Navigation

Zur Hauptseite

Download

doc

pdf

Layout

Textlayout

Standard B

Swedenborg und Lorber

Zum Verhältnis zweier Offenbarungen

Thomas Noack

Die Werke Swedenborgs und Lorbers wollen göttliche Offenbarungen sein. Daraus folgt: Sie wollen von derselben göttlichen Wahrheit zeugen. Doch diese Einheit der Lehren ist umstritten. Alle denkbaren Theorien werden vertreten. Die einen sagen: Swedenborg und Lorber stimmen vollkommen überein. Die anderen sehen neben Gemeinsamkeiten auch Unterschiede. Und für die dritte Gruppe sind Swedenborg und Lorber unvereinbare Gegensätze. Im folgenden formuliere ich meinen Standpunkt in dieser Angelegenheit.

Die Tatsache, daß so unterschiedliche Ansichten vertreten werden, ist ein Hinweis darauf, daß dieser Vergleich mit besonderen Problemen behaftet ist. Die wichtigsten scheinen mir zu sein: Erstens: Der Umfang der Werke Swedenborgs und Lorbers. Er bewirkt, daß es nur wenige Kenner beider Lehren gibt. Zweitens: Der Offenbarungscharakter. Er führt zu der Frage: Läßt sich der Wahrheitsgehalt von Offenbarungen überhaupt prüfen? Oder muß das von oben Gegebene als gegeben hingenommen werden? Das ist das Problem der Offenbarungskritik[1]. Drittens: Die unterschiedliche Beschaffenheit. Swedenborg ist keineswegs nur ein Vorläufer Lorbers; und Lorber keineswegs nur eine Neuauflage Swedenborgs. Beide Werke sind von ganz eigener Art. Der originäre Charakter darf nicht übersehen oder verwischt werden. Aber wie ist er zu beurteilen? Sind die beobachtbaren Unterschiede Widersprüche oder einander ergänzende Sichtweisen einer Wahrheit, die uns nur in ihren Scheinbarkeiten[2] zugänglich ist? Verträgt die Wirklichkeit des Geistes nur eine Darstellung? Oder muß sie nicht für unsere Wahrnehmung in verschiedene Aspekte zerfallen? Paradoxe Aspekte, die aber so und so ausgesagt werden müssen, wenn das Ganze auf der begrifflichen Ebene zur Erscheinung kommen soll? Ich denke an das Licht, - bekanntlich eine Entsprechung des Wahren; es kann sich als Welle oder Teilchen zeigen. An sich ein Widerspruch! Aber im Interesse der offenbar höheren Wirklichkeit des Lichtes muß er ausgehalten werden. Viertens: Das kommunikative Problem. Die Auseinandersetzungen neukirchlicher Geistlicher mit dem Lorberschrifttum waren seit den Anfängen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts höchst polemisch und ablehnend. Erst in der Mitte unseres Jahrhunderts wurde die Diskussion sachlicher. Jedoch glaubte man, den geistigen Aussagegehalt des Lorberschrifttums nicht beurteilen zu können; so kam das eigentlich interessante Gespräch wieder nicht zustande. Hinzu kommt: Wer als Swedenborgianer eine Aufgeschlossenheit oder gar positive Grundeinstellung den Lorberschriften gegenüber erkennen läßt, setzt sich schnell dem Vorwurf aus, eigentlich ein Lorberianer zu sein. Von daher ist auch die Tatsache erklärlich, daß - obwohl die Wirkungsgeschichte Swedenborgs von seinen Anhängern schon immer intensiv erforscht wurde - das Lorberschrifttum trotz offenkundiger Parallelen bisher keiner gründlichen Untersuchung gewürdigt wurde. Andererseits findet in Lorberkreisen eine Swedenborgrezeption statt. Sie geschieht zwar oft unter dem Eindruck der Höherwertigkeit der Lorberoffenbarung und ist teilweise sicher selektiv und einseitig. Sie ist aber immerhin von einer grundsätzlichen Anerkennung Swedenborgs getragen. Das hängt mit den zahlreichen positiven Erwähnungen Swedenborgs im Lorberwerk zusammen. Das kommunikative Problem ergibt sich aus der Einseitigkeit der Rezeption. Die Swedenborgianer sollten sich einen eigenständigen Zugang zum Lorberwerk erarbeiten. Das Proprium einer neukirchlichen Herangehensweise kann im Nunc licet gesehen werden. Swedenborg sah in der geistigen Welt den Tempel der neuen Kirche und über dem Tor die Inschrift: Nunc licet. Nun ist es erlaubt mit Verstand in die Geheimnisse des Glaubens einzutreten (WCR 508). Das Zeitalter der Erleuchtung ist angebrochen (HG 4402).[3] Die Strahlen der Morgenröte fallen bereits in die Täler und Vertiefungen der Welt (= des äußeren Denkens) herein (GS I.16.3). Demnach muß es möglich sein, gerade auch den geistigen Aussagegehalt des Lorberwerkes zu beurteilen. So gesehen ist es für Swedenborgianer ein Testfall des Nunc licet.

Doch wie können angebliche Offenbarungen hinsichtlich ihres Wahrheitswertes beurteilt werden? Meines Erachtens nicht durch den Erkenntnisweg der konsequenten Infragestellung (des wissenschaftlichen oder methodischen Zweifels). Swedenborg stand in einer anderen Tradition; in jener alten, die vom Glauben ausgehend zum Verständnis des Geglaubten gelangen wollte. Sie ist mit den Namen Augustin (gest. 430) und Anselm von Canterbury (gest. 1109) verbunden. Augustin prägte das Motto: credo ut intelligam (ich glaube, um zu verstehen). Und Anselm formulierte das Leitwort der Scholastik: fides quaerens intellectum (der Glaube, der das Verstehen sucht). Und Swedenborg schließlich schaute den schon genannten Wahlspruch der neuen Kirche: Nun ist es erlaubt mit Verstand in die Geheimnisse des Glaubens einzutreten. Swedenborg ist die Erfüllung der abendländischen Hoffnung: Der Glaube werde eines Tages im Lichte verklärt. Swedenborgs Denken ist Denken aus Glauben. Nur so erschließen sich uns nach seiner Überzeugung Offenbarungen. Swedenborg wollte "Himmlische Geheimnisse" für den Verstand begreiflich auslegen und konnte dies nur, weil er der biblischen Offenbarung einen Vertrauensvorschuß entgegenbrachte:

"Die Lehrgegenstände des Glaubens, wie auch das Wort [= die schriftlich fixierte Offenbarung], waren ohne die innere Wahrnehmung vielfach von der Art, daß man sie nicht glauben konnte. Die geistigen und himmlischen Dinge übersteigen nämlich das menschliche Fassungsvermögen unendlich, daher ja auch das Vernünfteln. Doch wer nicht glauben will, bevor er es erfaßt, kann nie glauben." (HG 1071). "Von der Vernunft auf die Glaubenslehre blicken bedeutet dem Wort oder seiner Lehre erst dann glauben, wenn man aufgrund vernünftiger Erwägungen überzeugt ist, daß es sich so verhält. Hingegen von der Glaubenslehre auf die Vernunft blicken bedeutet dem Wort und seiner Lehre erst glauben und sie dann durch vernünftige Überlegungen bekräftigen. Die erste Ordnung ist verdreht und bewirkt, daß man nichts glaubt. Die zweite ist richtig und bewirkt, daß man besser glaubt ... Es gibt also zwei Prinzipien: das eine führt zu Torheit und Unsinn; das andere zu Einsicht und Weisheit." (HG 2568). "Solange man bei der Streitfrage, ob es sei und ob es so sei, stehen bleibt [= der methodische Zweifel], kann man in der Weisheit keinerlei Fortschritte machen. ... Die heutige Bildung geht über diese Grenzen, nämlich ob es sei und ob es so sei, kaum hinaus. Deswegen sind ihre Vertreter auch von der Einsicht in das Wahre ausgeschlossen." (HG 3428).

Hier zeigt sich ein Dilemma. Man kann die Offenbarungen durch Lorber vom Standpunkt des Glaubens verstehen wollen und sich dabei auf Swedenborg berufen. Denn der Glaube ist der Anfang des Verstehens. Bei dieser Entscheidung wird man aber mit dem Einwand konfrontiert, daß dann jeder sogenannten Offenbarung zu glauben sei. Doch das ist nicht der Fall. Auch diejenigen, die diesen Einwand vorbringen, werden in der Wirklichkeit ihres Tätigseins nicht jeder Offenbarung folgen und sollten sich fragen: Warum? Wahrscheinlich, weil auch sie sich von ihrem Gespür für das Wahre leiten lassen. Es ist zwar subjektiv, kann uns auch verleiten, sollte entwickelt werden; aber es ist der Kompaß unserer Wahrheitssuche. Der Glaube ist der Anfang des Verstehens; aber das heißt nicht, daß wir den gesamten Markt der Möglichkeiten konsumieren sollen. Gemeint ist nur, daß die intellektuelle Mode der generellen Infragestellung in Sachen Lebensweisheit zu keinen Fortschritten führt. Oder positiv formuliert: Wir können uns nur dem Gespür für das Wahre anvertrauen. Da es jedoch subjektiv ist, lohnt sich der Streit darüber nicht, wie entwickelt oder unentwickelt es bei dem einen oder anderen ist. Deswegen beschränke ich mich in der äußeren Gesprächspraxis auf die Forderung, daß jeder seinen geistigen Standpunkt offenlegen soll. Meine Position ist die Glaubensbereitschaft gegenüber beiden Offenbarungen und der Versuch der Zusammenschau, soweit es das Verstehen zuläßt. Der Glaube ist die Voraussetzung dieses Unternehmens; das Verstehen die Grenze. Auf dem Prüfstand steht die Frage: Ist das Nunc licet praktizierbar? Oder ist diese Vision vielleicht doch nur eine Illusion?

Unterschiede sind nicht immer auch Widersprüche. Zwei Modelle mögen das veranschaulichen. Das erste besagt: Der Standpunkt bestimmt die Wahrnehmung. Damit ist nicht nur der des Interpreten, sondern auch der einer Offenbarung gemeint. Beispiele für die Relativität der Anschauungen sind: Ein Bahnreisender kann nicht sofort erkennen, ob sich nun sein Zug oder der auf dem Nebengleis bewegt. Vom Bahnsteig aus wäre diese Frage leichter zu beantworten. Oder: Die Sirene eines vorbeirasenden Krankenwagens hört sich anders an, je nachdem ob er sich auf den Hörer zu- oder von ihm wegbewegt. Oder: Daß die Sonne im Osten aufgeht und im Westen untergeht, ist nur vom Standpunkt der Erde aus eine nachvollziehbare Wahrheit. Oder: Ob das Glas auf dem Tisch vor oder hinter der Flasche steht, hängt vom Sitzplatz des Betrachters ab. Oder: Ob dieses Glas halb voll oder halb leer ist, hängt von der Gemütsverfassung des Dasitzenden ab. Die Beispiele ließen sich vermehren. Sie zeigen: Ein gleichbleibender Sachverhalt kann unterschiedlich wahrgenommen werden. Es ist immer auch zu fragen: Von wo aus erscheint die Wahrheit so und nicht anders? Diese Einsicht ist für die Beurteilung bestimmter Unterschiede bei Swedenborg und Lorber wichtig. Das zweite Modell besagt: Scheinbar unvereinbare Objekte sind in einer höheren Dimension vereinbar. So sind Kreis und Rechteck auf der Ebene nicht zur Deckung zu bringen; aber im Zylinder können sie dennoch eins sein. Von dreidimensionalen Gebäuden kann man nur zweidimensionale Fotos machen. Folglich kann man das Gebäude nicht erhalten, indem man die Fotos einfach nur übereinanderlegt. Und dennoch kann jeder im Geiste das unanschaubare Ganze erschauen. Die Synthese ist ein geistiger Akt, der sich auf der Verbalebene nicht oder höchstens uneigentlich demonstrieren läßt. Meines Erachtens sind die äußeren Offenbarungstexte und das daher stammende Glaubenswissen lediglich die Gehirnbilder (Engramme) einer höheren Wirklichkeit. Die Synthese hingegen ist ein unvermittelbarer Akt des inneren Schauens. Vielleicht meinte Swedenborg das, als er schrieb: Die Kenntnisse sind nur die Gefäße des Guten und Wahren (HG 7920). Die Erfüllung des Wissens ist nicht das Wissen, sondern die innere Schau aus der Wirklichkeit der Liebe und des Lebens in uns. Daher liegt die Zusammenschau Swedenborgs und Lorbers jenseits aller handwerklichen Beweisbarkeit; sie ist ein schöpferischer Akt, der nicht nur das Erkannte, sondern auch den Erkennenden verändert.

Die Synthese kann nur gelingen, wenn auch die Unterschiede wahrgenommen werden. Daher ist sie gerade nicht eine simple Vereinheitlichung der Offenbarungen; auch wenn oft einseitig nur die Gemeinsamkeiten oder einseitig nur die Unterschiede gesehen werden. Durch die einäugige Betrachtung geht das Besondere des Vergleichs verloren. Worin besteht der je eigene Standpunkt bei Swedenborg und Lorber? Erstens: Swedenborg entdeckt im äußeren Wort der Bibel die innere Wirklichkeit (gemeint ist der innere Sinn und die Jenseitsschau); Lorber hingegen empfängt durch das innere Wort ein Bild der äußeren oder erscheinlichen Wirklichkeit. Der Begriff äußere Wirklichkeit als Gegenstand der Offenbarung durch Lorber ist erklärungsbedürftig. Gemeint ist die historische, dialogische und erscheinliche Darstellungsweise. So wird die äußere Geschichte der Urkirche (Haushaltung Gottes) und des irdischen Jesus (Jugend Jesu, Großes Evangelium) berichtet. In diesem Sinne beschreiben auch die Jenseitswerke Lorbers die äußerlich erscheinliche Wirklichkeit des jenseitigen Lebens in Form von Jenseitsbiographien. Und immer werden die Einsichten im Dialog entfaltet. Die gegenläufigen Betrachtungsrichtungen wirken sich auf die Ansichten der Realität des Wahren bei Swedenborg und Lorber aus. Das spiegelverkehrte Verhältnis muß spiegelverkehrte Bilder produzieren. Zweitens: Der Seher Swedenborg schaut eher von der Erde in die unermeßlichen Weiten der geistigen Welt. Ihn interessiert die Frage: Wohin gehen Mensch und Menschheit? Lorber hingegen blickt eher in die andere Richtung: Woher kommen Mensch und Menschheit und das ganze Schöpfungsdrama? Freilich fehlt das Wohin bei Lorber nicht. Aber bezeichnend für das Werk des Schreibknechts ist das Interesse an der materiellen Schöpfung. Schon bevor er das innere Wort erstmals hörte, wanderte er mit seinem Tubus auf den Schloßberg von Graz und betrachtete die Planeten und den Sternenhimmel. Sein Biograph Karl Gottfried Ritter von Leitner notierte: "Besonderes Interesse hegte er auch für die Astronomie."[4] Lorber schaute in die unermeßlichen Tiefen der natürlichen Welt. Drittens: Swedenborg und Lorber wollen ein unterschiedliches Erkenntnisorgan erreichen. Swedenborg will den Verstand des Gemüts ansprechen (Nunc licet intellectualiter usw.); Lorber will die Antwort ins Herz legen (HGt I.1.1). Beide wenden sie sich an den Geist. Doch dessen Lokalisation ist grundverschieden. Swedenborg, der von der Gehirnforschung herkam, fand ihn im Gehirn; wenngleich man hinzufügen muß, daß er kein Intellektueller war. Der Musiker Lorber spürte die Regungen des Geistes im Herzen. Viertens: Swedenborgs Schriften sind exegetisch und systematisch-theologisch; Lorbers Schriften sind dialogisch. Im Dialog läßt sich die Wahrheit nicht dozieren, nur entdecken, wenn man sich und seine Fragen in das Gespräch einbringt.

Ausgehend von diesen Grundsatzüberlegungen werde ich mich nun der Gottesvorstellung bei Swedenborg und Lorber zuwenden und ihrer anthropologischen Konsequenz, das heißt der Frage: wie verhält sich die Idee des Geistfunkens (Lorber) zu derjenigen des Einflusses (Swedenborg). Die Beschränkung auf diese beiden Themenschwerpunkte ist sachlich gerechtfertigt, denn die Gottesidee ist die Seele der gesamten Theologie und durchdringt alles Folgende (EO 839, WCR 5) und somit auch die Anschauung vom Menschen. Außerdem beziehe ich mich mit dieser Themenauswahl auf die in Offene Tore 2/1998 veröffentlichte Gegenüberstellung von Alfred Dicker.

In der "Wahren Christlichen Religion" schreibt Swedenborg: "Der Hauptgegenstand (principale objectum) dieses Werkes ist der Nachweis, daß im Herrn die göttliche Trinität verbunden ist." (WCR 108). Dieses Anliegen erzeugte einen Widerschein in den Lorberschriften. In "Jenseits der Schwelle" heißt es von einem Sterbenden: Er glaubte fest, "daß Jesus der eigentliche Jehova ist, denn er lernte solches aus Swedenborgs Werken"[5]. Und ein anderer jenseitiger Geist hoffte vom Herrn zu erfahren, "ob an deiner ... durch einen gewissen Swedenborg im 18. Jahrhundert sogar mathematisch erwiesen sein sollenden Gottheit etwas daran sei" (RB I.17.12). Diese Spiegelungen des swedenborgschen Hauptanliegens im Lorberwerk lassen bereits vermuten, daß dessen Gottesidee so verschieden von derjenigen Swedenborgs wohl doch nicht sein kann.

Das Credo der neuen Kirche, daß Jesus Christus selbst der eine Gott ist, der Herr von Ewigkeit, der die menschliche Natur angenommen und verherrlicht hat (WCR 2), ist auch im Lorberwerk das Fundament: "Jesus Christus ist der alleinige Gott und Herr aller Himmel und aller Welten!" (GS I.74.14). "Jesus ist der wahrhaftige, allereigentlichste, wesenhafte Gott als Mensch" (GS II.13.3). "Ich Christus bin der einzige Gott!" (Ev VIII.26.7). Der durch das Nicaenum (325 n.Chr.) verdrängte und durch Swedenborg erneuerte apostolische Glaube, der noch keinen Sohn von Ewigkeit her kannte (WCR 175), vielmehr unter dem Sohn "das Menschliche, durch das sich Gott in die Welt sandte" (WCR 92-94) verstand, durchzieht auch das Große Evangelium: "Ich bin, als nun ein Mensch im Fleische vor euch, der Sohn und bin niemals von einem andern als nur von Mir selbst gezeugt worden und bin eben darum Mein höchsteigener Vater von Ewigkeit" (Ev VIII.27.2). "Als den Sohn ... erkenne ich [Johannes] nur Seinen Leib insoweit, als er ein Mittel zum Zwecke ist" (Ev IV.88.5). Der "Leib" Christi ist der "Sohn Gottes" (Ev X.195.3). Den Schlachtruf der nicaenischen Orthodoxie: "eine Wesenheit in drei Hypostasen oder Personen"[6], der im Mittelalter zu immer gröberen Trinitätsabbildungen (z.B. dreiköpfige Gottesdarstellungen) führte, lehnen Swedenborg und Lorber gleichermaßen ab: Swedenborg: "Gott ist dem Wesen und der Person nach Einer." (WCR 2b). Und Lorber: Der "Herr" "ist" "Einer" "und also auch nur eine Person". (GS I.51.15; vgl. auch Ev VIII.27.2). Folglich wird die dreipersönliche Trinitätslehre durch die einpersönliche ersetzt: Swedenborg: "Vater, Sohn und Heiliger Geist sind die drei Wesenselemente (essentialia) des einen Gottes, die ebenso eine Einheit bilden wie Seele, Leib und Wirksamkeit beim Menschen." (WCR 166-169). "Wer von der Gottheit die Vorstellung Dreier in einer Person (Trium in una Persona) hat, kann die Vorstellung eines Gottes haben." (NJ 289). Und Lorber: "Wir halten dafür ... daß Gott nur eine einzige Person ist, welche Person aber in Sich Selbst eigentlich sozusagen aus drei Göttern besteht. Tres in unum!" (RB II.270.8). Die drei Wesensschichten im Herrn sind "das Göttliche" (Vater), "das Göttlich-Menschliche" (Sohn) und "das ausgehende Göttliche" (HL. Geist): Swedenborg: "Das Dreifaltige im Herrn ist das Göttliche selbst, welches der Vater heißt, das Göttlich-Menschliche, welches der Sohn, und das ausgehende Göttliche, welches der Heilige Geist (heißt), und dieses Dreifache Göttliche ist Eines." (zwischen HH 86 und 87). Und Lorber: "Ich bin der alleinige, ewige Gott in Meiner dreieinigen Natur als Vater Meinem Göttlichen nach, als Sohn Meinem vollkommen Menschlichen nach und als Geist allem Leben, Wirken und Erkennen nach." (HGt I.2.10). Die Wesensschichten können auch Liebe (Vater), Weisheit (Sohn) und Willenswirksamkeit (Hl. Geist) genannt werden: Swedenborg: "Weil sich alles und jedes im Himmel, beim Menschen, ja in der ganzen Natur auf das Gute und Wahre bezieht, darum wird auch das Göttliche des Herrn unterschieden in das Göttlich Gute und das Göttlich Wahre. Das Göttlich Gute des Herrn wird Vater genannt, das Göttlich Wahre Sohn." (HG 3704). Und Lorber: Jesus Christus "ist in Sich allein Seiner ewigen unendlichen Liebe zufolge der Vater, und Seiner unendlichen Weisheit zufolge der Sohn, und Seiner ewig allmächtigen unantastbaren Heiligkeit zufolge der Heilige Geist selbst" (GS I.74.14). "Der Vater, Ich als Sohn und der Heilige Geist sind unterscheidbar eines und dasselbe von Ewigkeit. Der Vater in Mir ist die ewige Liebe ... Ich als der Sohn bin das Licht und die Weisheit ... Damit aber das alles gemacht werden kann, dazu gehört noch der mächigste Wille Gottes, und das ist eben der Heilige Geist in Gott" (Ev VI.230.2-5).

Der Folgeirrtum des in die Präexistenz verlagerten Sohnes war, nach Abschluß der trinitarischen Debatte im 4. Jhd., die Zwei-Naturen-Lehre des 5. Jhds. Swedenborg ersetzte sie durch seine Christologie der Verherrlichung. Demnach kann von einem unversehrten Fortbestehen der durch Maria empfangenen menschlichen Natur des Erlösers keine Rede sein; vielmehr zog er dieses Menschliche aus und das Göttlich-Menschliche an (WCR 94). Diese dynamische Christologie ist auch bei Lorber vorhanden, allerdings nicht so eingehend ausgeführt, weil das Lorberwerk - wie gesagt - mehr an der äußeren Jesusgeschichte interessiert ist. Dennoch ist zu lesen: "Dieses Wesen [der Liebe Gottes] ist das Göttlich-Menschliche, oder es ist der dir undenkbare Gott in Seiner Wesenheit ein vollkommener Mensch" (GS II.60.16). "Daher sprach Ich nach des Judas Fortgang: 'Nun ist des Menschen Sohn verklärt, und Gott ist verklärt in Ihm. Ist Gott verklärt in Ihm, so wird Ihn Gott auch verklären in Sich Selbst und wird Ihn bald verklären!' [Joh 13.31f] Das heißt also: Der Menschensohn wird wahrhaft Gottes Sohn sein, und der Vater wird Sich bald für alle Ewigkeit mit Ihm vereinen." (Ev XI.71). "Ich werde nun auch dieses Menschliche ... noch auf dieser Welt ... ganz in Mein Urgöttliches verkehren und sodann auffahren zu Meinem Gott, der in Mir ist" (Ev VI.231.6). Diese Übersicht sollte zeigen: Gerade in der für alles weitere bestimmenden Gottesanschauung sind sich Swedenborg und Lorber sehr ähnlich.

Dennoch gibt es dort auch einen Unterschied, der im Menschenbild bei Lorber sein Äquivalent in der Idee des Gottesfunkens hat. Wie ist die Inkarnation des Göttlichen zu denken? Zunächst gemeinsam bei Swedenborg und Lorber ist die Vorstellung der Gottessonne. Swedenborg: "Die göttliche Liebe und Weisheit erscheinen in der geistigen Welt als Sonne." (GLW 83). "Jene Sonne ist nicht Gott, sondern das, was aus der göttlichen Liebe und Weisheit des Gottmenschen hervorgeht." (GLW 93). Und Lorber: "Gott ... wohnt in einem unzugänglichen Lichte, das in der Welt der Geister die Gnadensonne genannt wird. Diese Gnadensonne aber ist nicht Gott selbst, sondern sie ist nur das Auswirkende Seiner Liebe und Weisheit." (Ev VI.88.3; vgl. auch RB II.283.13). Während diese Sonne nun aber bei Swedenborg nur im Zusammenhang von Schöpfung und Jenseits genannt wird, erklärt sie bei Lorber auch die Menschwerdung Gottes. Denn das "wesenhafte Zentrum Gottes" (GS II.13.2) wurde Mensch: "Ich, der unendliche, ewige Gott" nahm "für das Hauptlebenszentrum Meines göttlichen Seins Fleisch an, um Mich euch, Meinen Kindern, als schau- und fühlbarer Vater zu präsentieren" (Ev IV.255.4; vgl. auch Ev IV.122.6-8 und GS II.13.8). So wohnte in Jesus "die Fülle der Gottheit körperlich" (Kol 2,9), indem in seiner Person ein Dreifaches war: das göttliche Wesenszentrum, die Seele Jesu und sein fleischlicher Leib. Auf diese Weise wird bei Lorber das Paradoxon der Inkarnation des unendlichen Gottes in endlicher Gestalt verständlich gemacht.

Auch Swedenborg muß die Inkarnation Jehovahs erklären; sie darf ihm nicht zur bloßen Inspiration verkümmern. Denn dann wäre der transzendente Gott auch in Jesus nicht immanent geworden. Doch wie erreicht Swedenborg das im ihm zur Verfügung stehenden Seele-Leib-Schema? Die Antwort kann nur lauten: Die Seele des Herrn war Jehovah (NJ 298). Zwar schreibt Swedenborg oft, die Seele (und somit auch die Seele Jesu) stamme vom Vater (a patre, GV 277); dennoch war die Seele Jesu nicht nur von göttlicher Art bzw. ein göttliches Derivat, sondern der Vater selbst: "Wer von Jehovah empfangen wird, hat kein anderes Inneres, d.h. keine andere Seele, als Jehovah." (HG 1921; vgl. auch 4727). Begründet wird dies mit der Unteilbarkeit des Göttlichen: "Aus Jehovah Gott hatte der Herr Seele und Leben, ja, seine Seele (Anima) und sein Leben war das Göttliche des Vaters selbst, denn das Göttliche kann nicht geteilt werden." (WCR 82). Swedenborg löst das Problem der Fleischwerdung Gottes also, indem er Jesu Seele mit Jehovah identifiziert. Vom Maria empfing Jesus nur den Leib. Swedenborg stellt ausdrücklich fest, "daß der Sohn, den Maria gebar, der Leib seiner göttlichen Seele ist; denn im Schoße der Mutter wird nichts anders zubereitet als der von der Seele empfangene und abstammende Leib." (WCR 167). Schon im Christusverständnis ist demnach bei Swedenborg die Dichotomie (Seele-Leib-Schema), bei Lorber die Trichotomie (Geist-Seele-Leib-Schema) angelegt. Dieser Sachverhalt ist hier natürlich im Interesse der Herausarbeitung von Grundlinien vereinfacht dargestellt, denn Swedenborgs Dichotomie erlaubt bei näherer Betrachtung die weitergehende Differenzierung in Anima (oberhalb des Bewußtseins), Mens (das Bewußtsein des Wollens und Denkens), Animus (unterhalb des Bewußtseins) und Corpus (Leib). Dogmengeschichtlich kann man Swedenborg dem alexandrinischen Logos-Sarx-Schema (im Anschluß an Joh 1,14: das Wort wurde Fleisch/Sarx) zuordnen; Lorber hingegen dem antiochenischen Logos-Anthrophos-Schema (das Wort wurde Mensch/Anthrophos, das heißt: Seele und Leib). Diese Zuordnungen sind natürlich ebenfalls nur cum grano salis (mit Einschränkungen) zu verstehen. Sie sollen Grundmuster der Christuswahrnehmung sichtbar machen. An Swedenborg kann man die Fragen richten: Wie erklärt er die menschlichen Regungen Jesu? Hatte Jesus wirklich keine menschliche Seele? Wie ist die Mentalsphäre (mens) Jesu zu beurteilen? Was genau wurde vergöttlicht? Nur das Fleisch? Was verstand Swedenborg unter dem Leiblichen? Was unter dem Menschlichen? Und im Blick auf das Verhältnis zu Lorber scheint mir die Frage interessant zu sein: Wie verhält sich das Jehovahsein der Seele Jesu zum wesenhaften Zentrum? Doch diesen Fragen kann ich hier nicht nachgehen.

Es muß nämlich abschließend noch etwas zu jenem "Fünklein im Zentrum der Seele" (Ev III.42.6) gesagt werden; einer Vorstellung, die so bei Swedenborg nicht zu finden ist. Sie ist die anthropologische Konsequenz des Gottes- und Christusverständnisses bei Lorber (siehe Ev VIII.24.6). Swedenborg scheint sie abzulehnen: "Einst hörte ich eine Stimme aus dem Himmel; sie sagte: 'Wäre ein (oder: der) Lebensfunke (scintilla vitae) im Menschen sein eigen und nicht Gottes Eigentum in ihm, so gäbe es keinen Himmel, noch sonst etwas dort, folglich auch keine Kirche auf Erden und kein ewiges Leben.'" (SK 11). Doch aus dem Zusammenhang dieser Stelle (nachzulesen in "Der Verkehr zwischen Seele und Leib") geht die eigentliche Aussageabsicht Swedenborgs eindeutig hervor: Die alte Vorstellung eines Seelenfünkleins (schon bei Plotin im 3. Jhd. n. Chr. nachweisbar) wäre dann abzulehnen, wenn sie bedeuten sollte, daß die Seele selbst das Leben und somit eine Gottheit sei. Für Swedenborg und alle Engel ist sie demgegenüber nur "ein Aufnahmeorgan des Lebens von Gott" (WCR 470-474); und genau das ist sie auch bei Lorber. Der "göttliche Funke" (GS I.52.2) ist dort nicht etwas von Gott Abgesondertes auf Seiten des Menschen, sondern hat im Gegenteil sogar deutliche Bezüge zu dem, was Swedenborg den göttlichen Einfluß in die Seelen der Menschen (WCR 9) nennt. Die Geistfunken- und die Einflußtheorie sind nicht einander ausschließende Gegensätze, sondern einander ergänzende Sichtweisen der höheren Wirklichkeit der Gottes- und Geistesgegenwart im Menschen, dem Lichte ähnlich, das sich als Teilchen (Funke) oder Welle (Einfluß) zeigt. Diese Einschätzung ist nun aus dem Lorberwerk zu begründen.

Daß die Seele ein Aufnahmeorgan ist, wird oft gesagt: "Die Seele ist ja nur ein Gefäß des Lebens aus Gott, aber noch lange nicht das Leben selbst ... Da ... die Seele erst auf dem Wege der wahren göttlichen Tugend zum ewigen Leben gelangen kann ... so kann sie ja doch unmöglich selbst das Leben, sondern nur ein Aufnahmegefäß für selbiges sein." (Ev III. 42.6). "Also ist der Mensch auch von Mir erschaffen worden, auf daß er aufnehme das Leben ... Er ist nicht erschaffen worden in der Fülle des Lebens, sondern fähig nur, um diese nach und nach in sich aufzunehmen." (HGt II.126.18). "Die Seele ist das Aufnahmeorgan für alle endlos vielen Ideen des Urgrundes, aus dem sie wie ein Hauch hervorgegangen ist." (EM 52.4). Auch nach GS II.79.12 ist die Seele "ein substantiell ätherisches Organ, welches ... zur Aufnahme des Lebens alle Fähigkeit besitzt" (GS II.79.12). Von einem Gottsein der Seele kann keine Rede sein.

Der Geistfunke kann zwar als "Geist des Menschen" (Ev III.53.11) bezeichnet werden, genau genommen ist er jedoch "der Geist Gottes im Menschen" (Ev III.48.7). Ausdrücklich sagt der Herr einem Bürger der Jenseitswelten, daß sein Geist eigentlich "Meine Liebe Selbst in dir und somit Mein höchsteigener Geist" ist (RB I.146.9). Ebenso äußert sich Jesus im Großen Evangelium: "Der Geist aber, von dem Ich sage, daß er euer Geist sei, ist eben auch Mein Geist in euch" (Ev V.236.10). Diese Geistkraft ist die Jesusliebe, die kein Mensch in Wahrheit sich selbst zuschreiben kann: "Ich [Jesus] bin ja das eigentliche Leben in dem Menschen, durch die Liebe in seiner Seele zu Mir, und diese Liebe ist Mein Geist in jedem Menschen. Wer also die Liebe zu Mir erweckt, der erweckt seinen von Mir ihm gegebenen Geist, und da dieser Geist Ich Selbst bin und sein muß, weil es außer Mir ewig keinen anderen Lebensgeist gibt, so erweckt er dadurch eben Mich Selbst in sich" (Ev II.41.4f). Da Gott freilich die Liebe ist, will er sich uns so sehr zu eigen geben, als wäre er tatsächlich unser eigen: "Liebe möchte das Ihrige dem Anderen mitteilen, ja es soviel als möglich geben. Was wird da nicht erst die göttliche Liebe tun, die unendlich ist?" (GV 324; siehe auch HG 4320 und GLW 47).

Der Geist Gottes oder Christus in uns ist ein Strahl der göttlichen Sonne; und daher ist jenes "Fünklein des reinsten Gottesgeistes" (Ev II.217.5) nur die andere Seite des Einflusses, denn was einfließt, muß anschließend doch auch eingeflossen sein. Swedenborg selbst sagt, daß die in die Seele einfließende Liebe und Weisheit Substanz und Form ist (vgl. SK 14 im Zusammenhang mit GLW 40). Die substantielle Realität alles Geistigen ist ein Grundgedanke der swedenborgschen Ontologie. Daher sehe ich im sogenannten Geistfunken die substantielle Erscheinungsform des Einflusses; der Geistfunke ist nicht etwas vom Urgöttlichen Getrenntes, sondern immer nur die verborgene Möglichkeit Gottes in uns. Geistfunke und Einfluß hängen inniglich zusammen. Im Lorberwerk ist auf all jene Stellen zu achten, die von der Sonne, ihren Strahlen und dem berichten, was diese Strahlen in uns bewirken. Einer im Jenseits zur Vollendung gelangten Seele erklärt der Herr: "In dieser Sonne bin Ich ureigentümlich vollkommen zu Hause. Diese Sonne befindet sich im ewigen unverrückten Zentrum Meines göttlichen Seins. Die Strahlen, die aus dieser Sonne ausgehen, erfüllen in ihrer Art die ganze Unendlichkeit und sind in sich selbst nichts anderes als Mein Liebewille und die aus demselben ewig gleichfort ausgehende Weisheit. Diese Strahlen sind demnach allenthalben vollkommen lebendig und sind allenthalben vollkommen gleich Meiner Wesenheit. Wo immer demnach ein solcher Strahl hinfällt, da bin Ich Selbst also wie in der Sonne ganz vollkommen gegenwärtig, nicht nur allein wirkend, sondern auch persönlich; und diese Persönlichkeit ist demnach auch allenthalben eine und dieselbe." (GS I.60.1f). Wenn nun ein Strahl dieser Sonne in unser Herz fällt, dann ist das die persönliche Gegenwart des Herrn in uns. Wie schon die irdische Sonne auf der Erdatmosphäre ihr Spiegelbild erzeugt, so entsprechend auch die Sonne des Herrn: "Wer nun versteht, recht viel des Lichtes aus der Gnadensonne der Himmel im Herzen seiner Seele aufzufangen, aufzunehmen und dann zu behalten durch die Macht der Liebe zu Gott, der bildet in sich selbst eine Gnadensonne, die der Urgnadensonne in allem völlig ähnlich ist" (Ev VI.88.5). Die Sonne im Herzen wäre sonach ohne ihr Urbild "im ewigen unverrückten Zentrum" (GS I.60.1) unmöglich. Dies geht auch aus dem Gesicht des Oalim hervor: Er sah im fleischlichen Herzen drei weitere. Das substantielle Herz der Seele und ein leuchtendes Keimherz. Als dieses wuchs und die Gestalt des Oalim annahm, erdeckte er auch in diesem neuen Menschen ein Herz. Und dann heißt es: "Dieses Herz aber sah aus wie eine Sonne, und deren Licht war stärker denn das Licht der Tagessonne tausendfach genommen. Als ich aber dieses Sonnenherz stets mehr und mehr betrachtete, da entdeckte ich auf einmal in der Mitte dieses Sonnenherzens ein kleines, Dir, o heiliger Vater, vollkommen ähnliches Abbild, - wußte aber nicht, wie solches möglich. Da ich aber darüber nachdachte, da ergriff mich auf einmal eine unaussprechliche Wonne, und Dein lebendiges Bild öffnete alsbald den Mund und redete zu mir aus dem Sonnenherzen des neuen Menschen in mir folgendes: 'Richte empor nun deine Augen, und du wirst bald gewahr werden, woher und wie Ich in dir lebendig wohne!' Und ich richtete alsbald meine Augen aufwärts und erschaute sogleich in einer endlosen Tiefe der Tiefen der Unendlichkeit ebenfalls eine unermeßlich große Sonne und in der Mitte dieser Sonne aber dann bald Dich Selbst, o heiliger Vater! Von Dir aus aber gingen endlos viele Strahlen, und einer dieser Strahlen fiel in das Sonnenherz im neuen Menschen in mir und bildete also Dich Selbst lebendig in mir." (HGt II.72.17-22). Wie soll man noch deutlicher zeigen können, daß der Gottesgeist in uns seinen Ursprung außerhalb von uns hat und somit nicht unser Eigentum, sondern des Herrn Eigentum in uns ist? Wie am Morgen die Sonne in Tausenden von Tautropfen glitzert und doch die eine Sonne bleibt; so leuchtet Gott im Herzen seiner Kinder und bleibt doch immer einer und derselbe. Der Funke ist in uns der Brennpunkt der Sonnenstrahlen: "Ihr wisset, daß der Geist des Menschen ein vollkommenes lebendiges Abbild des Herrn ist und hat in sich den Funken oder Brennpunkt des göttlichen Wesens." (GS II.10.14). Deswegen sind Einfluß und Funke identisch: "die pure Seele allein würde ... nichts Höheres mehr über sich erblicken, wenn nun nicht ein geistiges Fühlen ... in sie einfließen könnte ... Und das ist der göttliche Funke, der als Geist in sie hineingelegt wird" (Ev XI.10). Folglich kann er in noch größerer Annäherung an Swedenborg auch ganz durch das "beständige Einfließen des Herrn aus den Himmeln" (GS II.35.6) ersetzt oder das "Liebetätigkeitsgute" (GS I.52.2) genannt werden.

Stellen wir uns zum Schluß noch einmal der Frage des Standpunktes der Offenbarungen. Swedenborg vermittelt im allgemeinen eher den Eindruck der Transzendenz Gottes; Lorber eher den der Immanenz Gottes. Beide Sichtweisen sind möglich; Swedenborg selbst sagt es: "In der aufeinanderfolgenden Ordnung bildet der erste Grad das Oberste und der dritte das Unterste; in der gleichzeitigen Ordnung hingegen bildet der erste Grad das Innerste, der dritte das Äußerste." (GLW 205). Daher kann der Einfluß als von oben oder als von innen kommend beschrieben werden: "Der Herr fließt von oben oder innen bei jedem Menschen ein" (WCR 481). Swedenborgs Bevorzugung der aufeinanderfolgenden Ordnung hängt mit seiner Position als Seher jenseitiger Welten zusammen: "Alles Innere wird nämlich im anderen Leben als Oberes dargestellt." (HG 8325). Lorber hingegen konnte aus der Erfahrung des inneren Wortes den Herrn nur innen entdecken und sah: Er ist alles in allem und somit auch alles in uns. Doch auch Swedenborg wußte: "Bei jedem Engel und Menschen gibt es eine innerste oder höchste Stufe, ein Innerstes oder Höchstes, in welches das Göttliche des Herrn zuerst oder zunächst einfließt ... Dieses Innerste oder Höchste kann als Eingang des Herrn beim Engel und Menschen und als seine eigentliche Wohnung (domicilium) bei ihnen bezeichnet werden." (HH 39). "Das Innerste des Menschen ist wo der Herr bei ihm wohnt (habitat)." (HG 2973). Nach WCR 8 ist das Innerste und Höchste die Seele. Folglich gilt auch nach Swedenborg: Der Herr wohnt in der Seele. Swedenborg wagt sogar die Fomulierung: "Was zum inneren Menschen gehört, ist Eigentum des Herrn, so daß man sagen kann: der innere Mensch ist der Herr." (HG 1594). Einfluß oder Einwohnung? Die Wirklichkeit des Geistes verträgt nicht nur eine Darstellung.

Fußnoten

[1] Fr. Horn, Zum Problem der Offenbarungskritik: Am Beispiel von Swedenborg und Lorber, in: OT 1975 - 1977. Th. Noack, Offenbarungskritik: Ein Problem der Wahrheitserkenntnis, in: Das Wort 3 (1994) 138-152. 

[2] Ich beziehe mich hier auf Swedenborgs Konzept der "Scheinbarkeiten des Wahren". In HG 2053 schreibt er beispielsweise: "Beim Menschen gibt es überhaupt kein reines Wahrheitsverstehen, d.h. (kein) göttliches Wahres. Das Glaubenswahre beim Menschen ist vielmehr eine Scheinbarkeit des Wahren (oder Erscheinungsform des Wahren)." Das ist übrigens auch der ursprüngliche Sinn von Dogma: das, was als wahr erschienen ist (von gr. dokein = erscheinen). Erst eine dekadente Zeit sah im Dogma den starren Lehrsatz. Swedenborg behandelt das Problem der Erstarrungen unter dem Stichwort der Begründungen (confirmationes). 

[3] In HG 4402 schreibt Swedenborg: "Die Zeit der Erleuchtung ist am Kommen (venturum est tempus quando illustratio)." Die von Swedenborg hier gewählte Zeitform bezeichnet die im Anbruch befindliche Zukunft. Die Bekenner der Neuen Kirche in Schweden wählten dieses Wort für ihre Gedenktafel von 1888 in Hornsgatan (Swedenborgs Wohnsitz in Stockholm) aus. 

[4] Karl Gottfried Ritter von Leitner, Jakob Lorber: Ein Lebensbild nach langjährigem, persönlichem Umgange, Bietigheim 1930, S. 12. 

[5] Jakob Lorber, Jenseits der Schwelle, 7. Aufl. 1990, S. 28. Der Zitat entstammt der Sterbeszene eines Swedenborgianers. 

[6] Ausführlich dargestellt in: Carl Andresen (Hg.), Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte, Bd. 1, Göttingen 1982, S. 213.

 Abgeschlossen am 9.6.1998. Veröffentlicht in: Das Wort 4 (1998) 287-302 und Offene Tore 3 (1998) 140-155