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  Bibeln im Vergleich
Thomas Noack
 
 

Welche Bibel können Sie mir empfehlen? Diese Frage wird mir oft gestellt; deswegen hier meine Antwort. Ich glaube tatsächlich, daß man seine Bibel sorgfältig auswählen sollte; denn sie ist das spirituelle Arbeitsbuch der Christen. Sie ist kein Buch, das einfach nur intellektuelle Ansprüche befriedigen will; sie will vielmehr das Gespräch mit dem göttlichen Geist im Menschen anbahnen. Das lateinische Wort für "Entsprechung" lautet "correspondentia", das heißt Korrespondenz mit dem Göttlichen. Wer sich dieser Möglichkeit bewußt ist, wird seine Bibel mit sehr viel mehr Sorgfalt als bisher aussuchen.

Welche Übersetzung ist also in diesem genannten Sinne die beste? Leider muß man sagen, daß jede ihre Mängel hat. Grundsätzlich hat man die Wahl zwischen mehr Wörtlichkeit (Gesichtspunkt der Ursprache) oder mehr Verständlichkeit (Gesichtspunkt der Zielsprache); beide Ziele lassen sich nicht gleichzeitig optimal verwirklichen. Wenn man also wählen muß, dann würde ich eine möglichst wörtliche Übersetzung bevorzugen und daneben eine möglichst "verständliche" als Vergleichstext benutzen. Swedenborgs lateinische Übersetzung von Genesis und Exodus[1] zeichnet sich durch eine außerordentlich hohe Wörtlichkeit aus. Sogar Hebraismen (Eigentümlichkeiten der hebräischen Sprache) tauchen dort auf. Der Künder des geistigen Sinnes legte seiner Auslegung einen Übersetzungstext zugrunde, der sklavisch den hebräischen Buchstaben nachahmt; das gibt zu denken. Die Worttreue hängt mit der unglaublichen Wertschätzung zusammen, die Swedenborg dem Grundtext (vor allem dem hebräischen) entgegenbringt: "Aus dem Himmel wurde mir gezeigt, daß im Wort nicht nur jeder Ausdruck, sondern auch jede Silbe und - was unglaublich ist - jedes Häkchen einer Silbe in der Ursprache etwas Heiliges in sich schließt, was den Engeln des innersten Himmels wahrnehmbar wird. Daß es so ist, kann ich versichern; aber ich weiß auch, daß es den Glauben übersteigt." (HG 9349). Der Entsprechungsforscher sollte also bestrebt sein, dem Grundtext möglichst nahe zu kommen. Eine sogenannte "verständliche" Übersetzung wird in der Regel dadurch erreicht, daß der Grundtext dem Verständnis des Übersetzers angepaßt wird; und da praktisch niemand auch nur eine Ahnung von den Entsprechungen hat, wird der Ursinn eingeäschert im Dunkel menschlichen Wähnens. Werke der Weltliteratur kann man sinngemäß übersetzen, wenn man kongenial den Sinn nachempfinden kann; aber der kongeniale Bibelübersetzer ist mir noch nicht begegnet. Deswegen scheint mir das sklavische Verfahren (das immerhin auch Swedenborg anwandte) noch immer das beste zu sein.

Wie werde ich nun im folgenden vorgehen? Zunächst stelle ich die Bibeln vor; dabei beschränke ich mich auf solche, die noch käuflich zu erwerben und deutschsprachig sind. Anschließend zeige ich, wie einige ausgewählte Stellen in diesen Bibeln übersetzt werden und nehme eine Wertung aus der Sicht des inneren Sinnes vor. Die Stellen sind sämtlich aus der Genesis entnommen. Schließlich werde ich Antworten auf die eingangs gestellte Frage formulieren.

Vorstellung der Bibeln
Ich untersuche die folgenden Bibeln: die Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1984 (L), die Zürcher Bibel in der Übersetzung von 1931 (Z), die Menge-Bibel (M), die Einheitsübersetzung (E), die revidierte Fassung der Elberfelder Bibel (Elb), die Verdeutschung von Martin Buber und Franz Rosenzweig (B), die Bibel in heutigem Deutsch, bekannt als Gute Nachricht (GN) und schließlich die Tafel-Bibel (Ta), die als einzige nicht mehr erhältlich ist.

Die Lutherbibel und die Zürcher Bibel entstammen der Reformationszeit. Allerdings ist ihr Text inzwischen mehrmals überarbeitet (revidiert) worden. Bei der Lutherbibel wollte man so eng wie möglich bei der Sprache des Reformators bleiben; dagegen hat man bei der Zürcher Bibel sehr viel radikaler den Wandlungen in Textforschung und Sprache Rechnung getragen. Daher ist sie eigentlich eine Neuübersetzung, die jedoch auf die Reformation Zwinglis zurückgeht. Jeder Übersetzer muß interpretieren; das heißt er formt seine Übersetzung im Sinne seines theologischen Verständnisses. Daher ist in der Lutherbibel selbstverständlich die Theologie Luthers enthalten. Das bekannteste Beispiel ist seine Übersetzung von Römer 3,28: "So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." (L). Im Grundtext fehlt "allein"; Luther trägt also seine Rechtfertigungslehre in den Römerbrief hinein. Wer (in der Nachfolge Swedenborgs) ein eher distanziertes Verhältnis zur protestantischen Theologie hat, sollte vielleicht nicht zur Lutherbibel greifen. Die Zürcher Bibel räumt dem Grundtext einen höheren Stellenwert ein und ist sprachlich (philologisch) zuverlässiger (obwohl noch einmal betont werden muß, daß es die theologisch neutrale Übersetzung nicht gibt). Das gilt auch für die Übersetzung des Altphilologen und Gymnasialdirektors Hermann Menge; sie ist sprachlich zuverlässig. Allerdings will Menge nicht ängstlich am Buchstaben kleben, sondern sinngetreu übersetzen. Das kann dazu führen, daß ungewöhnliche Wendungen sprachlich geglättet werden, was den Entsprechungssinn verschleiert (ein Beispiel ist Genesis 29,1; siehe unten). Während man im evangelischen Bereich von der einen Übersetzung, der Lutherbibel, zur großen Anzahl der Übersetzungen übergegangen ist, strebt man im katholischen Bereich den umgekehrten Weg an: von den vielen Übersetzungen zur einen, nämlich zur Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Sie zeichnet sich durch wissenschaftliche Genauigkeit und ein modernes Deutsch aus. Die vier bisher vorgestellten Bibeln zeichnen sich dadurch aus, daß sie sowohl dem Grundtext als auch der deutschen Sprache gerecht werden wollen. Hierzu gehören auch die Übersetzungen in den wissenschaftlichen Kommentaren zu biblischen Büchern; sie sind jedoch schwerer zugänglich (obwohl in jeder Universitätsbibliothek vorhanden), daher berücksichtige ich sie hier nicht.

Kompromißloser sind die Elberfelder Bibel und die Verdeutschung der Schrift von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Die Grundüberzeugung der erstgenannten Übersetzung ist die Verbalinspiration; daher steht der Grundsatz der Worttreue über dem der sprachlichen Eleganz. Oft wird zudem in Anmerkungen auf andere bzw. die wörtliche Übersetzung hingewiesen. Die Verdeutschung von Martin Buber ist die bekannteste jüdische Übersetzung. Sie will zu einer Begegnung mit der wuchtigen Sinnlichkeit der Ursprache führen. Im 19. Jahrhundert hat der Swedenborgianer Leonhard Tafel die Heilige Schrift übersetzt (revidiert von Ludwig H. Tafel); sie ist als einzige im Wissen um die Entsprechungen ausgearbeitet worden (was nicht heißt, daß es die vollkommene Übersetzung ist). Sie lehnt sich an die (damals noch nicht überarbeitete) Lutherbibel an, ist aber wörtlicher und gehört daher zum Übersetzungstyp zwei (Wörtlichkeit auf Kosten sprachlicher Eleganz). Diese Bibel wird leider nicht mehr aufgelegt; vielleicht kann sich der Swedenborg Verlag aber (bei genügender Nachfrage) zu einem preiswerten Nachdruck entschließen.

Die Gute Nachricht gehört einem dritten Übersetzungstyp an; ihm geht es vor allem um ein modernes, einfaches Deutsch. Beim NT 68 (dem Vorläufer der Guten Nachricht) ging man sogar soweit, daß man Journalisten beauftragte, aus dem Englischen - also ohne Beachtung des Grundtextes - ins Deutsche zu übersetzen. Das Ergebnis war so dürftig, daß nachträglich Theologen eine Überarbeitung vom Griechischen her vornehmen mußten. Die heute erhältliche Gute Nachricht berücksichtigt den Grundtext immerhin; allerdings findet man häufig Umschreibungen. Dieser Übersetzungstyp ist für Entsprechungsforschungen nicht geeignet, weil man im Sumpf der Paraphrasen versinkt.

Diskussion von Übersetzungsvarianten
Bevor ich Empfehlungen ausspreche, möchte ich an einigen ausgewählten Stellen zeigen, wie verschieden Übersetzungen sein können. Diese Demonstration ist notwendig, weil es die vollkommene Übersetzung nicht gibt. Alle haben Stärken und Schwächen; doch das kann man nur an Beispielen zeigen. Die ausgewählten Stellen sind sämtlich der Genesis des Alten Testamentes entnommen.

Gen 1.6: "Es werde eine Feste zwischen den Wassern" (L). "Es werde eine Feste inmitten der Wasser" (Z). "Es entstehe ein festes Gewölbe inmitten der Wasser" (M). "Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser" (E). "Es werde eine Wölbung mitten in den Wassern" (Elb). "Gewölb werde inmitten der Wasser" (B). "Im Wasser soll ein Gewölbe entstehen" (GN). "Es sei eine Ausbreitung inmitten der Wasser" (Ta).

Zusatzinformation[2]: "Das hebr. Wort ist von einem Verbum 'feststampfen, breithämmern' abgeleitet und meint eine gehämmerte Platte oder Schale, eine nach allen Seiten ausgeweitete Fläche o. Wölbung." (Elb).

Das hebräische Wort scheint vielschichtig zu sein. Das läßt die Zusatzinformation zum Grundtext in der Elberfelder Bibel und die Übersetzung von Menge (festes Gewölbe) erkennen; sie verbindet die sonst nur getrennt angebotenen Übersetzungen "Feste" (L, Z) und "Gewölbe" (E, GN). Ungewöhnlich ist die "Ausbreitung" bei Tafel. Im geistigen Sinn ergänzen sich die Varianten zu einem vollständigeren Begriff. Die "Feste" im Menschen ist nämlich der (feste) Glaube, der zugleich einen Raum für das Geistige schafft ("Ausbreitung" und "Gewölbe"). Dieses Beispiel zeigt, daß sich die abweichenden Lesarten ergänzen können. Deswegen erhalten alle Übersetzungen einen Punkt.

Gen 11.2: "Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar" (L). "Als sie nun im Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Sinear" (Z). "Als sie nun nach Osten hin zogen, fanden sie eine Tiefebene im Lande Sinear (= Babylonien)" (M). "Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar" (E). "Und es geschah, als sie von Osten aufbrachen, da fanden sie eine Ebene im Land Schinar" (Elb). "Da wars wie sie nach Osten wanderten: sie fanden ein Gesenk im Lande Schinar" (B). "Als sie nun von Osten aufbrachen, kamen sie in das Land Schinar und schlugen in der Ebene ihre Zelte auf." (GN). "Und es geschah, daß sie von Osten auszogen und ein Tal im Lande Schinear fanden" (Ta).

Zusatzinformation: "o[der] im Osten umherzogen, o[der] in der Urzeit umherzogen" (Elb).

Wohin geht die Reise? Die Angaben widersprechen sich. Geographisch verständlich scheint "nach Osten" zu sein, denn Mesopotamien und somit Babel liegt östlich von Palästina. Schon das läßt vermuten, daß die querliegende Übersetzung "von Osten" dem Grundtext näher steht, weil sie gegen die geographische Wahrscheinlichkeit gewagt wurde. Die Version der Zürcher Bibel (" im Osten") scheint den Konflikt verdecken zu wollen. Wer hat Recht? Diese Worte leiten die Erzählung vom Turmbau zu Babel ein. Im geistigen Sinn richtig ist, daß man sich dazu vom Osten, dem Ursprung (Ort des Sonnenaufgangs) entfernen muß. Hier also ist der Übersetzungsvergleich eine Möglichkeit, schwer verständlichen Stellen und Übersetzungsfehlern auf die Spur zu kommen. Ein Punkt für E, Elb, GN und Ta.

Gen 28.12f: "Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach" (L). "... Und siehe, der Herr stand vor ihm und sprach" (Z). "... Plötzlich stand dann der HErr auf ihr (oder: vor ihm) und sagte" (M). "... Und siehe, der Herr stand oben und sprach" (E). "... Und siehe, der HERR stand über ihr und sprach" (Elb). "... Und da stand ER über ihm und sprach" (B). "... Der Herr selbst stand auf der Treppe und sagte zu ihm" (GN). "... Und siehe, Jehovah stand oben darauf und sprach" (Ta).

Zusatzinformation: "o. vor ihm, ihm gegenüber" (Elb).

Wo steht der Herr? Die Übersetzungen bieten uns im wesentlichen zwei Möglichkeiten an; nach der einen steht er oben auf der Leiter, nach der anderen steht er vor Jakob. Aus der Entsprechung erkennt man, daß nur die erste Variante richtig sein kann (obwohl der Grundtext beide Möglichkeiten zuläßt). Denn Jakob unten (liegend auf der Erde), die Boten Gottes als Bindeglied und der Herr oben, das bedeutet die Verbindung von Himmel und Erde oder den Entsprechungszusammenhang des inneren und des äußeren Menschen. Also ein Punkt für L, M, (E), Elb, GN und Ta.

Gen 26.19: "Auch gruben Isaaks Knechte im Grunde und fanden dort eine Quelle lebendigen Wassers." (L). "Als nun Isaaks Knechte im Tale gruben, fanden sie daselbst einen Brunnen mit Quellwasser." (Z). "Die Knechte Isaaks gruben in der Talsohle und fanden dort einen Brunnen mit frischem Wasser." (E). "Auch gruben die Leute Isaaks im Talgrunde nach und fanden dort einen Brunnen mit Quellwasser." (M). "Und die Knechte Isaaks im Tal und fanden dort einen Brunnen mit lebendigem Wasser." (Elb). "Auch gruben Jizchaks Knechte im Talgrund und fanden dort einen Brunnen lebendigen Wassers." (B). "Als die Knechte Isaaks im Tal gruben, stießen sie auf eine Quelle." (GN). "Und die Knechte Isaak's gruben in dem Bachtal, und fanden dort einen Brunnen lebendigen Wassers." (Ta).

Zusatzinformation: "d.h. hier: Quellwasser (im Gegensatz zu den Brunnen, in denen Regenwasser gesammelt wurde)" (Elb).

Die drei mehr auf Wörtlichkeit bedachten Übersetzungen haben "einen Brunnen mit lebendigem Wasser" (Elb.). bzw. "einen Brunnen lebendigen Wassers" (B und Ta). Die anderen Übersetzungen erliegen der Versuchung entweder den Brunnen zur Quelle zu machen oder den seltsamen Ausdruck "lebendiges Wasser" zu vereinfachen (oder wie GN einfach wegzulassen). Nach Swedenborg unterscheidet die Heilige Schrift jedoch sehr genau zwischen Brunnen und Quelle (HG 2702, 3096, 3424). Der Brunnen lebendigen Wassers ist das Wort der Heiligen Schrift, in dem ein innerer Sinn sprudelt. Jesus wird später sagen: "Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben." (Joh 6,63). Und er wird der Frau aus Samaria an der Quelle (!) Jakobs (im Munde der Frau ist sie freilich "nur" ein Brunnen; Joh 4,11f) "das lebendige Wasser" anbieten (Joh 4). Ein Punkt für Elb., B und Ta.

Gen 29.1: "Da machte sich Jakob auf den Weg und ging in das Land, das im Osten liegt" (L). "Dann machte sich Jakob auf den Weg und wanderte nach dem Land im Osten." (Z). "Hierauf setzte Jakob seine Wanderung fort und gelangte in das Land, das gegen Osten lag." (M). "Jakob machte sich auf und zog weiter ins Land der Söhne des Ostens." (E). "Und Jakob machte sich auf und ging in das Land der Söhne des Ostens." (Elb). "Jaakob hob seine Füße und ging nach dem Land der Söhne des Ostens." (B). "Jakob machte sich auf den Weg und wanderte weiter nach Osten" (GN). "Und Jakob hob seine Füße auf, und ging nach dem Lande der Söhne des Ostens." (Ta).

Zusatzinformation: "w[örtlich] hob seine Füße" (Elb).

Zwei Fassungen liegen vor; wobei die Anmerkung in der Elberfelder Bibel den Wortlaut des Grundtextes eindeutig erkennen läßt. Die meisten Übersetzungen wollen jedoch "verständlich" sein, was zur Verschleierung des inneren Sinnes führt. Denn die Füße bezeichnen das Natürliche beim Menschen; der Osten hingegen das Himmlische, die Morgenröte im Aufgang. Tatsächlich muß man seine "Füße" erheben, wenn man in das Land der Söhne des Ostens kommen will. Ein Punkt also für Elb., B und Ta.

Gen 34.25: "Aber am dritten Tage, als sie Schmerzen hatten, nahmen die zwei Söhne Jakobs Simeon und Levi, die Brüder der Dina, ein jeder sein Schwert und überfielen die friedliche Stadt ..." (L). "... drangen ungefährdet in die Stadt ein ..." (Z). " ... überfielen ungefährdet die Stadt ..." (E). "... drangen in die Stadt ein, die nichts Böses ahnte, ..." (M). "... und kamen ungehindert gegen die Stadt ..." (Elb). "... sie kamen über die sorglose Stadt ..." (B). "... drangen in die unbewachte Stadt ..." (GN). "... und kamen kecklich in die Stadt ..." (Ta).

Zusatzinformation: "o[der] kamen gegen die sorglose Stadt" (Elb). "H[ebräisch] in Sicherheit" (Ta).

Hier scheinen alle Übersetzungen (außer vielleicht Tafel) den eigentlichen Sinn nicht zu erfassen. Swedenborg übersetzt: "... et venerunt super urbem confidenter ..." (= und sie kamen zuversichtlich über die Stadt). Gemeint ist die (unbeirrte) Zuversicht derer, die etwas Böses vorhaben (deswegen übersetzt Tafel "kecklich"). Das hebräische Wort bedeutet: (im Gefühl der) Sicherheit. Die Aussage bezieht sich also nicht auf die Stadt ("die sorglose Stadt" etc.), sondern auf die beiden Jakobssöhne. Dieser Vers ist der Erzählung vom Blutbad zu Sichem entnommen (Genesis 34). Im inneren Sinn wird dargestellt, wie das Wissen um die inneren Wahrheiten in der Alten Kirche erst gänzlich ausgerottet werden mußte, bevor die ganz und gar veräußerlichte (aber immerhin vorbildende) Kirche errichtet werden konnte. Der hier ausgewählte Vers 25 bringt etwas von der dreisten Zuversicht und Verwegenheit zum Ausdruck, mit der man zu Werke ging. Da keine Übersetzung den Ursinn erkennen läßt, kein Punkt.

Gen 28.11: "Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen." (L). "Und er nahm einen von den Steinen der Stätte, tat ihn unter sein Haupt und legte sich an dieser Stätte schlafen." (Z). "Er nahm also einen von den Steinen, die dort lagen, machte ihn zu seinem Kopflager und legte sich daselbst schlafen." (M). "Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein." (E). "Und er nahm (einen) von den Steinen der Stätte und legte ihn an sein Kopfende und legte sich nieder an jener Stätte." (Elb). "Er nahm einen von den Steinen des Orts und richtete ihn für sein Haupt und legte sich hin am selben Ort." (B). "Unter den Kopf legte er einen der Steine, die dort herumlagen." (GN). "und er nahm von den Steinen des Orts, und legte sie zu seinen Häupten, und legte sich an demselben Orte nieder." (Ta).

Der Sinn des hebräischen Textes ist schwer zu erfassen. Swedenborg übersetzt: "et posuit subcapitalia sua"[3] (= und er legte seine Unterhäupte [auf den Stein]). Wie seine Auslegung in HG 3695 zeigt, versteht er unter den "subcapitalia" den Nacken- oder Halsbereich, also "die Gemeinschaft des Inneren mit dem Äußeren oder ... des Oberen mit dem Unteren und daher die Verbindung" (HG 3695). Hier versagen alle Übersetzungen, da sie sich nicht von der Vorstellung trennen können, daß ein Kopfkissen unter dem Kopf liegen müsse. Doch im inneren Sinn geht es um etwas völlig anderes. Die Textstelle ist Jakobs Traum von der Himmelsleiter entnommen. In dieser bekannten Erzählung geht es ganz ausdrücklich um die Verbindung von oben und unten. Dieses Thema wird durch die Lage des Steines schon angedeutet. Der Stein als Sinnbild des harten Wissen (Fakten) kann nur eine sehr allgemeine, notdürftige Verbindung des äußeren mit dem inneren Menschen bewirken. Also für keine Übersetzung einen Punkt.

Nach diesem Überblick liegen die Elberfelder und die Übersetzung von Tafel an der Spitze. Die Gute Nachricht kann noch gut mithalten, weil sinnverschleiernde Umschreibungen (Paraphrasen) noch nicht untersucht wurden. Während Luther beispielsweise Gen 4.1 noch so übersetzte: "Und Adam erkannte sein Weib Eva", liest man in der Guten Nachricht: "Adam schlief mit seiner Frau Eva". Die Gute Nachricht will verständlich sein, was in der Praxis nicht selten darauf hinausläuft, daß der Grundtext dem Verständnis des Übersetzers angepaßt wird und somit ihm verständlicher wird, jedoch zum Nachteil des ursprünglichen Sinnes. Aus Erkenntnis wird Schlaf. Der Überblick berücksichtigt natürlich viel zu wenig Stellen und ist daher sehr vorläufig. Immerhin sollte aber deutlich geworden sein, daß alle Übersetzungen Schwächen haben und die beste Übersetzung mitunter an ganz unvermuteter Stelle stehen kann.

Eine gute Bibel sollte über den bloßen Übersetzungstext hinaus gewisse Zusatzinformationen bieten. Dazu gehört (meist in Fußnoten) der Hinweis auf die wörtliche Wiedergabe bzw. auf andere Übersetzungsmöglichkeiten. Außerdem ist ein gutes Verweissystem sehr hilfreich; denn eine Stelle beleuchtet die andere. Swedenborg demonstriert in seinen Bibelkommentaren sehr eindrucksvoll den Nutzen dieses Verfahrens, das auch in der modernen Bibelexegese eingesetzt wird (Konkordanzarbeit).

Lösungsvorschläge
Welche Lösungsvorschläge sind nun aufgrund der Beobachtungen zu machen? Die wohl praktikabelste Empfehlung besteht darin, stets zwei Bibeln zu lesen, eine wörtliche und eine verständliche, also - sagen wir - die Elberfelder (oder die von Tafel) und die Einheitsübersetzung oder die Zürcher.

Am besten beraten ist man allerdings, wenn man mit möglichst vielen Texten arbeitet (je mehr desto besser). Aber natürlich kann sich das nicht jeder erlauben. Die Übersetzungen sollten verschiedenen Typen, Religionen (Judentum und Christentum), Kirchen (katholisch und evangelisch) und wenn möglich auch Sprachen (englisch, französisch etc.) angehören. Dieses Verfahren führt auch ohne Hebräischkenntnisse zu interessanten Beobachtungen.

Wer jedoch an der Erforschung des göttlichen Wortes außerordentlich stark interessiert ist, der sollte sich überlegen, ob er Grundkenntnisse im Hebräischen erwerben kann. Die Sprache des AT ist nicht so schwer zu erlernen, wie es die fremdartigen Buchstaben vermuten lassen. Übersetzung bleibt Übersetzung. Manche Entdeckungen lassen sich nur in der Ursprache machen. Alle Übersetzungen erzählen immer nur vom Original; sind es aber nicht. Sie sind wie Reiseberichte: sie sollen den Geschmack für das ferne Land wecken.

Fußnoten:

[1] Um möglichen Einwendungen zuvorzukommen: Swedenborg ging zwar von der lateinische Übersetzung des Straßburger Theologen Sebastian Schmid aus, aber er veränderte den Text stets in Richtung noch größerer Wörtlichkeit. Schon Schmid schloß sich möglichst an den Urtext an. zurück

[2] Die Zusatzinformation wird nur übernommen, wenn sie für die Übersetzung relevant ist. zurück

[3] In der lateinischen Übersetzung von Sebastian Schmid fand Swedenborg "posuitque pro cervicali suo". Schmid sah also offenbar die Beziehung des hebräischen Wortes zum Nackenbereich (cervix); Swedenborg gibt sie nicht auf, will aber noch näher an den Grundtext heran, wo eine Ableitung von rosch = Haupt (caput) steht.zurück

 
     
  veröffentlicht in: Offene Tore 5 (1995) 185-196