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| Ich bin das Brot des Lebens Vortrag für die Jahrestagung 1996 der Lorberfreunde Thomas Noack |
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Liebe Geistesfreunde! Der Tag des Abschieds ist gekommen. Wir haben zum Schluß das Thema: "Ich bin das Brot des Lebens" (Joh 6,48); ein Wort des Herrn, dem wir alle durch die Öffnung unserer Herzen mehr als nur den natürlichen Sinn entnehmen können. "Ich bin das Brot des Lebens" heißt: Ich bin die Nährkraft eures seelich-geistigen Lebens. Der Herr hat uns durch Jakob Lorber, durch Emanuel Swedenborg und durch andere sein Himmelsbrot neu gegeben. Dieses neue Brot des Lebens trägt aber die alte und ewige Nährkraft, die Gottes Wort seit jeher hat, in sich. "Ich bin das Brot des Lebens", dieses Wort gehört in den Zusammenhang der sogenannten Ich-bin-Worte, die für das Johannesevangelium typisch sind: "Ich bin das Brot des Lebens." (Joh 6,35). "Ich bin das Licht der Welt." (Joh 8,12). "Ich bin die Tür zu den Schafen." (Joh 10,7). "Ich bin der gute Hirte." (Joh 10,11). "Ich bin die Auferstehung und das Leben." (Joh 11,25). "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben." (Joh14,6). "Ich bin der wahre Weinstock." (Joh 15,1). In diesen Worten sagt der Ich-bin uns, wer er für uns ist. Nur einer kann wahrhaft sagen: "Ich bin". Moses gegenüber hat sich Gott im Dornbusch geoffenbart und gesagt: "Ich bin, der Ich bin." (Ex 3,14). Von diesem Wort ist der alttestamentliche Gottesname abgeleitet: Jehova, der Seiende oder das Sein. Wir können wohl nachempfinden, daß nur das wahre Sein die Nährkraft unseres Lebens sein kann. Denn unser Leben ist von der Nichtigkeit bedroht. Über unserem Leben hängt das Todesverhängnis, womit ich natürlich nicht nur den leiblichen Tod meine; auch unsere Seele kann sterben, und sie stirbt, wenn sie aus der Seinsgemeinschaft mit Gott herausfällt. Damit nun das nicht passiert, damit unser vom Todesverhängnis bedrohtes Leben wirklich Kraft bekommt, sich aufrichten und die Freude der Kinder Gottes spüren kann, deswegen hat Er gesagt: "Ich bin (für euch) das Brot des Lebens." Im neutestamentlichen Johannesevangelium lesen wir: "Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon ißt, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt." (Joh 6,48-51). Hier ist von zweierlei Speisung die Rede: "Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben." Dem wird entgegengestellt: "Das Brot, das vom Himmel herabkommt" und bewirkt, daß wir in Ewigkeit leben. Es gibt ähnliche Worte aus dem Johannesevangelium; z.B. das Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen, wo von zweierlei Wasser die Rede ist. "Wer von diesem Wasser (des Jakobsbrunnen = das äußere Wort) trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde (= das innere, lebendige Wort) wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt." (Joh 4,13f). Alles, was von außen kommt, kann unser seelisch-geistiges Leben nicht auf Dauer aufrichten und stärken. Die Einsprache aber, die uns der Herr von innen her gibt, kann unser Leben in alle Ewigkeit kräftigen. Jedes äußere Wort ist irgendwie ein Fremdwort. Wir müßen es uns erst mühsam aneignen, und zwar zuerst gedanklich und dann vor allem im Bestreben, dieses Wort in die Entscheidungen unseres Lebens aufzunehmen. Inwieweit wir das Verständnis eines göttlichen Wortes in unserer Lebenssituation wiederfinden, insoweit gelingt uns die tatsächliche Aneignung des göttlichen Wortes und wir werden innerlich für die Einsprache aus dem göttlichen Herzen offen. Das ist das lebendige Brot, das vom Himmel herabkommt und der Welt (des äußeren Menschen) das Leben gibt. Der Himmel ist die innere Geistigkeit; aus diesem Himmel kommt das lebendige Brot herab, das in sich das Leben ist und es deswegen auch geben kann, denn niemand kann etwas geben, was er selbst nicht hat. Dieses Brot also wird uns wahrhaft stärken. Im Großen Evangelium lesen sich die entscheidenen Worte und ihre Interpretation (in Klammern) so: "Wahrlich, Ich bin als das lebendige Brot vom Himmel gekommen! Wer von diesem Brote essen (die Lehre werktätig annehmen) wird, der wird fortan Leben in Ewigkeit! Und sehet, das Brot, das Ich geben werde, ist Mein Fleisch, das Ich geben werde für die Menschenleben dieser Welt! (Darunter ist zu verstehen die äußere, materielle Umhülsung Meines Wortes, innerhalb dessen sich das lebendige geistige Wort befindet, wie der lebendige Keim in seiner toten Umhülsung.)" (Ev VI.44.16). Da wird also die Umhülsung des Wortes unterschieden vom inneren Geistkeim, der in diesem Wort enthalten ist, d.h. vom lebendigen geistigen Wort. Der Herr sagt: "Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben." (Joh 6,63). Nicht Druckerschwärze, nicht Schallschwingung, sondern Geist und Leben! Und diesen Geist und dieses Leben in den Worten Jesu können wir nur in unserem Geist und unserem Leben empfangen; weswegen die Aneignung der Worte Jesu unabdingbar damit verbunden ist, daß wir sie "werktätig annehmen"; nicht nur im Gedächtnis aufbewahren. Denn die Erinnerung an das äußere Wort wird verlöschen; was bleibt, ist das innere Wort, das unserem Leben eingeschrieben ist. Der Verlust der äußeren Gedächtnisinhalte des bloßen Wissens tritt spätestens dann ein, wenn wir in das andere Leben hinübergehen, denn dort zählt nur noch die Liebe, die in uns lebendig geworden ist. "Die Liebe ist das Leben des Menschen." (GLW 1). Die Lebensliebe bleibt; alles andere geht verloren. Aus dieser Liebe erblüht uns, wenn sie mit der göttlichen Liebe eins geworden ist, das Verständnis des Himmels; und das ist das Wort, das uns in Ewigkeit speist. Dieses Wort ist mehrmals zu uns gekommen; im Judentum, d.h. im Alten Testament; in Jesus Christus, dem fleischgewordenen Wort (Joh 1,14), dessen Hinterlassenschaft für uns das Neue Testament ist; und in den Gottesboten der Neuzeit. Alle diese Worte entstammen dem Einen, dem Urworte Gottes, der Offenbarung des geheimen Seinsgrundes aller Dinge. Es gibt in der "Geistigen Sonne" einen Text, der eine interessante Perspektive auf die Bibel öffnet. In der Sphäre des Markus erleben wir, wie die Vollendeten im himmlichen Jerusalem ankommen. Dort sollen die neuen Bewohner des obersten Himmels für die Ewigkeit gespeist werden; doch zuvor erinnert sie der Herr an die alte Frage (siehe Joh 21,5): "Kindlein, habt ihr nichts zu essen?" (GS II.8.1). Sie ist dem neutestamentlichen Johannesevangelium entnommen. Damals lag auf ihr der Schatten der Kreuzigung (= die Verzweiflung der Jünger); aber im Himmel der Liebe, an der Tafel des Herrn; welche Bedeutung mag diese Frage dort haben? Die Antwort des Herrn: "Diese Frage soll hier noch mehr eine vollkommene Geltung haben denn auf der Erde, und Ich kann aus diesem Meinem Reiche allezeit diese höchst gewichtige Frage tun: Kindlein, habt ihr nichts zu essen? Ihr werdet Mir darauf antworten: O liebevollster Vater! Wir haben hier in Deinem großen Hause nur zu unendlich viel zu essen. Ich aber sage euch: Diese Frage soll von Mir aus nicht an euch gestellt sein, als beträfe sie euch, sondern diese Frage soll also gestellt sein, daß sie von Mir aus durch euch hinab zu Meinen Kindern auf die Erde dringen solle und durch diese übergehen in die ganze Unendlichkeit. Die Kinder auf der Erde sind nun in dem Zustande, in welchem ihr waret alsbald nach Meiner Auferstehung. Sie sind voll trauriger Gedanken und wissen noch nicht, was mit dem Herrn geschehen ist. Sie haben ebenfalls nur eine dürftige Nahrung, die da gleicht den Fischen und dem Brote, das ihr hattet." (GS II.8.2-4). Und dann die entscheidenden Worte: "'Die Fische' sind das Alte, und 'das Brot' das Neue Testament. Wie aber diese Speise ist bei den Kindern auf der Erde zum Teil versalzen, zum Teil verschimmelt, zum Teil ausgetrocknet, so ist es hier unter uns um so mehr an der Zeit, uns nun öfter mit dieser Frage an diese Kindlein zu wenden und sie zu fragen: Kindlein! habt ihr nichts zu essen?" (GS II.8.5). Das heißt: Vom obersten Himmel - nach Swedenborg die Welt der Ursachen (vgl. GLW 154) - geht ein Impuls aus, der unsere Herzen erreicht und uns unsere seelische Armut bewußt macht. Er lautet: "Kindlein, habt ihr nichts zu essen?" Die Menschen werden gefragt: Womit speist ihr euch? Seid ihr wie der verlorene Sohn (Lk 15,11ff), der seinen Hunger sogar mit dem Futter für die Schweine gestillt hätte?! Wie ist es um eure seelisch-geistige Ernährung bestellt? Werdet ihr von der selbsterwählten Kost satt? Das 19. Jahrhundert hat das Aufkommen und den Sieg des finsteren Materialismus gesehen. Man hat uns eingeredet, wir seien nur Bürger dieser sichtbaren Welt. Im 20. Jahrhundert, das seinem Ende entgegengeht, spüren viele Menschen, daß sie von dieser Schweinekost nicht leben können. Wir sind mehr als nur Fleisch und Blut; wir sind seelig-geistige Wesen und spüren den Hunger des inneren Menschen. Manche greifen in ihrer Not zu esoterischer oder ähnlicher Literatur. Zu lange hielten wir uns für die Nachfahren von Affen. Niemand sagte uns, daß wir werdende Engel sind, die Nahrung von oben brauchen, um das hohe Ziel erreichen zu können. Der Himmel kann diese Not nicht länger mitansehen; er wendet sich uns erneut zu, öffnet seine Tore weit, um uns die lichte Speise zu geben. "Kindlein, habt ihr nichts zu essen?" Das Wort des Alten und des Neuen Testamentes ist irgendwie ungenügend, es ist - wie der Herr sagt - "zum Teil versalzen, zum Teil verschimmelt, zum Teil ausgetrocknet" (GS II.8.5). Diese Wertung scheint anderen Herrenworten zu widersprechen; und zwar solchen, die die ewige Gültigkeit der göttlichen Wortoffenbarung hervorheben: "Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen (mit dem Geist der Liebe des Vaters). Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht." (Mt 5,17f). Doch viele Menschen können die Nährkraft des uns überlieferten Wortes des Alten und Neuen Testamentes nicht mehr empfinden. Für sie ist es versalzen, verschimmelt und ausgetrocknet. Andererseits gibt es in der Neuoffenbarung viele Worte, die uns den hohen Wert der Bibel bewußtmachen. Vor zwei Jahren habe ich hier über das Johannesevangelium gesprochen und deutlich auf dessen Wertschätzung durch die Neuoffenbarungsschriften hingewiesen (vgl. Das Wort 5/1994). Außerdem ist im obersten Himmel das Wort Gottes den Wänden der Wohnung des Herrn eingeschrieben (= der Herr wohnt in seinem Wort; vgl. GS II.7.5f). Ich könnte weitere Stellen aus der Neuoffenbarung nennen, die ebenfalls den hohen Wert der göttlichen Offenbarung des Alten und Neuen Testamentes zum Ausdruck bringen. Und dennoch muß man zur Vervollständigung des Bildes auch sagen dürfen, daß die Bibel versalzen, verschimmelt und ausgetrocknet ist. Das alte Himmelsbrot ist versalzen; das heißt: Für uns, die wir durch mehrere Jahrtausende von den Kulturen des Alten Orients und somit auch der Heiligen Schrift getrennt sind, ist die Anregung zum Guten aus dem Alten Testament oft kaum noch zu entnehmen. Jüngst ist ein Buch mit dem Titel "Denn sie wissen nicht, was sie glauben: Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann" erschienen. Der Autor, Franz Buggle, Professor für Psychologie an der Universität Freiburg, kommt darin zu dem Fazit: "Die Bibel ... ist in zentralen Teilen ein gewalttätig-inhumanes Buch, als Grundlage einer heute verantwortbaren Ethik ungeeignet." Das Wort Gottes, das für uns die Impulskraft zum Guten ("Ihr seid das Salz der Erde"; Mt 5,13) sein sollte, ist für viele, durchaus redlich-denkende Zeitgenossen ein ungenießbarer Brocken geworden; kopfschüttelnd lesen sie in der Heiligen Schrift: "Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert!" (Ps 137,9). Den tieferen Sinn dieser und ähnlicher im Buchstabensinn total versalzenen Worte können (oder wollen) sie nicht wahrnehmen. Das alte Himmelsbrot ist verschimmelt; das heißt: Die Texte waren in der langen Überlieferungsgeschichte vielfachem Verderb ausgesetzt. Und die Übersetzungen lassen das Brot noch weiter verschimmeln; dazu der Herr: "Weder die Vulgata (= die lateinische Bibelübersetzung) noch die Lutherische Übersetzung ist (vollkommen) richtig und ist die eine wie die andere voll Fehlern. Ja, Ich möchte dir sagen: Die 'Zerstörung Jerusalems' [= die reine Gotteslehre] ist in der einen wie in der andern anzutreffen. Selbst die griechische [Septuaginta] ist voll Unordnung und Irrtümern." (Hg, 1. Auflage 1936, Seite 173). Jedoch diene zum Trost: Dem Reinen (= dem göttlichen Geist in uns) ist alles rein. Das alte Himmelsbrot ist ausgetrocknet. Ohne Wasser! Das Wasser bezeichnet die erquickende Kraft des Wahren. Wo ist sie denn, die ewig-unveränderliche Wahrheit in dem oft so zeitbedingtem Worte Gottes? Schon Swedenborg schrieb: "Allgemein heißt es, das Wort stamme von Gott, von Ihm sei es eingegeben und daher heilig. Dennoch war bisher unbekannt, worin denn eigentlich sein Göttliches besteht. Dem Buchstaben nach erscheint nämlich das Wort des Herrn als eine ganz gewöhnliche Schrift, die in einem zwar fremdartigen, aber weder erhabenen noch lichtvollen Stil abgefaßt ist, wie dies dem Anschein nach beim weltlichen Schrifttum häufig der Fall ist. Aus diesem Grunde kann ein Mensch, der anstelle Gottes oder gar mehr als Gott die Natur verehrt und daher nicht aus dem Himmel vom Herrn her, sondern aus sich und seinem Eigenen denkt, hinsichtlich des göttlichen Wortes leicht dem Irrtum und der Verachtung verfallen. Wenn er es liest, so spricht er bei sich: 'Wozu dies? Wozu jenes? Dies soll göttlich sein? Kann Gott in Seiner unendlichen Weisheit so sprechen? Sein Heiliges, worin besteht es, und woher stammt es? Doch allein aus religiöser Ängstlichkeit und Leichtgläubigkeit der Menschen'." (WCR 189). Ich weiß nicht, wer in Lebenskrisen heute noch mutig die Heilige Schrift zu Rate zieht; nach meinem Eindruck scheinen die Psychologen und Esoteriker den Theologen die heilsbedürftige Kundschaft abzunehmen. Und dennoch: Das alte Himmelsbrot trägt noch immer die göttliche Nährkraft in sich; doch wer gräbt die verschütteten Brunnen wieder auf und führt uns zur Quelle des lebendigen Wassers? Das kann nur der Herr selbst bewerkstelligen; er gab uns die Neuoffenbarung, die uns die Lebenskraft des alten Himmelsbrotes wiederentdecken läßt. Über den Zusammenhang von Alt- und Neuoffenbarung kann und wird man wohl auch noch viel sagen; ich kann hier nur grundsätzlich sagen: Die Neuoffenbarung entstammt demselben Geist wie die Heilige Schrift, dem Geiste Gottes. Aber diese Überzeugung ist nur im Glauben an das neue Wort nachvollziehbar; der Unglaube wird Anstöße finden, denn zwingende Beweise darf es nicht geben. Unser Herr sagt: "Bringet alles her, was ihr habt, und Ich will es euch segnen mit Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung und will euch geben nun ein lebendiges, inneres geistiges Brot (= das innere Wort aus dem Herzen Gottes). So ihr dieses Brot essen werdet und trinken von Meinem Weine (= die Wahrheit des inneren Wortes), so werden dadurch euer hartgewordenes Brot und eure versalzenen Fische (= die Bibel) erweicht und gereinigt und euch also zu einer lebendigen Speise werden, an welcher ihr euch hinreichend sättigen werdet zum ewigen Leben." (GS II.8.10). Der Gnadenreichtum des neuen Wortes (= dessen Lichtfülle) kann uns das hart gewordene Wort der Bibel wieder zu einem lebendigen Wort werden lassen. Daher dürfen wir Freunde der Neuoffenbarung uns das alte Gotteswort nicht leichtfertig aus der Hand nehmen lassen; was jedoch von seiten der Kirche versucht wird. Das folgende Urteil ist nur eines von vielen gleichartigen: "Zu gravierend sind die Unterschiede zwischen dem Neuen Testament und der Lorberschen Neuoffenbarung, so daß Gott bzw. Jesus Christus unmöglich der Urheber der Kundgaben sein kann"[1]. In unserer Freude über die Neuoffenbarung Gottes darf es nicht dahin kommen, daß selbst wir Gottes altes Wort geringachten. Im Gegenteil, der Reichtum des inneren Lebens und die uns geschenkte Erkenntnis befähigen uns, das Alte und Neue Testament ungehindert durch alte Glaubenssätze auszulegen. Diese Auslegung wird vielen gewiß ein Ärgernis sein; aber so war es auch, als sich die ersten Christen die damalige Bibel (= unser Altes Testament) aneigneten. Wenn sie lasen: "Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell." (Jes 9,1) oder: "Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt." (Ps 2,7), dann haben sie diese Worte ganz selbstverständlich auf Jesus bezogen, der "das Licht der Welt" (Joh 8,12) und der Sohn Gottes ist. Heute dagegen sind selbst Theologen überzeugt, daß die junge christliche Gemeinde in ihrer Offenheit für den Heiligen Geist diese und ähnliche Worte völlig falsch verstanden hat, - und dennoch war ihr Verständnis das richtigere. Das eben ist der Unterschied zwischen einer geisterwachten Sichtweise auf Gottes Wort und einer in den engen Grenzen einer abgenutzten Lehrüberlieferung sich bewegenden Auslegung. Ich habe mich von den Schriften Swedenborgs und Lorbers anregen lassen und konnte diese beiden doch so verschiedenen Offenbarungen als Einheit erkennen. Diese eine Neuoffenbarung öffnete mir dann den Zugang zum alten und gleichwohl ewig wahren Worte Gottes, so daß für mich heute nicht nur Swedenborg und Lorber, sondern auch Alt- und Neuoffenbarung eine Einheit sind. Deswegen trete ich dafür ein, daß sich die Kräfte des Lichtes sammeln und in der Sammlung stark werden. Gottes Wort tönt in jeder Menschenbrust anders; selbst Geistesfreunde, die sich nur aus den Lorberschriften ernähren, werden aus dieser einen Nahrung unterschiedliche Nährstoffe entnehmen und unterschiedliche Meinungen bilden. Schon die Alten wußten: Quot homines, tot sententiae (Es gibt soviele Meinungen, wie es Menschen gibt). Diese Meinungsvielfalt bereichert jedoch; sie ist kein Unheil. Nur in der Hölle müssen alle einer (nämlich meiner) Meinung sein; im Himmel dagegen wird die Einheit durch den Geist der Liebe bewirkt, der die Stimmen der unterschiedlichsten Engel zu einem Chor vereinigt. Was das Licht trennt, das vereint die Liebe. Deswegen also trete ich für die Einheit der Offenbarungen ein und möchte nicht, daß wir Opfer des alten Grundsatzes "divide et impera" (Teile und herrsche!) werden. Wir sind durch Gottes Wort so reich beschenkt worden, daß wir uns dem geistigen Hunger unserer Zeit zuwenden und aus den vollen Körben das Himmelsbrot austeilen können. Wir müssen das Feld nicht zweifelhaften Gurus und selbsternannten Propheten überlassen, denn Gott selbst hat sich der hungernden Menschheit erbarmt und sein Lebensbrot aus den Himmeln gegeben. Die neuen Offenbarungen sind die wunderbare Vermehrung des Brotes und der Fische (Joh 6,1-15), worunter, wie gesagt, die beiden Testamente der Bibel zu verstehen sind. Diese Vermehrung geschah durch die Enthüllung des inneren Sinnes des göttlichen Wortes. Damit begann der Bau der Geistkirche Jesu (Swedenborgs nova ecclesia). Die äußere Kirche, deren Speise immer karg und mager ist, soll zu einer inneren Kirche umgeprägt und umgeschmolzen werden; zu einer Kirche, die im Weg zur Wiedergeburt besteht und im Bewußtsein, daß wir werdende Engel und Kinder Gottes sind. Eine Voraussetzung für diese Kirche war es, daß die Verkrustungen der alten Glaubenslehre aufgebrochen und überwunden wurden. Das war im wesentlichen Swedenborgs Aufgabe. Dazu der Herr durch Jakob Lorber: "Endlich in gar später Zeit werden abermals knapp vor einem großem Gerichte Seher erweckt und zugelassen werden, welche die kurze, schwere Mühe haben, die sehr unrein gewordene Lehre zu reinigen, auf daß sie behalten und nicht von der heller denkenden Menschheit als ein alter Priesterbetrug verworfen werde." (Ev VI.176.10). Alles in dieser Verheißung paßt haargenau auf Swedenborg. Er war der "Seher" (Visionär); er wirkte "knapp vor einem großen Gerichte", nämlich dem Jüngsten Gerichte, das 1757 in der geistigen Welt stattgefunden hat; ihm oblag die Reinigung der "sehr unrein gewordenen Lehre" (siehe oben: versalzen, verschimmelt und ausgetrocknet); und er wandte sich an die "heller denkende Menschheit" der Aufklärung (18. Jahrhundert), die gerade begann, den "alten Priesterbetrug" zu verwerfen. Was wäre wohl geschehen, wenn weitsichtige Theologen damals mutig den göttlichen Rettungsanker ergriffen hätten? Hätte man den Siegeszug des Unglaubens, des Atheismus und Materialismus damals noch aufhalten können? Oder ist es das Schicksal aller großen Propheten, daß sie wohl ein Zeichen sind, dessen Wahrheit aber von der Allgemeinheit erst viel später erkannt werden kann? Nachdem Swedenborg den gröbsten Glaubensunrat beseitigt hatte, konnte sich durch Lorber die Stimme des Herzens schon sehr viel freier offenbaren. Durch Swedenborg und Lorber geschah die Herabkunft des neuen Jerusalems (Offb 21,2). In der "Haushaltung Gottes" stehen die bedeutungsvollen Worte: "Die Pforten meiner Himmel habe ich jetzt weit öffnen lassen. Wer immer herein will, der komme und komme bald und komme alsogleich; denn es ist gekommen die Zeit der großen Gnade, und das neue Jerusalem kommt zu euch allen hinab zur Erde." (HGt I.12.4). Durch das Lorberwerk vollzog sich also ebenso wie vorher schon durch die Offenbarungen des Herrn durch Swedenborg die langersehnte Herabkunft des neuen Jerusalems. Die Stadt Gottes ist das Sinnbild der neuen Lehre (NJ 1). Die weit geöffneten Pforten zeigen an, daß es nunmehr leicht ist eingelassen zu werden (= diese Lehre zu verstehen). Nunmehr gibt es keinen Petrus und keine Priester mehr in seiner Nachfolge, die meinen, nur sie hätten den Schlüssel zum Himmelreich; sondern die Pforten sind weit geöffnet, so daß jeder leicht hineinkommen kann. "Denn es ist gekommen die Zeit der großen Gnade". Die Gnade ist das unverdiente Licht der göttlichen Wortoffenbarung. Es kräftigt uns und macht uns zu Bürgern des neuen Jerusalems. Dort wird es keinen Hunger mehr geben; dort wird Jesus als der erkannt, der er ist: das Brot des Lebens. Fußnote: [1] Matthias Pöhlmann, Lorber-Bewegung - durch Jenseitswissen zum Heil?, Konstanz 1994, Seite 44. zurück |
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| veröffentlicht in: Das Wort 5 (1996) 305-314 | |||||||