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| C.G.Jung: Die Bilder des Unbewußten:
Der Rohstoff eines wissenschaftlichen Werkes Thomas Noack |
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1. Einleitung Jung konnte sich positiv über Swedenborg äußern: "Ein Visionär von unerreichter Fruchtbarkeit ist Emanuel von Swedenborg (1689 [sic!] - 1772), ein gelehrter und geistig hochstehender Mann." (GW[2] XVIII/1,714)[3]. Natürlich darf man nicht erwarten, daß ein Pionier wie Jung seine Beziehungen zu Swedenborg, dem bis heute der Ruf des Geistersehers anhaftet, offen und ungeschützt bekennt; Jung tat es trotzdem hin und wieder. Im großen und ganzen aber wollte er nicht wie Swedenborg "außerhalb der Welt stehen und den zweifelhaften Ruhm einer Kuriosität erwerben" (ER 107). Daher mußte er seine Entdeckungen soweit als möglich wissenschaftlich abstützen, um ihren Weg in die Welt nicht unnötig zu gefährden. Tatsächlich hat Jung sein Ziel erreicht, denn seine Psychologie wird an den Universitäten gelehrt, während ein Theologiestudent nicht einmal den Namen "Swedenborg" zu hören bekommt. 1.2. Die Jahre nach der Trennung von Sigmund Freud Es gibt aber - besonders für einen Swedenborgianer - auch noch andere Gründe, sich auf die Jahre nach der Trennung von Freud zu konzentrieren, denn sie waren Jungs Übergangszeit; eine Zeit, die auch in Swedenborgs Biographie zu den interessantesten Abschnitten gehört. Daher kann man fragen, ob es Gemeinsamkeiten gibt, zumal das Ergebnis ähnlich ist: Jung entdeckte das kollektive Unbewußte mit den Archetypen und Swedenborg die geistige Welt der Engel und ihre Ideen. Außerdem sprachen Jung und Swedenborg aus einer fundamentalen Erfahrung heraus; Jung aus einer psychologischen, Swedenborg aus einer visionären. Und schließlich darf man nicht übersehen, daß bei Jung und Swedenborg Träume eine wichtige Rolle spielten. Swedenborg hatte schon zwischen 1736 und 1740 die ersten Träume, deren Aufzeichnungen aber als verloren gelten müssen[5]. Erhalten ist dagegen das sogenannte "Traumtagebuch" der Jahre 1743/44. Man beachte: Es wurde über 150 Jahre vor Sigmund Freuds Schrift "Die Traumdeutung" (1900) geschrieben; ein Buch, das Jung noch in seinem "Nachruf" (1939) auf Freud als "epochemachend" und "wohl den kühnsten Versuch, der je gemacht wurde, auf dem scheinbar festen Boden der Empirie die Rätsel der unbewußten Psyche zu meistern" (GW XV,56g) bezeichnete. Wie hätte Jung wohl auf Swedenborgs Traumtagebuch reagiert? 2. Eine Zeit des Desorientiertheit Jungs Auseinandersetzung mit dem Unbewußten machte es erforderlich, daß er sich von seinen äußeren Tätigkeiten zurückzog. ANTHONY STEVENS schreibt: "Jung war bis auf die oberste Sprosse der psychoanalytischen Leiter gestiegen, und seine Erkenntnis, daß die Leiter an der falschen Wand lehnte, hatte den Verlust von allem, was er erreicht hatte zur Folge: seiner Freundschaft mit Freud, seiner Präsidentschaft der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, der Herausgeberschaft des <<Jahrbuches>> und seiner Privatdozentur in Psychoanalyse an der Universität Zürich."[7] Auch das erinnert an Swedenborg, der sich ebenfalls von seinen äußeren Tätigkeiten suspendieren ließ. Freud war für Jung wie ein Vater, das heißt, wie ein Leitbild, jedoch mit autoritären Zügen. Wie jedes Leitbild gab es Halt und Sicherheit, aber um den Preis, das eigene Wesen unterdrücken zu müssen, wenn man den Konflikt vermeiden wollte. Jung war jedoch eine viel zu starke Natur, um sich dem Druck der Erwartungen auf Dauer beugen zu können. Daher erkannte er, daß der Gehorsam gegenüber der inneren Direktive den Bruch mit Freud notwendig machen würde: "Als ich bei meiner Arbeit <<Wandlungen und Symbole der Libido>> gegen den Schluß an das Kapitel über das <<Opfer>> kam, wußte ich zum voraus, daß es mich die Freundschaft mit Freud kosten würde." (ER 171)[8]. Und so kam es; der berühmte Brief an Freud vom 6. Januar 1913 lautete: "Lieber Herr Professor! Ich werde mich Ihrem Wunsche, die persönliche Beziehung aufzugeben fügen, denn ich dränge meine Freundschaft niemals auf. Im übrigen werden Sie wohl am besten selber wissen, was dieser Moment für Sie bedeutet. <<Der Rest ist Schweigen.>> ... Ihr ergebener Jung." Das war der Bruch. Auch Swedenborgs Konfrontation mit den inneren Kräften hatte einen Bruch zur Folge, das Ende seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Der Verlust des Leitbildes bedeutete auch für ihn zunächst eine tiefe Verunsicherung. Daher begann einer seiner ersten Träume mit den Worten: "Ich stieg ganz frei und mutig eine Treppe, die dann zu einer Leiter wurde, hinab, unten war ein Loch, das in ganz große Tiefe hinabführte; es war schwer, auf die andere Seite zu gelangen, ohne in jenes Loch zu fallen."[9] Swedenborg mußte sich von seinen wissenschaftlichen Idealen trennen. Die Begegnung mit dem Wesentlichen brachte das Gefühl der Unsicherheit und die Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Es galt, die Innenwelt zu entdecken, "ohne in jenes [schreckliche] Loch zu fallen". 3. Das Spiel mit den Bausteinen Die Wende trat erst ein, als er sein Methodenwissen zurückstellte und sich den Impulsen des Unbewußten überließ. "Als erstes tauchte eine Erinnerung aus der Kindheit auf, vielleicht aus dem zehnten oder elften Jahr. Damals hatte ich leidenschaftlich mit Bausteinen gespielt. Ich erinnerte mich deutlich, wie ich Häuschen und Schlösser gebaut und Tore mit Bögen über Flaschen gewölbt hatte. Etwas später verwendete ich natürliche Steine und Lehm als Mörtel. Diese Bauten hatten mich während langer Zeit fasziniert. Zu meinem Erstaunen tauchte diese Erinnerung auf, begleitet von einer gewissen Emotion. <<Aha>>, sagte ich mir, <<hier ist Leben! Der kleine Junge ist noch da und besitzt ein schöpferisches Leben, das mir fehlt. Aber wie kann ich dazu gelangen?>> Es schien mir unmöglich, die Distanz zwischen der Gegenwart, dem erwachsenen Mann, und meinem elften Jahr zu überbrücken. Wollte ich aber den Kontakt mit jener Zeit wieder herstellen, so blieb mir nichts anderes übrig, als wieder dorthin zurückzukehren und das Kind mit seinen kindlichen Spielen auf gut Glück wieder aufzunehmen." (ER 177). Interessant ist die Verbindung von Emotion und Leben. Tatsächlich sind nicht die Gedanken, sondern die Emotionen unser Leben. Erinnert sei an Swedenborgs berühmtes Wort: "Die Liebe ist das Leben des Menschen." (GLW 1). Jung überließ sich also den Impulsen aus der Lebensenergie, die ihm als Spieltrieb bewußt wurden. Für den erwachsenen Mann war das eine Demütigung, denn es bedeutete das Eingeständnis der Unwissenheit (ignorantia) des äußeren Menschen. Doch die aus der Emotion als der inneren Lebensbewegung geborene Tätigkeit aktivierte den Geist. Beim Bauen "klärten sich meine Gedanken, und ich konnte die Phantasien fassen, die ich ahnungsweise in mir fühlte." (ER 178). Auch das ist interessant, denn die Steine, mit denen Jung spielte, entsprechen den Gedanken, die ihrerseits die Formen der Gefühle sind. "In dem Maße, wie es mir gelang, die Emotionen in Bilder zu übersetzen, das heißt diejenigen Bilder zu finden, die sich in ihnen verbargen, trat innere Beruhigung ein ... Mein Experiment verschaffte mir die Erkenntnis, wie hilfreich es vom therapeutischen Gesichtspunkt aus ist, die hinter den Emotionen liegenden Bilder bewußt zu machen." (ER 181). Jung geht hier davon aus, daß die Bilder in den Emotionen verborgen sind; es könnte aber auch umgekehrt sei, daß die Emotionen in den Bildern sind. Das ist der alte Streit, ob das Gute aus dem Wahren oder das Wahre aus dem Guten hervorgeht. Nach Swedenborg ist das Wahre die Form des Guten (HG 3049). Diese Erkenntnis ist wichtig, weil es ohne sie keinen Zugang zur inneren Welt gibt; denn jeder Mensch (nach Swedenborg ein Mikrokosmos = eine kleine Welt) ist wesentlich seine Liebe (oder sein Haß). Daher kann nur die Wahrnehmung aus der Liebe die wesenseigene Wahrnehmung sein. Das haben wir Europäer vergessen. Für Jung war es eine Offenbarung, als er Jahre später mit einem Häuptling der Pueblo-Indianer sprach, und der ihm sagte, die Weißen seien verrückt. "Ich fragte ihn, warum er denn meine, die Weißen seien alle verrückt. Er entgegnete: <<Sie sagen, daß sie mit dem Kopf denken.>> <<Aber natürlich. Wo denkst du denn?>> fragte ich erstaunt. <<Wir denken hier>>, sagte er und deutete auf sein Herz." (ER 251). In Wahrheit denkt der Mensch im Herzen (= aus dem Gefühl der Liebe). Swedenborg hatte das im Zeitalter des Rationalismus bereits erkannt, als er sagte, daß das Wahre lediglich die Form des Guten sei. Deutlicher ausgearbeitet ist diese Lehre in den Lorberschriften, wo ausdrücklich vom Denken im Herzen die Rede ist. Aber schon einem Zeitgenossen René Descartes, der mit seinem "cogito ergo sum" (Ich denke, also bin ich) zum Begründer des neuzeitlichen Rationalismus wurde, war das Denken als Seinsgrund zu mager; ich spreche von Blaise Pascal. Er setzte nicht nur auf den Verstand, sondern auch auf das Fühlen und Glauben: "Wir erkennen die Wahrheit nicht bloß mit der Vernunft, sondern auch mit dem Herzen." (Pensées IV, 282 Brunschvicg). Das ist wahr, denn im Herzen fühlen wir die Liebe, die Gott ist (1.Joh 4,8). Als Jung dem Spieltrieb folgte, weil der Verstand ihn nicht aus der Leblosigkeit befreien konnte, stieß er das Tor zu dieser neuen (in Wahrheit aber uralten) Erkenntnismöglichkeit auf. Schließlich noch ein Wort zum Bauen. Für Jung war es ein "rite d'entrée" (ER 178) oder, mit Swedenborg gesprochen, ein vorbildender Akt. Dahinter steht das folgende Gesetz: Ein äußeres Tun kann, wenn es einem inneren Vorgang entspricht, eben diesen Vorgang in Gang bringen. Jung hat das erlebt: Das Bauen "löste einen Strom von Phantasien aus, die ich später sorgfältig aufgeschrieben habe." (ER 178). Die geistige Bedeutung des Bauens kann hier nur angedeutet werden. Wir sprechen von "Erbauung" und können daraus erkennen, daß Bauen etwas mit Wiedergeburt zu tun hat. Deswegen kann Swedenborg zu Genesis 2,22 (<<Und der HERR baute die Rippe, die Er vom Menschen genommen hatte, zu einem Weibe, und brachte sie zum Menschen.>>) schreiben: "Durch <<bauen>> wird bezeichnet aufrichten, was gefallen ist" (HG 151). Oder zu Genesis 33,17 ("Und Jakob brach nach Sukkoth auf, und baute sich ein Haus, und für seine Viehherde machte er Hütten. Deshalb nannte man den Namen des Ortes Sukkoth [= Hütten]"): Ein Haus bauen bedeutet "den äußeren Menschen mit Einsicht und Weisheit erfüllen" (HG 4390). Freilich kann die Erbauung der Seele nur kraft des göttlichen Geistes geschehen. Deswegen heißt es in der Heiligen Schrift: "Wo der HERR nicht das Haus baut, da mühen sich umsonst, die daran bauen." (Ps 127,1). Oder: "Also spricht der HERR: Die Himmel sind Mein Thron, und die Erde Meiner Füße Schemel. Was für ein Haus wollt ihr Mir denn bauen, und welchen Ort zu Meiner Ruhe?" (Jes 66,1). Jung hat den Ritus des Bauens sein Leben lang vollzogen: "Dieser Typus des Geschehens hat sich bei mir fortgesetzt. Wann immer ich in meinem späteren Leben stecken blieb, malte ich ein Bild, oder bearbeitete ich Steine, und immer war das ein rite d'entrée für nachfolgende Gedanken und Arbeiten." (ER 178). In Bollingen, am oberen Zürichsee begann er 1923 mit dem Bau eines Turmes; seine endgültige Gestalt erhielt er erst 1956. In Jungs Lebenserinnerungen kann man nachlesen, wie die zahlreichen Bauphasen inneren Zuständen entsprachen. 4. Die Ermordung Siegfrieds "Ich fand mich mit einem unbekannten braunhäutigen Jüngling, einem Wilden, in einem einsamen, felsigen Gebirge. Es war vor Tagesanbruch, der östliche Himmel war schon hell, und die Sterne waren am Erlöschen. Da tönte über die Berge das Horn Siegfrieds, und ich wußte, daß wir ihn umbringen müßten. Wir waren mit Gewehren bewaffnet und lauerten ihm an einem schmalen Felspfad auf. Plötzlich erschien Siegfried hoch oben auf dem Grat des Berges im ersten Strahl der aufgehenden Sonne. Auf einem Wagen aus Totengebein fuhr er in rasendem Tempo den felsigen Abhang hinunter. Als er um eine Ecke bog, schossen wir auf ihn, und er stürzte, zu Tode getroffen. Voll Ekel und Reue, etwas so Großes und Schönes zerstört zu haben, wandte ich mich zur Flucht, getrieben von Angst, man könnte den Mord entdecken. Da begann ein gewaltiger Regen niederzurauschen, und ich wußte, daß er alle Spuren der Tat verwischen würde. Der Gefahr, entdeckt zu werden, war ich entronnen, das Leben konnte weiter gehen, aber es blieb ein unerträgliches Schuldgefühl. Als ich aus dem Traum erwachte, dachte ich über ihn nach, aber es war mir unmöglich, ihn zu verstehen. So versuchte ich wieder einzuschlafen, aber eine Stimme sagte: <<Du mußt den Traum verstehen, und zwar sofort!>> Das innere Drängen steigerte sich bis zu dem furchtbaren Augenblick, als die Stimme sagte: <<Wenn du den Traum nicht verstehst, muß du dich erschießen!>> In meinem Nachttisch lag ein geladener Revolver, und es wurde mir angst. Da begann ich noch einmal nachzudenken, und plötzlich ging mir der Sinn des Traumes auf: <<Das ist ja das Problem, das in der Welt gespielt wird!>> Siegfried stellt dar, was die Deutschen verwirklichen wollten, nämlich den eigenen Willen heldenhaft durchzusetzen. <<Wo ein Wille, da ist ein Weg!>> Dasselbe wollte auch ich. Aber das war nun nicht mehr möglich. Der Traum zeigte, daß die Einstellung, welche durch Siegfried, den Helden, verkörpert war, nicht zu mir paßte. Darum mußte er umgebracht werden. Nach der Tat empfand ich ein überwältigendes Mitgefühl, so als sei ich selber erschossen worden. Darin drückte sich meine geheime Identität mit dem Helden aus, sowie das Leiden, das der Mensch erlebt, wenn er gezwungen wird, sein Ideal und seine bewußte Einstellung zu opfern. Doch dieser Identität mit dem Heldenideal mußte ein Ende gesetzt werden; denn es gibt Höheres, dem man sich unterwerfen muß, als der Ich-Wille. Diese Gedanken genügten fürs erste, und ich schlief wieder ein. Der braunhäutige Wilde, der mich begleitet und die eigentliche Initiative zur Tat ergriffen hatte, ist eine Verkörperung des primitiven Schattens. Der Regen zeigt an, daß die Spannung zwischen Bewußtsein und Unbewußtem sich löste. Obwohl es mir damals noch nicht möglich war, den Sinn des Traums über die wenigen Andeutungen hinaus zu verstehen, wurden neue Kräfte frei, die mir halfen, das Experiment mit dem Unbewußten zu Ende zu führen." (ER 183f). Der Traum ist deswegen wichtig, weil der "Ich-Wille" als Hindernis erkannt wird. Siegfried, auf einem "Wagen aus Totengebein", stellt den Eigenwillen dar, der, solange man sich mit ihm identifiziert, der bewußten Einstellung als das Ideal erscheint. Jung durfte jedoch erkennen, daß es Höheres gibt, dem man sich unterwerfen muß, als der Ich-Wille. Der Vergleich mit Swedenborgs Traumtagebuch drängt sich auf, denn dort sehen wir Swedenborg in einem ähnlichen Kampf; einesteils identifiziert er sich noch mit dem Ideal der wissenschaftlichen Selbstvergötterung[10], doch gleichzeitig weiß er, daß er sich Christus unterwerfen will. Der Traum von der Ermordung Siegfrieds zeigt, daß Jung bereit war, die Schwelle des Ichwillens zu überschreiten, zumindest bis zu einem gewissen Grad, denn auf sein wissenschaftliches Ansehen wollte er nicht in dem Maße verzichten wie Swedenborg. Später, in seinen theologischen Werken, konnte Swedenborg mit innerem Abstand das beschreiben, was er 1743/44 (zur Zeit des Traumtagebuchs) noch mit der Gefahr des Scheiern durchkämpfen mußte. Das Eigene, schreibt er später, sei durch und durch böse und tot (HG 150, 597). Dem göttlichen Wirken stelle es sich von Natur aus entgegen: "das Eigene des Menschen ... wirkt nie mit der göttlichen Vorsehung zusammen." (GV 211). Deswegen muß es sterben (HG 730), um vom Herrn neu belebt zu werden (HG 155). Das ist das Motiv von Tod und Wiedergeburt. Diese negative Bewertung des Eigenen darf freilich nicht die Tatsache verdecken, daß es die Voraussetzung für die Wiedergeburt ist, "denn ohne das Eigene gibt es keine Vereinigung" (HG 252). Deswegen kann der Mensch erst im Erwachsenenalter wiedergeboren werden, wenn sich das Eigene genügend entwickelt hat: "Bekanntlich kann der Mensch nur im Erwachsenenalter wiedergeboren werden, weil er erst dann seiner Vernunft und Urteilskraft mächtig ist und so das Gute und Wahre vom Herrn aufnehmen kann." (HG 2636). Mit "Vernunft und Urteilskraft" ist natürlich die eigene Vernunft und Urteilskraft gemeint, aus der sich jedoch ein Aufnahmegefäß formen läßt. Auch Jung siedelte die Individuation, insofern sie die Einführung in die innere Wirklichkeit ist, in der zweiten Lebenshälfte an.[11] 5. Die aktive Imagination Das Experiment mit dem Unbewußten führte Jung zu den Phantasiegestalten, der Erfahrungsgrundlage der späteren Archetypenlehre. Aus swedenborgscher Sicht möchte ich dazu folgendes anmerken: Schon in seinem Traumtagebuch formulierte Swedenborg das Personifikationsprinzip: "Liebesarten werden durch Geister dargestellt"[13]. Und später schrieb er: "Eine jede Neigung des Guten und zugleich des Wahren ist in ihrer Form Mensch." (GV 66). "Die Liebe zusammen mit der Weisheit ist in ihrer Gestaltung Mensch, weil Gott, der die Liebe und Weisheit selbst ist, Mensch ist." (GLW 179). Die Produktionen des Geistes figurieren sich also als Gestalten, im Idealfall als menschliche Gestalten. Daher kann man die Inhalte des Geistes konkret als Personen oder abstrakt als Bedeutungen beschreiben. Die ersten in diesem Sinne bedeutungsvollen Gestalten, denen Jung begegnete, waren Salome, Elias und die schwarze Schlange. 6. Salome, Elias und die schwarze Schlange In Swedenborgs Theologie spielt "die Ehe des Guten und Wahren"[14] eine zentrale Rolle, weil Gott selbst die Liebe und Weisheit ist (WCR 36). "Diese zwei, Weisheit und Liebe, gehen vom Herrn als der Sonne [des Lebens] hervor und fließen in den Himmel ein, und zwar im allgemeinen und im besonderen; daher haben die Engel Weisheit und Liebe. Sie fließen auch in die Welt ein, ebenfalls im allgemeinen und im besonderen; daher haben die Menschen Weisheit und Liebe. Diese zwei gehen jedoch vereint vom Herrn aus und fließen ebenso vereint in die Seelen (in animas) der Engel und Menschen ein; aber in ihren Gemütern (in mentibus) werden sie nicht mehr vereint aufgenommen, sondern zuerst das Licht, das den Verstand bildet, und nach und nach die Liebe, die den Willen bildet." (SK 14). Wir sehen also, wie der Lebensstrom von Gott, der die Liebe und Weisheit und somit das Leben ist, durch die Himmel bis in die Menschenwelt fließt. Im Unbewußten der Seele (anima) ist er noch vereint, weswegen Salome und Elias sagen konnten, sie "gehörten von Ewigkeit her zusammen"; erst im bewußten Geist (mens), dessen Sitz das Gehirn ist, spaltet er sich auf, - aus weisen Gründen, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Liebe und Weisheit können als innerpsychische Phänomene wahrgenommen und, wie das Beispiel Jungs zeigt, personifiziert werden; daher waren Elias und Salome Verkörperungen von Logos (dem Wahren) und Eros (dem Guten). Die schwarze Schlange personifizierte das dunkle, bedrohliche Element. Jung sah die Beziehung zum Heldenmythos (ER 185). Für Swedenborg ist sie das Symbol des Sinnlichen, das heißt der sinnlichen Wahrnehmung der Welt in der Seele; bedrohlich ist sie, weil sie uns dem Gottesbewußtsein entfremden kann. 7. Philemon Soweit das Wesentliche zu Philemon und seiner Relativierung durch Ka. Hier nun befinden wir uns im Zentrum der jungschen Psychologie, das heißt: noch ist es ja nicht diese Psychologie, sondern "nur" der "Lavastrom", "der Urstoff, der's erzwungen hat" (ER 203). Es ist die Entdeckung des Okjektiv-Psychischen. Aus swedenborgscher Sicht ist sie besonders interessant, weil die Parallele zum homo maximus unübersehbar ist. Selbst Jung konnte das nicht verleugnen, er schrieb: "Irgendwo sind wir Teil einer einzigen großen Seele, eines einzigen größten Menschen, um mit Swedenborg zu reden." (GW X,175)[15]. Swedenborgs Konzept des homo maximus hat demnach bei Jung einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Der homo maximus ist die Erscheinungsform der geistigen Welt, die ihrerseits die Gemeinschaft aller Zeiten und Völker und daher auch die Summe aller Gedanken ist, die je gedacht wurden. In dieser Welt leben und denken wir schon jetzt. Nach Swedenborg haben wir Engel und Geister bei uns, die die Grundlage und Energie aller geistigen Vorgänge sind: "Der Mensch kann von sich aus nichts denken und wollen, sondern alles fließt ein" (HG 5846), und zwar "in die Neigungen und Gedanken" (HG 6307). Diese werden zwar innerpsychisch (also als subjektive Phänomene) wahrgenommen, haben aber einen außerpsychischen Ursprung, nämlich die Engel und Geister; sind also in diesem Sinne objektiv. Diese "Engel und Geister sind nichts anderes als Neigungen und daher Gedanken in menschlicher Form" (AE 397; vgl. auch HH 517). Das heißt: Neigungen und Gedanken können als objektive und zugleich als subjektive Größen betrachtet werden; sie haben ein Eigenleben, obwohl sie im Raum der Psyche wahrgenommen werden. Daher hatte Philemon recht: "Er erklärte mir, daß ich mit den Gedanken so umginge, als hätte ich sie selbst erzeugt, während sie nach seiner Ansicht eigenes Leben besäßen" (ER 186).[16] Jungs große Entdeckung gegenüber Freud war, daß es nicht nur ein persönliches Unbewußtes gibt, sondern auch ein kollektives. Diese Entdeckung machte Jung als er sein Inneres erforschte und Gestalten entdeckte, die erstaunlich autonom waren und ihm die Objektivität der Seele beibrachten. Die Wissenschaft, seit jeher bemüht um Objektivität, sucht diese in der Außenwelt. Wissenschaftliche Beobachtungen sollen sich gerade dadurch auszeichnen, daß das Subjekt nach Möglichkeit aus dem Spiel bleibt. Das Subjekt scheint gefährlich zu sein, weil es zum Subjektivismus verführt. Dem steht nun aber Jungs Entdeckung entgegen, daß es in der Tiefe der Seele nicht immer subjektiver sondern immer objektiver zugeht; dort beginnt eine uns noch unbekannte objektive Welt. Wahrheit ist damit nicht mehr nur das Privileg der Natur-, sondern vorzüglich der Geisteswissenschaften. 8. Anima Es ist hier nicht der Ort, Jungs Begriffspaar, Anima und Animus, ausführlich darzustellen und mit den entsprechenden Konzepten Swedenborgs zu vergleichen. Deswegen kann das Folgende nur eine grobe Orientierung sein, die zudem mehr die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede ins Auge faßt. Zunächst ist zu sagen, daß Swedenborg zwar auch die Worte "anima" und "animus" verwendet; doch sie sind nicht die Parallele. Dagegen ist Swedenborgs Charakterisierung der Geschlechter sehr auffallend, denn Liebe und Weisheit werden darin in einer Weise verwendet, die an Jung erinnert: "Der wesentliche Unterschied [zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen] besteht darin, das das Innerste im Männlichen die Liebe ist, während die Weisheit die Hülle bildet; anders ausgedrückt, daß es die mit der Weisheit umhüllte Liebe ist. Das Innerste der Frau ist aber jene Weisheit des Männlichen und die Hülle die daraus stammende Liebe." (EL 32). Wenn man diesen Text nun so versteht, daß die Liebe das Weibliche im Mann und die Weisheit das Männliche in der Frau ist, dann kommt man Jung schon sehr nahe, denn er schrieb: "Wie die Anima dem mütterlichen Eros entspricht, so der Animus dem väterlichen Logos."[17] "Von rein psychologischen Erwägungen ausgehend habe ich ... das männliche Bewußtsein mit dem Begriff des Logos und das weibliche mit dem des Eros zu kennzeichnen versucht. Ich habe dabei unter <<Logos>> das Unterschieden, Urteilen und Erkennen verstanden und unter <<Eros>> das In-Beziehung-Setzen." (GW XIV/1,218). Daß Eros etwas mit Liebe und Logos etwas mit Weisheit zu tun hat, dürfte keines Beweises bedürfen. Auf einen weiteren Vergleichstext weist FRIEDEMANN HORN in seiner neuen Übersetzung der ehelichen Liebe hin; im geistigen Tagebuch lesen wir: "Ich sprach mit Engeln über die eheliche Liebe, bzw. die Liebe zwischen einander liebenden Gatten. Sie sagten mir, daß diese die innerste aller Liebesarten sei, derart, daß ein Gatte den anderen in seinem Gespür und in seinem Gemüt (in suo animo et in sua mente)[18] sieht, einer also den anderen in sich hat. Das heißt, das Bild, ja die Ähnlichkeit des Mannes ist im Gemüt der Frau und das Bild, ja die Ähnlichkeit der Frau ist im Gemüt des Mannes, so daß eines das andere in sich selbst sieht und sie in ihrem Innersten beisammen wohnen." (GT 4408). Der Mann spiegelt sich also in der Frau und die Frau im Mann. Nach Jung bildet sich die Anima im Unbewußten des Mannes aus den zahllosen Erfahrungen des männlichen Geschlechtes mit dem weiblichen. Swedenborg beschränkt sich hier jedoch auf die eheliche Liebe, während Jung natürlich nicht nur diesen Spezialfall vor Augen hat. Gemeinsamkeiten sind aber, das dürfte deutlich geworden sein, vorhanden. 9. "Septem Sermones ad Mortuos" Zu den Septem Sermones schrieb ANIELA JAFFé: "Sie vermitteln einen, wenn auch bruchstückhaften, Eindruck dessen, was Jung in den Jahren 1913 bis 1917 in Atem gehalten, und was er damals gestaltet hatte." (ER 388). Inhaltlich hebt sie hervor: "Die Schrift enthält bildhafte Andeutungen oder Vorwegnahmen von Gedanken, die in Jungs wissenschaftlichem Werk später eine Rolle spielten, vor allem die Gegensatznatur des Geistes, des Lebens und der psychologischen Aussage." (ER 388). Zur Gegensatznatur werde ich unten etwas sagen. Jung spricht in den Septem Sermones nicht die Sprache des Psychologen, sondern eher die des Mystikers. Man fühlt sich an das eingangs zitierte Wort vom "Urstoff" (ER 203) erinnert, der erst später in die wissenschaftliche Form gegossen wurde. Es wäre eine eigene Untersuchung wert, die Septem Sermones im Lichte des späteren, wissenschaftlichen Werkes zu deuten. Ich kann hier nur einen Einblick geben und wähle zu diesem Zweck den Anfang von Sermo I aus: "Die toten kamen zurück von Jerusalem, wo sie nicht fanden, was sie suchten. Sie begehrten bei mir einlaß und verlangten bei mir lehre und so lehrte ich sie: Höret: ich beginne beim nichts. Das Nichts ist dasselbe wie die Fülle. In der unendlichkeit ist voll so gut wie leer. Das Nichts ist leer und voll. Ihr könnt auch ebenso gut etwas anderes vom nichts sagen, z.B. es sei weiß oder schwarz oder es sei nicht, oder es sei. Ein unendliches und ewiges hat keine eigenschaften, weil es alle eigenschaften hat. Das Nichts oder die Fülle nennen wir das PLEROMA. Dort drin hört denken und sein auf, denn das ewige und unendliche hat keine eigenschaften. In ihm ist keiner, denn er wäre dann vom Pleroma unterschieden und hätte eigenschaften, die ihn als etwas vom Pleroma unterschieden. Im Pleroma ist nichts und alles: es lohnt sich nicht über das Pleroma nachzudenken, denn das hieße: sich selber auflösen. Die CREATUR ist nicht im Pleroma, sondern in sich. Das Pleroma ist anfang und ende der Creatur. Es geht durch sie hindurch, wie das sonnenlicht die luft überall durchdringt. Obschon das Pleroma durchaus hindurch geht, so hat die Creatur doch nicht theil daran, so wie ein vollkommen durchsichtiger körper weder hell noch dunkel wird durch das licht, das durch ihn hindurch geht."[20] Ich muß an dieser Stelle (einigermaßen willkürlich) abbrechen, um wenigstens noch etwas zum Verständnis sagen zu können. Jung spricht vom Pleroma (= Fülle, grch.) und von der Kreatur (= Geschöpf). "Pleroma" ist eine Bezeichnung für das Göttliche[21]; Jung konnte sie im Neuen Testament, besonders im Kolosserbrief finden: "... denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm [= Christus] zu wohnen" (Kol 1,19), oder: "Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig" (Kol 2,9)[22]. Mir fiel sofort die Nähe zu Meister Eckhart auf, den Jung ja mit Interesse gelesen hatte: "Erst in Meister Eckhart fühlte ich den Hauch des Lebens, ohne daß ich ihn ganz verstanden hätte." (ER 74). "Etwas mehr Meister Eckhart täte manchmal gut!" (GW XII,10). Die Aussagen über das Pleroma zeigen die Vereinigung und somit Aufhebung aller Gegensätze und gipfeln in den Worten: "Ein unendliches und ewiges hat keine eigenschaften, weil es alle eigenschaften hat." Diesen Gedanken konnte Jung bei Eckhart finden: Das kreatürliche Sein zeichnet sich durch "Mannigfaltigkeit" (z.B. EQ 415,32) aus. Von Gott aber gilt: "Gott hat alle Dinge auf verborgene Weise in sich selbst, jedoch nicht dies oder das in Verschiedenheit, sondern als Eins in der Einheit." (EQ 264,23ff). Die Eigenschaftslosigkeit Gottes begegnet uns bei Meister Eckhart als dessen Namenlosigkeit: "Gott hat keinen Namen." (EQ 247,31f). "Gott ist namenlos, denn von ihm kann niemand etwas aussagen oder erkennen." (EQ 353,5f). Daher ist Gott weder dies noch das, also nicht in Eigenschaften aufteilbar: "Ich würde etwas ebenso Unrichtiges sagen, wenn ich Gott ein Sein nennte, wie wenn ich die Sonne bleich oder schwarz nennen wollte. Gott ist weder dies noch das." (EQ 196,20ff). Trotz dieser Eigenschaftslosigkeit ist Gott kein Nichts, sondern ein Etwas oder, paradox gesprochen, beides: "Gott ist ein Nichts, und Gott ist ein Etwas." (EQ 331,28). Gott hat keine Eigenschaften, weil er alle Eigenschaften hat. Im Ursprung, im Innersten, im Grund und im Kern des Vaterseins, dort "sind alle Grasblättlein und Holz und Stein und alle Dinge Eines." (EQ 264,10f). In der Natur aber ist entfaltet und somit getrennt, was in Gott eins ist: "Alle Kreaturen tragen eine Verneinung in sich; die eine verneint, die andere zu sein." (EQ 253,4ff). Daher ist Gott als die implizite Ordnung zwar in den Kreaturen als der expliziten Ordnung vorhanden, aber doch darüber: "Gott ist (zwar) in allen Kreaturen, sofern sie Sein haben, und doch darüber." (EQ 195,22f). Swedenborg hat dafür die Formel geprägt: "Gott ist nach der Erschaffung der Welt im Raum ohne Raum und in der Zeit ohne Zeit." (WCR 30). "Gott fließt in alle Kreaturen, und doch bleibt er unberührt von ihnen allen." (EQ 329,31f). "Alle Kreaturen berühren Gott nicht nach ihrer Geschaffenheit" (EQ 218,17). "Gott ist in der Seele ... und doch ist er nicht die Seele." (EQ 273,6ff). Dieses Verhältnis von Anwesenheit und Abwesenheit ist bei Swedenborg im Entsprechungsgedanken (oder in den getrennten Graden, die dennoch durch Entsprechungen verbunden sind) vorhanden. Jungs Aussagen über die Kreatur zielen in dieselbe Richtung: Die Kreatur ist zwar vom göttlichen Licht durchlichtet; aber sie ist nicht das Licht. 10. Das erste Mandala (1916) 10.1. Jungs Interpretation von 1955 "Es stellt die Gegensätze des Mikrokosmos innerhalb der makrokosmischen Welt und ihrer Gegensätze dar. Zuoberst die Gestalt des Knaben im geflügelten Ei, Erikapaios oder Phanes genannt, und somit als geistige Gestalt an orphische Götter erinnernd. Sein dunkler Gegenspieler in der Tiefe wird hier als Abraxas bezeichnet. Er stellt den <<dominus mundi>> dar, den Herrn dieser physischen Welt, und ist ein Weltschöpfer von gegensätzlicher Natur. Aus ihm sproßt der Lebensbaum mit der Beschriftung <<vita>> (Leben), während als obere Entsprechung dazu ein Lichtbaum in Gestalt eines siebenflammigen Leuchters mit der Bezeichnung <<ignis>> (Feuer) und <<eros>> (Liebe) zu sehen ist. Sein Licht zielt auf die geistige Welt des göttlichen Kindes. Zu dieser geistigen Welt gehören auch Kunst und Wissenschaft; erstere als geflügelte Schlange dargestellt und letztere als geflügelte Maus (als löchergrabende Tätigkeit!). - Der Leuchter beruht auf dem Prinzip der geistigen Zahl drei (zweimal drei Flammen, mit der einen großen Flame in der Mitte), während die untere Welt des <<Abraxas>> durch die Zahl des natürlichen Menschen fünf (zweimal fünf Zacken seines Sternes) charakterisiert ist. Die begleitenden Tiere der naturhaften Welt sind ein teuflisches Ungeheuer und ein Engerling. Dieser weist auf Tod und Wiedergeburt. Nach links steigt aus einem inneren, den Körper oder das Blut charakterisierenden Kreis die Schlange, welche sich um den Phallus windet, als zeugendes Prinzip. Sie ist hell und dunkel, zielt auf die dunkle Welt der Erde, des Mondes und der Leere (darum als Satanas bezeichnet). Das lichte Reich der Fülle liegt rechts, wo sich aus dem hellen Kreis <<frigus sive amor dei>> [Kälte oder Liebe Gottes] die Taube des Heiligen Geistes erhebt und sich die Weisheit (Sophia) aus einem Doppelbecher nach rechts und links ergießt. - Diese weibliche Sphäre ist diejenige des Himmels. - Der durch die Zacken oder Strahlen gekennzeichnete größere Kreis stellt eine innere Sonne dar; innerhalb dieser Sphäre wird der Makrokosmos wiederholt, wobei oben und unten spiegelbildlich vertauscht sind. Diese Wiederholungen sind als unendlich viele, sich immer verkleinernde zu denken, bis das innerste Zentrum, der eigentliche Mikrokosmos erreicht ist."[23] 10.2. Das Selbst "Die Realisierung des Selbst bedeutet auch eine Wiederherstellung des Menschen als Mikrokosmos, das heißt seiner kosmischen Bezogenheit." (GW XVIII/2,1573). Daher ist es folgerichtig, wenn Jungs erstes Mandala die Verbindung von Makro- und Mikrokosmos darstellt. 10.3. Makro- und Mikrokosmos 10.4. Die Gegensatzstruktur Die Quaternität besteht aus zwei Achsen, die ein Kreuz bilden. Die senkrechte Achse symbolisiert das schöpferische Prinzip; oben das göttliche Kind, unten der "dominus mundi" (= der Herr der Welt); oben sehen wir das feurige Licht, unten das physische Leben. Da "ignis" (Feuer), "eros" (Liebe) und "vita" (Leben) die Lebenswärme in ihrer himmlischen und irdischen Gestalt bezeichnen, kann man die senkrechte Achse als die der Wärme bzw. der Liebe interpretieren. Die horizontale Achse hingegen kann als Achse des Lichtes verstanden werden; wobei "horizontal" mit Bedacht gewählt ist, denn das griechische Wort "horizein" bedeutet "begrenzen, bestimmen, definieren"; weswegen der Horizont die Grenzlinie des Erkennens ist. Die Schlange (links) und der Heilige Geist (rechts) sind Symbole des Wahren; die Schlange des sinnlich-Wahren, der Heilige Geist des göttlich-Wahren. Die Schlange zeugt die irdische, der Heilige Geist die himmlische Welt. Auch Swedenborg kennt die Quaternität des geistigen Raumes: "Im Himmel gibt es, wie in der Welt, vier Hauptrichtungen: Osten, Süden, Westen und Norden" (HH 141). Dabei ist die Ost-West-Achse die senkrechte und die Süd-Nord-Achse die horizontale, denn Swedenborg schreibt: Im Himmel "ist Osten, wo der Herr als Sonne erscheint. Demgegenüber liegt der Westen, zur Rechten der Süden und zur Linken der Norden, und dies bleibt so, wohin auch die Engel ihr Angesicht und ihren Körper wenden mögen." (HH 141). Die Ost-West-Achse ist diejenige der Liebe (der Wärme), die Süd-Nord-Achse diejenige der Weisheit (des Lichtes): "Im Osten und Westen wohnen alle, die im Guten der Liebe sind - im Osten jene, die ein klares, im Westen die anderen, die ein dunkles Innewerden desselben haben. Im Süden und Norden wohnen Engel, die der Weisheit aus dem Guten der Liebe ergeben sind - im Süden jene, bei denen das Licht der Weisheit hell, in Norden die anderen, bei denen es nur dunkel scheint." (HH 148). Die geistige Quaternität baut sich also aus den beiden Dualitäten der Liebe und Weisheit und des Göttlichen und Menschlich-Eigenen auf. In Jungs Mandala kann man diese Strukturen wiederentdecken, zumal wenn man weiß, daß Liebe und Weisheit bei Swedenborg sehr weitgefaßte Begriffe sind. Jungs Mandala enthält noch weitere Informationen, auf die ich hier jedoch nicht mehr hinweisen kann. Die makrokosmische Ordnung wiederholt sich, wenn auch spiegelverkehrt, im Mikrokosmos. Alles ist eingebettet im Pleroma der unaussprechlichen Gottheit. 11. Schlußwort Fußnoten: [1] Das Kürzel "ER" bezeichnet die "Erinnerungen, Träume und Gedanken von C.G.Jung", aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé, Zürich 1962. zurück [2] Das Kürzel "GW" bedeutet "Gesammelte Werke"; das ist die Gesamtausgabe der Schriften Jungs, erschienen im Walter Verlag. Nach der Angabe des Bandes (und evtl. des Halbbandes) steht die Nummer des Abschnittes (also nicht der Seite). zurück [3] Zu diesem Urteil gibt es eine Parallele. Als Jung in Amerika an der Yale University Vorträge hielt, schrieb er an Pfarrer Stockwell in Philadelphia, den Herausgeber des <<Helfer>>, als Antwort auf dessen Anfage: "Ich bewundere Swedenborg als einen großen Wissenschafter und als großen Mystiker zugleich. Sein Leben und sein Werk sind für mich immer von großem Interesse gewesen, und ich habe etwa sieben dicke Bänder [sic!] seiner Schriften gelesen, als ich Medizinstudent war." (Die Neue Kirche: Monatblätter für fortschrittliches religiöses Denken und Leben, 64. Jahrgang, September 1947, S.86). zurück [4] Emanuel Swedenborg, 1688 - 1772, Naturforscher und Kundiger der Überwelt: Begleitbuch zu einer Ausstellung und Vortragsreihe in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, bearbeitet von Horst Bergmann und Eberhard Zwink, Stuttgart 1988. zurück [5] Siehe Ernst Benz, Emanuel Swedenborg: Naturforscher und Seher, Zürich 1969, S.160. zurück [6] Siehe Ernst Benz, a.a.O., S.159ff. zurück [7] Anthony Stevens, Das Phänomen C.G.Jung: Biographische Wurzeln einer Lehre, 1993, S.225f. * Mit dem Bild von der Leiter bezieht sich Stevens auf Joseph Campell. Er definiert die Midlife-crisis als das, was passiert, wenn man bis ans obere Ende der Leiter hinaufgestiegen ist und dann daraufkommt, daß die Leiter an der falschen Wand angelehnt war! zurück [8] "Wandlungen und Symbole der Libido" erschien 1912. Doch schon bei seiner ersten Begegnung mit Freud in Wien im März 1907 schienen feine Risse das Verhältnis der beiden zu durchziehen. Wenn man den Protokollen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung glauben darf, dann äußerte sich Jung damals nach einem Vortrag von Dr. Adler zwar höflich und zurückhaltend, aber doch deutlich distanziert gegenüber Freud: "Herr Dr. Jung bemerkt, er könne keine ausführliche Kritik geben, da er erst beginne, an den Freudschen Ideen heraufzuklettern. Er stehe den Dingen noch anders gegenüber. Freud sehe von innen, er von außen." zurück [9] Traumtagebuch, Eintrag vom 24.-25. März 1744. zurück [10] Ein Notiz von vielen dieser Art aus dem Traumtagebuch lautet: "Dies [gemeint ist ein Traum] bedeutet, daß ich tags zuvor im Medizinischen Kolleg einen Vortrag hörte und ich mich in Gedanken überhob, daß sie mich nennen sollten als einen, der die Anatomie besser kannte. Ich war jedoch froh (darüber), daß dies nicht geschah." (Eintrag vom 18.-19. Oktober). Swedenborg kämpft hier mit der wissenschaftlichen Eitelkeit. zurück [11] Jolande Jacobi faßt Jungs Vorstellung wie folgt zusammen: "Der Verlauf der Individuation ... besteht aus zwei großen Abschnitten ...: aus jenem der ersten und aus jenem der zweiten Lebenshälfte. Stellt der erste als Aufgabe die <<Initiation in die äußere Wirklichkeit>> dar ... so führt der zweite zu einer <<Initiation in die innere Wirklichkeit>>" (Die Psychologie von C.G.Jung, Frankfurt am Main 1994, S.110). zurück [12] C.G.Jung, Briefe 1946-1955, Bd.2, Hrsg. A.Jaffé mit G.Adler, Olten 1972, S.76. zurück [13] Traumtagebuch, Eintrag vom 6.-7. Oktober.zurück [14] z.B. WCR 248; die Belege sind aber über das ganze Werk verteilt. zurück [15] Weitere Stellen, in denen der homo maximus in Verbindung mit Swedenborg genannt wird, sind: "Bei VIGENERUS (Tractatus de igne et sale in: Theatrum chemicum, 1661, VI, Kp. 4, p. 3) ist die Welt <<ad archetypi sui similitudinem factus>> [nach dem Bilde seines Archetypus geschaffen] und wird darum <<magnus homo>> [großer Mensch] (<<homo maximus>> bei SWEDENBORG) genannt." (GW IX/1,5 Fußnote 7). "Er ist jener homo maximus, dem wir in den SWEDENBORGSCHEN Spekulationen wieder begegnen." (GW IX/2,310). Solche Stellen erlauben einen gewissen Rückschluß auf diejenigen Werke Swedenborgs, die Jung gelesen haben muß, denn der Begriff "homo maximus" kommt (von wenigen Ausnahmen abgesehen) eigentlich nur, und das in großem Umfang, in den Himmlischen Geheimnissen und im Geistigen Tagebuch vor. Nicht unerwähnt bleiben soll die folgende Notiz, in der auf einen Vortrag Jungs Bezug genommen wird: "Freilich dürfte Prof. Jung mehr die psychologische Seite Swedenborgs interessiert haben als der religiöse Inhalt seiner Schriften. Daß sein Lesen aber doch Früchte getragen hat, geht aus einem Vortrag in Zürich hervor, wo er über das Vorkommen gleicher Gedanken in verschiedenen entfernten Völkern sprach, was er auf ein unbewußtes Nachwirken einer aus weiter Vergangenheit ererbten Vorstellung glaubte zurückführen zu müssen, falls nicht Swedenborgs Lehre von dem Großmenschen zutreffe mit dem innern Zusammenhang der ganzen Menschheit in Einer großen Einheit ohne Raumdenken. Das letztere sagte er allerdings so leise, daß nur die Zunächstsitzenden es hören konnte, worunter sich ein Mitglied der Zürcher Gemeinde befand." (Die Neue Kirche: Monatblätter für fortschrittliches religiöses Denken und Leben, 64. Jahrgang, September 1947, S.86). zurück [16] Der klinische Psychologe und Swedenborgkenner WILSON VAN DUSEN hat ein sehr interessantes Buch geschrieben: "Der Mensch im Kraftfeld jenseitiger Welten" (Originaltitel: The Presence of Other Worlds: The Psychological/Spiritual Findings of Emanuel Swedenborg). Darin kann man sich ausführlich über das informieren, was ich hier nur in den Grundzügen referieren konnte. Erwähnenswert ist aber noch, daß van Dusens Patienten Stimmen der höheren und der niederen Ordnung unterschieden (= Engel und Geister). In diesem Zusammenhang schreibt van Dusen: "Der höheren Ordnung eignet ein symbolischer, religiöser, unterstützender und echt belehrender Charakter, und sie steht in unmittelbarer Verbindung mit den inneren Empfindungen des Patienten. Sie gleicht den Jung'schen Archetypen, während die niedere Ordnung Freuds <<Es>> ähnelt." (S.136). zurück [17] C.G.Jung, Welt der Psyche, Frankfurt am Main 1988, S.79. zurück [18] "Animus" bei Swedenborg ist praktisch nicht übersetzbar. In seinen theologischen Klassikern definiert er den Animus (soweit ich sehe) nicht. Aus den Adversaria kann man jedoch die folgenden Hinweise entnehmen: Der Animus ist das niedere oder natürliche Gemüt (Ad. 61). Auch den Tieren "ist eine Art Gemüt gegeben worden, das Animus heißt" (Ad. 916); demnach wäre der Animus das Instinktive im Menschen. Der Animus ist der Sitz des Verlangens und Begehrens (Ad. 949). In Swedenborgs Werk "Über die Seele (De Anima)" gibt es einen Abschnitt "über den Animus und über das vernünftige Gemüt". Darin schreibt er: "Der Animus ist nicht die Seele (anima) und auch nicht dasselbe wie das vernünftige Gemüt (mens rationalis); das ist klarer als das Licht, denn dem Animus werden all jene Triebe und das Verlangen zugeschrieben, das ganz tierisch (oder animalisch) ist." (De anima, Seite 136). Demnach muß man den Animus wohl als das Triebhafte im Menschen verstehen, das ihm mit den Tieren gemeinsam ist. zurück [19] Sie sind in den Lebenserinnerungen abgedruckt. zurück [20] Die Orthographie entspricht dem Original. zurück [21] In Sermo II sagt Jung allerdings: "Gott ist Creatur, denn er ist etwas bestimmtes und darum vom Pleroma unterschieden." Wenn ich also oben geschrieben habe, daß das Pleroma eine Bezeichnung für das Göttliche ist, dann meine ich damit das göttliche Sein jenseits der Gottesbilder in der Seele (= des kreatürlichen Gottes). Dieses Göttliche oder Pleroma ist noch jenseits der Gegensätze. Bei Meister Eckhart finden wir einen ähnlichen Unterschied: "Gott und Gottheit sind so weit voneinander verschieden wie Himmel und Erde." (EQ 272,13ff). Daß <<Gott>> bei Eckhart das kreatürliche Gottesbild (also die imago Dei in der Seele) meint, geht aus der folgenden Stelle hervor: "Gott wird (<<Gott>>), wo alle Kreaturen Gott aussprechen: da wird <<Gott>>" (EQ 273,10f). Bei Swedenborg begegnen wir dieser Unterscheidung, indem er das göttliche Sein vom göttlichen Wesen abhebt. Das Sein Gottes ist "über jede Vorstellung des menschlichen Denkens erhaben" (WCR 18), kann also nicht mit der Gottesvorstellung in der Seele identisch sein. Hingegen ist das göttliche Wesen der Liebe und Weisheit für uns faßbar, denn wir haben entsprechende Aufnahmegefäße. zurück [22] Vgl. auch Joh 1,16; Eph 3,19; 4,13. In den Hermetischen Schriften, die Jung kannte, heißt Gott "Fülle des Lebens" (nach W.Bauer, Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der übrigen urchristlichen Literatur, 1971, Art. Pleroma). zurück [23] Aniela Jaffé, C.G.Jung Bild und Wort: Eine Biographie, Olten 1983, S.75. zurück [24] In GW XIV/2,219 z.B. zitiert er BLASIUS VIGENERUS: "<<Der Mensch also, der das Bild der großen Welt ist und daher Microcosmos oder kleine Welt genannt wird (so wie die Welt, die zur Ähnlichkeit ihres Urbildes gemacht und aus vier Elementen zusammengesetzt ist, der große Mensch heißt), hat auch seinen Himmel und (seine) Erde. Seele und Intellekt nämlich sind sein Himmel; der Körper aber und seine Sinnlichkeit sind seine Erde. Den Himmel und die Erde eines Menschen zu kennen ist geradezu dasselbe, als eine völlige und vollständige Kenntnis der ganzen Welt und der natürlichen Objekte zu haben.>>"zurück |
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| veröffentlicht in: Offene Tore 1 (1996) 5-16, 2 (1996) 49-67 | |||||||