schriften thomas noack
  Das Weinwunder in Kana (Joh 2,1-11)
Thomas Noack
   
 

Unsere Erzählung beginnt mit einer Zeitangabe: "Am dritten Tag war eine Hochzeit in Kana in Galiläa" (Joh 2,1). Schon das erste Kapitel war durch Tageszählungen gekennzeichnet (Joh 1,29.35.43), die die ge-schilderten Ereignisse auf vier Tage verteilen.[1] Das alles geschieht noch vor der Gefangen-nahme Johannes des Täufers (siehe Joh 3,24). Die Synoptiker hingegen lassen die öffentliche Wirksamkeit Jesu erst nach der Gefan-gen-nahme des Täufers beginnen (Mt 4,12; Mk 1,14; evtl. auch Lk 3,20). Das JohEv ist demnach nicht nur dasjenige Evangelium, das die Abschieds-reden und -handlungen am aus-führlichsten schildert, sondern zugleich auch dasjenige, das die bei den Synoptikern fehlenden Anfangsereignisse nach-trägt. Diese Beobachtung deckt sich mit einer Bemerkung, die wir bei Eusebius von Caesarea (gest. 339/340) finden: "Nach-dem die zu-erst geschriebenen drei Evangelien bereits allen und auch dem Johannes zur Kenntnis gekommen waren, nahm dieser sie … an und bestätigte ihre Wahrheit und erklärte, es fehle den Schriften nur noch eine Darstellung dessen, was Jesus zunächst, zu Beginn seiner Lehr-tätigkeit, getan habe." (HE 3,24,7). Das JohEv ist so gesehen das Evangelium der Anfänge des öffentlichen Wirkens Jesu. John A. T. Robinson erwägt in seinem Buch "Johannes, das Evangelium der Ursprünge"[2] den Gedanken, "daß die ersten Tage einer neuen Lebensform, vor allem nach einer Bekehrung, dahin ten-dieren, als besonders bedeutsam erinnert zu werden."[3] Der tagebuchartige Stil zu Beginn des JohEv könnte also ein Indiz dafür sein, dass sich hier ein Augenzeuge (siehe Joh 21,24) daran erinnert, wie alles begann. Auch das Weinwunder in Kana gehört noch in diese früheste Zeit; es ist der "Anfang der Zeichen" (Joh 2,11).
Das Weinwunder geschah wie die Auferstehung am dritten Tag. Das zeigt: Das erste Zeichen blickt bereits auf das letzte voraus. Die Auferstehung geschah am dritten Tag nach der Versuchung am Kreuz. Ähnlich die Hochzeit. Auch sie geschah nach einer Versuchung, denn der dritte Tag bezieht sich hier auf die Rückkehr Jesu aus der Wüste bei Bethanien (siehe Joh 1,23.28). Diesen Wüsten-auf-enthalt füllen die Synoptiker mit den bekannten vierzigtägigen Ver-suchungen Jesu. In beiden Fällen, am Anfang und am Ende der Wirksamkeit Jesu, handelt es sich also um eine große Freude nach schwerer Bedrängnis.
Es gibt weitere Hinweise darauf, dass das Weinwunder die Auf-erstehung anzeigen sollte. So sagt Jesus: "Meine Stunde ist noch nicht da." (Joh 2,4). Historisch ist damit gemeint, dass sich Jesus als Gast auf dieser Hochzeit um den Wein zumindest vorerst nicht kümmern musste. Doch darüber hinaus bezeichnet die Stunde im JohEv die Verherrlichung durch die Erhöhung am Kreuz (Joh 12,27; 17,1). Daher ist Jesu Wort, dass seine Stunde noch nicht da sei, typisch johanneisch vieldeutig. Wer nur den Wortsinn hört, verfehlt den Geistsinn. Ferner ist darauf zu achten, dass Jesus durch die Wandlung des Wassers in Wein seine Herrlichkeit offenbarte (Joh 2,11); auch hier ist an die letzte große Wandlung im Leben Jesu zu denken; an seine Ver-herrlichung, sprich Vergöttlichung. So ist das erste Zeichen Alpha und Omega in einem. Noch war Jesu Mission den Juden, die immerhin die Ankunft eines Messias erwarteten, mehr oder weniger verborgen. Der Täufer hatte Verheißungsvolles von diesem in der Gegend bekannten Jesus aus Nazareth gesagt (siehe Joh 1). Man lud ihn zu einer Hochzeit ein, - und dort enthüllte er, was die Anwesenden freilich nicht ver-standen, sein künftiges, welterlösendes Schicksal. Er offenbarte in diesem Zeichen seine Herrlichkeit.
Der Evangelist nennt es den "Anfang der Zeichen" (Joh 2,11); dabei verwendet er dasselbe Wort, mit dem er auch seine Frohbotschaft als Ganze beginnen läßt: "Im Anfang war das Wort usw." Gemeint ist jeweils nicht bloß der zeitliche Anfang, sondern das Prinzip, die Grundlage, die Ursache. Das Weinwunder ist daher nicht nur, wie meist übersetzt wird, "das erste Zeichen". Es ist der Inbegriff des gesamten Wirkens und aller Zeichen Jesu. Es zeigt die große Vergeistigungs-wirk-samkeit Jesu an.
Dass die Wandlung von Wasser in Wein etwas Prinzipielles des Wirkens Jesu anzeigt, mag auch daraus ersehen werden, dass das Wasser im JohEv häufig eine Rolle spielt. Erinnert sei an die folgenden Sachverhalte der Kapitel 1 bis 7: Der Täufer und Fischer als Jünger (Joh 1), das Weinwunder in Kana (Joh 2), die Wiedergeburt aus Wasser und Geist (Joh 3), das Gespräch am Jakobsbrunnen mit dem Motiv des lebendigen Wassers (Joh 4), die Heilung am Teich Bethesda (Joh 5), Jesu Gang auf dem Wasser (Joh 6) und das Wasserwort anläßlich des Laubhütten-festes (Joh 7). Und in den Abschiedsreden nennt sich Jesus den wahren Weinstock. Damit schließt das Evangelium gewisser-maßen so wie es beginnt: mit der Wandlung von Wasser in Wein. Denn die Aufgabe des Weinstocks ist die Ver-edelung des Wassers.
Wein ist im inneren Sinn der Einfluß des Geistigen. Für diese Deutung gibt es einige Anhaltspunkte im Text des JohEv: Die Stunde (Joh 2,4) ist die, in der Jesus zum Vater geht, von wo er den Geist der Wahrheit (Joh 15,26) sendet. Nach Joh 2,9 weiß der Speisemeister nicht, woher der Wein ist. Gleiches gilt nach Joh 3,8 für den Geist: "Der Geist/Wind bläst, wo er will; du hörst seine Stimme/sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht." Echte Spiritualität ist uner-gründ-lich; ihr göttliches Woher bleibt unerkannt. Wer im Wein die Gabe des Geistes erkennen kann, dem zeigt sich ein Zu-sammenhang der Kapitel 1 bis 3: Zuerst weist der Wasser-täufer auf den Geistträger (Joh 1,29-34), dann offenbart dieser seine Herrlichkeit als Geistspender, indem er das Wasser der Taufe in den Wein des Abend- oder Hochzeitsmahls wandelt (Joh 2,1-11) und schließlich spricht er von der Wirkung des Geistes, das heißt von der Wiedergeburt aus Wasser und Geist (Joh 3). Das Wein-wunder besagt: Aus Wissen soll Weisheit werden; aus Glaubenswissen Lebensweisheit, echte Spiritualität. Oder mit Swedenborgs Worten gesagt: "Der Herr machte Wasser zu Wein. Das bedeutet, er machte das Wahre der äußeren Kirche zum Wahren der inneren Kirche, indem er das Innere, das im Äußeren verborgen war, aufschloss." (AE 376).
Das Geistwirken Jesu zielt auf das innere Verstehen der äußeren Begriffe und Rituale. Diese Vorformen oder Gefäße des Geistigen wurden durch die "sechs steinernen Wasserkrüge für die Reinigung der Juden" (Joh 2,6) angedeutet. Sie stehen zunächst für die äußeren Reinigungspraktiken zur Zeit Jesu; dann aber auch für unsere Begriffsbildungen, mit denen wir glauben, den inneren Läuterungsprozeß zu erfassen. Jesu Wandlung des Wassers in Wein knüpft an die vor-han-denen Krüge an. Sie sind also nicht nutzlos; so sind auch unsere Vorstellungen, die wir uns vom Wiedergeburts-ge-sche-hen bilden nicht nutzlos, obgleich sie das Geheimnis nur sehr vorläufig darstellen können. Jesus knüpft an diese Krüge und dieses Wasser der Reinigung an. Indem er aus genau diesem Wasser Wein macht, sagt er: Dieser Wein ist eure Reinigung. Denn in der Tat: Die Vergeistigung der Begriffsbilder ist nicht nur ein Erkenntnisgewinn. Wo das mehr oder weniger kühle Glaubens-wasser zu Wein wird, da hüpft das Herz, da jubelt die Seele, da kehrt Freude in das Haus ein. Da geschieht das wahre Abend-mahl, denn die reinigende Kraft des Weines bewirkt die Ver-gebung der Sünden (Mt 26,28).
Die Mutter Jesu ist die Kirche. Swedenborg hat sehr schön be-obachtet, dass Jesus Maria nie seine Mutter nannte (LH 35). Gleichwohl nennt sie der Evangelist so (Joh 2,1). Die Kirche kann den göttlichen Geist nicht gebären. Vielmehr gilt: Aus der Wirksamkeit des göttlichen Geistes ersteht die Kirche in uns. Dennoch hat es den Anschein als sei die Kirche die Mutter Jesu. Sie hat eine hinweisende Funktion, indem sie sagt: "Was immer er euch sagt, das tut." (Joh 2,5). Schenken wir diesem Ruf der Kirche Gehör; dann wird aus Seelenwasser Geistwein.

Fußnoten:

[1] Die vier Tage des ersten Kapitels in Verbindung mit dem dritten Tag der Hochzeit ergeben sieben oder sechs Tage. Die Kommentare sind in dieser Frage uneins. Auf jeden Fall scheint mir hier ein Anklang an den Schöpfungsbericht Genesis 1 (sechs Tage) bzw. Genesis 1 und 2 (sieben Tage) vorzuliegen, zumal schon der Prolog Joh 1,1-18 deutlich an Genesis 1 anknüpft. Demnach würde das JohEv Jesus und seine Wirksamkeit als neue Schöpfung verstehen. Dies wäre ferner ein Hinweis darauf, dass auch die Apokalypse, die ja ebenfalls auf eine neue Schöpfung zuläuft, von demselben Verfasser wie auch das Evangelium stammt. zurück

[2] Es erschien 1985 unter dem englischen Originaltitel "The Priority of John". Erst 1999 kam die deutsche Übersetzung interessanterweise auf Betreiben eines Professors für Ostkirchenkunde auf den Markt. Die griechisch-sprachige Kirche nennt Johannes seit dem 4. Jahrhundert "den Theologen" schlechthin. zurück

[3] John A. T. Robinson, Johannes - Das Evangelium der Ursprünge, Wuppertal 1999, 174. zurück
   
       
  veröffentlicht in: Offene Tore 1 (2000) 1-4