
Thomas Noack
Die Bibelkenntnisse gehen heute in der Flut der Bücher unter. Doch die Erzählungen von der Sintflut sind meist noch vorhanden. In keiner Kinderbibel fehlen sie. Die folgende Zusammenschau enthält Vers für Vers die biblische Erzählung von der großen Flut. Auf jedem Vers folgt anschließend eine möglichst kurze Formulierung des inneren Sinnes. Dabei habe ich mich an Swedenborgs Auslegung in den Himmlischen Geheimnissen orientiert, aber hier und da auch freiere Formulierungen gewagt, die meinem Empfinden des inneren Sinnes entspringen, denn der geistige Sinn ist kein totes Gebilde, sondern lebendiges Gewebe.
Genesis 6,1. Und es geschah, daß der Mensch anfing sich zu mehren auf dem Angesichte des Bodens und Töchter ihnen geboren wurden.
Bei den Menschen vor der Sündflut nahmen die Begierden überhand.
6,2. Und die Söhne Gottes sahen die Töchter des Menschen, daß sie gut wären und nahmen sich Frauen von allen, die sie erwählten.
Die Wahrheiten, die diese Menschen noch aus der ältesten von Gott stammenden Überlieferung kannten, verbanden sich mit allen möglichen Begierden.
6,3. Und der Herr sprach: Mein Geist wird nicht ewiglich rechten mit dem Menschen; denn er ist Fleisch, und seine Tage werden sein hundertundzwanzig Jahre!
Die Folge davon war, daß sich die Menschen vom Geist des Herrn nicht mehr leiten ließen, denn sie waren körperlich geworden. Um wiedergeboren werden zu können muß der Mensch aber Überreste des Glaubens haben.
6,4. In denselben Tagen waren die Nephilim auf der Erde, und auch nachher, da die Söhne Gottes zu den Töchtern des Menschen eingingen, und diese ihnen gebaren. Dieselben wurden die Mächtigen von Alters her, Männer von Namen.
So entstanden jene maßlosen Einbildungen der Selbstliebe, die alles Heilige und Wahre völlig verachteten.
6,5. Und der Herr sah, daß des Bösen des Menschen viel ward auf Erden, und daß alles Bilden der Gedanken seines Herzens nur böse war den ganzen Tag.
Der Wille zum Guten begann aufzuhören, so daß es keine innere Wahrnehmung des Guten und Wahren mehr gab.
6,6. Und es reute den Herrn, daß Er den Menschen auf Erden gemacht hatte, und es schmerzte Ihn in Seinem Herzen.
Da erbarmte sich der Herr des Menschen.
6,7. Und der Herr sprach: Ich will vertilgen den Menschen, den Ich geschaffen, von dem Boden vom Menschen bis zum Vieh, bis zum Kriechtier und bis zum Gevögel der Himmel, denn es reut Mich, daß Ich sie machte.
Denn der Mensch richtete sich selbst zugrunde, und zwar in allen seinen Lebensbereichen, das heißt in Wille und Verstand. Deswegen erbarmte sich der Herr des Menschen …
6,8. Aber Noah fand Gnade in den Augen des Herrn.
… indem Er einen neuen Weg der Wiedergeburt eröffnete.
6,9. Dies sind die Geburten Noahs. Noah war ein gerechter Mann und untadelig in seinen Geschlechtern. Noah erging sich mit Gott.
Dies ist die Wiedergeburt des Menschen, der die Liebe zum Herrn nicht mehr empfinden kann (Noah bedeutet Trost), aber dennoch in seiner äußeren Lebenstätigkeit mit dem Guten und Wahren erfüllt werden soll, weil er nach den göttlichen Lehren handelt.
6,10. Und Noah zeugte drei Söhne, Sem, Ham und Jafet.
Diese neue Geburt läßt drei Lehr- und somit Religionstypen zu.
6,11. Und die Erde war verdorben vor Gott; und die Erde war erfüllt mit Gewalttat.
Die ursprüngliche Weise, Mensch zu sein aus der Unmittelbarkeit des Herzens, war ganz und gar verloren gegangen.
6,12. Und Gott sah die Erde, und siehe, sie war verdorben, weil alles Fleisch seinen Weg verdebt hatte auf Erden.
Das Verständnis des Wahren erlosch, weil der Mensch nur noch die leiblichen Bedürfnisse befriedigte.
6,13. Und Gott sprach zu Noah: Das Ende alles Fleisches ist vor Mich gekommen, denn die Erde ist erfüllt mit Gewalttat durch sie. Und siehe, ich will sie verderben mit der Erde.
Damit war der Untergang des Menschen besiegelt, denn das Leibliche kennt keine Werte, das heißt in ihm wohnt kein Wille zum Guten.
6,14. Mache dir eine Arche von Gopherholz. Mit Kammern mache die Arche und verpiche sie von innen und außen mit Pech.
Der neue Menschentyp besteht aus Lüsten (leicht entflammbaren Leidenschaften), was die ganz natürliche Folge seiner bisherigen Biographie ist (Sündenfall und Brudermord). Aber er kann gerettet werden, weil sein Geist - anders als der des Urmenschen - deutlich in verschiedene Bereiche abgetrennt ist, so daß die Begierden ihn nicht überschwemmen können.
6,15. Und also sollst du sie machen: Dreihundert Ellen sei die Länge der Arche, fünfzig Ellen ihre Breite und dreißig Ellen ihre Höhe.
Jedoch sind die Dimensionen seines inneren Lebens - die Tiefe der Erfahrung des Heiligen, die Wahrheitserkenntnis und die Güte seines Lebens - auf einen engen Raum beschränkt.
6,16. Ein Fenster sollst du machen der Arche und es oben vollenden bis zu einer Elle. Und den Eingang der Arche sollst du an die Seite setzen. Ein unterstes, zweites und drittes Stockwerk sollst du machen.
Aufgrund der Belastung durch die Sünde (infolge seiner Biographie) ist dieser Menschentyp nur durch das Verständnis der höheren Dinge und das Hören des Wortes zugänglich. Aufgrund dieser Einflüsse (Öffnungen), kann er Wissen erwerben, es geistig durchdringen und schließlich zu einem gleichsam inneren Verständnis der Wahrheit gelangen.
6,17. Und Ich, siehe, Ich bringe die Flut von Wassern über die Erde, zu verderben alles Fleisch unter den Himmeln, in dem der Geist des Lebens ist. Alles, was auf Erden ist soll verscheiden.
In der Überschwemmung des Bösen und Falschen wird alles Ursprüngliche, das aber verdorben ist, untergehen und somit der Erfahrbarkeit nicht mehr zugänglich sein.
6,18. Aber mit dir will Ich einen Bund aufrichten. Und du sollst in die Arche eingehen, du und deine Söhne und dein Weib und deiner Söhne Weiber mit dir.
Du aber und dein Anhang sollst gerettet werden und neues Leben empfangen (mit dem Ursprung verbunden werden).
6,19. Und von allem Lebendigen, von allem Fleische sollst du je zwei von allem in die Arche einbringen, auf daß sie mit dir am Leben bleiben, ein Männliches und ein Weibliches sollen sie sein.
Deswegen soll das, was bei dir noch lebendig oder intakt ist, das Vermögen zu verstehen, gerettet werden. Desgleichen aber auch dein Wille, denn nur im Zusammenspiel von Verstehen und Verwirklichen kann sich dein Leben neu entfalten.
6,20. Von dem Gevögel nach seiner Art, und vom Vieh nach seiner Art, von allem Kriechtier des Bodens nach seiner Art, sollen je zwei von allen zu dir herein kommen, auf daß sie am Leben bleiben.
Daher will ich dein Denken und Wollen bewahren, auch deine niedrigsten Triebe und Absichten. Die Möglichkeit, daß sich aus all dem neues Leben entfaltet, soll erhalten bleiben.
6,21. Und du, nimm dir von jeglicher Speise, die gegessen wird, und sammle sie dir, auf daß sie dir und ihnen zur Speise seien.
Und weil ich dich nicht untergehen lassen, sondern bewahren will, so rüste dich mit dem Lebensnotwendigen aus. Das Gute werde dir zur Lust und das Wahre eine Bereicherung deines Geistes.
6,22. Und Noah tat es. Nach allem, wie ihm Gott geboten hatte, so tat er.
Dies ist der Weg, in der Not seines Geistes die Rettung zu erfahren. Wer ihn erkennt, verwirklicht ihn.
Genesis 7,1. Und der Herr sprach zu Noah: Geh ein, du und all dein Haus, zur Arche; denn dich habe Ich gerecht vor Mir gesehen in diesem Geschlechte.
Der Wille wird für die Wiedergeburt durch das dort befindliche Gute vorbereitet.
7,2. Von allem reinen Vieh nimm dir sieben und sieben, ein Männchen und sein Weibchen, und von dem Vieh, das nicht rein ist, je zwei, ein Männchen und sein Weibchen.
Wiedergeboren werden die heiligen Triebe zum Guten und das mit ihnen verbundene Wahre. Ebenso aber auch die unheiligen Triebe zum Bösen und das damit verbundene Falsche.
7,3. Auch von dem Gevögel der Himmel sieben und sieben, ein Männliches und ein Weibliches, auf daß Samen auf der ganzen Erde erhalten werde.
Schließlich wird auch das Vermögen zu verstehen wiedergeboren, damit der äußere Menschen glauben kann. Dieses Vermögen ist heilig, weil es sich aus der Bereitschaft Gutes zum tun bildet.
7,4. Denn in noch sieben Tagen lasse Ich regnen auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte, und vertilge jegliches Geschöpf, das ich gemacht habe, von dem Boden.
Die Versuchung selbst wird durch das intensivere Einwirken des Herrn ausgelöst. Die Versuchungen bewirken, daß das Eigene des Menschen gleichsam vertilgt wird.
7,5. Und Noah tat nach allem, das der Herr geboten hatte.
So geschah es.
7,6. Und Noah war sechshundert Jahre alt und die Flut der Wasser war auf der Erde.
Die Anfechtungen im Bereich des Verstandes fangen an.
7,7. Und Noah und seine Söhne und sein Weib und die Weiber seiner Söhne mit ihm gingen ein in die Arche vor den Wassern der Flut.
Der Mensch, der wiedergeboren werden kann, aber - aufgrund des Bösen in ihm - Versuchungen ausgesetzt ist, wird beschützt, weil er Wahres und Gutes und Wahres, das mit Gutem verbunden ist, hat.
7,8. Von dem reinen Vieh und von dem Vieh, das nicht rein war, und von dem Gevögel und von allem, das auf dem Boden kreucht,
Die guten Triebe, aber auch die Begierden, die Gedanken und alles Vergnügliche aus dem Sinnlichen …
7,9. kamen hinein zwei und zwei zu Noah zur Arche, ein Männliches und ein Weibliches, wie Gott dem Noah geboten hatte.
… wird beschützt und somit bewahrt, und zwar in seiner paarweisen Ausprägung als Form (Wahres) und Inhalt (Gutes).
7,10. Und es geschah, daß in sieben Tagen die Wasser der Flut auf der Erde waren.
Dies, nämlich die Versuchung des Verständigen, ist der Anfang der Versuchungen.
7,11. Im sechshundertsten Jahre des Lebens Noahs im zweiten Monat, am siebzehnten Tage des Monats, an diesem Tage war es, daß alle Brunnquellen des großen Abgrundes sich zerspalteten, und alle Fenster des Himmels geöffnet wurden.
Der andere Zustand der Versuchung betrifft den Willen und ist weitaus schwerer als der den Verstand betreffende. Zugleich ist er von der Versuchung des Verstandes nicht zu trennen.
7,12. Und vierzig Tage und vierzig Nächte war der Regen auf der Erde.
Die Dauer der Versuchung.
7,13. An diesem selbigen Tage ging Noah, und Sem und Ham und Jafet, die Söhne Noahs und Noahs Weib und die drei Weiber seiner Söhne mit ihnen ein in die Arche.
Der geistige (das heißt in sich gespaltene) Mensch wird in den Versuchungen wiedergeboren. Ebenso alles, was zu ihm gehört: seine drei Daseinsbereiche, seine Verbindung mit Gott im allgemeinen und besonderen.
7,14. Sie und alles Wild nach seiner Art und alles Vieh nach seiner Art und alles Kriechtier, das auf der Erde kriecht nach seiner Art und alles Gevögel nach seiner Art, jeder Vogel, alles Geflügelte.
Alles, was diesem Menschen angehört, wird gerettet: alles geistig Gute, alles natürlich Gute, alles sinnlich und körperlich Gute, alles geistig Wahre, alles natürlich Wahre und alles sinnlich Wahre.
7,15. Und sie gingen ein zu Noah zur Arche zwei und zwei, von allem Fleisch, in welchem der Geist des Lebens war.
Das alles wird gerettet - und zwar nach Form und Inhalt -, weil es neues Leben vom Herrn empfängt.
7,16. Und die hinein gingen, Männliche und Weibliche, von allem Fleisch gingen sie hinein, wie Gott ihm geboten hatte, und der Herr schloß hinter ihm zu.
Die ganze Lebendigkeit des geistigen Menschen wird gerettet, doch der Himmel wird verschlossen.
7,17. Und die Flut war vierzig Tage auf der Erde, und die Wasser mehrten sich und hoben die Arche auf und sie ward emporgehoben über die Erde.
Infolge der Überschwemmung durch das Falsche ist der geistige Mensch Schwankungen zwischen dem Wahren und Falschen ausgesetzt.
7,18. Und es wurden mächtig die Wasser und mehrten sich sehr auf der Erde, und die Arche ging über die Wasser dahin.
Diese Schwankungen nehmen zu.
7,19. Und die Wasser wurden sehr, sehr mächtig auf Erden, und es wurden alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt.
Die falschen Vorstellungen wachsen an und überdecken alles Gute des Himmels, …
7,20. Fünfzehn Ellen darüber wurden die Wasser mächtig und sie bedeckten die Berge.
… so daß praktisch keine tätige Liebe mehr da war.
7,21. Und alles Fleisch verschied, das auf Erden kriecht, an Gevögel und an Vieh und an Wild und an allem Gewürm, das auf Erden wimmelt, und aller Mensch.
Der entartete Urmensch geht unter und mit ihm all seine Einbildungen: seine Neigungen zum Falschen, seine Begierden, seine Lüste und sein Körperliches und Irdisches. All das geht unter.
7,22. Alles, was den Odem des Geistes des Lebens in seiner Nase hatte von allem, das im Trocknen war, starb.
Die gesamte Nachkommenschaft, die den Geist des Urmenschen geatmet hat, verscheidet, weil ihr die innere Lebensfrische abhanden gekommen und sie nun ausgemergelt ist.
7,23. Und er vertilgte jegliches Geschöpf, das auf dem Boden war, vom Menschen bis zum Vieh, zum Kriechtier, und zum Gevögel des Himmels. Und sie wurden vertilgt von der Erde, und nur Noah verblieb, und was mit ihm in der Arche war.
So geht der entartete Urmensch mitsamt seiner bösen Natur, seinen Begierden, Lüsten und falschen Überzeugungen unter. Was bleibt ist der geistige Mensch und sein Lebensinhalt.
7,24. Und die Wasser waren mächtig auf Erden hundertundfünfzig Tage.
Das völlige Ende der ursprünglichen Schöpfung des Menschen.
Genesis 8,1. Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf Erden kommen, und die Wasser fielen.
Der Mensch empfindet nun, da die Versuchung abebbt, daß der Herr seiner wieder gedenkt. Zwar sieht es im Gemüt des Menschen noch recht verworren aus: Gedanken der Hoffnung und des Glaubens werden von Sorgen, Beängstigungen und falschen Vorstellungen durchkreuzt; aber schon macht sich ein Einfluß bemerkbar, der die Überflutung des Geistes mit negativen Gedanken und Gefühlen vermindert.
8,2. Und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels, und dem Regen vom Himmel wurde gewehrt.
Das Böse der Triebhaftigkeit quillt nicht mehr empor und das Falsche des Verstandes überschüttet den Menschen nicht mehr, womit die Versuchung im allgemeinen aufhört.
8,3. Da verliefen sich die Wasser von der Erde, gehend und zurückkehrend, und nahmen ab nach hundertundfünfzig Tagen.
Aber der Mensch schwankt noch eine Zeitlang zwischen dem Wahren und Falschen hin und her;
8,4. Am siebzehnten Tage des siebenten Monats ließ sich die Arche nieder auf das Gebirge Ararat.
kommt dann aber innerlich zur Ruhe, das heißt wird wiedergeboren aus dem neuen Licht der Liebtätigkeit.
8,5. Es nahmen aber die Wasser immer mehr ab bis auf den zehnten Monat. Am ersten Tage des zehnten Monats sahen die Spitzen der Berge hervor.
Schließlich lassen die Schwankungen ganz nach, denn das Falsche verschwindet, und die ersten großen Glaubenswahrheiten werden sichtbar. Es sind Wahrheiten aus den religiösen Urerfahrungen im Menschen, die sich nun in ihrer majestätischen Erhabenheit zeigen.
8,6. Nach vierzig Tagen tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte,
Nach den Versuchungen werden nun erstmals die Wahrheiten des Glaubens sichtbar.
8,7. und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden.
Doch dunkle Gedanken flattern noch im Gemüt umher und trüben die Einsicht in das Wahre solange, bis das Meer der falschen Vorstellungen ausgetrocknet und dem Augenschein entschwunden ist.
8,8. Danach ließ er eine Taube von sich ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hatten auf Erden.
Andererseits erkundet auch das Gute und Wahre die Situation, um herauszufinden, ob der Mensch seine falschen Ansichten bereits aufgegeben hat.
8,9. Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche; denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche.
Aber es kann noch nicht Fuß fassen, denn das Falsche ist noch im überfluß vorhanden. Der Mensch glaubt nämlich immer noch, das Gute und Wahre aus eigener Macht verwirklichen zu können.
8,10. Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche.
In einer zweiten Phase der Aufnahme des Guten und Wahren kommt die echte Liebesgesinnung zum Vorschein, weswegen dieser Abschnitt heiliger ist als der vorangehende.
8,11. Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug's in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, daß die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden.
Der Mensch befindet sich zwar, was die Vorgänge in seiner Seele angeht, noch in einem Dämmerlicht, aber dennoch erscheint ihm bereits ein wenig Wahres, das aus dem echten Glaubensbewußtsein der spirituellen Liebe herrührt. Das falsche Denken ist nämlich nicht mehr so gemütsbewegend, daß es hindern könnte.
8,12. Aber er harrte noch weitere sieben Tage und ließ eine Taube ausfliegen; die kam nicht wieder zu ihm.
In einer dritten, ebenfalls heiligen Phase nimmt der Mensch das Gute und Wahre schließlich ohne Ichbindung auf; er ist also innerlich frei, den himmlischen Einfluß ohne Selbstbezug herrschen zu lassen.
8,13. Im sechshundertundersten Lebensjahr Noahs am ersten Tage des ersten Monats waren die Wasser vertrocknet auf Erden. Da tat Noah das Dach von der Arche und sah, daß der Erdboden trocken war.
Damit ist die Zeit der Versuchung vorbei; ein neuer Zustand kann beginnen. Die falschen Vorstellungen haben ihre Macht über den Menschen verloren, folglich kann das Licht der Glaubenswahrheiten kraftvoll aufscheinen. Der Mensch anerkennt dieses Licht nun und glaubt daran, ist also wiedergeboren.
8,14. Und am siebenundzwanzigsten Tage des zweiten Monats war die Erde ganz trocken.
Auf den Zustand der Versuchungskampfe folgt ein heiliger Zustand der Ruhe: die Wiedergeburt.
8,15. Da redete Gott mit Noah und sprach:
Da der Herr beim wiedergeborenen Menschen gegenwärtig ist,
8,16. Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Sohne mit dir.
kann dieser nun den Zustand der Bedrängnis verlassen. Alles Lebendige im Menschen, seine Liebe, die Wahrheiten und die guten Bestrebungen aus dem Wahren können sich nun frei auswirken.
8,17. Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh und allem Gewürm, das auf Erden kriecht, das gehe heraus mit dir, daß sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden.
Ebenso tritt alles Belebte in den Zustand der Freiheit: das Verständige und das Wollende des inneren Menschen und das Entsprechende beim äußeren Menschen. Da der innere Mensch jetzt auf den äußeren einwirkt, wächst das Gute und Wahre beim äußeren Menschen.
8,18. So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne,
Tatsächlich wird der Mensch und alles, was in ihm auf Gott ausgerichtet ist, nun wahrhaft frei.
8,19. dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
Ebenso das Gute und Wahre des inneren und äußeren Menschen. Die Freiheit besteht darin, daß der geistige Mensch nicht mehr vom Bösen und Falschen seiner Begierden getrieben wird, sondern aus dem Gewissen (oder Bewußtsein) des Guten und Wahren handeln kann.
8,20. Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.
Der geistig wiedergeborene Mensch verehrt den Herrn, indem er aus dem Guten der Liebe und dem Wahren des Glaubens tätig ist.
8,21. Und der Herrn roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um des Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.
Diese Verehrung ist dem Herrn angenehm. Der geistige Menschentyp kann sich vom Herrn nicht mehr dermaßen abwenden wie die Nachkommenschaft des ursprünglichen, himmlischen Menschentyps. Denn obwohl das Wollen des Menschen durch und durch böse ist, ist nunmehr dennoch im verständigen Teil des Gemüts ein neuer Wille aufgerichtet, das sogenannte Gewissen. Dadurch wird der Mensch vom Herrn geleitet und kann nicht mehr so vollständig verderben.
8,22. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Die Zustände des äußeren Menschen werden hinfort sein: Das Wort Gottes wird er hören und reifen lassen. Glaube und Liebtätigkeit werden einmal nicht vorhanden und einmal vorhanden sein. Auch der wiedergeborene Mensch wird einmal liebtätig, einmal nicht liebtätig; einmal verständig, einmal nicht verständig sein.
Genesis 9,1. Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.
Auch dem geistigen, das heißt aus Wahrheiten wiedergeborenen Menschen ist der Herr nahe und bewirkt, daß beim äußeren Menschen das Gute der Nächstenliebe fruchtbar und das Wahre des Glaubens vermehrt wird.
9,2. Frucht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden und über allen Vögeln unter dem Himmel, über allem, was auf dem Erdboden wimmelt, und über allen Fischen im Meer; in eure Hände seien sie gegeben.
Dadurch herrscht der innere Mensch über den äußeren, was zur Folge hat, daß sich der äußere Mensch vor dem Bösen seiner Begierden fürchtet und vor dem Falschen seiner Gedanken erschrickt. Jedoch ist das Gute und Wahre, das der äußere Mensch anscheinend selbständig hervorbringt, der Besitz des inneren Menschen beim äußeren.
9,3. Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich es euch alles gegeben.
Alle Lustgefühle, in denen etwas Gutes und somit Lebendiges enthalten ist, dürfen genossen werden. Sie sind eine Stärkung für die Seele. Auch die ganz geringen, weltlichen und körperlichen Freuden sind dem Menschen nicht verwehrt, denn auch sie schaffen einen Nutzen.
9,4. Allein esset das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist!
Der Eigenwille des Menschen soll mit dem neuen Willen aus dem Herrn, dem Willen, Nächstenliebe zu praktizieren, nicht vermischt werden. Unheiliges soll sich also nicht mit Heiligem verbinden, weil das eine Entweihung des Heiligen durch Unheiliges ist.
9,5. Auch will ich euer eigen Blut, das ist das Leben eines Jeden unter euch, rächen und will es von allen Tieren fordern und will des Menschen Leben fordern von einem jeden Menschen.
Die Auslöschung der Nächstenliebe durch Haß, Rache und Grausamkeit rächt sich, indem das Wesen eines solchen Menschen gewalttätig wird, das heißt das Wollen verhärtet und das Denken verbittert. So straft sich die Entweihung selbst.
9,6. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht.
Wer die Nächstenliebe bei sich auslöscht, indem er aus Haß- und Rachegefühlen handelt, tötet sich selbst, denn er wird seinem eigenen, unwiedergeborenen Willen ausgeliefert und zerstört das Bild Gottes in sich, nämlich die Nächstenliebe.
9,7. Seid fruchtbar und mehret euch und reget euch auf Erden, daß eurer viel darauf werden.
Wenn der geistige Mensch diese Gefahren meidet und tatsächlich aus dem neuen Liebeswillen tätig ist, dann wird das Gute und Wahre im inneren und im äußeren Menschen zunehmen.
9,8. Und Gott sagte zu Noah und seinen Söhnen mit ihm:
Das Wesen des geistigen (= aus Wahrheiten wiedergeborenen) Menschen ist folgendes:
9,9. Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen
Der Herr verbindet sich mit diesem Menschen und allem, was bei ihm ist, durch die Nächstenliebe.
9,10. und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren des Feldes bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es sind auf Erden.
Und ist in allem gegenwärtig, was bei diesem Menschen wiedergeboren ist: in der Sphäre des Verstehens und des Wollens, im äußeren Gedächtniswissen und den Körperfreuden. Nicht nur bei den Menschen innerhalb der Kirche, sondern auch bei denen außerhalb ist er gegenwärtig.
9,11. Und ich richte meinen Bund so mit euch auf, daß hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe.
Der Herr verbindet sich mit allen Menschen, die Liebe praktizieren. Der geistige Menschentyp kann nicht mehr zugrunde gehen wie der himmlische Menschentyp, dessen Denken gänzlich von seinem Wollen abhängig war und der deswegen, als er vom Herrn abfiel, in einen todbringenden und alles Leben abwürgenden Wahn geriet.
9,12. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig:
Dies ist die sichtbare Seite der Verbindung des Herrn mit dem liebtätigen Menschen und mit allem, was bei ihm wiedergeboren ist und lebt. Es gilt fortwährend für alle Menschen, die (geistig) neu geschaffen werden.
9,13. Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.
Der Zustand des wiedergeborenen geistigen Menschen gleicht der Naturerscheinung des Regenbogens: Das geistige Licht des Herrn wird durch das eigene Verstehen (welches an sich falsch ist) und durch das eigene Wollen (welches an sich böse ist) modifiziert und somit bunt (vielfältig) gebrochen. Daher ist das Licht (Verständnis) des geistigen Menschen dunkel, vergleicht man es mit dem Licht des himmlischen Menschen, denn dem Verstehen des geistigen Menschen ist Falsches und Böses beigemischt. Und dennoch ist das buntgefächerte Verständnis des geistigen Menschen das sichtbare Zeichen der Gegenwart des Herrn.
9,14. Und wenn es kommt, daß ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.
Wenn wegen des Eigenwillens des Menschen der Glaube der Nächstenliebe, das heißt das geistige Licht, nicht erscheint, was nicht bedeutet, daß der Mensch nicht wiedergeboren werden kann -,
9,15. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, daß hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe.
dann wird sich der Herr dennoch erbarmen, in erster Linie natürlich gegenüber denen, die wiedergeboren sind oder sich wiedergebären lassen, aber auch gegenüber dem gesamten Menschengeschlecht. Der Mensch ist nun einmal in seiner Willenssphäre verdorben, aber das Verständnisvermögen kann den Menschen nun nicht mehr mit derart aberwitzigen Wahnideen überschwemmen, daß er zugrunde geht wie der ursprüngliche, himmlische Menschentyp. Das gilt ganz allgemein für jeden Menschen.
9,16. Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, daß ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.
Wenn sich das Himmelslicht in der Sphäre (Aura) eines Menschen in bunter Vielfalt (je nach der Beschaffenheit eines jeden) darstellt, dann kann dieser Mensch wiedergeboren werden, so daß der Herr bei ihm durch das Medium der Nächstenliebe gegenwärtig sein kann.
9,17. Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.
Der Mensch der Kirche soll wissen, daß der Herr nicht nur bei den Menschen innerhalb der Kirche, sondern auch bei denen außerhalb der Kirche gegenwärtig ist, sofern sie Nächstenliebe praktizieren.
9,18. Die Söhne Noahs, die aus der Arche gingen, sind diese: Sem, Ham und Jafet. Ham aber ist der Vater Kanaans.
Das Prinzip "geistige Wiedergeburt" läßt drei Verwirklichungen zu: die Nächstenliebe (innere Kirche), den bloßen Glauben (verdorbene Kirche) und die rituellen Handlungen (äußere Kirche). Aus dem überwiegenden Interesse an den reinen Glaubenswahrheiten ist der Zeremoniengottesdienst entstanden, dem keine religiöse Erfahrung innewohnt und der daher sinnentleert ist.
9,19. Das sind die drei Söhne Noahs; von ihnen kommen her alle Menschen auf Erden.
Dies sind die drei Ausprägungen des geistigen Menschen. Aus diesen Grundtypen haben sich alle besonderen Lehren entwickelt, die wahren ebenso wie die falschen.
9,20. Noah aber, der Ackermann, pflanzte als erster einen Weinberg.
Der geistige Mensch wird zunächst in den Lehren seiner Religion unterwiesen; das ist der Anfang seines Weges. Dadurch entsteht bei ihm die geistige (= auf Wahrheiten gegründete) Kirche.
9,21. Und da er von dem Wein trank, ward er trunken und lag im Zelt aufgedeckt.
Wenn er jedoch die Wahrheiten des ihm vermittelten Glaubens ausgrübeln will, dann verfällt er Irrtümern, beraubt sich der Glaubenswahrheiten, und verkehrte Ansichten gerade in den zentralen Gegenständen des Glaubens sind die Folge.
9,22. Als nun Ham, Kanaans Vater, seines Vaters Blöße sah, sagte er es seinen beiden Brüdern draußen.
Diejenigen, deren Hauptaugenmerk auf die bloße Glaubenslehre gerichtet ist (die verdorbene Kirche) und die daher der Ursprung der sich in Riten erschöpfenden Kirche sind, bemerken die Irrtümer und verkehrten Ansichten und spotten darüber.
9,23. Da nahmen Sem und Jafet ein Kleid und legten es auf ihrer beider Schultern und gingen rückwärts hinzu und deckten ihres Vaters Blöße zu; und ihr Angesicht war abgewandt, damit sie ihres Vaters Blöße nicht sähen.
Diejenigen hingegen, denen die Nächstenliebe das Wichtigste ist (die innere Kirche) und die sich dementsprechend verhalten (die entsprechende äußere Kirche), legen die Irrtümer und verkehrten Ansichten mit aller Macht zum Guten aus. Ja, sie achten nicht einmal auf die Irrtümer und verkehrten Ansichten, sondern entschuldigen sie. So soll man sich verhalten: Auf die Irrtümer und Fehler anderer, die aus Vernünfteleien entstehen, soll man nicht achten.
9,24. Als nun Noah erwachte von seinem Rausch und erfuhr, was ihm sein jüngster Sohn angetan hatte,
Wenn der geistige Mensch eines besseren belehrt wird, dann erkennt er, daß das alleräußerste Religionswissen und -handeln von Haus aus ein Spötter und wenig hilfreich ist.
9,25. sprach er: Verflucht sei Kanaan und sei seinen Brüdern ein Knecht aller Knechte!
Der nur äußere Religionsbetrieb ist an und für sich dem göttlichen Einfluß gegenüber nicht aufgeschloßen, kann aber geringe Dienste leisten, wenn das eigentliche Wesen der Religion, nämlich der Prozeß der Wiedergeburt, nicht aus den Augen verloren wird.
9,26. Und sprach weiter: Gelobt sei der Herr, der Gott Sems, und Kanaan sei sein Knecht!
Diejenigen hingegen, die den Herrn durch die Verwirklichung der Nächstenliebe preisen, werden mit dem Guten erfüllt. Der äußere Gottesdienst kann ihnen als Ausdrucksmittel dienen.
9,27. Gott breite Jafet aus und lasse ihn wohnen in den Zelten Sems, und Kanaan sei sein Knecht!
Auch diejenigen, die die Lehren der Kirche nicht kennen, aber dennoch Nächstenliebe praktizieren, sollen erleuchtet werden und die Begrenztheit ihrer Ansichten überwinden. Sie werden in das Heiligtum der Liebe aufgenommen werden. Auch ihnen kann der äußere Gottesdienst als Ausdrucksmittel dienen.
9,28. Noah aber lebte nach der Sintflut dreihundertundfünfzig Jahre,
9,29. daß sein ganzes Alter ward neunhundertundfünfzig Jahre, und starb.
Die Dauer und der Zustand der alten Kirche.
veröffentlicht in: Offene Tore 1 (2003) 25-42