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| Adam und Adamah: Zum inneren Sinn der Urgeschichte
[1] Thomas Noack |
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In der Onlineversion dieses Aufsatzes fehlen die im Text erwähnten Abbildungen! Der Mensch und sein Boden, auf dem er steht, der die Saat seiner Hoffnungen und Wünsche aufnimmt, aus ihnen Früchte macht; der Mensch und die Grundlage seines Gewordenseins und seines Schaffens, diese Zusammengehörigkeit ist im Hebräischen schon eine sprachliche: Adam und Adamah. Folglich schlagen sich die Wandlungen der Zustände des Adam in seinem Verhältnis zur Adamah nieder. Die äußere Welt war bei den ältesten Menschen dieser Erde noch nicht so objektiv, so gegenständlich, so lebensfern, kalt und tot; im äußeren Kosmos erlebte und spürte man den Pulsschlag des inneren. Folglich war auch die Adamah dem Adam Schicksalsgenosse. Die Geschichte der Adamah ist die Geschichte des Adam. Die Sprache, um noch ein wenig bei ihr zu verweilen, ist eine Schatzkammer des Geistes (Wortschatz), die uns Edelsteine, Gold und Silber über Jahrtausende hinweg bewahrt hat. Im Hebräischen, wie gesagt, wird Adam genommen von der Adamah; doch auch im Lateinischen ist homo (Mensch) von humus (Erdreich) abgeleitet und mit humilis (niedrig) und humilitas (Demut) verwandt. Unten muß der sein, der von oben empfangen will. Swedenborg hätte gesagt: Ein Gefäß muß der sein, der aufnehmen will. Die hebräische Sprache kennt noch ein Wort für Mensch: Enosch. Es ist mit dt. Mensch durch ähnliche Lautgesetze verbunden, wie lat. unus mit griech. monos. Außerdem hängt Enosch/Mensch mit hebr. Ani (Ich) zusammen; Enosch ist demnach das Ichwesen, d.h. die vom Ichgefühl geleitete Selbstexistenz. Im Unterschied dazu weist A-dam - verwandt mit griech. Dem-os (Volk) - auf unsere Verwurzelung im Kollektiven. A ist der Ursprungslaut des Göttlichen; und Dam von dama (ähnlich sein) deutet die Ähnlichkeit mit dem göttlichen Ursprung an, weswegen es im Schöpfungsbericht heißt: "Laßt uns Menschen (Adam) machen ... wie unsere Ähnlichkeit (Demut)". Diese Spannung ist im Menschen angelegt: Einerseits kann er nur im kollektiven Ganzen von Gottheit und Menschheit leben (daher das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe); andererseits drängt es ihn zur selbständigen Ichexistenz. So gesehen ist Menschsein die Kunst, Du und Ich zu verschmelzen (vgl. Swedenborgs Konzept der ehelichen oder himmlischen Liebe). Ein abschließender Blick auf die griechische Sprache: Das Wort für Mensch lautet anthropos und meint den Emporschauenden. Der Anthropos ist also dasjenige Wesen, das seinen Blick himmelwärts nach oben richten kann. Dieser Überblick zeigt uns die Stellung des Menschen zwischen Himmel und Erde. Der Mensch ist zur Unvergänglichkeit der Engel berufen - das ist der Himmel in ihm; aber er ist auch ein Sterbewesen wie alle anderen irdischen Gebilde auch. Diese Dualität ist bereits in den ersten Worten der Genesis angelegt: "Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde" (Gen 1,1). Himmel und Erde bilden zusammen das Ganze des Menschseins; doch meist berührt in unseren Tagen die Erde des äußeren Menschen den Himmel des inneren Menschen nicht mehr. Nach H.BONNET wissen die zahllosen Legenden von der Entstehung des Himmels "von einer Zeit, in der Himmel und Erde vereint waren."[2] An die Trennung von Himmel und Erde erinnern den Ägypter die Abbildungen, wo der Luftgott Schu die Himmelsgöttin Nut mit beiden Händen hochhebt, während der Erdgott Geb am Boden liegt (siehe Abbildung 1). Doch nur die Vereinigung von Himmel und Erde kann die Zeugungen der Wiedergeburt hervorbringen, weswegen es Genesis 2,4 heißt: "Dies sind die Zeugungen des Himmels und der Erde". Abbildung 2 zeigt uns eine ägyptische Darstellung dieser geschlechtlichen Vereinigung, die sich von denen der meisten anderen Völker nur dadurch unterscheidet, daß bei den Ägyptern der Himmel weiblich, die Erde aber männlich war. Das hängt damit zusammen, daß Ägypten vom Nil befruchtet wurde, - nicht vom Himmelregen. Die tiefere Entsprechungsursache besteht darin, daß Ägypten den Menschen des Wissens repräsentiert, der vom großen Nil der äußeren Einflüsse angeregt und befruchtet wird, obwohl er an sich nur eine Wüste ist. Himmel und Erde sollen also eine Ehe bilden und die Zeugungen der Wiedergeburt bewirken. Indem nun die Erde den Samen aufnimmt, wird sie Ackerboden. In Genesis 1 dominiert das Wort "Erde"; aber in Vers 25, unmittelbar vor der Erschaffung des Menschen, steht ausnahmsweise Adamah (Erdboden). Damit soll wohl ein Bezug zur anschließenden Menschenschöpfung (Vers 26) hergestellt werden, denn im Kriechgewimmel des Erdbodens, die ein Bild für die reineren Willensregungen sind, kündigt sich die Gottesebenbildlichkeit und somit Menschenschöpfung schon an. Ackerboden (Adamah) und Feld herrschen im Erzählzusammenhang von Genesis 2f vor. Noch "gab es keinen Menschen, den Ackerboden zu bebauen (wörtl.: zu dienen)" (Gen 2,5). Aufgabe des Menschen ist es, das Saatgut des göttlichen Wortes im Erdreich seines Herzens aufgehen zu lassen. "Da formte Jehovah Gott den Menschen aus Staub vom Ackerboden" (Gen 2,7). Die Aufnahme der Saat des göttlichen Geistes ist nur möglich, wenn sich der Mensch als Gefäß erkennt. Formen bzw. bilden (hebr. jzr) bezeichnet die Tätigkeit des Töpfers, wie aus Jeremia 18,1-6 (Töpfergleichnis); Jesaja 29,16; 45,9[3] und 64,7 ersichtlich ist, aber auch aus der neutestamentlichen Rezeption bei Paulus (Röm 9,20f). Der Mensch als das Gefäß des Lebens, diese Vorstellung begenet uns auch in Ägypten; Abb. 3 zeigt den ägyptischen Gott Chnum, der den Menschen auf der Töpferscheibe modelliert. An diese alten Traditionen anknüpfend, schreibt Swedenborg: "Der Mensch ist nicht das Leben, sondern das Aufnahmeorgan (receptaculum) des Lebens von Gott." (WCR 470-474). Diesem Gefäß bläst Jehovah Gott den "Odem des Lebens" ein, so dass der Mensch "eine lebendige Seele" wird (Gen 2,7). Interessanterweise wird erst der Mensch von Genesis 2 "lebendige Seele" genannt. In Genesis 1 ist dieser Begriff den Tieren vorbehalten; der Mensch dort heißt (lediglich?) Bild und Ähnlichkeit Gottes. Soll damit eine gewisse Leblosigkeit ausgedrückt werden (vgl. Swedenborgs Unterscheidung des geistigen und des himmlischen Menschen)? Vor dem Sündenfall befand sich Adam im Garten Eden, im "Üppigland" (M.BUBER). Hebr. Eden ist mit griech. Hedone (Wonne) verwandt. Der Wonnegarten ist der Reichtum des göttlichen Geistes in der Seele, dessen Lebenskraft und dessen Wuchs: "Jehova Gott ließ aus dem Ackerboden (Adamah) allerlei Bäume wachsen, lieblich anzusehen und mit köstlichen Früchten" (Gen 2,9). Diese Bäume bezeichnen die inneren Wahrnehmungen, die - im Unterschied zu den äußeren oder Sinneswahrnehmungen - vom Mark bis zur Rinde durchschaubar sind und so den schauenden Geist mit dem Wonne- und Lebensgefühl des Urgrundes erfüllen. Das ist das Leben der gesegneten Adamah. Doch dann verkümmerte die Ackerkrume. Nach dem Sündenfall lesen wir: "So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln läßt er dir wachsen; und das [welkende] Kraut des Feldes mußt du essen. Im Schweiße deines Angesichtes wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden, von dem du ja genommen bist; denn Staub bist du, zum Staub mußt du zurückkehren." (Gen 3,17ff). Die Abkehr vom Einfluß aus dem inneren Menschen, die Hinwendung zur Sinnenwelt verschließen den fruchtbaren Boden des Geistes. Der schnelle Vorteil der Begierde führt in den geistigen Tod. Anstatt die Himmelsbraut (Adamah) zu ergreifen, wendet sich der Mensch ihrem Schatten, dem trügerischen Glanz des äußeren Lebens zu. Doch dem harten Boden der Welt ist keine bleibende Frucht abzugewinnen (vgl. dagegen das Heilswort Jesu in Joh 15,16). Der Mensch wird von Sachzwängen getrieben. Dem göttlichen Geist wollte er nicht dienen; nun verknechten ihn die leiblichen und weltlichen Bedürfnisse. Die Bestimmung des Menschen in Genesis 2,5 ("noch gab es keinen Menschen, der Adamah zu dienen") hatte einen hohen, himmlischen Sinn, denn die Adamah war das fruchtbare Erdreich des Herzens. Doch nun lastet der Fluch auf dem Ackersklaven: "Jehova Gott schickte ihn aus dem Garten Eden weg, damit er dem Acker diente, von dem er genommen war." (Gen 3,23). Ackerbauer sein bedeutet jetzt leiblichen Interessen dienen. Von Kain und Ahbel heißt es: "Ahbel wurde Schafhirte und Kain Ackerbauer" (Gen 4,2). Dazu bemerkt Swedenborg: "Von denen, die auf das Leibliche und Irdische sahen, wurde gesagt, sie dienen dem Ackerboden." (HG 345). Der Boden der äußeren Realität, den sie so ausschließlich beackern, versklavt seine Arbeiter. Nach dem Brudermord lesen wir: "Was hast du getan? Die Stimme von deines Bruders Blut schreit zu mir von dem Ackerboden. Und nun - verflucht seist du von dem Ackerboden ... Wenn du den Ackerboden bebaust gibt er dir seine Kraft nicht mehr. Du wirst umherwandern und flüchtig sein auf Erden!" (Gen 4,10-12). Kain verschlingt die sanften Anwehungen des Geistes, dargestellt durch Ahbel, den Schafhirten. Dadurch wird Kain zu einem Gehetzten. Nod, das Land seiner Zuflucht (Gen 4,16), bedeutet Ruhelosigkeit. Die Sintflut kommt, weil "die Bosheit des Menschen auf der Erde groß war und alles Gebilde (hebr. jzr) der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag." (Gen 6,5). Nach der Sintflut hat sich daran nichts geändert: "... das Gebildes (hebr. jzr) des menschlichen Herzens ist böse" (Gen 8,21). Das bedeutet, dass aus dem bösen Herzensgrund ausschließlich böse Gedankenformen aufsteigen. Dennoch wird nun - im Unterschied zu Genesis 3,17 - der Ackerboden nicht noch einmal um des Menschen willen verflucht (Gen 8,21). Swedenborg versteht das so, dass nun ein neuer Weg der Wiedergeburt beschritten wird. Der Herzenswille ist zwar böse, aber im intellektuellen Bereich kann ein geistiger Wille geformt werden; er wird Gewissen bzw. das Bewußtsein des Wahren und Guten (conscientia) genannt. Daher kann Noah den Acker des Lebens wieder mit Erfolg bebauen. Von Noah heißt es: "Er wird uns aufatmen lassen von unserer Arbeit und von der Mühe unserer Hände um den Ackerboden, den der Herr verflucht hat." (Gen 5,29). "Und Noah fing an als Mann des Ackerbodens und pflanzte einen Weinberg." (Gen 9,20). Noah bezeichnet die geistige Kirche, die zwar äußerlicher als die himmlische ist, aber dennoch aus dem Schriftwort Impulse für die Wiedergeburt aufnehmen kann. Die Erneuerung des Menschen aus dem Bewußtsein der Wahrheit wird mit der Arbeit im Weinberg verglichen. Der Lebensacker bringt wieder ein edles Gewächs hervor. Fußnoten: [1] Gemeint ist die Urgeschichte der Genesis. Sie umfaßt die Kapitel 1 bis 11. Nach Swedenborg handeln diese Erzählungen von der Ältesten und der Alten Kirche und sind dem Alten Wort entnommen. zurück [2] H.Bonnet, Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, Berlin 1952, 304,2. zurück [3] Besonders interessant, weil hier auch von der Adama die Rede ist: "Weh dem, der mit seinem Bilder/Töpfer rechtet - ein Tongefäß unter Tongefäßen des Erdbodens/der Adama" (Jes 45,9). zurück
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| veröffentlicht in: Offene Tore 3 (1997) 97-102 | |||||||