| |
Einleitung
Das Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen beleuchtet die Situation
des geistigen Menschen. Des Menschen also, der das Verlangen nach Wahrheit
- den Wissensdurst - in sich verspürt und Aufklärung über
die wesentlichen Lebensfragen sucht. Er begibt sich gewissermaßen
an den Brunnen Jakobs, d.h. zum göttlichen Offenbarungswort, um das
köstliche Naß der heilbringenden Wahrheit daraus zu schöpfen.
Die Offenbarung Gottes in den Religionen und ihrem Schrifttum wird ihm
zum Quellgrund seines Denkens und Wollens. Die Antwort der Religionen
stillt den Durst des neuerstandenen geistigen Lebens. Die ruhelose, von
Fragen und Ungewißheiten umgetriebene Seele fühlt erstmals
eine tiefe innere Befriedigung, die Erquickung aus der Quelle des Heils.
Das Gespräch des Heilands mit der Frau am Brunnen versinnbildlicht
das Verlangen des geistigen Menschen, seine Not und den Weg der Wandlung.
Das Verlangen in den Worten: "Herr, gib mir dieses Wasser." Die Not in
den Worten: "Fünf Männer hast du gehabt." Und den Weg der Wandlung
in den Worten: "Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im
Geist und in der Wahrheit anbeten." All diese Stationen wollen wir im
inneren Sinn nachvollziehen.
Gliederung und Ortsangabe
Das eigentliche Gespräch gliedert sich deutlich in drei Abschnitte:
a) das lebendige Wasser (7-15), b) das Männerproblem der Frau (16-18)
und c) die Anbetung im Geist und in der Wahrheit, verbunden mit dem Messiasbekenntnis
(19-26). Dem Gespräch geht eine Einleitung voran (1-6), welche die
Bedingungen angibt, unter denen es stattfindet. Uns interessiert hier
nur die Ortsangabe: Sychar in Samarien. Samarien bezeichnet die Heiden
(OE 483 und 537) und die geistige Kirche (HG 2792). Es mag auf den ersten
Blick verwunderlich erscheinen, daß Samarien sowohl die Heiden als
auch die geistige Kirche bezeichnet. Der Widerspruch löst sich aber,
wenn man bedenkt, daß die geistige Kirche in gewisser Hinsicht auch
heidnisch ist, denn der geistige Mensch ist ja noch nicht in dem Sinne
religiös, daß ihm die Religion eine Sache des Lebens wäre,
er neigt noch dazu, im Denken zu verharren, obwohl er natürlich weiß,
daß sein religiöses Wissen praktische Früchte tragen soll.
Wir werden dieser Problematik, die für das Verständnis des Gesprächs
nicht unwichtig ist, noch einmal im Zusammenhang mit Swedenborgs Deutung
der Wasserschöpfenden begegnen. Sychar ist mit dem alttestamentlichen
Sichem (Schechem) identisch (HG 4430)[1],
Damit erhalten wir eine Möglichkeit, den inneren Sinn von Sychar
aufzuschlüsseln. Wichtig ist, daß durch Sichem eine Verbindung
mit der Urkirche gegeben ist (HG 4493), also mit der Uroffenbarung Gottes,
dem Alten Wort. Sichem bezeichnet daher das innerlich Wahre aus göttlicher
Wurzel (HG 4399) oder die ersten Anfänge (prima rudimenta) der Lehre
(HG 4707, 4709, 4716). Die Selbstoffenbarung Christi - des göttlich
Wahren! - geschah also nicht von ungefähr ausgerechnet in Sychar.
Wichtige Entsprechungsbilder: Frau - Brunnen - Wasser
Die Frau bezeichnet die Kirche, die Frau aus Samarien die Kirche aus den
Heiden. Und da die Kirche als Gemeinschaft aus Menschen besteht, in denen
die Kirche als innerseelischer Faktor wirksam ist, bezeichnet die Frau
das Kirchliche im Menschen: die Hinneigung zum Guten, die Hingabe an das
Göttliche und Transzendente. Zugleich bezeichnet die Frau das Eigene
(das Ichgefühl) des äußeren Menschen. In der Frau berühren
sich daher die Extreme: eine ausgeprägte Eigenpersönlichkeit
auf der einen Seite und die Offenheit für das Transzendente, Irrationale
auf der anderen Seite. Unser Gespräch zeigt die Frau auch als Vermittlerin
zwischen Christus, dem göttlich Wahren, und den Männern in der
Stadt, dem systematisierten menschlich Wahren.
"Der Brunnen bedeutet das Wort im Buchstabensinn und daher das Wahre
der Lehre." (OE 537). Insbesondere der Brunnen Jakobs steht für das
Wort in seiner natürlichen Beschaffenheit; denn Jakob, der dritte
der drei Erzväter, bezeichnet den natürlichen Grad, in unserem
Zusammenhang die Außenseite des Wortes, die Offenbarung als Offenbarungsschrifttum.
Hier findet die erste Begegnung mit der lebendigen Wahrheit in Christus
statt, wobei Christus freilich noch unerkannt bleibt und sich erst nach
und nach zu erkennen geben kann. Der geistige Mensch und das Wort sind
eine untrennbare Einheit. Die Bezogenheit beider aufeinander wird in der
Weissagung Mose über Israel, dem geistigen Menschen, deutlich: "Israel
wird wohnen in Sicherheit, allein, an Jakobs Quell." (Dtn 33,28). Der
geistige Mensch, der nicht aus dem unmittelbaren Innewerden Gottes schöpfen
kann, braucht eine äußere Quelle, den ]akobsbrunnen. Das ist
die Situation unseres Gesprächs.
Das Wasser in diesem Brunnen ist die Wahrheit oder die Lehre, die man
aus dem Wort schöpfen kann.
Die Dialektik des Gesprächs: Brunnen und Quelle - Wasser und
lebendiges Wasser
Dem Gespräch ist eine Dialektik eigen, die zeigt, daß der Herr
den geistigen Menschen über sich selbst hinausführen will. Sie
besteht zwischen dem Wasser und dem lebendigen Wasser bzw. zwischen dem
Brunnen und der Quelle.
Beginnen wir mit dem Wasser. Daß die Wasserschöpfenden über
sich selbst hinausgeführt werden müssen, ergibt sich aus der
folgenden Bemerkung Swedenborgs: "Durch Wasserschöpfende wurden in
der Jüdischen Kirche diejenigen vorgebildet, die immerfort Wahrheiten
zu wissen begehren, aber um keines anderen Zweckes willen, als eben um
zu wissen, ohne sich um den Nutzen daraus zu kümmern." (HG 3058).
Das bloße Wortstudium, so berauschend es sein mag, darf nicht zum
Selbstzweck werden. Das bloße Kopfwissen stillt den Durst des Lebens
nicht dauerhaft. "Wer von diesem Wasser trinkt" - gemeint ist das von
außen erworbene Offenbarungswissen - "wird wieder Durst bekommen."
Dem erworbenen Wissen (scientifica) stehen höhere Grade der Einweihung
gegenüber, die Christus dem Dürstenden aufschließen will.
Deswegen muß er den steten Gang zum Brunnen, den Selbstlauf des
geistigen Menschen, unterbrechen. Er tut dies mit der Konfrontation am
Jakobsbrunnen. Sein Gegenangebot: "Wer von dem Wasser trinkt, das ich
ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser,
das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges
Leben schenkt." Dem selbstgeschöpften (selbstintendierten) Wasser
der Frau steht das lebendige Wasser Christi gegenüber: Die Erleuchtung
aus dem heiligen Geist[2]. Klar
und unmißverständlich wird das Wesen des lebendigen Wassers
Joh 7,38f enthüllt: "Wer an mich glaubt, von dem sagt die Schrift,
daß aus seinem Innern[3] Ströme
lebendigen Wassers fließen werden. Damit meinte er den Geist, den
alle empfangen sollten, die an ihn glauben." Das lebendige Wasser ist
der Geist. Schon im Alten Testament wird die Ausgießung des Geistes
verheißen und mit der Wassersymbolik in Verbindung gebracht: "Denn
ich gieße Wasser auf den dürstenden Boden, rieselnde Bäche
auf das trockene Land. Ich gieße meinen Geist über deine Nachkommen
aus und meinen Segen über deine Kinder." (Jes 44,3; vgl. auch Ev
I.26.3). Auch die berühmte Stelle Joel 3,1 verwendet das Verb "ausgießen"
für die Gabe des Geistes, also ein Wort aus dem Bereich des Wassers.
Das lebendige Wasser wird auch sonst einige Male in der Heiligen Schrift
erwähnt. Die folgenden Bibelstellen sollen in den Bedeutungsreichtum
dieses Bildes einführen: "Und die Knechte Isaaks gruben in dem Bachtal
und fanden dort einen Brunnen lebendigen Wassers." (Gen 26,19). Der Brunnen
lebendiger Wasser bezeichnet das Wort im Buchstabensinn, in dem jedoch
ein innerer Sinn enthalten ist, um dessentwillen das Wasser lebendig genannt
wird (vgl. HG 3424). "Das Lamm, das inmitten des Thrones ist, wird sie
weiden, und zu lebendigen Quellen der Wasser leiten." (0ffb 7, 17). Das
Bild erinnert an den 23. Psalm. Weiden steht für unterrichten. "Ich
werde dem Dürstenden geben aus der Quelle des Lebenswassers umsonst."
(0ffb 21, 6). Die Quelle des Lebenswassers bezeichnet den Herrn und das
Wort; umsonst geben bedeutet: aus dem Herrn und nicht aus irgendeiner
eigenen Einsicht des Menschen (EO 889). "Und er zeigte mir einen reinen
Strom von Lebenswasser; glänzend wie Kristall, ausgehend vom Thron
Gottes und des Lammes." (0ffb 22, 1). Der Strom von Lebenswasser bezeichnet
das göttlich Wahre im Überfluß; glänzend wie Kristall
bedeutet durchscheinend aus dem lichtvollen geistigen Sinn (vgl. EO 932).
Das Bild des vom Heiligtum ausgehenden Lebenswassers stammt aus dem AT.
Ich möchte es näher beleuchten: Immerhin heißt es auch
von den Gläubigen, daß aus ihrem Inneren Ströme lebendigen
Wassers fließen werden. Schon in der Erzählung vom Paradies
lesen wir: "Ein Strom entspringt in Eden (= Üppigland, nach Martin
Buber), der den Garten bewässert" (Gen 2,10). Zuvor heißt es,
Eden liege im Osten, was auf den Herrn und somit auf das Heiligtum hindeutet.
Ezechiel berichtet im Zusammenhang mit seiner Vision einer neuen Kirche
von einer Tempelquelle: "Und er brachte mich zurück an den Eingang
des Tempels. Und siehe, Wasser kamen heraus unter der Schwelle des Tempels
gegen Osten" (Ez 47,1). Die Wasser werden dann zu einem Strom, der Leben
spendet: "Und geschehen wird, daß jegliche lebendige Seele, die
da kreucht, wohin die Bäche kommen, lebt" (Ez 47,9). Die sich ergießenden
Wasser bezeichnen den Einfluß des Guten und Wahren, aus dem alles
lebt. Die deutlichste Parallele zu Offb 22,1 finden wir bei Sacharja:
"Und es geschieht an jenem Tag, daß lebendige Wasser ausgehen von
Jerusalem" (Sach 14,8). Jerusalem steht für die reine Licht- und
Lebenslehre, die ihren Anhängern das köstliche Naß der
Einsicht in die großen Lebenszusammenhänge gewährt.
Nun zum Brunnen und zur Quelle! Zum Unterschied zwischen den beiden Begriffsanwendungen
bemerkt Swedenborg: "Das Wort wird bekanntlich 'Quelle' genannt, und zwar
'Quelle lebendiger Wasser'. Es wird aber auch 'Brunnen' genannt, weil
es nämlich hinsichtlich des Buchstabensinns wie ein Brunnen beschaffen
ist und zudem für die geistigen Menschen keine Quelle, sondern lediglich
ein Brunnen ist." (HG 3424). Wenn also vom Brunnen die Rede ist,
dann betrachten wir das Wort mit Blick auf den geistigen Menschen und
sein noch recht äußerliches Verständnis. Gerne nimmt er
die Schale für den Kern, klebt an Vorstellungen und dringt nicht
zur sprudelnden Quelle durch. Swedenborg schreibt weiter: "Die Quelle
ist das reine Wahre, der Brunnen aber das weniger reine Wahre." (HG 3096
und 3765). Verunreinigt wird die Wahrheitserkenntnis durch die Bilder
aus der Sinnenwelt, die das Himmelslicht trüben. Der geistige Mensch
ist der Sinnenwelt noch verbundener; er ist noch nicht eigentlich erlöst.
Alles in allem steht der Brunnen für die Gotteserkenntnis des geistigen
Menschen, die Quelle hingegen für die des himmlischen Menschen (vgl.
HG 2792). Weiter gilt, daß der geistige Mensch am Wort festhält,
während der himmlische Mensch seinen Blick zum Geber des Wortes richtet.
Ihm wird klar: "Du, Herr, bist die Hoffnung Israels, die Quelle des lebendigen
Wassers." (Jer 17,13; vgl. auch Jer 2,13). Das Wort, so notwendig es ist,
ist nur eine Vorspiegelung Gottes. Im Schatten des Wortes sieht der himmlische
Mensch die eigentliche Licht- und Lebensquelle, die göttliche Sonne.
Er hat alle groben Scheinbarkeiten überwunden und das Wesen des Wahren
(Christus) erfaßt.
Überleitung zur Frage nach dem Mann
Der Herr will die natürliche Schöpftätigkeit (das Wissensammeln)
der Frau (des äußeren Menschen) transzendieren, d.h. von der
Bindung an die Sinnenwelt befreien. Dem Brunnenwasser (Gehirnwissen) steht
das lebendige Wasser (Herzwissen) gegenüber. Typisch ist übrigens,
daß die Frau das von Jesus angebotene Lebenswasser die ganze Zeit
über im Sinne ihres Brunnenwassers versteht. Lebendiges Wasser bedeutet
für sie nichts anderes als fließendes Wasser bzw. Quellwasser.
Das materielle Denken der Frau, das vergleichsweise unrein ist (daher
Brunnen statt Quelle, s.o.), soll aber in ein geistiges umgewandelt werden.
Die beiden Denkarten charakterisiert Swedenborg wie folgt: "Geistig denken
heißt, die Dinge selbst oder als solche denken, das Wahre aus dem
Licht des Wahren sehen und das Gute aus der Liebe zum Guten wahrnehmen,
ferner die Beschaffenheit der Dinge sehen und ihre innere Bewegtheit (affectiones)
wahrnehmen, unabhängig von der Materie (abstracte a materia). Hingegen
bedeutet materiell denken, dies alles zusammen mit der Materie und in
der Materie denken, sehen und wahrnehmen, somit vergleichsweise grob und
dunkel." (NJ 39). Das Denken aus dem Brunnen soll zu einem Denken aus
der Quelle werden. Aber wie soll das geschehen? Wie kann die Frau vom
Selbstlauf ihres Wesens, der Reproduktion des Immergleichen aus dem eigenen
Wesen, befreit werden? Wie dazu gebracht werden, ihren Wasserkrug stehen
zu lassen (der in Vers 28 vollzogene Schritt), weil sie nun Christus,
die lebendige Wahrheit, gefunden hat und des irdenen Kruges nicht mehr
bedarf? Jeder, der den Durst nach Wahrheit kennt und sich am Brunnen des
Heils erquickt hat, wird hierin die ihn wesentlich berührende Frage
erkennen. Das Verlangen nach dem neuen, lebendigen Wasser ist vorhanden:
"Herr, gib mir dieses Wasser", bittet die Frau, aber was mit diesem Wasser
gemeint ist, begreift sie noch nicht. Deswegen kann es ihr noch nicht
gegeben werden, denn die Erkenntnis der Gabe wäre zugleich schon
ihr Empfang. Das Gespräch scheint an einem toten Punkt angelangt.
Jesus spricht von geistigen Gaben, die Frau versteht natürliche.
Die Verhaftung seiner Zuhörerschaft im natürlichen Welt- und
Verstehensgefüge ist ein typisches Problem des johanneischen Christus;
vgl. Joh 3,4; 6,52; 7,35; 8,22 und 57, usw. Und hier: Die Existenz eines
wie auch immer gearteten geistigen Wassers konnte der Frau bewußt
gemacht werden, aber sie will damit den natürlichen Wissensdurst
ihres äußeren Menschen befriedigen.
Der Mann und die fünf Männer
Wie hilft Jesus ihr über diesen toten Punkt hinweg? Er gibt dem Gespräch
eine unerwartete und zunächst schwer verständliche Wendung:
"Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her!" Diese Aufforderung ist
sicherlich nicht nur eine Demonstration der Allwissenheit des Herrn, obwohl
er selbstverständlich schon im vornherein weiß, daß die
Frau gerade dieser Aufforderung nicht nachkommen kann. Seine Allwissenheit
hätte der Herr auch auf andere Weise demonstrieren können. Wieso
verwendet er ausgerechnet den Ruf nach dem Mann? Der Mann bezeichnet im
inneren Sinn das Verständige - jedenfalls beim geistigen Menschen,
von dem hier ja die Rede ist. Das geistige Verständnis fehlt. "0
Weib, du bist überaus dumm", sagt der lorbersche Jesus (Ev
I.26.11). "Dumm" ist aus dem althochdeutschen Wort "tumb" entstanden,
das "töricht", "stumm", "rauh" und "stumpfsinnig" bedeutete. So gesehen
ist "dumm" die treffendste Zustandsbeschreibung. Der äußere
Mensch hat kein Gehör für die Stimme des Geistes. Er ist taub
und stumpfsinnig, verhält sich töricht und bringt kein vernünftiges
Wort hervor. Klar, daß Jesus das höhere Verständnis (den
Mann) herbeibemühen will. Doch der innere und der äußere
Mensch sind nicht verbunden. "Fünf Männer hat du gehabt, und
der, den du jetzt hast[4], ist nicht
dein Mann." Die fünf Männer bezeichnen das Wissen des äußeren
Menschen. Fünf bedeutet in der Regel "wenig" (HG 649), allerdings
sind auch andere Deutungen möglich (z.B. die Überreste, HG 5291;
viel, wenn etwas multipliziert wird, wie HG 5956, 9102; alle Dinge eines
Teils, HG 9604). Der Zusammenhang entscheidet. Hier, meine ich, muß
man fünf als das relativ bescheidene und beschränkte Wissen
des äußeren Menschen verstehen. Da zehn die Überreste
im inneren Menschen sind, könnten fünf die Überreste im
äußeren Menschen sein. Diese Formulierung existiert bei Swedenborg
allerdings nicht. Sie soll nur zum Ausdruck bringen, daß das Wissen
des äußeren Menschen aus dem Schriftstudium mit den Üherresten
in einer entfernten Verbindung steht und ihnen als Brücke der Bewußtwerdung
dienen kann. Augustin und Meister Eckehart, der dem Kirchenvater in dieser
Frage folgt, sehen in den fünf Männern die fünf Sinne:
"Die fünf Männer, das sind die fünf Sinne; die haben dich
(Weib) in deiner Jugend ganz nach ihrem Willen und ihrem Gemüt besessen.
Nun hast du einen in deinem Alter, der aber ist nicht dein: das ist deine
Vernunft, der folgst du nicht." (EQ 392,25-29). Lorber erzählt, wie
die Frau ihrer fünf Männer verlustig wurde: "Denn sieh, Meine
Liebe, fünf Männer hast du bereits gehabt, und da deine Natur
ihrer Natur nicht entsprach, so wurden sie bald krank und starben; denn
über ein Jahr hielt es keiner aus mit dir. In deinem Leibe ist ein
arges Gewürm, und wer mit dir zu tun bekommt, der wird von deinem
Gewürm bald getötet." (Ev I.27.2). Das arge Gewürm bezeichnet
die unreine Triebsphäre. Der geistige Mensch hat zwar den Verstand
über seinen Willen erhoben, damit ist die Triebsphäre aber nur
gezügelt, nicht wiedergeboren. Das arge Gewürm wirkt als verdrängter
Inhalt im Unterbewußtsein (der Natur) und entkräftet das angeeignete
Religionswissen (die fünf Männer), denn das äußere
Wissen ist totes Wissen (eben kein lebendiges Wasser) und somit viel zu
schwach, um der starken Natur der Frau widerstehen zu können. Heilen
kann nur der Herr durch den inneren Menschen, mit dem steht die Frau aber
nicht in Verbindung. Damit ist die Not der Frau aufgedeckt.
Die Anbetung im Geist und in der Wahrheit
Der Einsicht in die Not folgt naturgemäß die Bitte um Hilfe.
Der 19. Vers, der vom zweiten zum dritten Abschnitt überleitet, lautet
in der lorberschen Neuoffenbarung des Gesprächs: "Herr, ich sehe,
daß du ein Prophet bist! Da du so viel weißt, so weißt
du vielleicht auch, was mir hülfe!?" (Ev I.27.3). Die Einsicht, daß
der Herr ein Prophet - ein Verkündiger und Ausleger der göttlichen
Offenbarung - ist, veranlaßt die Frau, ihn um Hilfe zu bitten. Einen
ähnlichen Zusammenhang vermutet Hoskyns: "Da es das Werk des Propheten
sei, auch den Ort der Vergebung zu bestimmen, bäte sie (die Frau)
ihn, den wahren Ort des Gottesdienstes anzugeben." (nach Schnackenburg
469). Hilfe kann nur von Gott kommen - soviel ist dem geistigen Menschen
klar -, aber wo kann man ihn anbeten? Die Frage nach dem Ort ist im geistigen
Sinne die Frage nach dem Zustand. Die Frau legt dem Propheten die alte
Streitfrage zwischen Samariern und Juden vor: "Unsere Väter haben
auf diesem Berg Gott angebetet, ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte;
wo man anbeten muß." Im geistigen Gesichtsfeld der Frau erscheint
eine Zweiheit. Da, wo der himmlische Mensch nur eines wahrnimmt, sieht
der geistige Mensch zwei, denn er befindet sich noch im Zwiespalt eines
gewissen Kampfes. Die Polarität von Liebe und Weisheit ist noch nicht
überwunden. Garizim oder Jerusalem?, lautet die Entweder-oder-Frage
der Frau, Berg oder Stadt? Der Berg entspricht der Liebe, hier der Liebe
des geistigen Menschen, also dem tätigen Liebeseinsatz oder der inneren
Erhebung des ideellen, an geistigen Werten orientierten Handelns. Jerusalem,
die Stadt der Städte, ist die göttliche Lehre als himmlische
Gabe. Halten wir also fest: Der geistige Mensch denkt in polaren Begriffen,
polarisiert das Ganze und gerät daher in Streit. Die Aufhebung der
Gegensätze auf einer höheren Ebene, das mysterium unitatis,
kennt er nicht. Aber noch etwas ist wichtig, Jesu Antwort: "Gott ist Geist",
sie weist auf die hintergründige Wirklichkeit des Seins, das
in vordergründigen Begriffswelten nicht faßbar ist. Damit erkennen
wir ein weiteres Manko des geistigen Menschen. Nicht nur die Polarität
seiner Weltordnung hindert ihn, die Einheit des Seins zu erfahren, auch
die Vordergründigkeit seiner Begriffsschablonen verwehrt ihm den
Zugang zum Hintergrund des Seins. Der geistige Mensch läßt
sich nur allzu leicht vom Jetztzustand seiner Vorstellungsbilder gefangennehmen,
zumal wenn die Verbindung mit dem inneren Menschen und der sprudelnden
Wahrheitsquelle noch nicht hergestellt ist. Die Bilder oder Gedanken des
äußeren Menschen, auch wenn sie aus dem Gotteswort begründet
sein sollten, sind immer nur Annäherungen an die eigentliche, unergründliche
Wahrheit. Wer Bilder festhält und womöglich fanatisch verteidigt,
bringt sich um seine innere Entwicklung.
Die Hilfe kann nur darin bestehen, die Geistigkeit Gottes wahrhaft zu
erkennen, den Geisthauch Gottes wahrhaft zu spüren. Wer ihn gespürt
hat, ist vom inneren Wahren berührt, ist geheilt und kann das Wahre
nun endlich verwirklichen, denn die hohlen Bilder des Verstandes haben
keine Wirkkraft in sich, erst der Reichtum aus dem Geisthauch Gottes kräftigt
das innere Leben und bahnt ihm die Wege nach außen. Der Herr sagt:
"Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt da, in der die wahren Anbeter
den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden; denn der Vater
will es, daß die Menschen ihn also anbeten sollen; Gott ist Geist,
und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!"
Das "schon jetzt" weist auf Jesus Christus, den Prototyp der neuen Gottesverehrung.
Da aber die Möglichkeiten der inneren Entwicklung, die Jesus Christus
uns eröffnet hat, noch nicht erkannt worden sind, was wesentlich
mit der verunglückten Gotteslehre zusammenhängt, kommt die Zeit
der Realisierung dieser Möglichkeiten erst noch, und zwar in der
neuen Kirche. "Gott ist Geist", daher kann die eigentliche, gottgemäße
Anbetung auch nur im Geist des Menschen erfolgen und daselbst in der lichtvollen
Wahrheit aus Gott. Mit der "Anbetung im Geist und in der Wahrheit" ist
die Aufnahme des göttlichen (= heiligen) Geistes in den Geist des
Menschen, die Seele, gemeint, die ja ein "organum recipiens Dei" (ein
gottaufnehmendes Organ; WCR 34) und somit der eigentliche Tempel Gottes
ist. Jesus will also die innere Anbetung im Unterschied zur äußeren,
kultisch-zeremoniell gebundenen als die eigentlich gottgemäße
herausstellen. Natürlich läuft in dieser Welt alles unter einer
gewissen Form, Zeremonie genannt, ab. Aber nicht die Form ist das Wesentliche,
sondern ihr Inhalt. Überall, wo ein gottliebendes Herz ist, ist auch
Gott und der wahre Gottesdienst. Diese Feststellung darf nicht verwässert
und entwertet werden. Es darf nicht zu einer nachträglichen Wiederaufwertung
der Formen kommen. Jesus Christus ist gekommen, um die Vorbildungen abzuschaffen
und anstelle des toten den lebendigen Gottesdienst zu begründen.
Daß die Gefahr der Überbetonung der Form trotz der deutlichen
Worte Jesu im Christentum gegeben ist, zeigt mir die Geschichte des Katholizismus.
Kaum war das Heidentum durch die eine Pforte hinausgetrieben, kam es in
christlicher Verkleidung durch die andere Pforte wieder herein. Nach Schnackenburg
(471) soll sich "ein spiritualistisches Verständnis" der Anbetung
im Geist ist und in der Wahrheit, "als wolle Jesus dem äußeren
Kultort eine rein innerliche, im Geist des Menschen erfolgende Gottesverehrung
gegenüberstellen" verbieten. Der äußere Mensch hat eine
Vorliebe für das sinnlich Faßbare, er möchte Gott dingfest
machen, vergißt dabei aber, daß der "Geist weht wo er will".
Heutzutage besteht wieder die Gefahr der Veräußerlichung und
somit des Verrats (im Sinne der Auslieferung an die Mächte der Weit)
am Christentum. Bezeichnend für diese Situation ist z.B. die Anmerkung
der Einheitsübersetzung der HI. Schrift zu Luk 17,21. Als Übersetzung
erhält der Leser die Worte: "Das Reich Gottes ist (schon) mitten
unter euch." In der Anmerkung steht: "Andere Übersetzungsmöglichkeiten:
Das Reich Gottes ist (eines Tages plötzlich) unter euch da. Oder:
Das Reich Gottes ist in euch. - Gegen die zweite Möglichkeit spricht,
daß die Evangelien das Wirken Gottes im Innern des Menschen nicht
als 'Reich Gottes' bezeichnen." Vielleicht bezeichnen die Evangelien das
Wirken Gottes im Innern des Menschen eben doch als "Reich Gottes", nämlich
ausdrücklich an dieser Stelle! Nur, dazu müßte man sie
entsprechend übersetzen. Stattdessen ersetzt das ferne Eschaton die
nahe Wirklichkeit des Geistes und des Geistwirkens Gottes. Zwar läßt
sich das griechische "entos hymon" sowohl mit "inwendig in euch" als auch
mit "mitten unter euch" übersetzen, aber bezeichnend ist eben, daß
man sich für die zweite, gesellschaftsbezogene Möglichkeit entscheidet.
Luther und Swedenborg dagegen entschieden sich eindeutig für das
im Sinne Schnackenburgs "spiritualistische Verstandnis" der Stelle. Ich
möchte mit diesen Äußerungen nur belegen, wie sehr die innere
Anbetung gerade heute, im Zeitalter der Politisierung und Vergesellschaftung
des Christentums, in Gefahr steht, als unchristlich zu gelten. Die neue
Kirche und ihre Körperschaft könnten hier ein Gegengewicht bilden,
denn das Bewußtsein vom inneren, spirituellen Sinn befreit das Christentum
und die Theologie aus der Bindung an die Weltmächte - heute ist es
der Geist der Objektivierung, der in Form der historisch-kritischen Methode
die Theologen beherrscht. Die historische Theologie sagt: Gott ist Geschichte.
Wenn Christentum wieder als Lebenshilfe erlebt werden soll, dann müssen
wir die frohe, weil befreiende Botschaft: "Gott ist Geist und die ihn
anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten" neu hören
lernen.
Die Offenbarung des inneren Lichts
Christus in der griechischen und Messias in der hebräischen Sprache
bedeuten einen Gesalbten. Der Gesalbte ist zugleich König, und da
das Königtum oder die Herrschaft dem göttlich Wahren zugeschrieben
wird, bedeutet Christus im Grunde das göttlich Wahre (vgl. OE 375
und 684; HG 9954, EO 520 und 779; zur Bedeutung Christi als des göttlich
Wahren vgl. HG 3004-3011). Interessant ist der Bedeutungsbogen vom Gesalbten
zum göttlich Wahren. Gesalbt wurde mit Öl, und Öl entspricht
der Liebe, somit korrespondiert der Gesalbte mit der göttlichen Liebe.
Zugleich ist dieser Gesalbte aber auch das göttliche Wahre. Darin
ist folgendes Geheimnis enthalten: Christus vereinigte in seiner Wesenheit
das göttlich Wahre mit dem göttlich Guten, so daß sie
fortan in der Menschenwelt nicht mehr als zwei, sondern als eines wirken
können. Da das göttliche Gute oder die Liebe zugleich das Leben
der Dinge ist, bedeutet dieser Vorgang auch die Belebung der Totgeburten
und somit die Erlösung aus der Macht des Todes. Dieser Prozeß
wird - bezogen auf den Heiland - die Verherrlichung (des Wahren durch
das Gute) genannt. Christus ist also, wenn man von der Person absieht
und auf das Wesen schaut - und eben das tun die Engel des Himmels - eine
neue Dimension der Wahrheitserkenntnis. In Christus erweist sich das Licht
als Sohn der Flamme. Der Wissensimport von der Außenwelt ist daher
im Prinzip überwunden. Johannes, "die Stimme eines Rufers in der
Wüste" oder der geläuterte Weltverstand, hat sein Haupt verloren.
Christus, das Licht aus der Liebe, ist erschienen. Wenn die Frau am Jakobsbrunnen
zum Schluß sagt: "Ich weiß, daß der Messias kommt, der
da Christus heißt"; und von diesem Christus sagt: "er wird uns alles
verkündigen (oder lehren)" und Jesus ihr daraufhin sagt: "Ich bin's,
der mit dir redet", dann ist damit genau dies gemeint: die innerste und
somit reinste Form der Wahrheitserkenntnis. Die Frau, die anfangs aus
dem Brunnen des äußeren Gottwortstudiums ihr Wasser schöpfte,
hat nun in Christus den inneren Quell des Lichtes erkannt, der ihr alles
verkündigen und daher ihren Durst wahrhaft stillen wird. "Denn bei
Dir ist des Lebens (wahre) Quelle, in Deinem Lichte sehen wir das Licht."
(Ps 36,10).
Fußnoten:
[1] Die modernen Kommentare sprechen
sich allerdings gegen diese Gleichsetzung aus: "Eine Verschreibung für
Sichem, wie sie schon Hieronymus annahm, ist nicht wahrscheinlich, da
eine Verdrängung dieses alten biblischen Ortes durch Sychar unverständlich
bliebe." Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium I. Teil (1979),
S.458. zurück
[2] Nach Lorber ist das lebendige Wasser
a) die Demut des Herrn und b) die Erkenntnis Gottes und des ewigen Lebens
aus Gott (vgl. Ev I.26.8f). zurück
[3] "He keulia" bez. ursprünglich
die Leibeshöhle (von keulos = hohl) und im übertragenen Sinne
das Geheimste, weil Innerste im Menschen. Joh 7,38 kann auch übersetzt
werden: ganz innen aus ihm heraus werden Ströme lebendigen Wassers
fließen, (nach Bauer). zurück
[4] Nach Lorber ein Arzt! zurück
|
|