
Thomas Noack
Swedenborg schreibt: "Die neue Zeugung oder Schöpfung geschieht allein vom Herrn unter Mitwirkung des Menschen." (WCR 576). Um diese Mitwirkung soll es im folgenen gehen. Christentum ist zwar Erlösungsreligion, aber trotzdem ist der Mensch zur Tätigkeit aufgerufen: "Was nennt ihr mich aber 'Herr, Herr!' - und tut nicht, was ich euch sage?" (Luk 6,46). "Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst." (Jak 1,22).
Paulus scheint zwar eine andere Sprache zu sprechen, wenn er sagt: "So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." (Röm 3,28). Aber was verstand Paulus unter "des Gesetzes Werken" und was unter "dem Glauben"? Redet Paulus wirklich jenem passiven Christentum das Wort, das dem Seher Johannes als Drache erschien, der alles religiöse Leben verschlingt? Es ist hier nicht der Ort, diese Fragen zu beantworten, aber zu denken gibt, was Paulus an die Galater schreibt: "Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist." (Gal 5,6). Paulus kennt keinen anderen Glauben, als nur den, "der durch die Liebe tätig ist", also - um mit Swedenborg zu reden - den Glauben der tätigen Liebe. Glaube und Nächstenliebe sind für Paulus eins, ja ein und dasselbe. Sie durchdringen und bedingen sich gegenseitig. Es hat keinen Sinn, von einem Primat des Glaubens bei Paulus zu sprechen, demgegenüber die tätige Liebe nur Anhängsel oder Ausfluß wäre. Eher schon könnte man von einem Primat der Liebe bei Paulus reden, denn immerhin schreibt er: "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen." (1.Kor 13,13). Diese Liebe ist bei ihm sogar des Gesetzes Erfüllung: "Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«" (Gal 5,14) und: "So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung" (Röm 13,10).
Paulus denkt sich das Gesetz also als in der Liebe erfüllbar. Freilich bedarf es dazu des Beistandes der Gnade. Und da sind wir genau beim Problem: Was bei Jesus Christus und Paulus noch eine selbstverständliche Einheit war - Gottes Heilshandeln als unverdiente Gnade und die nowendige Mitwirkung des Menschen - wurde für die Nachwelt zum Problem: Entweder Erlösung oder Selbsterlösung; entweder Gott oder Mensch. Wo ein sehr subtiles Sowohl-als-auch waltet, sah man ein schroffes Entweder-Oder. Swedenborg weiß um die Schwierigkeiten, die der natürliche Mensch hat, das subtile Sowohl-als-auch zu verstehen: "In den vorhergehenden Kapiteln ist mehrfach vom Zusammenwirken des Menschen mit dem Herrn die Rede gewesen. Da nun aber das menschliche Gemüt so beschaffen ist, daß es dies an sich nur so begreifen kann, als ob es der Mensch durch eigene Kraft bewirke, will ich es noch weiter erklären." (WCR 576). Es folgt dann eine Erklärung, die man in der "Wahren Christlichen Religion" nachlesen kann. Aus Mangel an psychologischem Verständnis hat man auseinandergerissen, was zusammengehört. Nicht erst Luther und mehr noch die nachfolgende Orthodoxie haben das feine Zusammenspiel von göttlicher Einwirkung und menschlicher Mitwirkung nicht verstanden. Die Schwierigkeiten beginnen schon viel früher. Der große Kirchenlehrer Augustin, der die Gnadenlehre im Abendland etablierte, hatte seine liebe Not mit der Gnade einerseits und der Forderung, tätig zu sein andererseits. Augustin konnte sich die Gnade nur als unwiderstehliche Gnade vorstellen. Wen sie triffft, den trifft sie; und wen sie nicht trifft, den trifft sie nicht. Der gefährlichen Konsequenz einer Prädestination (Vorherbestimmung) konnte Augustin nicht ganz entgehen. Zwar hat er keine doppelte Prädestination - eine zum Himmel und eine zur Hölle -, wohl aber einen beschränkten Heilswillen Gottes gelehrt. Gott, der souveräne Allher hat eben nur eine bestimmte Anzahl von Menschen zum Heil bestimmt, der Rest bleibt im selbstverschuldeten Unheil.
Wir sehen also die Probleme, die schon früh auftauchten. Wenn wir nun im Folgenden von der Mitwirkung des Menschen reden, dann sehen wir darin keinen Widerspruch zum Charakter des Christentums als einer Erlösungsreligion. Mitwirkung bedeutet für uns nicht Selbsterlösung. Der Mensch bleibt auf die Gnade angewiesen. Deutlich sagt der Herr: "Ohne mich könnt ihr nichts tun" (Joh 15,5) und: "Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: »Wir sind unnütze Knechte«" (Lk 17,10). Es heißt nicht: Bevor ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, sprecht: »Wir sind (ja sowieso) unnütze Knechte«. Erst wenn ihr alles getan habt, dann sprecht usw. Das Wort "Wir sind unnütze Knechte" beschreibt also ein neues Bewußtsein, das der Mensch seinem Tätigsein entgegenbringen soll. Es besteht - kurz gesagt - darin, daß wir uns das Gute nicht selber zuschreiben, sondern dem Herrn. Das ist eine tägliche Bewußtseinsübung.
Unsere Betrachtung der menschlichen Mitwirkung zerfällt in zwei Teile: der erste fragt, was der Mensch zu lassen hat; der zweite, was er zu wählen hat. Der erste beschäftigt sich sonach mit der Abkehr vom Eigenen unter den Stichwörtern Buße und Demut, der zweite mit der Hinkehr zum Göttlichen unter den Begriffen Nächstenliebe und Gottesliebe. Dieser Gliederungshinweis zeigt schon, daß wir die Aspekte neben- und nacheinander darstellen; in Wirklichkeit handelt es sich jedoch um ein In- und Miteinander. Was - wie hier - logisch getrennt werden kann, gehört im Leben zusammen. Das sollte der Leser immer vor Augen haben, wenn er die nun folgenden Gedanken liest.
Zunächst geht Swedenborg vom radikalen Sündersein des Menschen aus. Er schreibt: "Der Mensch ist nichts als Böses, er ist eine Zusammenhäufung von Bösem, all sein Wollen ist lauter Böses." (HG 987) oder: "Der Mensch ist aus lauter Begierden und infolgedessen aus lauter Falschheiten zusammengesetzt." (HG 59). Deswegen gilt: "Jeder Mensch im allgemeinen, auch der wiedergeborene, ist so beschaffen, daß er sich, wenn der Herr ihn nicht vom Bösen und Falschen abhält, jählings in die Hölle stürzt." (HG 789) oder: "Der Mensch, wie auch der Geist, ja selbst der Engel rennt von selbst zur Hölle, wenn er auch nur im geringsten sich selbst überlassen wird." (HG 868). Diese Worte beschreiben die Grundsituation des Menschen, ja selbst der Engel, - das Sündersein. Auch Jesus Christus stellt lapidar fest: "Ihr, die ihr doch böse seid ..." (Mt 7,11).
Daher ergeht an die Menschen der Aufruf zur Buße: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!" (Mt 3,2). Die Übersetzung des griechischen Wortes mit "Tut Buße" ist allerdings irreführend, weil wir sofort an Buße in Sack und Asche denken, an Fasten, an Kasteien und dergleichen, jedenfalls an bestimmte Handlungen. Aber schon das deutsche Wort "Buße" meint eigentlich "Besserung", also nicht unbedingt eine Bußhandlung. Und das griechische Wort bedeutet eigentlich "Sinnesänderung" oder "Umkehr". Von der äußeren Bußhandlung haben wir zur inneren Bußhaltung zurückzufinden. Der Mensch ist aufgerufen, die Gesamtmeinung von sich zu ändern. Er soll in sich gehen und erkennen, daß er nicht der Gerechte ist, für den er sich hält. Er soll sein Sündersein erkennen und anerkennen. Nicht die böse Umwelt ist schuld. Ich selbst bin das Problem.
Deswegen sagt Jesus Christus: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." (Mt 7,1). Zur Buße gehört demnach wesentlich die Selbstbeschauung: "Wirkliche Buße besteht darin, daß der Mensch sich prüft, seine Sünden bekennt und anerkennt ..." (WCR 528). Allerdings reicht es nicht aus, nur "mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa" (meine Schuld, meine Schuld, meine ungeheure Schuld) zu rufen und sich dabei an die Brust zu schlagen. Swedenborg rät ausdrücklich, das Böse in seiner konkreten Gestalt aufzuspüren: "Die Buße beginnt mit der Erkenntnis der Sünde und dem Ausfindigmachen irgendeines bestimmten Bösen bei sich selbst." (WCR 525). Dabei ist Bosheit nicht im groben Sinne zu verstehen, denn wer von uns ist schon so richtig böse?! Vielmehr sind die fein verästelten Egoismen des Geistes zu erkennen. Erst wer sich seiner eigenen Gutheit nicht mehr allzu sicher ist, wird zum Herrn aufschauen und ein neues Leben beginnen wollen.
Swedenborg nimmt das Sündersein des Menschen so ernst, daß er die Religion auf seiten des Menschen nicht im Tun des Guten bestehen läßt, sondern lediglich im Nichttun des Bösen. In seiner "Lebenslehre" schreibt er: "Man tut insoweit das Gute, als man das Böse flieht." (LL 21). Deswegen sei der zweite Teil der Zehn Gebote, der sich auf die Mitwirkung des Menschen bezieht, in der Verneinung gegeben. Statt "Du sollst ..." lesen wir: "Du sollst nicht ...": "Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus ..." (Ex 20,13-17). Religion auf seiten des Menschen bedeutet Selbstverleugnung oder Verdrängung; aber Verdrängung ist schlecht, deswegen bedarf es eines Beistandes, der aus Verdrängung Überwindung macht. Wir sehen hier das sehr subtile Zusammenspiel von Gott und Mensch. Niemand kann gegen sich selbst kämpfen, außer aus etwas Inwendigerem als er selbst ist. Daraus folgt, daß der innere Mensch gegen den äußeren kämpft. (nach GV 147). Der innere Mensch ist aber die Einflußstätte des Herrn, ja beinahe der Herr selbst (HG 1594e). Daher kämpft der Herr für den Menschen. Gleichwohl denkt der Mensch zunächst, er kämpfe selber (vgl. HG 847), denn er ist von sich eingenommen. Dieses Lebensgefühl füllt ihn so sehr aus, daß er die tatsächlichen Verhältnisse anfangs gar nicht wahrnehmen kann. Wie sollte er auch? Er wird doch als Sünder - im Gefühl der Selbstgerechtigkeit und des Selbstvermögens - von Gott akzeptiert. Und "das geknickte Rohr wird er [der Erlöser] nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." (Jes 42,3). Er läßt uns gewähren. Aber der Mensch muß erkennen, daß er nicht aus ureigenstem Vermögen kämpfen und siegen kann, sondern nur aus dem Herrn.
Der Mensch muß sich als Gefäß erkennen lernen, sonst wird er mit dem Bösen nicht fertig: "Schein ist es, daß der Mensch von sich selbst geführt und belehrt werde, und Wahrheit ist es, daß der Mensch vom Herrn allein geführt wird: Jene, die den Schein bei sich begründen und nicht zugleich die Wahrheit, können nicht das Böse als Sünde von sich entfernen." (GV 154). Die Selbsterlöser sind ein Widerspruch in sich selbst, denn was sie los werden wollen - das Selbst - tragen sie ständig mit sich herum und werden nicht frei davon. Sie sind wie Leute, die vor einem Spiegel stehen und ihrem Spiegelbild zurufen, es solle weichen, dabei aber nicht erkennen, daß es nur dann weicht, wenn sie selber weichen. Das Spiegelbild sind die Probleme im Alltag. Das Selbst ist der Glaube, aus sich zu leben. "Weil der Mensch glaubt, aus sich zu leben, eignet er sich alles Böse und Falsche an, das er sich nie aneignen würde, wenn er so glaubte, wie sich die Sache [wirklich] verhält." (HG 150). "Weil nun aber der Mensch glaubt, er tue alles, was er tut, aus sich, darum hängt ihm das vollbrachte Böse an, als ob es sein eigen wäre ..." (HH 547). Das Grundproblem ist demnach die Täuschung, oder genauer: die begründete Täuschung, als sei man das Leben selbst. So kommen wir zum Swedenborg'schen Paradoxon, demzufolge der Mensch selber kämpfen soll, jedoch unter gleichzeitiger Anerkennung, daß der Herr für ihn kämpft.
Das ist eine Bewußtseinsübung: Halte Schein und Sein auseinander. Nur der Herr kann uns auf Dauer vom unreinen Geist freihalten. Einen typischen Rückfall dei denen, die nur verdrängt haben, schildert uns Lukas: "Ein ureiner Geist, der einen Menschen verlassen hat, wandert durch die Wüste und sucht einen Ort, wo er bleiben kann. Wenn er keinen findet, sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe. Und wenn er es bei seiner Rückkehr sauber und geschmückt antrifft, dann geht er und holt sieben andere Geister, die noch schlimmer sind als er selbst. Sie ziehen dort ein und lassen sich dort nieder. So wird es mit diesem Menschen am Ende schlimmer als zuvor." (Lk 11,24-26). Der unreine Geist, der durch die Wüste wandert und einen Ort sucht, bezeichnet die bloße Verdrängung, die darin besteht, daß wir einer unserer Lebenskräfte kein Lebensrecht gewähren, sondern sie in die Wüste verbannen, wo sie zusehen soll, wo sie bleibt. Wir gehen mit unseren Lebenskräften schlimmer um als der Satan mit seinen Teufeln. Nicht Abschiebung, sondern Integration tut not. Das Gebot der Feindesliebe bezieht sich auch auf die Feinde in uns. Wenn Jesus sagt: "des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein" (Mt 10,36), dann meint er damit die mißgestalteten und abscheulichen Lebensäußerungen, die wir nicht wahrhaben wollen und deswegen in die Wüste unserer Tiefenschichten verbannen. Aber alle Verdrängung rächt sich: der unreine Geist kehrt in sein Haus, d.h. ins Wachbewußtsein, zurück, und der zweite Zustand wird schlimmer als der erste sein. Das saubere und geschmückte Haus meint den religiös herausgeputzten Menschen.
Deswegen hat sich der Mensch als Aufnahmegefäß zu erkennen, auch wenn sich das natürliche Lebensempfinden dagegen sträubt. Die menschengerechte Haltung ist die Demut. "Die Demut (humiliatio, eigentlich Erniedrigung) besteht in der Anerkennung, daß bei sich nichts lebendig und nichts gut, sondern alles tot, ja leichenhaft ist, und in der Anerkennung, daß vom Herrn alles Lebendige und alles Gute ist ..." (HG 1153). Swedenborg spricht gewöhnlich nicht von Demut, aber so wie er hier Demut definiert, ist sie in seinen Anschauungen vom radikalen Sündersein und vom Aufnahmegefäß enthalten. Jesus Christus als Mensch hat die perfekte Demut oder Erniedrigung gelebt: "Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig" (Mt 10,29). Die Demut ist die sanfte Geduld des Herzens, durch die der Mensch seine Vorzüglichkeit wohl erkennt, sich aber über seine schwächeren Brüder nie herrisch erhebt. Jesus Christus, der als Mensch sicherlich der vorzüglichste aller Menschen war, hat, als ihn jemand "Guter Meister" nannte, geantwortet: "Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein." (Mt 10,18). Demut besteht in der Anerkennung, daß alles Gute vom Herrn ist. Für Eckehart von Hochheim, den mittelalterlichen Mystiker, ist die Demut geradezu der Inbegriff der menschlichen Mitwirkung: "Ein [einziges] Werk bleibt einem billig und recht eigentlich doch, das [aber] ist: ein Vernichten seiner selbst ..." (EQ 95,1f). Das heißt ein Vernichten der selbstgerechten Meinung, die man von sich hat. Weiter sagt Eckehart: "Wer von oben empfangen will, der muß notwendig unten sein in rechter Demut." (EQ 172,20f).
Demut als Aufnahmegefäß! Ja, für Eckehart ist Menschsein - zunächst wenigstens - gleichbedeutend mit demütig sein: ">>Mensch<< in der eigenen Bedeutung des Wortes im Lateinischen bedeutet in einem Sinne den, der sich mit allem, was er ist und was sein ist, unter Gott beugt und fügt und aufwärts Gott anschaut, nicht das Seine, das er hinter, unter, neben sich weiß. Dies ist volle und eigentliche Demut; diesen Namen hat er von der Erde." (EQ 145,31-35). Für Eckehart ist das ein Wortspiel: Das Wort "homo" ist verwandt mit Erdboden, "humus", und mit Demut, "humilitas". Der Mensch ist daher im eigentlichen Sinne des Wortes ein Irdischer (ein von der Erde Genommener), dessen angemessene Haltung Demut ist. Im Deutschen leitet sich das Wort "Demut" vom Althochdeutschen "diomuoti" ab und bedeutet eigentlich "Gesinnung eines Dienenden" (vgl. oben: Gesinnungswandel: von der Gesinnung eines Herrschenden zu der Gesinnung eines Dienenden; von der Einstellung, das Leben selbst zu sein, zu der Einstellung, nur eine Rinne des Lebens zu sein).
Wir können damit zur Nächstenliebe überleiten, die Swedenborg als die Liebe zu den Nutzwirkungen oder die Liebe zum Dienen charakterisiert hat. Bislang haben wir uns mit dem bösen, man könnte auch sagen problematischen Wesen des Menschen beschäftigt und sind der Frage nachgegangen, wie der religiöse Mensch mit dieser seiner Grundsituation umgehen soll. Wir haben uns mit dem Problemkreis Buße beschäftigt. Nun sollen Betrachtungen über die Nächsten- und Gottesliebe folgen.
Nächstenliebe heißt bei Swedenborg Charitas (vgl. HG 351). Die eigentliche Liebe nennt er Amor. Amor ist auch die Liebe, mit der man Gott liebt. Charitas ist die geistige Liebe, d.h. bewußt reflektierte Liebe. Amor ist die himmliche Liebe. Charitas ist zunächst Sache des Verstandes und von da aus erst Sache des tätigen Lebens. Anders steht es mit Amor. Amor ist die Liebe des Herzens, ist also schon im Ursprung Sache des Lebens. Und weil jedem Leben nach dem Grade seiner Intensität ein Licht hinzugegeben wird, gesellt sich zur Liebe die Weisheit als das Licht des Lebens. Amor und Charitas - Herzensliebe und hingebende Liebe - verhalten sich wie Leben und gelebtes Leben. So wie Charitas und Amor von grundsätzlich anderer Beschaffenheit sind, ist es auch ihr Licht. Das Licht, aus dem die tätige Liebe hervorgeht, ist die Einsicht (intelligentia). Aber das Licht von Amor, der Liebe zum Herrn, ist die Weisheit (sapientia). Swedenborg hält diesen Unterschied peinlich genau ein. Er schreibt: "Das Licht der Einsicht wird aus den Erkenntnissen des Glaubenswahren und -guten gebildet, das Licht der Weisheit aber ist das Licht des Lebens." (HG 1555). So bilden also Einsicht und Charitas, Amor und Weisheit jeweils ein Begriffspaar. Der geistige Mensch hat (nur) Nächstenliebe, denn er heißt geistig, weil ihn noch nicht der unmittelbare Gottimpuls erfassen kann. Alles, was er tut, entsteht aus bewußter Reflexion über das Gotteswort. Auf ihn trifft das Psalmwort zu: "Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl!" (Ps. 1,1-3).
Die Liebe des himmlichen Menschen ist Amor. Sie ist erst durch Jesus Christus möglich geworden, denn in Jesus Christus wurde der unschaubare Gott schaubar und damit verbindbar (WCR 786). Damit ist ein neuer Himmel möglich geworden. Dieser christliche Himmel ist in der Offenbarung des Johannes mit den Worten beschrieben: "Und ich sah, und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und mit ihm Hundertvierundvierzigtausend, die hatten seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben auf ihrer Stirn ... Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Gestalten und den Ältesten; und niemand konnte das Lied lernen außer den Hundertvierundvierzigtausend, die erkauft sind von der Erde. Diese sind's, die sich mit Frauen nicht befleckt haben, denn sie sind jungfräulich; die folgen dem Lamm nach, wohin es geht. Diese sind erkauft aus den Menschen als Erstlinge für Gott und das Lamm, und in ihrem Munde wurde kein Falsch gefunden; sie sind untadelig." (Offb 14,1.3-5). Der geistige Mensch folgt Gott aufgrund bewußter Reflexion nach; der himmlische Mensch aber "folgt dem Lamm nach, wohin es geht". Dies finden wir auch im Bild vom guten Hirten: Der Hirte geht "vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach; denn sie kennen seine Stimme." (Joh 10,4). Damit ist der unmittelbare Gottimpuls angesprochen. Der geistige Mensch hat (nur) ein Bewußtsein oder Gewissen von Gott (conscientia); der himmliche Mensch aber eine unmittelbare Empfindung oder Wahrnehmung (perceptio), ein Innewerden. Damit sind die Unterschiede zwischen dem geistigen und dem himmlischen Menschen beschrieben. Der Mensch wird nun zunächst geistig, dann himmlisch.
Der Weg beginnt, indem der unwiedergeborene Mensch Gott und die göttlichen Dinge zur Kenntnis nimmt. Dies geschieht durch das Wort Gottes. Swedenborg schreibt: Das Göttliche fließt nicht weiter ein "als der Mensch den Weg ebnet und die Tür öffnet." (WCR 34b). Den Weg ebnen bedeutet Kenntnisse aufnehmen: "Ein jeder hat Gott den Weg zu bereiten, das heißt sich zur Aufnahme zuzubereiten, und dies geschieht durch Kenntnisse." (WCR 24a). Die Tür öffnen bedeutet, den Widerstand des Willens aufgeben, daher lesen wir in der Offenbarung Jesus Christi: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem gehe ich ein und halte das Abendmahl mit ihm, und er mit mir." (Offb 3, 20).
Über die Notwendigkeit und die Bedeutung einer äußeren Belehrung äußert sich Swedenborg auch in den "Himmlischen Geheimnissen": "Durch die Erkenntnisse wird dem inneren Menschen der Weg geöffnet zum äußeren." (HG 1458e). "Der äußere Mensch kann nicht anders zur Entsprechung und Übereinstimmung mit dem inneren Menschen gebracht werden als durch Erkenntnisse." (HG 1461). Die Erkenntnisse aus dem Wort klären den Menschen über sein Sündersein auf. Davon haben wir gesprochen. Sie geben ihm erste Begriffe von Gott und zeigen ihm den Weg des Heils, denn sie reden von Gottes Heilshandeln und vom Weg der Nächsten- und Gottesliebe. So fühlt sich also der Mensch, der Tag und Nacht über das Gesetz des Herrn nachsinnt, zur Nächstenliebe aufgerufen, denn er liest: "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren." (Joh. 14,21). Seine Gebote haben und halten und ihn auf diese Weise lieben, das ist der Weg der Nächstenliebe, der bei den Geboten beginnt und mehr in die Machbarkeit des Menschen gelegt zu sein scheint. Wer aber den Herrn im Nächsten liebt, der wird von der Liebe - dem Vater - geliebt, und die Wahrheit aus Gott - Christus - wird sich ihm offenbaren. Das ist der himmlische Weg der Gottesliebe, der aber eher schon ein Zuhause sein ist.
Über die Nächstenliebe und den Glauben, die zusammengehören, schreibt Swedenborg sehr viel. Da es aber nicht Sinn dieser Betrachtung sein kann, Swedenborgs gesamte Theologie auszubreiten, will ich dies übergehen; es gehört ohnehin zum Allgemeinwissen aller, die Swedenborg auch nur einigermaßen kennen. Interessant scheint mir aber folgende Überlegung zu sein: Was ist Nächstenliebe überhaupt? Swedenborg verwendet die althergebrachten Begriffe, und man übersieht allzuleicht den völligen neuen Inhalt. Wir sagten schon: Zum Wesen der Charitas gehört die bewußte Reflextion. Ja, Swedenborg kann sogar sagen: "Die Nächstenliebe erscheint dem geistigen Menschen als eine Neigung zum Guten, ist aber [eigentlich] eine Neigung zum Wahren." (HG 2088c). In der Sphäre des geistigen Menschen erscheint Charitas als Liebe. Wer aber auf den Grund schauen kann - und das kann der himmlische Mensch -, der erkennt, daß Charitas (nur) eine Neigung zum Wahren ist. Aber diese Liebe zur Wahrheit - das Sinnen über das Gesetz des Herrn Tag und Nacht - führt zur Einsicht oder zum Verständnis geistiger Zusammenhänge. Und wer die Zusammenhänge erkennt, sieht "wie alles sich zum Ganzen webt, eins aus dem anderen wirkt und lebt!" (Goethe). Er kann daher gar nicht anders, als sich dem Nächsten zuzuwenden - aus Einsicht! In der Sphäre des geistigen Menschen bildet sich ein Bewußtsein von Gott. Swedenborg verwendet das Wort "conscientia", das sowohl Bewußtsein als auch Gewissen bedeutet. Er schreibt: "Das Gewissen (conscientia) wird durch das Wahre des Glaubens gebildet, denn es ist das Bewußtsein (conscientia) des Wahren und Rechten." (HG 2046). Aus diesem Bewußtsein handelt der geistige Mensch. Dieses Bewußtsein Gottes ist das "kleine Licht, das die Nacht regiert" (Gen 1,16). Es erscheint in der geistigen Welt als Mond. Obwohl es ein Licht ist - ein Bewußtsein von Gott - kann Swedenborg es auch einen neuen Willen nennen: "Das Gewissen ist ein neuer Wille und ein neuer Verstand vom Herrn, somit ist es die Gegenwart des Herrn beim Menschen." (HG 4299b). "Das Gewissen ist eine geistige Willigkeit, den Forderungen der Religion und des Glaubens gemäß zu handeln." (WCR 666).
Dem geistigen Menschen ist Gott (nur) bewußt; und aus dem Bewußtsein der Gegenwart Gottes bestimmt er sein Tun und Lassen, - das ist Charitas. Charitas gründet im Bewußtsein Gottes; und das Fester- und Festerwerden dieses Bewußtseins durch die Tat ist der Glaube. Und noch etwas: Wir sagten, Nächstenliebe ist eigentlich eine Neigung zum Wahren, will sagen: zum Wahren selbst, nicht zu irgendwelchen Vorteilen, die man mit Hilfe des Wahren ergattern möchte. Das können irdische Vorteile ebenso sein wie geistige. Wer alle Gebote nur deswegen zu erfüllen trachtet, um so in den Himmel zu kommen, der liebt seinen Himmel, aber nicht die Wahrheit Gottes. Von denen, die letzlich sogar nur die irdischen Vorteile im Auge haben, wollen wir gar nicht erst reden. Swedenborg schreibt: Nach den verschiedenen Arten des Wahren leben "heißt, sie aufgrund geistiger Neigung lieben, und das bedeutet wiederum, Recht und Billigkeit lieben, weil sie gerecht und billig sind, auch Redlichkeit und Aufrichtigkeit um ihrer selbst willen, sowie das Gute und Wahre, weil es gut und wahr ist." (HH 468).
Kein anderes Motiv als die Wahrheit selbst darf dich leiten, dann bist du ein Jünger des Herrn. Jeder, der das eine tut, um das andere zu erreichen, hat den Wert der Wahrheit noch nie erkannt. Wunderbar hat Eckehart, der "Lebemeister", vom Kuhhandel mit Gott gesprochen. Allegorisch legt er die Tempelreinigung aus und kommt auf die Kaufleute zu sprechen: "Seht, alle die sind Kaufleute, die sich hüten vor groben Sünden und wären gern gute Leute und tun ihre Werke Gott zu Ehren, wie Fasten, Wachen, Beten und was es dergleichen gibt, allerhand gute Werke, und tun sie doch darum, daß ihnen unser Herr etwas dafür gebe oder daß ihnen Gott etwas dafür tue, was ihnen lieb wäre: dies sind alles Kaufleute. Das ist im groben zu verstehen, denn sie wollen das eine um das andere geben und wollen auf solche Weise markten mit unserem Herrn." (EQ 153.32-154.6).
Es geht nicht darum, sich den Himmel zu erarbeiten. Das Reich Gottes ist ja nahe, es will sich lediglich auswirken. Deswegen spricht Eckehart vom "Wirken ohne Warum": "Aus diesem innersten Grunde sollst du alle deine Werke wirken ohne Warum. Ich sage fürwahr: Solange du deine Werke wirkst um des Himmelreiches oder um Gottes oder um deiner ewigen Seligkeit willen, (also) von außen her, so ist es wahrlich nicht recht um dich bestellt" (EQ 180.9-13). "Der Gerechte sucht nichts mit seinen Werken, denn diejenigen, die mit ihren Werken irgendetwas suchen, oder auch solche, die um eines Warum willen wirken, die sind Knechte und Mietlinge. Darum, willst du ein-gebildet und überbildet werden in die Gerechtigkeit, so beabsichtige nichts mit deinen Werken und ziele auf nichts ab, weder in Zeit noch in Ewigkeit, weder auf Lohn noch auf Seligkeit noch auf dies oder das, denn solche Werke sind wahrlich alle tot. Ja, ich sage: Selbst, wenn du dir Gott zum Ziel nimmst, so sind alle Werke, die du (selbst) darum wirken magst, tot, und du verdirbst (damit) gute Werke." (EQ 267.17-26). Was sich hinter dem "Wirken ohne Warum" für unser - an Swedenborg geschultes - Verständnis verbirgt, offenbart uns Eckehart in dem Wort: "Liebe ... hat kein Warum." (EQ 299.20f).
Die Nächstenliebe steht noch in der Gefahr, alles, was sie tut, mit Ichbindung zu tun. Daher ist am sechsten Tag - dem Vollendungszustand des geistigen Menschen - noch Kampf. Erst am siebten Tag kehrt die Sabbatruhe ein. Der Herr ist mit dem Menschen am Ziel. Hier nun schlägt Charitas in Amor um. Hatte der geistige Mensch (nur) ein Bewußtsein von Gott, so empfindet der himmlische Mensch die Liebe des Herrn, welche ein sanftes Wehen oder ein hochachtendes Gefühl voll erhabenzarten Nachklanges ist. Dann wird wahr, was Jesaja spricht: "Und es wird das Licht des Mondes wie das Licht der Sonne sein, und das Licht der Sonne siebenfach, wie das Licht von sieben Tagen am Tage, da der Herr seines Volkes Bruch verbinden und seines Schlages Wunden heilen wird." (Jes 30,26). Das Bewußtsein von Gott verklärt sich zum lebendigen Empfinden der Liebe des Herrn. Sieben bezeichnet das Heilige, und die sieben Tage sind ein Hinweis auf den Sabbat und somit auf den himmlischen Menschen, "da der Herr seines Volkes Bruch verbinden und seines Schlages Wunden heilen wird."
Abgeschlossen am 29.8.1988. In: Offene Tore 5 (1988) 191-201