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Mysterium Regenerationis

Swedenborgs Konzept der Wiedergeburt

Thomas Noack

Wiedergeburt ist das große Thema der abendländischen Christenheit, denn die Frage nach dem Heil durchzieht den Westen. Schon Augustin, der im Osten kaum, dafür aber im Westen um so mächtiger gewirkt hat, legte ein besonderes Gewicht auf die Sünden- und Gnadenlehre; und Luther rang bekanntlich um den gnädigen Gott. Selbst der modernen Esoterik geht es wesentlich um Transformation zur Steigerung der persönlichen Lebensqualität. In der Analytischen Psychologie C.G.Jungs spielt die Individuation eine zentrale Rolle. Und schließlich ist die Wiedergeburt auch in ihrer materiellen Verkehrung, das heißt in der Reinkarnationslehre (= körperliche Wiedergeburt) ein Lieblingskind des Abendlandes; nur verwechselt man hier eben die körperliche mit der geistigen. Dieser fragmentarische Überblick zeigt, daß sich die abendländische Seele von einem Geheimnis ganz tief angesprochen fühlt: vom Mysterium Regenerationis. Swedenborg war einer der genialen Geister, der dieses Mysterium bis zu einem gewissen Grad ausleuchten konnte. Wohl wissend, daß sich die Geheimnisse des Lebens nur in der Schule des Lebens erschließen lassen, war sein Seherblick doch fähig dem toten Buchstaben unserer heiligen Traditionen Wesentliches zu entlocken. Denn obgleich der Begriff "Wiedergeburt"[1] in der Heiligen Schrift so gut wie nicht vorkommt, handelt dieses Buch unter der Oberfläche des Historischen von nichts anderem als eben von der Wiedergeburt. Genau genommen handelt es von der Verherrlichung des Herrn, aber zwischen diesen beiden Ereignissen besteht ein Zusammenhang. Dazu Swedenborg: "Das ganze Wort handelt im innersten oder höchsten Sinn vom Herrn allein und von der Verherrlichung seines Menschlichen. Da aber dieser Sinn den menschlichen Verstand übersteigt (transcendit), darf man das Wort nach seinem inneren Sinn auslegen, wo vom Reich des Herrn, von der Kirche und ihrer Erneuerung und von der Wiedergeburt ... gehandelt wird. Diese Dinge kann der innere Sinn behandeln, weil die Wiedergeburt des Menschen ein Abbild (imago repraesentativa) der Verherrlichung des Herrn ist." (HG 6827). Die Vergöttlichung des Menschgewordenen war ein Durchbruch ohnegleichen; als solcher eröffnete sie eine ganz neue Dimension der Gotteserfahrung und löste die kultisch orientierten Religionen ab. Die dort vorgeschriebenen äußerlichen Handlungen wurden von Jesus Christus innerlich vollzogen, das heißt in die seelisch-geistige Wirklichkeit übersetzt. So wurde Jesus Christus der Erstgeborene der Toten (Offb 1,5) oder das Urbild der Wiedergeburt. Swedenborgs Konzept der Wiedergeburt ist aus dem inneren Sinn der Heiligen Schrift abgeleitet, was man deutlich sieht, wenn man die "Himmlischen Geheimnisse" studiert. Dieser Bezug zu den Erzählungen in Genesis und Exodus kann hier nicht berücksichtigt werden; übrig bleibt folglich ein relativ abstraktes Gerüst. Wirklich spannend wird es erst, wenn man den Zusammenhang mit den alten Texten erkennt und dann plötzlich viele Bilder vor sich hat, die oft - wenn man ihr Geheimnis erahnt - mehr sagen als tausend Worte. Die Wiedergeburt wird auf Erden sicher nur in den seltensten Fällen erreicht und ist dennoch das Ziel unseres Lebens. Doch auch Ziele, die wir voraussichtlich nicht erreichen werden, sind sinnvoll, denn sie geben unserem Leben Sinn und Orientierung, was in Zeiten der Orientierungslosigkeit eine große Hilfe ist. Die Wiedergeburt als Ziel ist keine menschliche Setzung, sondern eine göttliche; das bedeutet: dieses Ziel ist nicht dem menschlichen Belieben unterworfen; vielmehr ist es der menschlichen Natur eingeschrieben. Der Mensch hat nur die Wahl, es zu erkennen und sich seiner Dynamik zu unterwerfen oder aber seine Augen vor dieser göttlichen Setzung zu verschließen. Meine Darstellung folgt Swedenborg, der sogar ausgiebig zu Wort kommt, und dennoch sind eigene Akzente unvermeidlich. Wer mit ihnen nicht einverstanden ist, soll sich nicht entmutigen lassen, sondern wissen: es gibt so viele Wege, wie es Menschen gibt; und jeder kann nur in seinem eigenen Leben dem großen Geheimnis auf die Spur kommen. Unter der Oberfläche der täglichen Lebensgestaltung vollzieht sich ein Prozeß, den wir kaum wahrnehmen, der aber dennoch unser ewiges Schicksal formt. Es ist merkwürdig, daß uns das Allgegenwärtige so wenig gegenwärtig ist.

Swedenborg hat ein Schichtenmodell des Menschen vor Augen. Seit der Entdeckung des Unbewußten ist uns eine solche Vorstellung nicht mehr fremd; doch Swedenborg entwickelte sein Modell als vom Unbewußten noch keine Rede war. Da die Wiedergeburt darin besteht, daß die äußeren Schichten aus den inneren tätig sind, ihnen also entsprechen[2], sollte man einige Grundzüge dieses Modells kennen. Häufig ist die Dreiteilung; demnach gibt es "einen inneren Menschen, einen vernünftigen in der Mitte und einen äußeren." (HG 1940). Unser Seher lebte im Zeitalter der Vernunft; daher verwundert es nicht, daß er auch ihren Ort im Menschen bedachte. Das Vernünftige ist "das Mittlere zwischen dem inneren und dem äußeren Menschen" (HG 1588); allerdings kann Swedenborg auch schreiben: "Das Vernünftige ist die Einsicht des äußeren Menschen." (HG 1588), oder: "Das Vernünftige bildet den inneren Menschen" (HG 4570). Das ist etwas verwirrend, ist aber erklärlich, denn es gibt zwei Wege zur Vernunft: "einen von der Welt und einen vom Himmel" (WCR 564), das heißt einen mühseligen Weg durch äußere Erfahrungen und einen durch das innere Vernehmen. Daher unterscheidet Swedenborg zwei Vernunftbereiche: "Bei jedem, der wiedergeboren wird, gibt es zwei Vernunftbereiche (bina rationalia), einen vor und einen nach der Wiedergeburt: das erste (Vernünftige) vor der Wiedergeburt bildet sich durch die Sinneserfahrungen ... Das Vernünftige nach der Wiedergeburt wird vom Herrn durch die Neigungen zum geistigen Wahren und Guten geformt ..." (HG 2657). Soweit zur Vernunft als Vermittlerin zwischem dem inneren und dem äußeren Menschen. Swedenborg kann allerdings auch nur von einem inneren und einem äußeren Menschen sprechen: "Der Mensch ist geschaffen, um gleichzeitig in der geistigen und in der natürlichen Welt zu sein ... Weil der Mensch so geschaffen wurde, ist ihm auch ein Inneres und ein Äußeres gegeben - ein Inneres, das ihn mit der geistigen Welt, ein Äußeres, das ihn mit der natürlichen Welt verbindet. Sein Inneres wird als innerer Mensch, sein Äußeres als äußerer Mensch bezeichnet." (NJ 36). So ist er ein Bewohner zweier Welten. Dieser Überblick möge genügen; man sollte aber nicht meinen, daß Swedenborgs Schichtenmodell damit erschöpfend beschrieben ist. Denn man kann andere Schnitte machen; dann kommt man zu anderen Dreiteilungen[3]. Man kann aber auch genauer differenzieren; dann kommt man zu Vierteilungen[4] oder zu noch feineren Schnitten. Es hat keinen Zweck an diesen Modellen seinen intellektuellen Scharfsinn zu trainieren; vorläufig ist es viel wichtiger zu erkennen, daß wir mehr sind als unser wachbewußtes Denken und Wollen; und damit besteht die Gefahr, daß unser Wachbewußtsein die eigentliche Wirklichkeit unseres Lebens überhaupt nicht erfaßt. Daher ist es notwendig, daß das Äußere durch die Wiedergeburt mit dem Inneren in Übereinstimung gebracht wird. Die Wiedergeburt erfolgt kraft des Innersten und durchdringt von dort allmählich auch das Äußere: "Die Durchdringung (insinuatio) mit dem vom Herrn stammenden Leben geschieht bei denen, die sich im Prozeß der Wiedergeburt befinden, in einer vom Herrn her absteigenden Ordnung; das heißt sie geschieht durch das Innerste (intimum) und somit durch die inneren Bereiche bis zu den äußeren." (HG 8456). Über das Innerste schreibt Swedenborg: Bei jedem Menschen gibt es "ein Innerstes oder Höchstes, in welches das Göttliche des Herrn zuerst oder zunächst einfließt ... Dieses Innerste oder Höchste kann als Eingang des Herrn beim Engel und Menschen und als seine eigentliche Wohnung bei ihnen bezeichnet werden." (HH 39)[5]. Das Innerste verleiht jedem Menschen, auch dem bösen, die spezifisch menschlichen Fähigkeiten des Denkens, des Wollens, des Sprechens und des Kulturschaffens.[6] Das Innerste ist wie die Sonne, die - auch wenn sie infolge der Wolkendecke nicht zu sehen ist - dennoch die Helligkeit des Tages bewirkt; die Helligkeit des Tages ist das Wachbewußtsein des äußeren Menschen. Das Innerste ist das Sinnzentrum der Seele, um das sich alle Lebensvollzüge sammeln sollen. Jesus sagte: "Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut" (Mt 12,30). Die Wiedergeburt ist die Sammlung um das göttliche Zentrum; wer sich nicht sammeln läßt, muß in der Zentreuung äußerer Lebensvielfalt leben. Wer sich jedoch sammeln läßt, wird das sinnstiftende Zentrum seines Lebens allmählich auch in den äußeren Lebensvollzügen erkennen können und so sein Leben in den Griff bekommen. "Das Innerste eines Menschen ist das Gute und Wahre." (HG 2576). Es ist daher immer gut; selbst dann noch, wenn der äußere Mensch böse ist. Je weniger man willens ist, sich wiedergebären zu lassen, desto gespaltener oder oberflächlicher wird man, weil der Gegensatz zwischen Innen und Außen bestehen bleibt: Das natürliche Gemüt "steht von Geburt an im Gegensatz zu dem, was zum geistigen Gemüt gehört." (GLW 263). "Der natürliche Mensch aus sich heraus stimmt überhaupt nicht mit dem geistigen überein, sondern ist so uneins, daß er gänzlich entgegengesetzt ist" (HG 3913). Dieser Gegensatz führt dazu, daß die Impulse aus dem Innersten pervertiert, das heißt den Interessen des äußeren Menschen dienstbar gemacht werden.

"Obschon beim Menschen nicht die himmlische sondern die höllische Liebe ist, entstammt doch das Innerste seines Lebens der himmlischen Liebe, denn diese Liebe fließt ständig vom Herrn ein und ist der Ausgangspunkt der Lebenswärme, aber bei ihrem Fortschreiten verkehrt sie der Mensch, woher die höllische Liebe und die unreine Wärme stammen." (HG 6135). "Mit dem Einfluß durch das Innere verhält es sich folgendermaßen: Der Herr fließt ständig durch das Innere des Menschen mit dem Guten und Wahren ein ... aber der Einfluß wird bei den Bösen, wenn er weiter, nämlich in das Äußere, vordringt, bekämpft und zurückgestoßen, verkehrt oder erstickt." (HG 6564).

Die Wiedergeburt ist keine willentliche Leistung des äußeren Menschen; sie ist in diesem Sinne kein willkürlicher Akt, eher ein unwillkürlicher; denn der Wille des natürlichen Menschen ist gerade das Hindernis auf dem Weg zur Wiedergeburt. Swedenborg hat einen sehr hohen Begriff von der Fähigkeit zu wollen; einen so hohen Begriff, daß er die Triebleistungen des natürlichen Menschen genau genommen gar nicht als "voluntas" (Wille) bezeichnen kann: "Der (echte) Wille ... ist keine Eigenschaft des Menschen ...; die Eigenschaft des Menschen ist die Begierde (Triebleistung), die man (gemeinhin) 'Wille' nennt." (HG 105; vgl. auch 568). Zu diesem Ergebnis gelangt man auch, wenn man Swedenborgs Willensdefinition genau liest: "Der Wille ist das Aufnahmegefäß und die Grundlage für alles, was mit dem Guten zusammenhängt" (NJ 29). Unser eigener Wille ist sicher nicht das Organ des Guten. Daher kann Swedenborg schreiben: "Die Göttliche Vorsehung [= das Walten der göttlichen Liebe und Weisheit] wirkt niemals mit der willentlichen Liebe des Menschen zusammen, sondern ständig ihr entgegen" (GV 183). Die Fähigkeit zu wollen (in diesem hohen Sinne) ist weitgehend zerstört. Wir sind nicht mehr Menschen, die als Ebenbilder Gottes etwas bewegen können, denn wir werden selbst ständig nur von irgendwelchen Kräften bewegt. Zum echten Wollen gehört aber die Freiwilligkeit, gehört die Souveränität des Geistes. Alle Bewegung kommt aus der Ruhe des Geistes (Sabbat); nicht aus dem Getriebensein im Getriebe der Zeit. Daher ist unser "Wollen" genau genommen "cupiditas" (Gier und Leidenschaft), und daher ist es unmöglich, sich mit dem eigenen Willen vom Eigenwillen zu lösen. Und dennoch muß der Mensch, auch wenn er sich nicht selbst erlösen kann, irgendwie fähig sein, wenigstens die Tür zu öffnen, nach dem Wort des Herrn: "Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich eingehen und mit ihm essen, und er mit mir." (Offb. 3.20). Das bezieht sich auf die Fähigkeit zu verstehen; sie ist noch einigermaßen intakt, denn man kann das Wahre einsehen, auch wenn man nicht willens ist, ihm zu folgen. Zwar sind im Denken und besonders im Argumentieren eines Menschen stets auch dessen Interessen spürbar, aber dennoch ist eher unser Verständnis für das Wahre aufgeschlossen als unser "Wille" für das Gute. Daher versucht Gott, uns über das Wort zu erreichen (Prinzip der heiligen Schriften), so daß der Verstand Gottes Tor zum Menschen wird: "Da ... der Wille des Menschen von Natur aus böse ist und der Verstand lehrt, was böse und was gut ist, und da er das eine wollen und das andere nicht wollen kann, so folgt, daß der Mensch durch den Verstand umgebildet werden muß." (WCR 587).

Swedenborg unterscheidet Umbildung (reformatio)[7] und Wiedergeburt. Diese Unterscheidung ist für ihn so grundlegend, daß er sie noch in seinem theologischen Hauptwerk "Wahre Christliche Religion" sogar als Überschrift des 10. Kapitels beibehält. Das Sechstagewerk (Genesis 1,1-31) beschreibt eigentlich die Umbildung[8] und nicht die Wiedergeburt. Denn dort ist vom geistigen Menschen die Rede; und dieser Begriff ist scharf von dem des himmlischen Menschen abgegrenzt (siehe HG 81). Der geistige Mensch ist - kurz gesagt - aus der Kenntnis des Wahren bestrebt, das Gute zu tun; im Mittelpunkt steht also die Kenntnis des Wahren; und das weist auf die Umbildung. Wenn man freilich nicht so genau differenzieren will, dann kann man auch schon das Sechstagewerk mit der Wiedergeburt in Verbindung bringen (vgl. HG 6). Man sollte dann aber wissen, daß man Wiedergeburt als Sammelbegriff verwendet, der auch die Umbildung beinhaltet. Die Unterscheidung von Umbildung und Wiedergeburt fügt sich in den Dualismus von Swedenborgs Denkens ein; das heißt in die Dualität von Liebe und Weisheit, Gutes und Wahres, Wille und Verstand. Denn die Umbildung betrifft den Verstand; die Wiedergeburt hingegen den Willen. Freilich ist das eine verkürzte Sprechweise, denn weder Umbildung noch Wiedergeburt betreffen nur den Verstand oder nur den Willen. Genauer muß man formulieren: Die Umbildung betrifft den Verstand und führt zu praktischen, nämlich ethischen Konsequenzen; die Wiedergeburt betrifft das Wollen und durchdringt in der Folge auch das Verständnis. Also beide Akte betreffen den ganzen Menschen; jedoch ist die Priorität anders gesetzt. Swedenborg differenziert die beiden Akte folgendermaßen:

"Der Mensch muß während seiner Umwandlung vom natürlichen zum geistigen Wesen zwei Zustände erreichen und durchlaufen: Der erste wird als Umbildung, der zweite als Wiedergeburt bezeichnet. Im ersten Zustand blickt der Mensch aus seinem Natürlichen auf das Geistige und sehnt sich danach, im zweiten Zustand wird er zu einem geistig-natürlichen Menschen. Die Wahrheiten, die den Gegenstand des Glaubens darstellen sollen und mit deren Hilfe er auf die Nächstenliebe hinblickt, bilden den ersten Zustand, das Gute der Nächstenliebe, von dem aus er in die Wahrheiten des Glaubens eingeht, den zweiten. Mit anderen Worten: ersterer ist ein Zustand des Denkens aus dem Verstand, lezterer ein Zustand des Liebens aus dem Willen." (WCR 571)[9].

Die Umbildung, sagten wir, betrifft den Verstand. In diesem Zusammenhang muß man sehen, daß Swedenborgs "reformatio" das Element "forma" (Form od. Gestalt) enthält, womit man an die Definition des Wahren als "forma boni" (Form des Guten) erinnert wird. Swedenborg schreibt: "Das Wahre ist die Form des Guten, das heißt wenn das Gute geformt wird, so daß es mit dem Verstand wahrgenommen wird, dann heißt es das Wahre." (HG 3049). Auch das folgende Zitat beweist, daß Swedenborg bei der "reformatio" an die "formatio" (Formung od. Gestaltung) denkt: "Ein Abbild der Umbildung (reformationis) des Menschen ist seine Bildung (formatione) im Mutterleib; tatsächlich ist es das himmlisch Gute und geistig Wahre vom Herrn, das den Menschen bildet (format)" (HG 3570)[10]. Die "reformatio" ist also eine Neuformung, Neugestaltung, Umbildung oder Umgestaltung; mehrere Übersetzungen sind möglich. Sie ist die Einübung eines neuen Denkens und Tätigseins, so daß unser Geist gleichsam eine neue Haut oder eine neue Gestalt bekommt. Sie ist eine Umorientierung, die allgemein gesagt darin besteht, daß man lernt, im Kontext der Gemeinschaft zu denken. Das freilich ist leichter gesagt als getan, denn weder die tatsächlichen Bedürfnisse unserer Gesellschaft sind leicht zu erkennen, noch unsere Möglichkeiten, einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Aber indem man sein Denken auf dieses Feld konzentriert, formt sich ein neues Bewußtsein. Das ist die "reformatio". Das von Gott ausgehende Leben verändert sich beim Abstieg in die niederen Bewußtseinsbereiche. Insbesondere geht die Ganzheit des Lebens verloren; es polarisiert sich und die Sphäre des Lichtes (Bewußtsein) waltet vor. In Gott, dem vollkommenen Leben, sind Liebe und Weisheit eins; nicht so im Menschen, das heißt in seinem Mentalbereich (mens): Weisheit und Liebe "gehen vereint vom Herrn aus und fließen ebenso vereint in die Seelen der Engel und Menschen ein; doch werden sie in ihren Gemütern (mentibus) nicht vereint aufgenommen, sondern zuerst das Licht, das den Verstand bildet, und nach und nach die Liebe, die den Willen bildet." (SK 14). Die Weisheit wird also unterwegs von ihrer Liebe getrennt. Selbst Gott mußte sich bei seiner Menschwerdung dem Gesetz dieser Welt anpassen, weswegen er als "das Wort" Fleisch wurde (Joh 1.14). Der johanneische Logos (= das "Wort") ist das Göttlich-Wahre (WCR 85). Doch dieses Wort erkannte sich als das Wort des Vaters, das heißt als das Wort der ewigen Liebe und hob somit die Trennung von Liebe und Weisheit auf. Das ist die Erlösung des Wortes aus der Erstarrung des (geistigen) Todes. Innerhalb des swedenborgschen Systems ist die Liebe das Leben und die Weisheit nur dessen Form. Deswegen kann man sagen: das von Gott ausströmende Leben stirbt bei seinem Abstieg; übrig bleiben nur die Formen. Die Weisheit wird zu einem toten Ausdruck des Lebens; als solcher begegnet sie uns im natürlichen Grad des Seins. Daher entdecken wir bei unserem Forschen in der erstarrten Formenwelt allenthalben die Weisheit, - und finden doch die Liebe nicht. In den Mentalbereichen des menschlichen Geistes ist es ähnlich. Doch das hat nun im Hinblick auf die Wiedergeburt einen positiven Sinn. Die an sich lieb- und leblosen Weisheitsformen, die wir via göttliche Offenbarung von außen aufnehmen, können Aufnahmegefäße des Lebens werden. Liebe und Weisheit sind selbst im Tod noch göttliche Zwillinge, die nie wirklich getrennt werden können; sie lieben sich so sehr, daß der eine auf Dauer nicht ohne den anderen sein kann. Deswegen spürt die Weisheit, je reifer sie wird, daß ihre Erfüllung nicht in der Allwissenheit liegen kann, sondern nur in der Liebe. Doch der Mensch beginnt seine Suche nach dem Leben, indem er zunächst die Formen des Lebens bewundert und erwirbt. Dieser erste Schritt ist die Umbildung des Geistes. Das Interesse an der Form ist vorgesehen worden, nicht um bei der formalen Bewunderung eines Gedankens stehen zu bleiben, sondern um in der Form das Leben zu finden. Bei Swedenborg liest sich das so:

"Die Fähigkeit des Menschen, aus dem Verstande und nicht zugleich aus dem Willen zu denken, ist deshalb vorgesehen worden, damit er umgebildet werden kann. Denn der Mensch wird durch das Wahre umgebildet, und das ist ... Sache des Verstandes." (HH 424 mit interessanter Fortsetzung). "Der Mensch handelt vor der Wiedergeburt aus dem Wahren ... hingegen nach der Wiedergeburt aus dem Guten" (HG 8505). "Niemand kann von den schmutzigen Leidenschaften (amoribus) gereinigt werden, es sei denn er ist im Wahren; aus dem Wahren erkennt man, was rein und unrein und was heilig und gewöhnlich ist. Bevor man dies weiß, sind keine Mittel vorhanden, in und durch welche die himmlische Liebe wirken kann, die ständig vom Herrn einfließt und nur im Wahren aufgenommen werden kann. Deshalb wird der Mensch durch die Kenntnisse des Wahren umgebildet und wiedergeboren, und zwar erst wenn er in sie eingeweiht ist." (HG 2046).

Die Aufnahme des Wahren von außen formt ein neues Bewußtsein; ja es entsteht überhaupt erst eine Bewußtheit des Wahren. In ihr kann sich die himmlische Liebe als in dem geeignetsten Medium entfalten. Freilich ist es nicht das Wahre, das die Wiedergeburt aktiv bewirkt; das Wahre gibt sich lediglich dem Guten hin und ist somit die passive Ermöglichung der Geburt des Guten im Schoß des Wahren. Die aktive Kraft ist die Liebe und somit das Gute:

"Der Mensch der geistigen Kirche scheint durch das Glaubenswahre wiedergeboren zu werden, aber er weiß nicht, daß es durch das Gute des Wahren geschieht. Das Gute erscheint nämlich nicht; es macht sich lediglich in der Neigung zum Wahren bemerkbar und dann auch im Leben nach dem Wahren. Niemand kann durch das Wahre wiedergeboren werden; es sei denn, mit dem Wahren geht das Gute einher, denn das Wahre ohne das Gute ist leblos" (HG 2697).

Versuchungen sind streng genommen nur im Zustand der Umbildung möglich. Damit ist freilich nicht gesagt, daß jeder, der sich umbildet, versucht wird. Schon bei seiner Auslegung des Sechstagewerkes, das sich auf den geistigen Menschen bezieht (also nicht auf den himmlischen), schrieb Swedenborg: "Der geistige Mensch befindet sich im Kampf." (HG 81). Das heißt er befindet sich in Versuchungen, denn Versuchungen sind innere Kämpfe (NJ 187-195). Der Zusammenhang zwischen Umbildung und Versuchung wird noch klarer, wenn man erkennt, in welchem Verhältnis das Wahre und das Eigene stehen. Zwar wird man während seiner Umbildung "vom Herrn geführt, aber durch sein Eigenes, denn aus dem Wahren handeln bedeutet, aus dem handeln, was beim Menschen ist." (HG 10729). Solange man im Wahren ist, ist man immer auch noch im Eigenen; erst wer aus der Tiefe seiner Seele liebt, will nichts mehr sein Eigen nennen. Da nun also der geistige Mensch im Wahren und somit im Eigenen ist, ist er versuchbar, denn im Eigenen finden die bösen Geister die nötigen Angriffspunkte. Die Umbildung sollte eigentlich zu geistigen Kämpfen (Versuchungen) führen, aus denen dann die Wiedergeburt hervorgehen kann; allerdings ist meist die Entschlossenheit, dem Wahren zu folgen, nicht so stark ausgeprägt, daß sich die Umbildung in Versuchungen zuspitzen kann. Aus dem folgenden Text kann man die Reihenfolge Umbildung, Versuchung und Wiedergeburt ersehen:

"In diesen Zustand [der Umbildung] werden die meisten in der Kirche von der Kindheit bis zur Jugend eingeführt, aber dennoch werden nur wenige wiedergeboren, denn die meisten in der Kirche lernen die Glaubenswahrheiten oder die Kenntnisse des Guten mit der Absicht auf einen guten Namen, Ehre und Gewinnsucht. Wenn daher die Glaubenswahrheiten durch diese Interessen eingeführt wurden, kann man nicht von neuem oder wiedergeboren, bevor sie entfernt werden. Der Mensch wird also in den Zustand der Versuchung geschickt, damit sie entfernt werden." (HG 5280).

Geistige Versuchungen sind innere Kämpfe, die frühestens dann möglich sind, wenn das geistig Wahre intensiv in die Lebenspraxis einbezogen wird. Meist bleibt es jedoch ein religiöser Anstrich oder scheitert an Halbherzigkeiten; Versuchungen sind erst dann möglich, wenn die Sehnsucht nach dem Wahren (oder nach der echten Spiritualität) so stark ist, daß es sich mit dem Leben verbinden will; dann spätestens müssen die inneren Widerstände aufbrechen und es muß zum Kampf kommen. Ohne diese Sehnsucht werden wir immer die alten Gesellen bleiben. "Ohne Versuchung wird niemand wiedergeboren." (HG 8403). Doch nur noch wenige Menschen werden zu Versuchungen zugelassen (NJ 193). Also werden auch nur noch wenige Menschen wirklich wiedergeboren; das bedeutet freilich nicht, daß dem Himmel der Nachwuchs ausgeht, denn - wie gesagt - Swedenborg unterscheidet zwischen Umbildung und Wiedergeburt. Meist verwechselt man die bewußte Umgestaltung und Neuorientierung des Denkens, Wollens und Handelns mit der Wiedergeburt. So löblich es ist, daß man an sich arbeitet und bestrebt ist, nach dem göttlichen Wort zu leben: Wiedergeburt ist das noch lange nicht! Aber immerhin, tröstlich ist: "Wer in der Welt den ersten Zustand (= Umbildung) begonnen hat, kann nach dem Tod in den zweiten (= Wiedergeburt) eingeführt werden" (WCR 571) und dann im Jenseits erfahren, was Versuchungen sind: "Wenn Menschen, die ein gewisses Maß von geistigem Leben erlangt haben, in der Welt nicht in Versuchung kamen, so geschieht es in der anderen Welt." (NJ 197). Also, wer Versuchungen nicht kennt, kann sich bestenfalls in den ersten Stadien der Umbildung befinden, der heutzutage unter geistigen Menschen die Regel sein wird. Swedenborg bestätigt das, wenn er schreibt: "Nicht alle, die wiedergeboren werden, kommen bis zum [sechsten] Zustand [= sechster Tag], sondern einige - und zwar heutzutage der größte Teil - nur bis zum ersten, einige bis zum zweiten, einige bis zum dritten, vierten oder fünften, selten bis zum sechsten, und kaum jemand zum siebenten." (HG 13). Daher ist die Wiedergeburt bis heute ein so großes Geheimnis. An die Stelle geistiger Versuchungen sind Unglücksfälle, Schicksalsschläge, Krankheiten und die Todesangst getreten; sie hemmen die natürliche Lebenslust und halten im Massenpublikum ein wenig das Bewußtsein für Höheres wach. Zum Bestehen der Versuchungen sind die Überreste wichtig:

"Die Überreste beim Menschen sind bei denen, die durch Versuchungen wiedergeboren werden, für die Engel da; denn sie holen daraus das hervor, was zu seiner Verteidigung gegen die bösen Geister dient, die ihrerseits das Falsche beim Menschen anregen und ihn so angreifen" (HG 737).

"Der Mensch wird durch Überreste wiedergeboren" (HG 7831). Dabei handelt es sich um alle Zustände des Guten und Wahren, die man vor allem (aber nicht nur) in seiner Kindheit erleben durfte und die nun im inneren Menschen verborgen sind.[11] Überreste sind Urerfahrungen; in der Kindheit waren sie unser selbstverständliches Lebensgefühl, in dem uns der Himmel eine Gewißtheit war, obwohl wir noch nicht denken konnten. Diese Erfahrungen sind außerordentlich wichtig für die spätere Entwicklung, weswegen man jedem eine glückliche Kindheit wünschen möchte.

Die Überreste "sind nicht nur das Gute und Wahre, das der Mensch von Kindheit an aus dem Wort gelernt und seinem Gedächtnis eingeprägt hat, sondern auch alle daherstammenden Zustände, wie die der Unschuld von Kindheit an, die der Liebe zu den Eltern, Geschwistern, Lehrern und Freunden, die der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit gegenüber den Armen und Bedürftigen; kurz alle Zustände des Guten und Wahren. Diese Zustände zusammen mit dem Guten und Wahren, das dem Gedächtnis eingeprägt ist, heißen Überreste. Der Herr erhält sie beim Menschen, verbirgt sie - ohne sein Wissen - in seinem inneren Menschen und trennt sie sorgfältig von seinem Eigenen, das heißt von seinem Bösen und Falschen." (HG 561). "In den Überresten ist geistiges und himmlisches Leben" (HG 468).

Wichtig an dieser Konzeption ist, daß diese Inhalte des inneren Menschen (des "Unbewußten") einst bewußt waren und erst im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung in Vergessenheit gerieten; als sich nämlich das "Eigene" entwickelte, war für das Gute und Wahre kein Platz mehr, so daß es im Dunkel der Seele versinken mußte. Da nun aber die Überreste einst bewußt waren, stehen sie dem Bewußtsein des äußeren Menschen näher als das innerste Gute und Wahre, das nie bewußt war. Das heißt: Die Überreste sind bewußtseinsfähiger und sind daher das ideale Mittel der Wiedergeburt: "Diese Zustände sind die Ausgangspunkte (principia) der Wiedergeburt." (HG 1050). Deswegen sollte man nicht nur die traumatischen Kindheitserinnerungen noch einmal durchleben, sondern vor allem auch das, was uns der Himmel einst schenkte und was uns zutiefst bewegte. Die Bedeutung der Überreste im Wiedergeburtsprozeß wird aus den folgenden Texten ersichtlich:

"Die Überreste sind eigentlich das dem Guten beigefügte Wahre. Insoweit sich der Mensch wiedergebären läßt, sind sie von Nutzen, denn aus ihnen wird vom Herrn so viel hervorgeholt und ins Natürliche zurückgeschickt, daß eine Entsprechung des Äußeren mit dem Inneren oder des Natürlichen mit dem Geistigen hergestellt wird." (HG 5342). "Bei der Wiedergeburt werden die Überreste vom Inneren ins Äußere zurückgebracht, und zwar in dem Maße wie der Wiedergeburtsprozeß voranschreitet; weil nämlich durch die Wiedergeburt das Innere mit dem Äußeren verbunden wird und sie als Einheit tätig sind." (HG 6156). "Je weniger Überreste da sind, desto weniger können die Vernunft und das Wissen erleuchtet werden, denn das Licht des Guten und Wahren fließt von oder (genauer) durch die Überreste vom Herrn her ein." (HG 530).

Wiedergeburt ist mehr als Umbildung; das ist uns inzwischen klar geworden. Doch wie wird nun die Jesusliebe zum vorherrschenden Lebensgefühl? Wie nimmt das neue Leben Gestalt in uns an? Ich versuche im folgenden auf der Linie dessen zu bleiben, was bisher gesagt wurde. Ich kann mir aber vorstellen, daß es auch andere Antworten gibt; denn hier ist die Weisheit des Herzens gefragt. An dieser Stelle hätten die wahrhaft Liebenden das Wort zu ergreifen; sie allein können stroherne Theologie in wahre Lebensworte verwandeln. Wir sprachen von der Rolle des Eigenen bei der Umgestaltung und sahen, daß die Umgestaltung eigentlich eine Selbstgestaltung des Menschen kraft des göttlichen Wortes ist; freilich darf man nicht übersehen, daß im göttlichen Wort Gott selbst gegenwärtig ist, somit ist die Umgestaltung keine reine Selbstgestaltung, aber man wird doch sagen dürfen, daß Gott in diesem Zustand noch als verhältnismäßig fern empfunden wird, eben weil das Eigene die Nähe Gottes gleichsam verdrängt. Ganz anders ist es bei der Wiedergeburt; sie läßt sich nicht mehr erarbeiten, sondern nur noch erleben. Denn sie besteht ja gerade darin, daß sich der Lebendige als lebendig erweist. Solange ich versuche, Gott zu beleben, bin ich ein armer Narr, denn die eigentliche Gottesweisheit ist mir noch nicht zu Bewußtsein gekommen; wenn aber umgekehrt Gott mein armes Herz belebt, dann lebt es wirklich. Deswegen kann im folgenden keine Methode der Wiedergeburt beschrieben werden, denn jede Technik dient dem Eigenen, nicht im bösen Sinne, aber als ein Mittel, um ein Ziel zu erreichen. Das Wesentliche der Wiedergeburt besteht aber gerade darin, daß sie sich nicht erreichen, sondern nur erfahren läßt. Deswegen kann ich im folgenden nur die Konstellation verdeutlichen, in der sich die Geburt Gottes ereignen kann, - aber eben nicht ereignen muß. Wir gingen vom Charakter der Offenbarungsreligion aus, also von der Einsicht, daß Gott uns zunächst von außen durch das Wort oder das Wahre anspricht. Doch wen Gott anspricht, der muß sich auch angesprochen fühlen. Schon das zeigt, daß die äußere Ansprache mit einer inneren korrespondieren muß. Auf dieses Geheimnis weist Swedenborg hin, wenn er feststellt, daß im Interesse am Wahren das Gute bereits keimhaft enthalten ist. Denn woher rührt das Interesse, wenn nicht vom Guten, das uns innerlich anregt und schon im Wahrheitsstreben die geheime Macht Gottes ist? Das im Wahren verborgene Gute setzt sich allmählich durch, so daß das anfänglich theoretische Interesse am Wahren mehr und mehr dem praktischen Interesse weicht.

"Die Wiedergeburt des geistigen Menschen geschieht folgendermaßen: Zuerst wird er in den Glaubenswahrheiten unterwiesen und dann vom Herrn in der Neigung zum Wahren gehalten. Gleichzeitig wird bei ihm das Glaubensgute, also die tätige Liebe gegen den Nächsten, eingeschleust (insinuatur), aber so, daß er es kaum merkt, denn es ist in der Neigung zum Wahren verborgen, damit das Wahre mit dem Guten verbunden werden kann. Im Laufe der Zeit wächst die Neigung zum Glaubenswahren und es wird um des Zweckes willen, nämlich um des Guten oder um des Lebens willen beabsichtigt, und das immer mehr. So wird das Wahre in das Gute eingepflanzt (insinuatur). Wenn das geschieht, eignet sich der Mensch das Gute des Lebens gemäß dem nun eingepflanzten Wahren an, und so handelt er aus dem Guten oder scheint zumindest aus dem Guten zu handeln. Vor dieser Zeit war ihm das Glaubenswahre die Hauptsache, aber nachher wird es das Gute des Lebens. Wenn das geschehen ist, dann ist der Mensch wiedergeboren ..." (HG 2979).

Swedenborg hat viel über die Ehe des Guten und Wahren geschrieben. Wir sagten zwar, daß für die Dauer unserer irdischen Existenz das Gute und das Wahre geschieden sind, aber diese Scheidung ist keine vollständige. Denn wer vom Wahren ergriffen ist, hat unerkannt schon dem Guten die Tür geöffnet, - obgleich er sich gegen diese Konsequenz sperren kann. Vor allem läßt sich der äußere Mensch nicht so leicht von seinen Vorlieben und Eitelkeiten trennen. Deswegen kann sich die Macht des Guten im Wahren nur mühsam durchsetzen. Aber wer sich dennoch von der Dynamik des Wahren erfassen läßt, der gerät unweigerlich in den Sog der Wandlung, die letztlich in die Wiedergeburt mündet. Jesus vergleicht das Himmelreich einmal mit einem Sauerteig; als Bäcker hat mich dieses Bild immer fasziniert, weil ich täglich sehen konnte, wie eine Handvoll Sauerteig den großen Kessel des ungesäuerten Teiges über Nacht durchsäuert. Das ist die Macht des Guten im Wahren. Wer sich auf das Wahre wirklich einläßt, wird vom Guten überwunden. Das Gute, das sich kraft des Wahren entfalten kann, wenn wir das zulassen, wird von Swedenborg das Gute des Wahren genannt; das ist der etwas hölzerne Ausdruck Swedenborgs für die Nächstenliebe (vgl. HG 4581).

"Das Wahre kann erst dann mit dem Guten verbunden werden ... wenn es im Willen und in der Tat wahr [= verwirklicht] ist, das heißt Gutes des Wahren ist. Denn das Gute, das durch den inneren Menschen einfließt und seinem Ursprung nach göttlich ist, fließt in den Willen ein und trifft dort auf das Gute des Wahren, das durch den äußeren Menschen eingepflanzt worden ist." (HG 4337).

Die Nächstenliebe ist der Tempel der Gottesliebe. An sich ist die Nächstenliebe noch keine Neigung des Guten und somit des Lebens, denn sie ist - wie gesagt - lediglich die praktische Konsequenz aus der Einsicht in das Wahre. Daher kann Swedenborg schreiben: "Die Nächstenliebe erscheint bei ihnen (= den geistigen Menschen) als die Neigung des Guten, ist aber die Neigung des Wahren." (HG 2088). Die Nächstenliebe kann aber die Eingeburt der Gottesliebe vorbereiten. Swedenborg schildert das auf seine Weise sehr schön, wenn er von der Verbindung des himmlischen mit dem geistigen Reich spricht. Das himmlische Reich ist das Leben der Gottesliebe, und das geistige Reich ist das Leben der Nächstenliebe. Interessanterweise sind beide Reiche durch die Nächstenliebe verbunden.

"Mit der Verbindung dieser zwei Reiche [= des himlischen und des geistigen] verhält es sich folgendermaßen: Das Gute der tätigen Liebe gegen den Nächsten ist es, was sie verbindet. Denn das Innere derer im himmlischen Reich ist die Liebe zum Herrn und ihr Äußeres ist die tätige Liebe gegen den Nächsten. Hingegen ist das Innere derer im geistigen Reich die tätige Liebe gegen den Nächsten und das Äußere ist der daraus hervorgehende Glaube. Daraus folgt: Die Verbindung dieser beiden Reiche kommt durch die tätige Liebe gegen den Nächsten zustande, denn in ihr endet das himmlische Reich und beginnt das geistige. So ist das Letzte des einen das Erste des anderen, und so nehmen sie sich gegenseitig auf." (HG 5922).

In der Nächstenliebe hat der Mensch jenen Grad von Spiritualität eingeübt, der ihn feinfühlig genug macht, um das sanfte Wehen der göttlichen Liebe wahrzunehmen. Allerdings lebt auch in der Nächstenliebe noch ein wenig der Wahn des Eigenen fort, und zwar dann, wenn man glaubt, der eigene, begrenzte Wahrheitshorizont reiche aus, um erkennen zu können, was wahrhaft nutzbringend ist. Nur wer in der Nächstenliebe noch einmal sein freilich nun schon geläutertes Ich verleugnen kann, wird sie als die Wiege der Gottesgeburt erleben können. Der Mensch ist durch seinen Fall aus dem Herzen Gottes dem Guten der göttlichen Liebe derart entfremdet worden, daß sich ihm das Leben nur in der harten Schale des Wahren offenbaren kann; das Wirken der göttlichen Liebe geht aber dahin, daß wir wieder aus der Unmittelbarkeit der Liebe angeregt werden. Dann pocht das göttliche Herz in der Menschenbrust; dann werden wir allein vom Herrn geführt.

"Vor der Wiedergeburt [= im Zustand der Umbildung] handelt der Mensch aus dem Wahren und erwirbt dadurch das Gute; das Wahre wird nämlich zum Guten, wenn es in den Willen und dadurch ins Leben übergeht. Nach der Wiedergeburt hingegen handelt er aus dem Guten und verschafft sich dadurch das Wahre. Oder um es verständlicher zu machen: Vor der Wiedergeburt handelt er aus Gehorsam; nach der Wiedergeburt aus Neigung. Diese beiden Zustände verhalten sich umgekehrt zueinander. Im früheren Zustand herrscht nämlich das Wahre vor, im späteren aber das Gute; oder im früheren sieht man abwärts oder rückwärts, im späteren hingegen aufwärts oder vorwärts. Wenn der Mensch im späteren Zustand ist, also aus Neigung handelt, dann ist es ihm nicht mehr erlaubt, rückwärts zu schauen und das Gute aus dem Wahren zu tun, denn dann fließt der Herr in das Gute ein und führt ihn durch das Gute. Würde er dann zurückschauen oder das Gute aus dem Wahre tun, dann würde er aus sich handeln; wer nämlich aus dem Wahren handelt, führt sich selbst, wer hingegen aus dem Guten handelt, wird vom Herrn geführt." (HG 8505)

Fußnoten

[1] Im AT sucht man diesen Begriff vergeblich; und im NT gibt es eigentlich nur eine Stelle: Tit 3,5 wird die Taufe "Bad der Wiedergeburt" genannt. Als locus classicus ist dann jedoch noch Joh 3,3, zu nennen, wo es heißt: "Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem (von oben) geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen." Da es im johanneischen Schrifttum mehrmals heißt "aus Gott geboren werden" (Joh 1,13; 1Joh 3,9; 4,7; 5,1.4.18), bedeutet die neue Geburt die Geburt aus Gott.

[2] "Beim Wiedergeborenen besteht eine Entsprechung zwischen dem Geistigen und dem Natürlichen" (NJ 186). "Beim wiedergeborenen Menschen entspricht das Äußere dem Inneren, das heißt es gehorcht." (HG 911). "Das Werk der Wiedergeburt besteht vor allem darin, daß der natürliche Mensch dem vernünftigen entspricht." (HG 3286). "Der natürliche oder äußere Mensch muß in Entsprechung mit dem geistigen oder inneren sein, damit der Mensch wiedergeboren ist ..." (HG 9325). "Bei der Umbildung wird das Allgemeine im natürlichen Menschen vom Herrn so geordnet, daß es den Dingen im Himmel entspricht." (HG 3057).

[3] Andere Dreiteilungen: "Es gibt ein Innerstes; es gibt innere Bereiche (interiora) unter dem Innersten und es gibt äußere Bereiche (exteriora) im Menschen." (HG 6451). Die inneren Bereiche des Menschen "sind allgemein in drei Grade unterteilt, nämlich in das Himmlische, das Geistige und das Natürliche." (HG 9825).

[4] Eine Vierteilung (vier Grade): "Die inneren Bereiche (interiora) beim Menschen sind in Grade unterteilt ... den ersten Grad bildet das innere Vernnftige ... den zweiten Grad das äußere Vernünftige ... den dritten Grad das innere Natürliche ... den vierten Grad das äußere Natürliche oder Sinnliche" (HG 5145). Diese Vierteilung ließe sich zu einer Zweiteilung vergröbern (das Vernünftige - das Natürliche); tatsächlich schreibt Swedenborg: "Beim Menschen gibt es zwei voneinander völlig getrennte Bereiche: das Vernünftige und das Natürliche. Das Vernünftige bildet den inneren Menschen und das Natürliche den äußeren, aber sowohl das Natürliche als auch das Vernünftige haben ihr Äußeres und ihr Inneres" (HG 4570).

[5] Vgl. auch HG 1940.

[6] Hier kann man auf Swedenborgs "Ritzentheorie" verweisen: HG 3167, 3679, 5127, 6299, 6564.

[7] Die deutsche Übersetzung der HG ist hier leider sehr verwirrend. Denn "reformatio" wird mit "Besserung" (89, 645, 653, 1255, 1300, 2276, 2343, 2671, 2679, 2708, 2874, 2877, 2945, 2954, 3043, 3057, 3125, 3128, 3145, 3324, 3518, 3539, 3570, 3576, 3587, 4029, 4031, 4174, 5270, 5275, 5280, 5470, 5504, 5505, 5508, 6669, 6724, 8209, 8974, 10669) und gelegentlich auch mit "Umbildung" (610, 611, 2044, 4073, 8209) wiedergegeben. Hinzu kommt, daß "Besserung" auch als Äquivalent für "emendatio" (592, 1886, 4217, 4730, 4942, 5036, 5087, 6977, 7186, 7332, 8700, 9040, 9045, 9087, 9123, 9124, 9130, 9132, 9168, 9254, 9256, 9258, 9259, 9325) verwendet wird, das wiederum manchmal auch mit "Verbesserung" (6405, 9046, 9076, 9086, 9102) übersetzt wird. Diese Übersetzungspraxis verschleiert Swedenborgs Vorstellung und sollte bei der geplanten Neuausgabe korrigiert werden. In 8209 läßt der Übersetzer seine Unsicherheit erkennen, indem er dem Leser für "reformatio" beide Möglichkeiten anbietet: "Besserung (oder Umbildung)". Umbildung und Wiedergeburt begegnen schon in den HG als Wortpaar (653, 1300, 2276, 2343, 2877, 2954, 3043, 3125, 3576, 4029, 4031, 5270, 5275, 5508, 10669). Auf die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten von "reformare" weisen schon die "Monatsblätter für die Neue Kirche" 7/1928 hin, und zwar im Blick auf die schwierige Frage, ob im anderen Leben eine grundsätzliche "Besserung" möglich sei. "Sie nehmen Anstoß daran, daß Swedenborg lehre, daß Menschen sich nach dem Uebertritt in die andere Welt nicht mehr bessern ... Hier ist der Widerspruch nur ein scheinbarer und beruht lediglich auf einer Ungenauigkeit der Uebersetzung, indem das Wort reformare in Swedenborg stets mit 'umbilden' übersetzt werden sollte und nicht mit 'bessern'." (S.113). Allerdings ist die Schwierigkeit damit nicht beseitigt, denn Swedenborg kann in diesem Zusammenhang auch das Wort "emendatio" verwenden: "nec in altera vita datur emendatio (auch wird im anderen Leben keine Besserung gegeben)" (HG 7186).

[8] Zur Begründung sei außerdem auf HG 10729 verwiesen: Sechs Tage bezeichnen "den ersten Zustand der Wiedergeburt des Menschen vom Herrn; und dieser Zustand ist vorhanden, wenn der Mensch im Wahren ist und durch das Wahre zum Guten geführt wird".

[9] Weitere Stellen: "Der erste Akt der neuen Geburt heißt Umbildung und betrifft den Verstand. Der zweite Akt heißt Wiedergeburt und betrifft den Willen und von daher auch den Verstand." (WCR 587-590). "Es gibt ... zwei Zustände beim Menschen, wenn er vom Herrn wiedergeboren wird: einen früheren, wenn er im Wahren ist und durch das Wahre zum Guten geführt wird; und einen späteren, wenn er im Guten ist und aus dem Guten das Wahre sieht und liebt." (HG 10729). Vgl. auch HG 3539 und 5280.

[10] Der lateinische Originaltext: "inde constat quod imago reformationis hominis sistatur in formatione ejus in utero; et si credere velis, est quoque bonum caeleste et verum spirituale quod a Domino, quod illum format ..." (HG 3570).

[11] Zur Definition der Überreste: Die Überreste "sind alle Zustände der Liebe und der tätigen Liebe, demnach alle Zustände der Unschuld und des Frieden, mit denen der Mensch beschenkt wird. Diese Zustände werden dem Menschen von Kindheit an geschenkt, aber allmählich immer weniger, je erwachsener er wird." (HG 1738). Die Überreste "sind alle Zustände der Neigung des Guten und Wahren, mit denen der Mensch vom Herrn von der frühen Kindheit bis zum Lebensende beschenkt wird." (HG 1906). Die Überreste "sind alles Gute und Wahre beim Menschen, das verborgen in seinen Gedächtnissen und in seinem Leben ruht." (HG 2284). Die beiden folgenden Formulierungen lassen zwei Übersetzungen zu: "reliquiae sint bona et vera a Domino apud hominem recondita" (HG 2959). reliquiae "sint bona et vera a Domino in interiore homine recondita" (HG 6156). Erste Möglichkeit: "Die Überreste sind das Gute und Wahre vom Herrn, das beim Menschen verborgen ist." Oder: "Die Überreste sind das Gute und Wahre, das vom Herrn bei Menschen verborgen ist."

Abgeschlossen am 9.1.1995. In: Offene Tore 2 (1995) 45-57, 3 (1995) 109-116