin-resch) in Verbindung: „Die aber von der Tugend weggezogen sind und sich von der Unbesonnenheit leiten ließen, finden einen sehr entsprechenden Ort und lassen sich dort nieder. Der heißt in der Sprache der Hebräer Senaar, der Hellenen aber Erschütterung. Denn erregt, getrübt und erschüttert ist das ganze Leben der Schlechten, ist immer in Aufruhr und Verwirrung und erhält keine Spur des wahrhaft Guten in sich.“ (Über die Verwirrung der Sprachen § 68-69, in: Philo von Alexandrien, Die Werke in deutscher Übersetzung, Berlin 1962, Seite 119). Viktor Mohr (alias M. Kahir) bringt das Land Schinar (schin-nun-ajin-resch) mit dem hebräischen Verb für hassen (sin-nun-aleph) in Verbindung. (Das verlorene Wort, 1960, 53).

[16]  Interessant ist auch die Formulierung: Eine Stadt meint „das menschliche Gemüt hinsichtlich der Wahrheiten“ (mens humana quoad vera, HG 2268).

[17]  Über die Verwirrung der Sprachen § 191, in: Philo von Alexandrien, Die Werke in deutscher Übersetzung, Berlin 1962, Seite 149. 

Abgeschlossen am 22.3.2003. In: Offene Tore 2 (2003) 67-89