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1. Vorbemerkungen
1.1 Die Gliederung des Vortrags
Die Wiedergeburt ist die Vereinigung der Seele mit ihrem Geist (Ev VI.133.4).
Deswegen will ich zunächst etwas über Seele und Geist sagen.
Das heißt, ich will die geistige Anatomie des Menschen darstellen,
denn sie ist gleichsam die Bühne der Wiedergeburt. Im Hauptteil soll
dann der Weg zur Wiedergeburt beschrieben werden, wobei klar ist, daß
jeder Mensch anders geführt wird. Es kann daher nur möglich
sein, einige allgemeine Grundlinien des Weges darzustellen. Je näher
wir dem großen Ziel kommen, desto deutlicher werden wir uns selbst
aus der Hand genommen. Der wahre Steuermann der Seele übernimmt das
Ruder. Mit einigen Ausblicken auf diesen Zustand möchte ich den Vortrag
beenden.
1.2. Die Wiedergeburt der Seele und des Geistes
Ich habe meinen Vortrag "die geistige Wiedergeburt" genannt, weil ich
mich auf diese Weise von der Reinkarnation als der körperlichen Wiedergeburt
abgrenzen will. Allerdings könnte diese Themenwahl nun ein anderes
Mißverständnis bewirken, nämlich: daß ich nur von
der Wiedergeburt des Geistes sprechen will. Kenner der Neuoffenbarung
des Herrn durch Jakob Lorber wissen, daß dort "die Wiedergeburt
der Seele" und "die Wiedergeburt des Geistes" (Ev XI.52) unterschieden
wird. Darauf will ich jedoch nicht näher eingehen. Nur soviel sei
gesagt: Die Wiedergeburt der Seele ist "ein Hindurchdringen des Geistes
in die Seele." (Ev XI.52). Der hier gemeinte Geist ist der Geburtsgeist
(Wortprägung von Karl Dvorak), den jeder Mensch mit seiner Geburt
erhält und der uns die spezifisch menschlichen Fähigkeiten verleiht.
Doch dieser Geist hat den Fall des großen Lichtgeistes (Luzifer)
mitgemacht und wird daher im Lorberwerk "ein einst böse gewordener
Geist"[1] genannt, der freilich
immer noch so viel Kraft hat, die Seele zu reinigen und zu erleuchten.
Durch die Wiedergeburt des Geistes wird jedoch "in dem Herzen des [Geburts]Geistes
ein neues Bläschen gestaltet, in welches ein reiner Funke Meiner
Liebe eingeschlossen wird."[2] Dieser
neue Geist ermöglicht die Gemeinschaft mit Jesus Christus; und dieses
"gemeinschaftliche, ewige Zusammenwohnen Gottes mit Seinen Kindern ist
die Wiedergeburt des Geistes." (Ev XI.52).
2. Die geistige Anatomie des Menschen
2.1. Das Schichtenmodell
Daß der Mensch ein mehrschichtiges Wesen ist, ist uns durch die
moderne Tiefenpsychologie seit Sigmund Freud und Carl Gustav Jung bekannt.
Wir haben gelernt, das Bewußtsein, das persönliche Unbewußte
und das kollektive Unbewußte zu unterscheiden. Auch die Neuoffenbarung
bietet uns ein Schichtenmodell an. Es besteht im wesentlichen aus Körper,
Seele und Geist. Das ist jedoch nur ein grobes Schema, denn wir haben
ja bereits gehört, daß es eigentlich zwei Geister im Seelenherzen
gibt. Auch das Gemüt (mens) - eine Vorstellung, die besonders Swedenborg
ausgebildet hat, die aber auch in den Lorberschriften vorkommt - wird
vom Dreischichtenmodell nicht berücksichtigt. Für unsere Zwecke
reicht es aber aus.
2.2. Das Wesen des Geistes und der Seele
Zahllose Stellen im Lorberwerk offenbaren uns das Wesen des Geistes. Ich
habe hier nur eine ausgewählt, aus der sich aber einige wesentliche
Erkenntnisse gewinnen lassen: "Der Geist ist in sich zwar keine Form,
aber er ist eben dasjenige Wesen, das die Formen schafft; und erst, wenn
die Formen geschaffen sind, kann er in eben diesen geschaffenen Formen
selbst als Form wirkend auftreten, - was ebensoviel sagen will als: Jede
Kraft, wenn sie sich als solche beurkunden soll, muß sich eine Gegenkraft
stellen; erst zufolge dieses geschaffenen Stützpunktes kann die Kraft
ihre Wirkungen äußern und zur Erscheinlichkeit bringen. Der
Geist ist demnach gleich dem Lichte, welches in sich selbst zwar ewig
Licht bleibt, aber als Licht so lange nicht bemerkbar auftreten kann,
solange es keine Gegenstände gibt, die es erleuchtete ... [Der Geist]
ist das Licht, welches aus seiner eigenen Wärme sich von Ewigkeiten
zu Ewigkeiten erzeugt, und ist gleich der Wärme die Liebe und gleich
dem Lichte die Weisheit." (EM 52). Aus diesem Text können wir drei
Einsichten gewinnen. Erstens: Der Geist ist zwar - um mit Meister Eckehart
zu sprechen - "ein Etwas in der Seele" (EQ 306,9f), aber dieses Etwas
gibt sich nur durch seine Wirkungen kund (ähnliches behauptet C.G.Jung
von den Archetypen). Der Geist ist wie das Licht, das zwar alle Dinge
sichtbar macht, selbst aber unsichtbar ist. Daher kann Meister Eckehart
auch sagen: "Gott ist ein Nichts, und Gott ist ein Etwas." (EQ 331,28).
Und an anderer Stelle sagt er, daß jenes Etwas in der Seele "von
allen Namen frei und aller Formen bloß" (EQ 163,21) ist. Zweitens
erfahren wir, daß die Seele die Gegenkraft des Geistes ist. Dieser
Gegensatz kann freilich ein gerechter, aber auch ein ungerechter sein.
Die Seele kann das holde Weib des Geistes sein, durch die er seine Formen
schafft. Deswegen heißt es in der Neuoffenbarung: "Die Seele ist
das Aufnahmeorgan für alle endlos vielen Ideen des Urgrundes, aus
dem sie wie ein Hauch hervorgegangen ist." (EM 52.4). Die Seele kann
sich aber auch vermännlichen, das heißt dem Wahn hingeben,
selbst der Schöpfer aller Dinge zu sein. Mythisch gesprochen kann
die Seele die Satana des Geistes oder der Satan sein; sie kann weiblich-aufnehmend
oder männlich-selbstschöpferisch sein. Die hebräische Wurzel
"stn" bedeutet an sich nur einen Gegensatz, wobei noch nicht entschieden
ist, ob dieser gerecht oder ungerecht, Satana (weiblich) oder Satan (männlich)
ist. Und schließlich drittens läßt sich dem Lorbertext
entnehmen, daß der Geist die divina essentia (göttliche Essenz)
in der Seele ist. Denn es heißt: Der Geist "ist das Licht, welches
aus seiner eigenen Wärme sich von Ewigkeiten zu Ewigkeiten erzeugt,
und ist gleich der Wärme die Liebe und gleich dem Lichte die Weisheit."
(EM 52). Liebe und Weisheit aber sind das göttliche Wesen bzw. die
divina essentia (WCR 36; HGt I.2.10).
2.3. Das Wesen des Leibes
Der Geist ist das Göttliche und somit auch der Himmel in uns; demgegenüber
ist der Leib gleichsam unsere Hölle. "Der Leib ... ist ... die Hölle
im engsten Sinne; die Materie aller Welten aber ist die Hölle im
weitesten Sinne, in die der Mensch durch seinen Leib gegeben ist." (Ev
II.210.8). "Siehe, der Leib eines jeden Menschen ist ein wahres Millionengemenge
von allen möglichen Leidenschaften der Hölle, die in eine gerichtete
Form zusammengefaßt sind." (RB II.155.8). Diese Gedanken sind uns
fremd. Himmel und Hölle wurden immer als ferne, jenseitige Wirklichkeiten
angesehen. Durch Lorber können wir jedoch erkennen, daß sie
ein ganz realer Bestandteil unseres Menschseins sind.
2.4. Die Stellung der Seele zwischen Leib und Geist
oder: Die Situation der Entscheidung
Aus dem Gesagten folgt, daß die Seele zwischen Himmel und Hölle
gestellt ist. Mit Lorber bedeutet das: sie ist zwischen Geist und Leib
gestellt. Mit Swedenborg würde man sagen: sie befindet sich im Kraftfeld
jenseitiger Welten. Diese Stellung kann als Situation der Entscheidung
interpretiert werden. Die Seele ist zwischen Himmel und Hölle gestellt,
um sich zu entscheiden. Es gibt folglich zwei Bewegungsrichtungen: "Die
Seele des Menschen lebt sich entweder durch eine falsche Richtung in ihr
Fleisch hinein oder durch die rechte Richtung in ihren Geist" (Ev II.132.8).
In der Bibel ist diese Situation durch das Bild der zwei Wege ausgedrückt:
"Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt,
und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das
zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige
finden ihn." (Mt 7.13f). Die Seele befindet sich also in einem Spannungsfeld;
es ist das Kraftfeld der Wiedergeburt.
3. Der Weg der Wiedergeburt
3.1. Die Konfrontation mit dem Schatten
3.1.1 Der Umgang mit der Negativität des Lebens
Der erste Schritt zur Wiedergeburt ist die Auseinandersetzung mit der
Negativität des Lebens. Auch die Analytische Psychologie C.G.Jungs
lehrt, daß die erste Etappe des Individuationsprozesses zur Erfahrung
des Schattens führt. Damit stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit
unserer dunklen Seite um? Grundsätzlich ist zu sagen: Erlösen
kann nur die Liebe! Lorbers Wertung des Leibes als die uns umgebende Hölle
soll nicht zur Leibfeindlichkeit führen. Denn wenn der Leib der Feind
des Geistes ist, dann gilt gerade für ihn das Wort des Herrn: "Ihr
habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten
lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde
und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures
Vaters im Himmel werdet; denn er läßt seine Sonne aufgehen
über Bösen und Guten, und er läßt regnen über
Gerechte und Ungerechte." (Mt 5.43-45). Und bei C.G.Jung fand ich den
sehr eindrücklichen Satz: "Eine bloße Unterdrückung des
Schattens ist jedoch ebenso wenig ein Heilmittel, wie Enthauptung gegen
Kopfschmerzen"[3]. Ein Dompteur
wird die Raubkatzen, die er bändigen will, nicht erschießen;
allerdings wird er sich tunlichst vor der Illusion bewahren, Raubkatzen
seien Hauskatzen. Psychologisch gesprochen bedeutet das: Wir müssen
die Konfrontation mit den dunklen Abgründen unserer Seele suchen;
wir dürfen nicht verdrängen oder beschönigen; aber wir
sollten wissen: Nur der Herr kann unsere Hölle bändigen. "Den
Schwachen tue kund aus Meinem Mund: Ich bin ein starker Gott. Sie sollen
sich alle an Mich wenden; ich werde sie vollenden. Aus dem Mückenfänger
will Ich einen Löwenbändiger machen, und die Furchtsamen sollen
die Welt zerstören, und die Starken der Erde sollen zerstreut werden
wie Spreu." (HGt I.1.5).
3.1.2 Der negative Weg zu Gott
Wir sollten nicht glauben, daß wir das Gute erzeugen können.
Unsere Aufgabe ist es, die negativen Bestrebungen unserer Seele zu erkennen
und zu vermeiden. Deswegen heißt es in den Zehn Geboten so oft "Du
sollst nicht ...". Dazu Swedenborg: "In der andern Tafel, welche für
den Menschen ist, wird nicht gesagt, daß der Mensch dies oder jenes
Gute tun soll, sondern es wird gesagt, daß er dies und jenes Böse
nicht tun soll, als: Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen,
du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis reden, du sollst
dich nicht gelüsten lassen. Die Ursache ist, weil der Mensch nichts
Gutes aus sich tun kann, sondern wenn er das Böse nicht tut, dann
tut er das Gute nicht aus sich, sondern aus dem Herrn." (LL 58). Das ist
der negative Weg zu Gott. Er geht von der Erkenntnis aus, daß das
Gute als Schatz im Acker unserer Seele ruht. Unsere Aufgabe ist es nicht,
den Schatz in die Seele hineinzulegen; unsere Aufgabe besteht vielmehr
darin, das verdeckende Erdreich zu entfernen. Meister Eckehart hat hierfür
ein schönes Bild gebraucht: "Wenn ein Meister ein Bild macht aus
Holz oder Stein, so trägt er das Bild nicht in das Holz hinein, sondern
er schnitzt die Späne ab, die das Bild verborgen und verdeckt hatten;
er gibt dem Holze nichts, sondern er benimmt und gräbt ihm die Decke
ab und nimmt den Rost weg, und dann erglänzt, was darunter verborgen
lag." (EQ 144,2ff). Auch Lorber kennt diesen Weg: "Darum ist es auch nötiger,
den Ort des Schmutzes genauer zu kennen als den Ort der Reinheit selbst.
Denn nur der erste [also der Ort des Schmutzes] muß bearbeitet werden;
ist er einmal im reinen, so kommt der Himmel von selbst." (EM 57,6). "Sieh,
solange der neue Wein nicht gehörig ausgegoren hat, bleibt er trübe,
und so du ihn tust in einen krystallenen Becher und hältst dann den
Becher auch gegen die Sonne, so wird ihr mächtigstes Licht aber dennoch
nicht durch die Trübe des Neuweines zu dringen vermögen, und
gerade also geht es auch mit dem Menschen. Bevor er nicht gehörig
durchgegoren ist und durch den Gärungsprozeß alles Unreine
aus sich geschafft hat, kann das Licht der Himmel sein Wesen nicht durchdringen."
(Ev I.19.12).
3.1.3. Die Projektion des Schattens
Diese Gärung lassen wir jedoch häufig nicht zu, weil wir das
Böse nicht wirklich aus uns heraus schaffen, sondern lediglich projizieren.
Schon im Neuen Testament heißt es: "Warum siehst du den Splitter
im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?"
(Mt 7,3). Das Phänomen der Projektion ist gut untersucht und stellt
tatsächlich ein ernsthaftes Hindernis auf dem Weg der Persönlichkeitsreifung
dar: "Die Konfrontierung mit dem Schatten heißt demnach, sich seines
eigenen Wesens schonungslos kritisch bewußt zu werden. Durch den
Mechanismus der Projektion bedingt, erscheint er jedoch, wie alles, was
uns unbewußt ist, auf ein Objekt übertragen, weshalb auch immer
'der andere schuld ist', wenn man nicht bewußt erkennt, daß
das Dunkle sich in uns selbst befindet. Die Bewußtmachung des Schattens
in der analytischen Arbeit muß daher notwendigerweise zumeist mit
den größten Widerständen von seiten des Analysanden rechnen,
der es oft gar nicht ertragen kann, all dieses Dunkle als ebenfalls zu-sich-gehörig
zu akzeptieren und ständig fürchtet, unter der Last dieser Erkenntnisse,
das mühsam errichtete und aufrechterhaltene Gebäude seines bewußten
Ich zusammenstürzen zu sehen."[4]
3.1.4. Die Selbstbeschauung
Eine gute Methode, den dunklen Seiten unserer Seele auf die Spur zu kommen,
ist die Selbstbeschauung, die uns der Herr ausdrücklich anrät:
"Nichts ist dem ganzen Menschen heilsamer als eine zeitweilige innere
Sichselbstbeschauung ... Ruhet und denket im stillen lebendig nach über
euer Tun und Lassen, über den euch wohlbekannten Willen Gottes, und
ob ihr demselben nachgekommen seid zu den verschiedenen Zeiten eures Lebens,
so habt ihr euch innerlich selbst beschaut und dadurch stets mehr und
mehr dem Eindringen des Satans in euch den Weg erschwert." (Ev I.224.8
und 10). Die Übung besteht also ganz einfach darin, erstens unser
Tun und Lassen bewußt wahrzunehmen und es dann zweitens von einer
höheren Warte aus zu betrachten. Interessanterweise sollen auch die
Unterlassungen einbezogen werden; das sensibilisiert uns für die
verpaßten Möglichkeiten des vergangenen Tages. Ohne eine möglichst
bewußte Selbstwahrnehmung ist der innere Fortschritt kaum möglich,
weil unsere Schwächen unsichtbar bleiben; gerade sie aber sind "die
gewöhnlichen Fesseln des Geistes" (JJ 298.8). Der folgende Text greift
die Erfahrung des Stillstandes auf. Seit Jahrzehnten liest man die Neuoffenbarung,
aber ein neuer Mensch ist man nicht geworden. Woran liegt es? Offenbar
an der mangelnden Selbstprüfung: "... nehmt euch alle Mühe und
prüfet euch, ob ihr nichts unterlasset, auf daß ihr am Ende
nicht sagen müsset: Da, sieh her, nun habe ich volle 10 - 20 Jahre
hindurch alles getan, was mir die neue Lehre vorschrieb, und dennoch stehe
ich stets gleich auf einem und demselben Flecke, verspüre noch immer
nichts von einer besonderen Erleuchtung in mir, und vom sogenannten ewigen
Leben empfinde ich auch noch ganz blutwenig in mir! Woran fehlt es denn
noch? Ich aber sage zu euch darum: Prüfet euch sorgfältig, ob
nicht noch irgend starke weltliche Vorteilsgedanken euer Herz beschleichen,
ob nicht zeitweiliger Hochmut, eine gewisse, zu überspannte Sparsamkeit,
eine jüngste Schwester des Geizes, die Ehrsucht, richterlicher Sinn,
Rechthabelust, fleischlicher Wollustsinn und dergleichen mehreres euer
Herz und somit auch eure Seele gefangenhalten! Solange das bei dem einen
oder dem andern der Fall ist, wird er zu der Verheißung, das heißt
zu ihrer vollen Erfüllung an ihm, nicht gelangen." (Ev V.125.1f).
Wie läßt sich die Selbstbeschauung praktisch umsetzen? Man
kann ein Tagebuch schreiben. Man kann versuchen, seine Träume zu
analysieren. Man kann sich der Methode der aktiven Imagination bedienen.
Hilfreich sind auch Gespräche mit Personen unseres Vertrauens. Oftmals
sehen Außenstehende bestimmte Schattenseiten unserer Seele objektiver.
Man sollte sich aber nur von den Menschen etwas sagen lassen, die sich
selbst auch etwas sagen lassen. Das ist sehr schön in der Fußwaschung
des Johannesevangeliums zum Ausdruck gebracht. Erst nachdem der Herr seinen
Jüngern die Füße gewaschen hat, werden diese aufgefordert,
sich auch untereinander die Füße zu waschen.
3.2. Wisse die Wege!
3.2.1. Das Wort als geistige Nahrung
Die Nahrung des Geistes ist das Wort, und zwar das Wort Gottes: "Nur ein
Fünklein im Zentrum der Seele ist das, was man Geist Gottes und das
eigentliche Leben nennt. Dieses Fünklein muß genährt werden
mit geistiger Kost, die da ist das reine Wort Gottes. Durch diese Kost
wird das Fünklein größer und mächtiger in der Seele,
zieht endlich selbst die Menschengestalt an, durchdringt die Seele endlich
ganz und gar und umwandelt am Ende die ganze Seele in sein Wesen; dann
freilich wird die Seele selbst auch ganz Leben, das sich als solches in
aller Tiefe der Tiefen erkennt." (Ev III. 42.6).
Wie sehr das Wort eine geistige Nahrung ist, zeigt der Esoterikboom.
Seelisch ausgehungert rettet sich der Wohlstandsbürger in Esoterikläden,
um sich dort mit geistiger Kost einzudecken. Der Hunger scheint so groß
zu sein, daß man zur Zeit noch wenig auf die Qualität der Nahrung
achtet. Man futtert, was im Angebot ist; denn man ist ja auf der Suche.
Inzwischen gibt es sogar schon Beratungszentren für Esoterikgeschädigte.
Gleichwohl ändert das nichts an das Wort des Herrn: "Der Mensch lebt
nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt."
(Mt 4,4). Wer den Sinn des Essens nicht im Essen, sondern in der Kräftigung
des Lebens sieht, der sollte es lernen, geistig effektiv zu lesen. Niemand
geht in ein Warenhaus, um alles zu kaufen. Man kauft, was dem Bedürfnis
entspricht. Auch die Neuoffenbarung ist, wenn ich das so sagen darf, ein
Warenhaus. Es kann nicht unser Ziel sein, alle ihre Gedanken auswendig
zu lernen. Wir sollten bei der Lektüre darauf achten, welche Worte
uns besonders ansprechen oder abstoßen. Beides, auch das, was wir
heftig verneinen, kann eine Botschaft für uns sein. Wenige Worte
können mehr sein als ganze Bände voll Weisheit, wenn uns das
Wenige so sehr beschäftigt, daß wir darüber "bei Tag und
bei Nacht" (Ps.1) nachsinnen.
3.2.2. Der gedachte Gott
Die Anhänger von Offenbarungsschriften stehen in der Gefahr, im Wissen
des Wortes stecken zu bleiben. Sie kommen daher nie vorwärts, obwohl
sich bei ihnen alles um das Wort dreht. In der "Haushaltung Gottes" gibt
es ein schönes Bild dazu: "Meine Kirche auf Erden ist ein Reinigungsbad;
wer sich gewaschen hat, der komme zu Mir, damit Ich ihn abtrockne mit
der Wärme Meiner Liebe und ihn behalte. Wer aber nur Freude an dem
Pritscheln und Wascheln hat, dem geht es wie den Mühlrädern,
die nie aus dem Wasser kommen." (HGt I.2.5). Die sich ständig drehenden
Mühlräder bezeichnen die Menschen, die das Wort immer wieder
neu durchschaufeln, um es immer besser zu verstehen, dabei aber ganz vergessen,
daß man im kühlen Wasser nie die wärmende Liebe findet.
Meister Eckehart hat solchen Leuten zugerufen: "Der Mensch soll sich nicht
genügen lassen an einem gedachten Gott; denn wenn der Gedanke vergeht,
so vergeht auch der Gott. Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben,
der weit erhaben ist über die Gedanken des Menschen und aller Kreatur."
(EQ 60,20ff). Der gedachte Gott ist das Gedächtniswissen; der wesenhafte
Gott ist das warme Gefühl der Liebe im Herzen.
Im Jakobusbrief lesen wir: "Hört das Wort nicht nur an, sondern
handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst. Wer das Wort nur hört,
aber nicht danach handelt, ist wie ein Mensch, der sein eigenes Gesicht
im Spiegel betrachtet: Er betrachtet sich, geht weg, und schon hat er
vergessen, wie er aussah. Wer sich aber in das vollkommene Gesetz der
Freiheit vertieft und an ihm festhält, wer es nicht nur hört,
um es wieder zu vergessen, sondern danach handelt, der wird durch sein
Tun selig sein." (Jak 1,22ff). Das bloße Wissen des Wortes kann
nicht bewirken, daß Gott uns in jeder Situation gegenwärtig
ist. Wir wissen oft im Alltag nicht mehr, was gut und wahr ist, obwohl
es in den Offenbarungstexten ständig um diese Frage geht. Das Wortbewußtsein
scheint ausgelöscht zu sein, wenn wir in der Bewährung stehen.
Der gedachte Gott ist wie eine matt leuchtende Kerze, die nicht die Kraft
hat, den weiten Raum unseres Lebens auszuleuchten.
Eine verhängnisvolle Spielart des bloß gedachten Gottes ist
die Theologie, die behauptet, das sei im bloßen Glauben zu finden.
Doch der Glaube ohne die tätige Liebe ist wertlos. Bei Lorber lesen
wir: "Wenn Ich aber vom Glauben sprach, so verstand Ich darunter allezeit
den lebendigen, also mit der Liebe gepaarten Glauben; aber einen Glauben
für sich allein verwarf Ich allezeit." (Sch. 34,21). "... was soll
Ich denn von einer Sekte sagen, die nichts als den Glauben lehrt und die
Werke verwirft? ... Was nützt der Erde das Licht der Sonne, wenn
es nicht mit der tatkräftigen Wärme verbunden ist? Was nützen
einem Menschen alle Kenntnisse und Wissenschaften, wenn er sie nicht anwendet?
Oder was nützt es, im kalten Winter bloß zu glauben, daß
ein brennendes Holz im Ofen das Zimmer erwärmen kann? Wird das Zimmer
durch den Glauben warm? Ich glaube es nicht." (EM 73).
3.3. Ein Evangelium der Tätigkeit
Das Christentum der Neuoffenbarung ist eine Religion der Tätigkeit.
Durch unser Tätigsein regulieren wir den Einfluß des Göttlichen;
das ist das von Swedenborg beschriebene Gesetz von Ausfluß und Einfluß:
"Ein allgemeines Gesetz ist es, daß der Einfluß sich nach
dem Ausfluß richtet und daß, wenn der Ausfluß gehemmt
wird, auch der Einfluß gehemmt wird. Durch den inneren Menschen
geschieht der Einfluß des Guten und Wahren vom Herrn; durch den
äußeren soll der Ausfluß geschehen, nämlich ins
Leben, das heißt in die Übung der Liebtätigkeit." (HG 5828).
Das innere Leben drängt nach Verwirklichung; wenn wir diesem Drängen
nicht nachgeben, dann werden wir es irgendwann nicht mehr spüren.
Deswegen ist die tätige Verwirklichung wichtig; das sagt auch der
weise Mathael im Großen Evangelium: "Ein redlich-guter Wille ist
schon soviel wie das halbe Werk; aber der Mensch darf es nicht zu lange
bloß beim guten Willen lassen, sondern muß solchen baldmöglichst
ins Werk setzen, ansonst der Wille mit der Zeit sich abkühlt, seine
Spannkraft verliert und am Ende zur Vollbringung eines guten Werkes zu
schwach und ohnmächtig wird ... Was man sonach will, das muß
man auch tun, ansonst bleibt der Wille stets eine Lüge gegenüber
dem Leben, und aus der Lüge wird in Ewigkeit keine Wahrheit!" (Ev
III.43.1-4).
Die Umsetzung des guten Willens ist die "Liebetätigkeit" (charitas).
Sie besteht nicht so sehr in spektakulären Taten, sondern vielmehr
im sinnvollen Tun für andere (Nutzen schaffen). Die gesellschaftliche
Form dafür ist der Beruf. Ideal wäre es, wenn wir ihn nicht
nur als Gelderwerb, sondern als Möglichkeit, etwas Sinnvolles zu
tun, betrachten könnten. Aber auch die Freizeit kann eine freie Zeit
für Gott und seine Ziele sein. Wichtig ist, daß wir die Alternative
klar sehen: Wir können all unsere Energie nur für uns verbrauchen
(dann sind wir die klassischen Verbraucher); wir können sie aber
auch "zum allgemeinen Wohle der Menschen" (Ev I.221.6) einsetzen.
Die Liebtätigkeit ist das Gefäß, das fähig ist,
die göttlichen Essenzen der Liebe und Weisheit aufzunehmen. Ohne
dieses Gefäß bleiben sie gedankliche Gebilde ohne Realität.
Swedenborg schreibt: "Liebe und Weisheit ohne Nutzwirkung sind kein Etwas,
sondern sind nur ein gedachtes Sein; und sie werden auch erst dann real,
wenn sie in einer Nutzwirkung (verwirklicht) sind." (EO 875). Nichts prägt
uns so sehr wie das, was wir getan haben. Durch unser Tätigsein können
wir das göttliche Wesen der Liebe und Weisheit unserem Wesen einbrennen.
Unser Charakter prägt sich im tätigen Leben aus.
Die Übung der Liebtätigkeit engagiert und mobilisiert unser
ganzes Wesen, vor allem auch unseren inneren Menschen. Denn es ist gar
nicht so einfach zu erkennen, was in einer konkreten Situation wirklich
gut und gottgewollt ist. Deswegen ist die tätige Liebe wie ein Gebet
zum Herrn um Erleuchtung. Daher weckt das äußere Bemühen
den inneren Einfluß.
Den Zusammenhang zwischen der Liebe und ihrer Tätigkeit offenbarte
der Herr schon seinen Jüngern. Im Großen Evangelium finden
wir ein köstliches Evangelium der Tätigkeit; es erhielt sich
noch nach Jesu Tod und Auferstehung eine Zeitlang als "Nachtpredigt"[5]
(Ev I.221.25). Darin heißt es: "Nur Tätigkeit über Tätigkeit
zum allgemeinen Wohle der Menschen! Denn alles Leben ist eine Frucht der
beständigen und nie zu ermüdenden Tätigkeit Gottes und
kann daher nur durch die wahre Tätigkeit erhalten und für eine
ewige Dauer bewahrt werden, während aus der Untätigkeit nichts
als der Tod zum Vorscheine kommt und kommen muß. Leget eure Hände
auf euer Herz und merket es, wie es in einem fort Tag und Nacht tätig
ist! Von solcher Tätigkeit aber hängt ja das Leben des Leibes
alleinig ab; so das Herz aber einmal stillzustehen anfängt, da -
meine Ich - dürfte es etwa mit dem natürlichen Leben des Leibes
wohl gar sein! Wie aber die Ruhe des leiblichen Herzens offenbar der volle
Tod des Leibes ist, also ist auch die gleiche Ruhe des Seelenherzens der
Tod der Seele! Das Herz der Seele aber heißt Liebe, und das Pulsen
desselben spricht sich in wahrer und voller Liebtätigkeit aus. Die
unausgesetzte Liebtätigkeit ist demnach der nie zu ermüdende
Pulsschlag des Seelenherzens. Je emsiger aber das Herz der Seele pulst,
desto mehr Leben erzeugt sich in der Seele, und so dadurch ein hinreichend
hoher Lebensgrad in der Seele sich erzeugt hat, so daß er dem göttlichen,
allerhöchsten Lebensgrade gleichkommt, so weckt solch ein Lebensgrad
der Seele das Leben des göttlichen Geistes in ihr. Dieser - als pur
Leben, weil die unermüdete höchste Tätigkeit selbst - ergießt
sich dann in die ihm durch die Liebtätigkeit gleichgewordene Seele,
und das ewig unverwüstbare Leben hat in der Seele seinen vollen Anfang
genommen! Und sehet, das kommt alles von der Tätigkeit, nie aber
von einer faulen Ruhe her!" (Ev I.221.6-12). Liebe und Liebtätigkeit
hängen zusammen wie Herz und Herzschlag: "Das Herz der Seele ...
heißt Liebe, und das Pulsen desselben spricht sich in wahrer und
voller Liebtätigkeit aus."
Die Liebtätigkeit erweckt das innere Leben des Geistes. Wir haben
gehört, daß der Geist "das Licht" ist, "welches aus seiner
eigenen Wärme sich von Ewigkeiten zu Ewigkeiten erzeugt" (EM 52).
Daher verwundert es uns nun nicht mehr, daß die Folge der Liebtätigkeit
die Erleuchtung ist. Im Großen Evangelium erläutert der Herr,
"daß kein Geist und keine Menschenseele ohne eine entsprechende
Tätigkeit je zum Lichte gelangen kann ... Und so muß denn zum
Lichte des Lebens der Seele um so mehr eine gewisse Tätigkeit vorangehen;
durch diese wird die Liebe erweckt ... und aus ihrer gesteigerten Tätigkeit
[Liebetätigkeit] entsteht dann erst das Licht in der Seele, das ist
die Weisheit, die sich und alle Dinge aus sich erkennt, beurteilt und
ordnet." (Ev IX.142.3 und 6). "Je tätiger es ... in der Seele zuzugehen
anfängt, desto heller wird es auch in ihr; denn das Grundelement
des Seelenlebens ist das Feuer [= Liebe]. Je heftiger aber irgend dieses
Element zu wirken beginnt, desto mehr Licht [= Weisheit] verbreitet es
auch in und aus sich. Wird sonach die Seele stets lebensfeuriger, so wird
sie auch lebenslichter und -heller und fängt an, aus solchem ihrem
erhöhten Lebenslichte auch stets mehr und mehr die inneren Lebensgeheimnisse
zu durchschauen und zu begreifen." (Ev V.123.1). "Was ist aber das Licht?
Solches wissen wir, daß es sich repräsentiert aus der Beweglichkeit
des Lebens; also ist Licht und Leben eines und dasselbe, und das Licht
ist somit nur eine Erscheinlichkeit des Lebens." (Fl. Kap.11).
4. Wenn der Geist die Führung übernimmt
Wenn wir uns dem Zustand der Wiedergeburt nähern, dann übernimmt
der göttliche Geist immer deutlicher die Führung. Das Erscheinen
des Göttlichen in der Seele ist im Schöpfungsbericht (Genesis
1) durch die Lichter am Himmelsgewölbe dargestellt. Sie werden erst
am vierten Tag gemacht, obwohl Gott schon am ersten Tag sprach: Es werde
Licht. Das erste Licht spornt uns zu eigenen Anstrengungen an; erst das
Licht der beiden großen Lichter zeigt uns die Unvollkommenheit all
der eigenen Bemühungen, weil uns nämlich die Gotteskraft in
der Seele bewußt wird.
4.1. Das Erwachen des Geistes
"Wenn dein Geist in dir wach wird, so wirst du seine Stimme wie lichte
Gedanken in dir vernehmen. Diese mußt du wohl anhören und dich
danach in deiner ganzen Lebenssphäre richten, so wirst du dadurch
deinem eigenen Geiste einen stets größeren Wirkungskreis verschaffen;
also wird dein Geist wachsen in dir bis zur männlichen Größe
und wird durchdringen deine ganze Seele und mit ihr dein ganzes materielles
Wesen." (Ev IV.76.10).
Da der Geist das Licht des Lebens ist, bekundet sich sein Erwachen darin,
daß "lichte Gedanken" in die Seele aufsteigen.
4.2. Der Herr vollendet den Glauben und die Nächstenliebe
Es gibt in der Neuoffenbarung zwei interessante Widersprüche. Der
erste betrifft das Verhältnis der Gottes- und Nächstenliebe.
Einerseits heißt es: "Die Nächstenliebe ist der Weg zur Gottesliebe."
(Ev XI.75). Oder: "... wer da seinen Nächsten nicht liebt, den er
doch als ein Wesen seinesgleichen sieht, wie wird der Gott lieben, den
er mit den Augen seines Leibes nicht sehen kann?!" (Ev IX.132.8). Aus
diesen Worten ist zu schließen, daß die Übung der Nächstenliebe
zur Gottesliebe führt. Andererseits lesen wir aber: "Daher ist auch
die wahre Ordnung der Nächstenliebe nur diejenige, so jemand seinen
Bruder aus dem Herrn liebt." (GS II.5.9). Demnach ist die echte Nächstenliebe
nur aus der Gottesliebe möglich. Es läßt sich also nicht
sagen, was zuerst da ist: die Liebe zu Gott oder die zum Nächsten.
Der zweite Widerspruch betrifft die Gottesliebe und die Erkenntnis bzw.
den Glauben. Einerseits lesen wir: "Wer könnte wohl Gott lieben,
wenn er Ihn nicht zuvor erkennete? Also das Erkennen geht der Liebe doch
notwendig voraus!" (GS II.12.16). Demnach ist die Erkenntnis Gottes die
Voraussetzung dafür, daß wir ihn lieben können. Aber andererseits
heißt es: "Wer Gott liebt schon vor der Erkenntnis, der wird des
Lebens Fülle überkommen; wer aber Gott liebt nach der Erkenntnis,
der wird auch leben, - aber nicht im Herzen, sondern im Reiche der Gnade[6]
als ein wohlbelohnter Diener." (HGt II.215.27). Oder: "Du vermagst nicht
zu glauben, daß es einen Gott gibt, wenn du Denselben nicht schon
vorher geliebt hast aus allen Kräften eines kindlichen Herzens."
(HGt I.80.8). Demnach ist der echte Glaube ohne die Liebe zu Gott überhaupt
nicht möglich.
Wie sind diese Wiedersprüche zu lösen? Und was lehren sie
uns? Sie zeigen meines Erachtens sehr deutlich, daß wir uns zwar
bemühen sollen zu Gott hinaufzusteigen, aber die eigentliche Vollendung
kann nur darin bestehen, daß der Herr sich unseres Bemühens
erbarmt und zu uns herabsteigt. Glaube und Nächstenliebe sind Übungen;
aber nur der Herr kann uns die Meisterschaft darin gewähren. Wir
sehen auch, wie Glaube und Nächstenliebe auf der einen Seite und
die echte Herzensliebe auf der anderen einen Kreis bilden. Und ein Kreis
hat bekanntlich keinen Anfang; er hat nur für den einen Anfang, der
irgendwo beginnen muß, die Kreislinie zu zeichnen. Für uns,
die wir aus der Gottesferne die Gottesnähe suchen, dürfte der
wahrscheinlichste Einstieg der Glaube und die tätige Liebe sein.
Aber je näher wir dem Herzen kommen, desto deutlicher spüren
wir, daß wir vom Göttlichen erst dann ergriffen sind, wenn
wir ihm nicht mehr nachjagen müssen.
4.3. Der grundlose Grund unseres Wirkens
Die Vollkommenheit besteht darin, daß sich das Gute und Wahre (die
Aura des Göttlichen) frei auswirken kann, ohne den Interessen und
Absichten des äußeren Menschen, selbst wenn sie noch so ehrenwert
sind, unterworfen zu sein. Der höchste Grad der "inneren Lebensvollendung"
(Ev VII.155.3) wird vom Herrn so beschrieben: "Dieser besteht darin, daß
der vollendete Mensch, wohl wissend, daß er nun als ein mächtiger
Herr der ganzen Natur ohne Sünde tun kann, was er nur immer will,
aber dennoch seine Willenskraft und Macht demütig und sanftmütig
im Zaume hält und bei jedem seinem Tun und Lassen aus der pursten
Liebe zu Gott nicht eher etwas tut, als bis er unmittelbar von Gott aus
dazu beordert wird" (Ev VII.155.12). Diese Fähigkeit, sich selbst
vollkommen loslassen zu können, findet sich bei Meister Eckehart
als das Wirken ohne Warum: "Der Gerechte sucht nichts mit seinen Werken,
denn diejenigen, die mit ihren Werken irgend etwas suchen, oder auch solche,
die um eines Warum willen wirken, die sind Knechte und Mietlinge. Darum,
willst du eingebildet und überbildet werden in die Gerechtigkeit,
so beabsichtige nichts mit deinen Werken und ziele auf nichts ab weder
in Zeit noch in Ewigkeit, weder auf Lohn noch auf Seligkeit noch auf dies
oder das, denn solche Werke sind wahrlich alle tot. Ja, ich sage: Selbst,
wenn du dir Gott zum Ziel nimmst, so sind alle Werke, die du (selbst)
darum wirken magst, tot, und du verdirbst (damit) gute Werke." (EQ 267.17-26).
Das Gute und Wahre verdirbt, wenn es nicht um seiner selbst willen getan
wird. Es darf noch nicht einmal als Mittel zur Erreichung der Wiedergeburt
angesehen werden. Denn das freie Wirken der Liebe ist der Sinn unseres
Lebens und darf keinem vermeintlich höheren Sinn untergeordnet werden.
Der Herr selbst ist im Guten und Wahren wirksam und weiß, warum
er dieses oder jenes durch uns vollbringen will; deswegen brauchen wir
es nicht durch unsere eigenen, guten Absichten begrenzen. Die ewige, unverfügbare
Liebe soll der grundlose Grund unseres Wirkens sein. Wer das nicht erkennt,
richtet vor sich ein ernsthaftes Hindernis auf. Im Lorberwerk heißt
es: "Ja, warum konnte denn dieser [zuvor beschriebene] recht ehrlich strebende
Mensch nicht zur Wiedergeburt des Geistes gelangen? - Eben darum, weil
er alles Gute nur darum tat, um sie zu erreichen! Wer Gott und den Nächsten
eines anderen Motives wegen als Gott um Gottes und den Nächsten um
des Nächsten willen liebt, der kommt nicht zur völligen Wiedergeburt
..." (Ev V.160.4-5). "... du tatest jedoch das Gute der Lehre nur der
vorteilbringenden Verheißung, nicht aber des Guten willen! Du warst
nur tätig aus deinem Verstande, nie aber noch aus deinem Herzen!
Dieses blieb in sich hart und kalt wie vor dem Empfange der rein göttlichen
Lehre ... Erwecke nun dein Herz! Tue alles, was du tust, aus dem wahren
Lebensgrunde! Liebe Gott Seiner Selbst willen über alles und ebenso
deinen Nächsten! Tue das Gute des Guten willen aus deinem Lebensgrunde
heraus, und frage nicht ob deines Glaubens und ob deiner Tat nach der
Erfüllung der Verheißung, ob sie wohl kommen werde oder nicht!
Denn die Erfüllung ist eine Folge dessen, daß du lebendig im
Herzen glaubst, fühlst und aus dem lebendigsten Liebesdrange heraus
tätig wirst." (Ev III.243.3-5).
Abraham ist das vollkommene Bild dieser Haltung. Als Gott von ihm das
Opfer seines Sohnes Isaak, des Sohnes der Verheißung, forderte,
da fragte Abraham nicht nach dem Warum, obwohl sich doch Gott selbst zu
widersprechen schien. Aus dem verständlichen Gott war der unverständliche
geworden, von dem es heißt: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken,
und eure Wege sind nicht meine Wege ... So hoch der Himmel über der
Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine
Gedanken über eure Gedanken." (Jes 55,8f).
Die Herzensliebe fragt nicht nach dem Warum; daher ist sie der Inbegriff
der Vollkommenheit. Meister Eckehart sagt: "Liebe ... hat kein Warum.
Hätte ich einen Freund und liebte ich ihn darum, daß mir Gutes
von ihm geschähe und mein voller Wille, so liebte ich nicht meinen
Freund, sondern mich selbst. Ich soll meinen Freund lieben um seiner eigenen
Güte und um seiner eigenen Tugend und um alles dessen willen, was
er in sich selbst ist: dann (erst) liebe ich meinen Freund recht, wenn
ich ihn so, wie eben gerade gesagt wurde, liebe. Ganz so steht es bei
dem Menschen, der da in Gottes Liebe steht, der des Seinen nichts sucht
an Gott noch an sich selbst noch an irgendwelchen Dingen und Gott allein
um seiner Güte und um der Güte seiner Natur und um alles dessen
willen liebt, was er in sich selbst ist. Und das ist rechte Liebe." (EQ
299,19ff). Das fraglose Vertrauen der kindlichen Liebe zum himmlischen
Vater ist auch das Vollendungsziel der Neuoffenbarung. Deswegen möchte
ich abschließend ein Wort über die Liebe vortragen; ein Wort,
das wir von Johannes, dem Lieblingsjünger des Herrn, aus der Geistigen
Sonne erfahren: Die Liebe zum Herrn "ist nicht ein gewisser leidenschaftlicher
Brand, sondern sie ist ein sanftes Wehen, welches den Menschen in seiner
Freiheitssphäre ebensowenig beirrt, als wie wenig die Kinderliebe
die Kinder in ihrer Tätigkeit nur im geringsten beirrt ... Um das
Maß solcher Liebe zu erschauen, dürftet ihr nur bei einem leidigen
Todesfalle entweder des Vaters oder der Mutter solcher Kinder zugegen
sein, so werden euch ihre Tränen und das Ringen ihrer Hände
so bald das sehr gewichtige Maß der Liebe der Kinder zu ihren Eltern
kundgeben. Und dennoch hättet ihr bei Lebzeiten der Eltern bei aller
sorgsamen Betrachtung solche Intensität der Liebe nicht herausgefunden.
- Sehet, also verhält es sich auch mit der Liebe zum Herrn. Sie ist,
wie gesagt, ein sanftes Wehen, ein hochachtendes Gefühl, voll erhaben
zarten Nachklanges, und beirrt niemanden in seiner Freiheitssphäre."
(GS II.50.15f). Möge es uns der Herr geben, dieses sanfte Wehen des
Geistes zu spüren.
Fußnoten:
[1] "Die Erlösung" in Hg III,
S.11. zurück
[2] a.a.O., S.13. zurück
[3] Jolande Jacobi, Die Psychologie
von C.G.Jung, Frankfurt a.M. 1994, S.114. zurück
[4] a.a.O., S.115. zurück
[5] Die Bezeichnung "Nachtpredigt"
hat auch einen Entsprechungssinn; denn mit der Tätigkeit sind wir
im Äußeren und somit in der Nacht der Welt. zurück
[6] Unter der Gnade wird im Lorberwerk
das Licht verstanden (vgl. JJ 298.15; HGt I.4.7; Ev I.2.15f). zurück
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