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Unsere Erzählung beginnt mit einer Zeitangabe:
"Am dritten Tag war eine Hochzeit in Kana in Galiläa" (Joh
2,1). Schon das erste Kapitel war durch Tageszählungen gekennzeichnet
(Joh 1,29.35.43), die die ge-schilderten Ereignisse auf vier Tage verteilen.[1]
Das alles geschieht noch vor der Gefangen-nahme Johannes des Täufers
(siehe Joh 3,24). Die Synoptiker hingegen lassen die öffentliche
Wirksamkeit Jesu erst nach der Gefan-gen-nahme des Täufers beginnen
(Mt 4,12; Mk 1,14; evtl. auch Lk 3,20). Das JohEv ist demnach nicht nur
dasjenige Evangelium, das die Abschieds-reden und -handlungen am aus-führlichsten
schildert, sondern zugleich auch dasjenige, das die bei den Synoptikern
fehlenden Anfangsereignisse nach-trägt. Diese Beobachtung deckt sich
mit einer Bemerkung, die wir bei Eusebius von Caesarea (gest. 339/340)
finden: "Nach-dem die zu-erst geschriebenen drei Evangelien bereits
allen und auch dem Johannes zur Kenntnis gekommen waren, nahm dieser sie
an und bestätigte ihre Wahrheit und erklärte, es fehle
den Schriften nur noch eine Darstellung dessen, was Jesus zunächst,
zu Beginn seiner Lehr-tätigkeit, getan habe." (HE 3,24,7). Das
JohEv ist so gesehen das Evangelium der Anfänge des öffentlichen
Wirkens Jesu. John A. T. Robinson erwägt in seinem Buch "Johannes,
das Evangelium der Ursprünge"[2]
den Gedanken, "daß die ersten Tage einer neuen Lebensform,
vor allem nach einer Bekehrung, dahin ten-dieren, als besonders bedeutsam
erinnert zu werden."[3] Der
tagebuchartige Stil zu Beginn des JohEv könnte also ein Indiz dafür
sein, dass sich hier ein Augenzeuge (siehe Joh 21,24) daran erinnert,
wie alles begann. Auch das Weinwunder in Kana gehört noch in diese
früheste Zeit; es ist der "Anfang der Zeichen" (Joh 2,11).
Das Weinwunder geschah wie die Auferstehung am dritten Tag. Das zeigt:
Das erste Zeichen blickt bereits auf das letzte voraus. Die Auferstehung
geschah am dritten Tag nach der Versuchung am Kreuz. Ähnlich die
Hochzeit. Auch sie geschah nach einer Versuchung, denn der dritte Tag
bezieht sich hier auf die Rückkehr Jesu aus der Wüste bei Bethanien
(siehe Joh 1,23.28). Diesen Wüsten-auf-enthalt füllen die Synoptiker
mit den bekannten vierzigtägigen Ver-suchungen Jesu. In beiden Fällen,
am Anfang und am Ende der Wirksamkeit Jesu, handelt es sich also um eine
große Freude nach schwerer Bedrängnis.
Es gibt weitere Hinweise darauf, dass das Weinwunder die Auf-erstehung
anzeigen sollte. So sagt Jesus: "Meine Stunde ist noch nicht da."
(Joh 2,4). Historisch ist damit gemeint, dass sich Jesus als Gast auf
dieser Hochzeit um den Wein zumindest vorerst nicht kümmern musste.
Doch darüber hinaus bezeichnet die Stunde im JohEv die Verherrlichung
durch die Erhöhung am Kreuz (Joh 12,27; 17,1). Daher ist Jesu Wort,
dass seine Stunde noch nicht da sei, typisch johanneisch vieldeutig. Wer
nur den Wortsinn hört, verfehlt den Geistsinn. Ferner ist darauf
zu achten, dass Jesus durch die Wandlung des Wassers in Wein seine Herrlichkeit
offenbarte (Joh 2,11); auch hier ist an die letzte große Wandlung
im Leben Jesu zu denken; an seine Ver-herrlichung, sprich Vergöttlichung.
So ist das erste Zeichen Alpha und Omega in einem. Noch war Jesu Mission
den Juden, die immerhin die Ankunft eines Messias erwarteten, mehr oder
weniger verborgen. Der Täufer hatte Verheißungsvolles von diesem
in der Gegend bekannten Jesus aus Nazareth gesagt (siehe Joh 1). Man lud
ihn zu einer Hochzeit ein, - und dort enthüllte er, was die Anwesenden
freilich nicht ver-standen, sein künftiges, welterlösendes Schicksal.
Er offenbarte in diesem Zeichen seine Herrlichkeit.
Der Evangelist nennt es den "Anfang der Zeichen" (Joh 2,11);
dabei verwendet er dasselbe Wort, mit dem er auch seine Frohbotschaft
als Ganze beginnen läßt: "Im Anfang war das Wort usw."
Gemeint ist jeweils nicht bloß der zeitliche Anfang, sondern das
Prinzip, die Grundlage, die Ursache. Das Weinwunder ist daher nicht nur,
wie meist übersetzt wird, "das erste Zeichen". Es ist der
Inbegriff des gesamten Wirkens und aller Zeichen Jesu. Es zeigt die große
Vergeistigungs-wirk-samkeit Jesu an.
Dass die Wandlung von Wasser in Wein etwas Prinzipielles des Wirkens Jesu
anzeigt, mag auch daraus ersehen werden, dass das Wasser im JohEv häufig
eine Rolle spielt. Erinnert sei an die folgenden Sachverhalte der Kapitel
1 bis 7: Der Täufer und Fischer als Jünger (Joh 1), das Weinwunder
in Kana (Joh 2), die Wiedergeburt aus Wasser und Geist (Joh 3), das Gespräch
am Jakobsbrunnen mit dem Motiv des lebendigen Wassers (Joh 4), die Heilung
am Teich Bethesda (Joh 5), Jesu Gang auf dem Wasser (Joh 6) und das Wasserwort
anläßlich des Laubhütten-festes (Joh 7). Und in den Abschiedsreden
nennt sich Jesus den wahren Weinstock. Damit schließt das Evangelium
gewisser-maßen so wie es beginnt: mit der Wandlung von Wasser in
Wein. Denn die Aufgabe des Weinstocks ist die Ver-edelung des Wassers.
Wein ist im inneren Sinn der Einfluß des Geistigen. Für diese
Deutung gibt es einige Anhaltspunkte im Text des JohEv: Die Stunde (Joh
2,4) ist die, in der Jesus zum Vater geht, von wo er den Geist der Wahrheit
(Joh 15,26) sendet. Nach Joh 2,9 weiß der Speisemeister nicht, woher
der Wein ist. Gleiches gilt nach Joh 3,8 für den Geist: "Der
Geist/Wind bläst, wo er will; du hörst seine Stimme/sein Sausen,
aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht." Echte
Spiritualität ist uner-gründ-lich; ihr göttliches Woher
bleibt unerkannt. Wer im Wein die Gabe des Geistes erkennen kann, dem
zeigt sich ein Zu-sammenhang der Kapitel 1 bis 3: Zuerst weist der Wasser-täufer
auf den Geistträger (Joh 1,29-34), dann offenbart dieser seine Herrlichkeit
als Geistspender, indem er das Wasser der Taufe in den Wein des Abend-
oder Hochzeitsmahls wandelt (Joh 2,1-11) und schließlich spricht
er von der Wirkung des Geistes, das heißt von der Wiedergeburt aus
Wasser und Geist (Joh 3). Das Wein-wunder besagt: Aus Wissen soll Weisheit
werden; aus Glaubenswissen Lebensweisheit, echte Spiritualität. Oder
mit Swedenborgs Worten gesagt: "Der Herr machte Wasser zu Wein. Das
bedeutet, er machte das Wahre der äußeren Kirche zum Wahren
der inneren Kirche, indem er das Innere, das im Äußeren verborgen
war, aufschloss." (AE 376).
Das Geistwirken Jesu zielt auf das innere Verstehen der äußeren
Begriffe und Rituale. Diese Vorformen oder Gefäße des Geistigen
wurden durch die "sechs steinernen Wasserkrüge für die
Reinigung der Juden" (Joh 2,6) angedeutet. Sie stehen zunächst
für die äußeren Reinigungspraktiken zur Zeit Jesu; dann
aber auch für unsere Begriffsbildungen, mit denen wir glauben, den
inneren Läuterungsprozeß zu erfassen. Jesu Wandlung des Wassers
in Wein knüpft an die vor-han-denen Krüge an. Sie sind also
nicht nutzlos; so sind auch unsere Vorstellungen, die wir uns vom Wiedergeburts-ge-sche-hen
bilden nicht nutzlos, obgleich sie das Geheimnis nur sehr vorläufig
darstellen können. Jesus knüpft an diese Krüge und dieses
Wasser der Reinigung an. Indem er aus genau diesem Wasser Wein macht,
sagt er: Dieser Wein ist eure Reinigung. Denn in der Tat: Die Vergeistigung
der Begriffsbilder ist nicht nur ein Erkenntnisgewinn. Wo das mehr oder
weniger kühle Glaubens-wasser zu Wein wird, da hüpft das Herz,
da jubelt die Seele, da kehrt Freude in das Haus ein. Da geschieht das
wahre Abend-mahl, denn die reinigende Kraft des Weines bewirkt die Ver-gebung
der Sünden (Mt 26,28).
Die Mutter Jesu ist die Kirche. Swedenborg hat sehr schön be-obachtet,
dass Jesus Maria nie seine Mutter nannte (LH 35). Gleichwohl nennt sie
der Evangelist so (Joh 2,1). Die Kirche kann den göttlichen Geist
nicht gebären. Vielmehr gilt: Aus der Wirksamkeit des göttlichen
Geistes ersteht die Kirche in uns. Dennoch hat es den Anschein als sei
die Kirche die Mutter Jesu. Sie hat eine hinweisende Funktion, indem sie
sagt: "Was immer er euch sagt, das tut." (Joh 2,5). Schenken
wir diesem Ruf der Kirche Gehör; dann wird aus Seelenwasser Geistwein.
Fußnoten:
[1] Die vier Tage des ersten
Kapitels in Verbindung mit dem dritten Tag der Hochzeit ergeben sieben
oder sechs Tage. Die Kommentare sind in dieser Frage uneins. Auf jeden
Fall scheint mir hier ein Anklang an den Schöpfungsbericht Genesis
1 (sechs Tage) bzw. Genesis 1 und 2 (sieben Tage) vorzuliegen, zumal schon
der Prolog Joh 1,1-18 deutlich an Genesis 1 anknüpft. Demnach würde
das JohEv Jesus und seine Wirksamkeit als neue Schöpfung verstehen.
Dies wäre ferner ein Hinweis darauf, dass auch die Apokalypse, die
ja ebenfalls auf eine neue Schöpfung zuläuft, von demselben
Verfasser wie auch das Evangelium stammt. zurück
[2] Es erschien 1985 unter dem englischen Originaltitel
"The Priority of John". Erst 1999 kam die deutsche Übersetzung
interessanterweise auf Betreiben eines Professors für Ostkirchenkunde
auf den Markt. Die griechisch-sprachige Kirche nennt Johannes seit dem
4. Jahrhundert "den Theologen" schlechthin. zurück
[3] John A. T. Robinson, Johannes - Das Evangelium der
Ursprünge, Wuppertal 1999, 174. zurück
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