
Thomas Noack
"Da der Herr sich nicht in Person offenbaren kann … und doch vorausgesagt hat, dass er kommen und eine neue Kirche, nämlich das neue Jerusalem gründen werde, so folgt, dass er das durch einen Menschen bewirken wird, der die Lehren dieser Kirche nicht nur mit dem Verstand auffassen, sondern auch in Schriften bekannt machen kann. In der Kraft der Wahrheit bezeuge ich, dass der Herr sich mir, seinem Diener, geoffenbart und mich zu diesem Dienst ausgesandt hat, dass er danach das Gesicht meines Geistes öffnete, mich so in die geistige Welt einliess, mir gestattete, die Himmel und Höllen zu sehen und auch mit Engeln und Geistern zu reden, und zwar unausgesetzt schon viele Jahre hindurch. Ebenso bezeuge ich, dass ich vom ersten Tag jener Berufung an gar nichts, was die Lehren jener Kirche betrifft, von irgendeinem Engel empfangen habe, sondern vom Herrn allein, während ich das Wort las." (WCR 779).
"Ich sehe voraus, dass viele Leser das Folgende samt den Visionsberichten nach den einzelnen Kapiteln für Erfindungen der Phantasie halten werden. Doch ich versichere im Namen der Wahrheit, dass es sich dabei keineswegs um Phantasieprodukte handelt, sondern um wirklich Geschehenes und Gesehenes. Auch habe ich es nicht in einem schläfrigen Gemütszustand gesehen, sondern im völligen Wachsein. Denn es hat dem Herrn gefallen, sich mir zu offenbaren und mich zu senden, um die Theologie für jene neue Kirche zu lehren, die in der Apokalypse unter dem neuen Jerusalem verstanden wird. Zu diesem Zweck hat er das Innere meines Gemütes und Geistes geöffnet und mir verliehen, bei den Engeln in der geistigen und zugleich bei den Menschen in der natürlichen Welt zu sein, - und das nun schon seit fünfundzwanzig Jahren." (EL 1)
"Es lebt zu Stockholm ein gewisser Herr Schwedenberg, ohne Amt oder Bedienung, von seinem ziemlich ansehnlichen Vermögen. Seine ganze Beschäftigung besteht darin, daß er, wie er selbst sagt, schon seit mehr als zwanzig Jahren mit Geistern und abgeschiedenen Seelen im genauesten Umgange stehet, von ihnen Nachrichten aus der andern Welt einholet und ihnen dagegen welche aus der gegenwärtigen erteilt, große Bände über seine Entdeckungen abfaßt und bisweilen nach London reiset, um die Ausgabe derselben zu besorgen. Er ist eben nicht zurückhaltend mit seinen Geheimnissen, spricht mit jedermann frei davon, scheint vollkommen von dem, was er vorgibt, überredet zu sein, ohne einigen Anschein eines angelegten Betruges oder Charlatanerie. So wie er, wenn man ihm selbst glauben darf, der Erzgeisterseher unter allen Geistersehern ist, so ist er auch sicherlich der Erzphantast unter allen Phantasten, man mag ihn nun aus der Beschreibung derer, welche ihn kennen, oder aus seinen Schriften beurteilen … Das große Werk dieses Schriftstellers enthält acht Quartbände voll Unsinn, welche er unter dem Titel: Arcana caelestia, der Welt als eine neue Offenbarung vorlegt …"[1]
Der Königsberger Philosoph hat dem Ansehen Swedenborgs in der gelehrten Welt geschadet. Dabei war Kant in seinem Urteil über ihn durchaus noch gespalten. Denn 1763 schrieb er an Charlotte von Knobloch: "Swedenborg ist ein vernünftiger, gefälliger und offenherziger Mann."[2] Und Jahre nach den "Träumen eines Geistersehers" hielt der "Alleszermalmer" Vorlesungen über rationale Psychologie. Darin nähert er sich der Lehre des "Erzphantasten" sogar so weit an, dass er sie "sehr erhaben"[3] nennt und seine eigenen metaphysischen Vorstellungen vom Zustand der Seele nach dem Tod denen Swedenborgs angleicht.
Der Seher wurde wegen seiner paranormalen Begabung oft für krank erklärt. So diagnostizierte der italienische Psychiater und Kriminologe Cesare Lombroso eine "Megalomanie mit religiösem halluzinatorischem Irresein"[4]. Der Existenzphilosoph Karl Jaspers entschied sich für eine "Schizophrenie"[5]. Der Direktor der Nervenklinik der Charité Berlin Karl Leonhardt bezeichnete diese genauer als eine "konfabulatorisch-phonemische Paraphrenie"[6]. Elizabeth Foote-Smith hingegen tippte auf eine "Temporallappen-Epilepsie"[7].
"Dazu wünschen wir ihm (Lavater) innige Gemeinschaft mit dem gewürdigten Seher unserer Zeiten, rings um den die Freude des Himmels war, zu dem Geister durch alle Sinnen und Glieder sprachen, in dessen Busen die Engel wohnten …"[8]
"Jetzt erst erkenn ich, was der Weise spricht:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen,
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot,
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird’sche Brust im Morgenrot."[9]
"Der Unglaube der Welt hat Gott bewegt, einen berühmten Philosophum zu einem Verkündiger himmlischer Nachrichten zu machen. Dieser Philosoph hat seiner Imagination durch die Mathematik Einhalt gethan. Man sage demnach nicht, dass es blose Einbildungen seyen. Standhaffte Erfahrungen sind keine Einbildungen."[10]
"Der Swedenborgianismus, der im christlichen Sinn nichts ist als eine Wiederholung alter Ideen, ist meine Religion."[11]
"Denn wenn auch die Religionen unendlich viele Formen haben, so haben sich doch weder ihre Bedeutungen noch ihre metaphysischen Konstruktionen jemals geändert. Schliesslich hat der Mensch immer nur eine einzige Religion gehabt … Swedenborg nimmt auf, was Magie, Brahmanismus, Buddhismus und christliche Mystik, diesen vier grossen Religionen gemein, was an ihnen echt und göttlich ist und gibt ihren Lehren sozusagen mathematische Begründungen."[12]
"Swedenborg ist eine grundehrliche Haut, und glaubwürdig sind seine Berichte über die andere Welt … Der grosse skandinavische Seher begriff die Einheit und Unteilbarkeit unserer Existenz, so wie er auch die unveräusserlichen Individualitätsrechte des Menschen ganz richtig erkannte und anerkannte. Die Fortdauer nach dem Tode ist bei ihm kein idealer Mummenschanz, wo wir neue Jacken und einen neuen Menschen anziehen; Mensch und Kostüm bleiben bei ihm unverändert."[13]
"Swedenborgs Werk ist unermesslich umfassend, und er hat mir auf alle meine Fragen geantwortet, wie drängend sie auch gewesen sein mögen. Unruhevolle Seele, leidendes Herz, nimm und lies!"[14]
"Meine ganze Lehre gründet sich auf Hahnemann und Swedenborg; ihre Lehren entsprechen sich vollkommen."[15]
"Swedenborg war ein grosser Mann, ein Philosoph, Wissenschafter und vor allem ein Seher klarer Gesichte. Ich spreche oft mit ihm in meinen Visionen. Er nimmt in der geistigen Welt eine hohe Stellung ein. Er ist ein herrlicher Mann, aber bescheiden und immer bereit zu dienen. Auch ich sehe wunderbare Dinge in der geistigen Welt, kann sie aber nicht mit der Genauigkeit und Gewandtheit beschreiben wie Swedenborg. Er ist eine hochbegabte und wohlgeschulte Seele. Nachdem ich seine Bücher gelesen habe und mit ihm in der geistigen Welt in persönliche Beziehung gekommen bin, kann ich ihn unbedingt als einen grossen Seher empfehlen."[16]
"Swedenborgs Botschaft hat mir so viel bedeutet. Sie hat meinem Denken über das zukünftige Leben Farbe und Wirklichkeit und Einheit verliehen. Sie hat meine Begriffe von Liebe, Wahrheit und nützlichem Tun emporgehoben. Sie ist mir der stärkste Antrieb gewesen, meine Beschränkungen zu überwinden."[17] "Er war ein Sehender unter Blinden, ein Hörender unter Tauben, die Stimme eines Rufenden in der Wüste mit einer Sprache, die niemand verstand."[18]
"Ich lese jetzt Swedenborg. Mir vergeht der Atem dabei. Das ist unerhört. Ich habe Kolossales erwartet, aber es ist noch mehr."[19]
"Ich bewundere Swedenborg als einen grossen Wissenschafter und als grossen Mystiker zugleich. Sein Leben und sein Werk sind für mich immer von grossem Interesse gewesen, und ich habe etwa sieben dicke Bände seiner Schriften gelesen, als ich Medizinstudent war."[20]
"Swedenborgs theologische Lehre ähnelt der des Buddhismus sehr. Wir sollen das Eigene verlassen (die Illusion der Führung durch das eigene Ich). Erlösung beruht auf der Übereinstimmung von Glaube und Tat. Das Göttliche ist seinem Wesen nach Weisheit und Liebe, doch die Liebe ist höher und tiefer als die Weisheit. Die göttliche Vorsehung gewinnt über alles die Oberhand, über das Grosse und das Kleine. Nichts in der Welt ist zufällig. Die göttliche Vorsehung ist in jedem Jota enthalten, in dem die Verwirklichung der Liebe und Weisheit erkennbar ist. Jeder dieser Punkte dürfte Schüler der Religion interessieren, besonders aber Buddhisten."[21]
"Swedenborg war ein echter Visionär von einem charismatischen Typus, der sich durch die ganze Geschichte der christlichen Propheten und Visionäre vom Verfasser der Johannesapokalypse über Hermas und die mittelalterlichen Visionäre wie Joachim de Fiore bis ins 17. und 18. Jahrhundert verfolgen lässt. Wollte man seine Offenbarungen als Wahnsinn ablehnen, weil sie sich auf Visionen berufen, so müsste man gleichermassen alle christlichen Visionäre einschliesslich des Autors der Johannes-Offenbarungen als Wahnsinn ablehnen."[22]
"Ich hoffe, dass ich eines Tages eine lange vergleichende Studie über die spirituelle Auslegung der Bibel und des Korans vollenden kann. Aber ach, in unseren Tagen hat das historische Bewusstsein ein solches Gewicht, dass es etwas vom schwierigsten sein wird, das verständlich zu machen … und Ihnen im Vertrauen gesagt, es ist unser lieber Swedenborg, der mich auf diese Dinge aufmerksam gemacht hat."[23]
"In der Geschichte der Rebellion des Menschen gegen Gott und gegen die Ordnung der Natur ragt Swedenborg als ein Heiler hervor, der die Siegel der heiligen Bücher brechen und so die Rebellion überflüssig machen wollte."[24]
[1] Immanuel Kant "Träume eines Geistersehers" 1766
[2] Brief von Immanuel Kant an Charlotte von Knobloch vom 10. August 1763
[3] Carl du Prel "Immanuel Kants Vorlesungen über Psychologie" 1964 Seite 154
[4] Wilhelm Lange-Eichbaum "Genie, Irrsinn und Ruhm" 1989 Band 6 Seite 168
[5] Karl Jaspers "Strindberg und van Gogh: Versuch einer pathographischen Analyse unter Heranziehung von Swedenborg und Hölderlin" 1949 Seite 109
[6] Karl Leonhard "Bedeutende Persönlichkeiten in ihren psychischen Krankheiten" 1992 Seite 264
[7] Elizabeth Foote-Smith "Emanuel Swedenborg: historical note" in: "Epilepsia" 1996 Seite 211-218
[8] Johann Wolfgang von Goethe 1773 in den "Frankfurter Anzeigen" am Schluss der Rezension von Lavaters "Aussichten in die Ewigkeit"
[9] Johann Wolfgang von Goethe im "Faust"
[10] Friedrich Christoph Oetinger in der Vorrede zu "Swedenborgs und anderer Irrdische und Himmlische Philosophie" 1765
[11] Brief von Honoré de Balzac an Madame Hanska vom 8. Juni 1837
[12] Honoré de Balzac in "Louis Lambert"
[13] Heinrich Heine im Nachwort zum "Romanzero"
[14] August Strindberg zitiert nach "Offene Tore" 1969 Seite 62
[15] Zitiert nach Emiel van Galen "Zeitschrift für Klassische Homöopathie" 39 (1995) 1 Seite 27
[16] Sadhu Sundar Singh zitiert nach "Offene Tore" 1983 Seite 195
[17] Helen Keller "Light in my Darkness" 2000 Seite 144
[18] Helen Keller "Licht in mein Dunkel" 1997 Seite 20
[19] Brief von Anton von Webern an Arnold Schönberg vom 30. Oktober 1913
[20] "Die Neue Kirche: Monatblätter für fortschrittliches religiöses Denken und Leben" September 1947 Seite 86
[21] James F. Lawrence "Testimony to the Invisible" 1995 Seite 177
[22] Ernst Benz "Emanuel Swedenborg: Naturforscher und Seher" 1969 Seite 535
[23] Henry Corbin in "Offene Tore" 1994 Seite 34
[24] James F. Lawrence "Testimony to the Invisible" 1995 Seite 46
Veröffentlicht in: Offene Tore 3 (2002) 140-146