schriften thomas noack
  Du bist des Lebens wahre Quelle:
Jesu Gespräch mit der Samarierin (Joh 4,1-26)

Thomas Noack
 
 

Einleitung
Das Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen beleuchtet die Situation des geistigen Menschen. Des Menschen also, der das Verlangen nach Wahrheit - den Wissensdurst - in sich verspürt und Aufklärung über die wesentlichen Lebensfragen sucht. Er begibt sich gewissermaßen an den Brunnen Jakobs, d.h. zum göttlichen Offenbarungswort, um das köstliche Naß der heilbringenden Wahrheit daraus zu schöpfen. Die Offenbarung Gottes in den Religionen und ihrem Schrifttum wird ihm zum Quellgrund seines Denkens und Wollens. Die Antwort der Religionen stillt den Durst des neuerstandenen geistigen Lebens. Die ruhelose, von Fragen und Ungewißheiten umgetriebene Seele fühlt erstmals eine tiefe innere Befriedigung, die Erquickung aus der Quelle des Heils. Das Gespräch des Heilands mit der Frau am Brunnen versinnbildlicht das Verlangen des geistigen Menschen, seine Not und den Weg der Wandlung. Das Verlangen in den Worten: "Herr, gib mir dieses Wasser." Die Not in den Worten: "Fünf Männer hast du gehabt." Und den Weg der Wandlung in den Worten: "Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten." All diese Stationen wollen wir im inneren Sinn nachvollziehen.

Gliederung und Ortsangabe
Das eigentliche Gespräch gliedert sich deutlich in drei Abschnitte: a) das lebendige Wasser (7-15), b) das Männerproblem der Frau (16-18) und c) die Anbetung im Geist und in der Wahrheit, verbunden mit dem Messiasbekenntnis (19-26). Dem Gespräch geht eine Einleitung voran (1-6), welche die Bedingungen angibt, unter denen es stattfindet. Uns interessiert hier nur die Ortsangabe: Sychar in Samarien. Samarien bezeichnet die Heiden (OE 483 und 537) und die geistige Kirche (HG 2792). Es mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, daß Samarien sowohl die Heiden als auch die geistige Kirche bezeichnet. Der Widerspruch löst sich aber, wenn man bedenkt, daß die geistige Kirche in gewisser Hinsicht auch heidnisch ist, denn der geistige Mensch ist ja noch nicht in dem Sinne religiös, daß ihm die Religion eine Sache des Lebens wäre, er neigt noch dazu, im Denken zu verharren, obwohl er natürlich weiß, daß sein religiöses Wissen praktische Früchte tragen soll. Wir werden dieser Problematik, die für das Verständnis des Gesprächs nicht unwichtig ist, noch einmal im Zusammenhang mit Swedenborgs Deutung der Wasserschöpfenden begegnen. Sychar ist mit dem alttestamentlichen Sichem (Schechem) identisch (HG 4430)[1], Damit erhalten wir eine Möglichkeit, den inneren Sinn von Sychar aufzuschlüsseln. Wichtig ist, daß durch Sichem eine Verbindung mit der Urkirche gegeben ist (HG 4493), also mit der Uroffenbarung Gottes, dem Alten Wort. Sichem bezeichnet daher das innerlich Wahre aus göttlicher Wurzel (HG 4399) oder die ersten Anfänge (prima rudimenta) der Lehre (HG 4707, 4709, 4716). Die Selbstoffenbarung Christi - des göttlich Wahren! - geschah also nicht von ungefähr ausgerechnet in Sychar.

Wichtige Entsprechungsbilder: Frau - Brunnen - Wasser
Die Frau bezeichnet die Kirche, die Frau aus Samarien die Kirche aus den Heiden. Und da die Kirche als Gemeinschaft aus Menschen besteht, in denen die Kirche als innerseelischer Faktor wirksam ist, bezeichnet die Frau das Kirchliche im Menschen: die Hinneigung zum Guten, die Hingabe an das Göttliche und Transzendente. Zugleich bezeichnet die Frau das Eigene (das Ichgefühl) des äußeren Menschen. In der Frau berühren sich daher die Extreme: eine ausgeprägte Eigenpersönlichkeit auf der einen Seite und die Offenheit für das Transzendente, Irrationale auf der anderen Seite. Unser Gespräch zeigt die Frau auch als Vermittlerin zwischen Christus, dem göttlich Wahren, und den Männern in der Stadt, dem systematisierten menschlich Wahren.

"Der Brunnen bedeutet das Wort im Buchstabensinn und daher das Wahre der Lehre." (OE 537). Insbesondere der Brunnen Jakobs steht für das Wort in seiner natürlichen Beschaffenheit; denn Jakob, der dritte der drei Erzväter, bezeichnet den natürlichen Grad, in unserem Zusammenhang die Außenseite des Wortes, die Offenbarung als Offenbarungsschrifttum. Hier findet die erste Begegnung mit der lebendigen Wahrheit in Christus statt, wobei Christus freilich noch unerkannt bleibt und sich erst nach und nach zu erkennen geben kann. Der geistige Mensch und das Wort sind eine untrennbare Einheit. Die Bezogenheit beider aufeinander wird in der Weissagung Mose über Israel, dem geistigen Menschen, deutlich: "Israel wird wohnen in Sicherheit, allein, an Jakobs Quell." (Dtn 33,28). Der geistige Mensch, der nicht aus dem unmittelbaren Innewerden Gottes schöpfen kann, braucht eine äußere Quelle, den ]akobsbrunnen. Das ist die Situation unseres Gesprächs.

Das Wasser in diesem Brunnen ist die Wahrheit oder die Lehre, die man aus dem Wort schöpfen kann.

Die Dialektik des Gesprächs: Brunnen und Quelle - Wasser und lebendiges Wasser
Dem Gespräch ist eine Dialektik eigen, die zeigt, daß der Herr den geistigen Menschen über sich selbst hinausführen will. Sie besteht zwischen dem Wasser und dem lebendigen Wasser bzw. zwischen dem Brunnen und der Quelle.

Beginnen wir mit dem Wasser. Daß die Wasserschöpfenden über sich selbst hinausgeführt werden müssen, ergibt sich aus der folgenden Bemerkung Swedenborgs: "Durch Wasserschöpfende wurden in der Jüdischen Kirche diejenigen vorgebildet, die immerfort Wahrheiten zu wissen begehren, aber um keines anderen Zweckes willen, als eben um zu wissen, ohne sich um den Nutzen daraus zu kümmern." (HG 3058). Das bloße Wortstudium, so berauschend es sein mag, darf nicht zum Selbstzweck werden. Das bloße Kopfwissen stillt den Durst des Lebens nicht dauerhaft. "Wer von diesem Wasser trinkt" - gemeint ist das von außen erworbene Offenbarungswissen - "wird wieder Durst bekommen." Dem erworbenen Wissen (scientifica) stehen höhere Grade der Einweihung gegenüber, die Christus dem Dürstenden aufschließen will. Deswegen muß er den steten Gang zum Brunnen, den Selbstlauf des geistigen Menschen, unterbrechen. Er tut dies mit der Konfrontation am Jakobsbrunnen. Sein Gegenangebot: "Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt." Dem selbstgeschöpften (selbstintendierten) Wasser der Frau steht das lebendige Wasser Christi gegenüber: Die Erleuchtung aus dem heiligen Geist[2]. Klar und unmißverständlich wird das Wesen des lebendigen Wassers Joh 7,38f enthüllt: "Wer an mich glaubt, von dem sagt die Schrift, daß aus seinem Innern[3] Ströme lebendigen Wassers fließen werden. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben." Das lebendige Wasser ist der Geist. Schon im Alten Testament wird die Ausgießung des Geistes verheißen und mit der Wassersymbolik in Verbindung gebracht: "Denn ich gieße Wasser auf den dürstenden Boden, rieselnde Bäche auf das trockene Land. Ich gieße meinen Geist über deine Nachkommen aus und meinen Segen über deine Kinder." (Jes 44,3; vgl. auch Ev I.26.3). Auch die berühmte Stelle Joel 3,1 verwendet das Verb "ausgießen" für die Gabe des Geistes, also ein Wort aus dem Bereich des Wassers. Das lebendige Wasser wird auch sonst einige Male in der Heiligen Schrift erwähnt. Die folgenden Bibelstellen sollen in den Bedeutungsreichtum dieses Bildes einführen: "Und die Knechte Isaaks gruben in dem Bachtal und fanden dort einen Brunnen lebendigen Wassers." (Gen 26,19). Der Brunnen lebendiger Wasser bezeichnet das Wort im Buchstabensinn, in dem jedoch ein innerer Sinn enthalten ist, um dessentwillen das Wasser lebendig genannt wird (vgl. HG 3424). "Das Lamm, das inmitten des Thrones ist, wird sie weiden, und zu lebendigen Quellen der Wasser leiten." (0ffb 7, 17). Das Bild erinnert an den 23. Psalm. Weiden steht für unterrichten. "Ich werde dem Dürstenden geben aus der Quelle des Lebenswassers umsonst." (0ffb 21, 6). Die Quelle des Lebenswassers bezeichnet den Herrn und das Wort; umsonst geben bedeutet: aus dem Herrn und nicht aus irgendeiner eigenen Einsicht des Menschen (EO 889). "Und er zeigte mir einen reinen Strom von Lebenswasser; glänzend wie Kristall, ausgehend vom Thron Gottes und des Lammes." (0ffb 22, 1). Der Strom von Lebenswasser bezeichnet das göttlich Wahre im Überfluß; glänzend wie Kristall bedeutet durchscheinend aus dem lichtvollen geistigen Sinn (vgl. EO 932). Das Bild des vom Heiligtum ausgehenden Lebenswassers stammt aus dem AT. Ich möchte es näher beleuchten: Immerhin heißt es auch von den Gläubigen, daß aus ihrem Inneren Ströme lebendigen Wassers fließen werden. Schon in der Erzählung vom Paradies lesen wir: "Ein Strom entspringt in Eden (= Üppigland, nach Martin Buber), der den Garten bewässert" (Gen 2,10). Zuvor heißt es, Eden liege im Osten, was auf den Herrn und somit auf das Heiligtum hindeutet. Ezechiel berichtet im Zusammenhang mit seiner Vision einer neuen Kirche von einer Tempelquelle: "Und er brachte mich zurück an den Eingang des Tempels. Und siehe, Wasser kamen heraus unter der Schwelle des Tempels gegen Osten" (Ez 47,1). Die Wasser werden dann zu einem Strom, der Leben spendet: "Und geschehen wird, daß jegliche lebendige Seele, die da kreucht, wohin die Bäche kommen, lebt" (Ez 47,9). Die sich ergießenden Wasser bezeichnen den Einfluß des Guten und Wahren, aus dem alles lebt. Die deutlichste Parallele zu Offb 22,1 finden wir bei Sacharja: "Und es geschieht an jenem Tag, daß lebendige Wasser ausgehen von Jerusalem" (Sach 14,8). Jerusalem steht für die reine Licht- und Lebenslehre, die ihren Anhängern das köstliche Naß der Einsicht in die großen Lebenszusammenhänge gewährt.

Nun zum Brunnen und zur Quelle! Zum Unterschied zwischen den beiden Begriffsanwendungen bemerkt Swedenborg: "Das Wort wird bekanntlich 'Quelle' genannt, und zwar 'Quelle lebendiger Wasser'. Es wird aber auch 'Brunnen' genannt, weil es nämlich hinsichtlich des Buchstabensinns wie ein Brunnen beschaffen ist und zudem für die geistigen Menschen keine Quelle, sondern lediglich ein Brunnen ist." (HG 3424). Wenn also vom Brunnen die Rede ist, dann betrachten wir das Wort mit Blick auf den geistigen Menschen und sein noch recht äußerliches Verständnis. Gerne nimmt er die Schale für den Kern, klebt an Vorstellungen und dringt nicht zur sprudelnden Quelle durch. Swedenborg schreibt weiter: "Die Quelle ist das reine Wahre, der Brunnen aber das weniger reine Wahre." (HG 3096 und 3765). Verunreinigt wird die Wahrheitserkenntnis durch die Bilder aus der Sinnenwelt, die das Himmelslicht trüben. Der geistige Mensch ist der Sinnenwelt noch verbundener; er ist noch nicht eigentlich erlöst. Alles in allem steht der Brunnen für die Gotteserkenntnis des geistigen Menschen, die Quelle hingegen für die des himmlischen Menschen (vgl. HG 2792). Weiter gilt, daß der geistige Mensch am Wort festhält, während der himmlische Mensch seinen Blick zum Geber des Wortes richtet. Ihm wird klar: "Du, Herr, bist die Hoffnung Israels, die Quelle des lebendigen Wassers." (Jer 17,13; vgl. auch Jer 2,13). Das Wort, so notwendig es ist, ist nur eine Vorspiegelung Gottes. Im Schatten des Wortes sieht der himmlische Mensch die eigentliche Licht- und Lebensquelle, die göttliche Sonne. Er hat alle groben Scheinbarkeiten überwunden und das Wesen des Wahren (Christus) erfaßt.

Überleitung zur Frage nach dem Mann
Der Herr will die natürliche Schöpftätigkeit (das Wissensammeln) der Frau (des äußeren Menschen) transzendieren, d.h. von der Bindung an die Sinnenwelt befreien. Dem Brunnenwasser (Gehirnwissen) steht das lebendige Wasser (Herzwissen) gegenüber. Typisch ist übrigens, daß die Frau das von Jesus angebotene Lebenswasser die ganze Zeit über im Sinne ihres Brunnenwassers versteht. Lebendiges Wasser bedeutet für sie nichts anderes als fließendes Wasser bzw. Quellwasser. Das materielle Denken der Frau, das vergleichsweise unrein ist (daher Brunnen statt Quelle, s.o.), soll aber in ein geistiges umgewandelt werden. Die beiden Denkarten charakterisiert Swedenborg wie folgt: "Geistig denken heißt, die Dinge selbst oder als solche denken, das Wahre aus dem Licht des Wahren sehen und das Gute aus der Liebe zum Guten wahrnehmen, ferner die Beschaffenheit der Dinge sehen und ihre innere Bewegtheit (affectiones) wahrnehmen, unabhängig von der Materie (abstracte a materia). Hingegen bedeutet materiell denken, dies alles zusammen mit der Materie und in der Materie denken, sehen und wahrnehmen, somit vergleichsweise grob und dunkel." (NJ 39). Das Denken aus dem Brunnen soll zu einem Denken aus der Quelle werden. Aber wie soll das geschehen? Wie kann die Frau vom Selbstlauf ihres Wesens, der Reproduktion des Immergleichen aus dem eigenen Wesen, befreit werden? Wie dazu gebracht werden, ihren Wasserkrug stehen zu lassen (der in Vers 28 vollzogene Schritt), weil sie nun Christus, die lebendige Wahrheit, gefunden hat und des irdenen Kruges nicht mehr bedarf? Jeder, der den Durst nach Wahrheit kennt und sich am Brunnen des Heils erquickt hat, wird hierin die ihn wesentlich berührende Frage erkennen. Das Verlangen nach dem neuen, lebendigen Wasser ist vorhanden: "Herr, gib mir dieses Wasser", bittet die Frau, aber was mit diesem Wasser gemeint ist, begreift sie noch nicht. Deswegen kann es ihr noch nicht gegeben werden, denn die Erkenntnis der Gabe wäre zugleich schon ihr Empfang. Das Gespräch scheint an einem toten Punkt angelangt. Jesus spricht von geistigen Gaben, die Frau versteht natürliche. Die Verhaftung seiner Zuhörerschaft im natürlichen Welt- und Verstehensgefüge ist ein typisches Problem des johanneischen Christus; vgl. Joh 3,4; 6,52; 7,35; 8,22 und 57, usw. Und hier: Die Existenz eines wie auch immer gearteten geistigen Wassers konnte der Frau bewußt gemacht werden, aber sie will damit den natürlichen Wissensdurst ihres äußeren Menschen befriedigen.

Der Mann und die fünf Männer
Wie hilft Jesus ihr über diesen toten Punkt hinweg? Er gibt dem Gespräch eine unerwartete und zunächst schwer verständliche Wendung: "Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her!" Diese Aufforderung ist sicherlich nicht nur eine Demonstration der Allwissenheit des Herrn, obwohl er selbstverständlich schon im vornherein weiß, daß die Frau gerade dieser Aufforderung nicht nachkommen kann. Seine Allwissenheit hätte der Herr auch auf andere Weise demonstrieren können. Wieso verwendet er ausgerechnet den Ruf nach dem Mann? Der Mann bezeichnet im inneren Sinn das Verständige - jedenfalls beim geistigen Menschen, von dem hier ja die Rede ist. Das geistige Verständnis fehlt. "0 Weib, du bist überaus dumm", sagt der lorbersche Jesus (Ev I.26.11). "Dumm" ist aus dem althochdeutschen Wort "tumb" entstanden, das "töricht", "stumm", "rauh" und "stumpfsinnig" bedeutete. So gesehen ist "dumm" die treffendste Zustandsbeschreibung. Der äußere Mensch hat kein Gehör für die Stimme des Geistes. Er ist taub und stumpfsinnig, verhält sich töricht und bringt kein vernünftiges Wort hervor. Klar, daß Jesus das höhere Verständnis (den Mann) herbeibemühen will. Doch der innere und der äußere Mensch sind nicht verbunden. "Fünf Männer hat du gehabt, und der, den du jetzt hast[4], ist nicht dein Mann." Die fünf Männer bezeichnen das Wissen des äußeren Menschen. Fünf bedeutet in der Regel "wenig" (HG 649), allerdings sind auch andere Deutungen möglich (z.B. die Überreste, HG 5291; viel, wenn etwas multipliziert wird, wie HG 5956, 9102; alle Dinge eines Teils, HG 9604). Der Zusammenhang entscheidet. Hier, meine ich, muß man fünf als das relativ bescheidene und beschränkte Wissen des äußeren Menschen verstehen. Da zehn die Überreste im inneren Menschen sind, könnten fünf die Überreste im äußeren Menschen sein. Diese Formulierung existiert bei Swedenborg allerdings nicht. Sie soll nur zum Ausdruck bringen, daß das Wissen des äußeren Menschen aus dem Schriftstudium mit den Üherresten in einer entfernten Verbindung steht und ihnen als Brücke der Bewußtwerdung dienen kann. Augustin und Meister Eckehart, der dem Kirchenvater in dieser Frage folgt, sehen in den fünf Männern die fünf Sinne: "Die fünf Männer, das sind die fünf Sinne; die haben dich (Weib) in deiner Jugend ganz nach ihrem Willen und ihrem Gemüt besessen. Nun hast du einen in deinem Alter, der aber ist nicht dein: das ist deine Vernunft, der folgst du nicht." (EQ 392,25-29). Lorber erzählt, wie die Frau ihrer fünf Männer verlustig wurde: "Denn sieh, Meine Liebe, fünf Männer hast du bereits gehabt, und da deine Natur ihrer Natur nicht entsprach, so wurden sie bald krank und starben; denn über ein Jahr hielt es keiner aus mit dir. In deinem Leibe ist ein arges Gewürm, und wer mit dir zu tun bekommt, der wird von deinem Gewürm bald getötet." (Ev I.27.2). Das arge Gewürm bezeichnet die unreine Triebsphäre. Der geistige Mensch hat zwar den Verstand über seinen Willen erhoben, damit ist die Triebsphäre aber nur gezügelt, nicht wiedergeboren. Das arge Gewürm wirkt als verdrängter Inhalt im Unterbewußtsein (der Natur) und entkräftet das angeeignete Religionswissen (die fünf Männer), denn das äußere Wissen ist totes Wissen (eben kein lebendiges Wasser) und somit viel zu schwach, um der starken Natur der Frau widerstehen zu können. Heilen kann nur der Herr durch den inneren Menschen, mit dem steht die Frau aber nicht in Verbindung. Damit ist die Not der Frau aufgedeckt.

Die Anbetung im Geist und in der Wahrheit
Der Einsicht in die Not folgt naturgemäß die Bitte um Hilfe. Der 19. Vers, der vom zweiten zum dritten Abschnitt überleitet, lautet in der lorberschen Neuoffenbarung des Gesprächs: "Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist! Da du so viel weißt, so weißt du vielleicht auch, was mir hülfe!?" (Ev I.27.3). Die Einsicht, daß der Herr ein Prophet - ein Verkündiger und Ausleger der göttlichen Offenbarung - ist, veranlaßt die Frau, ihn um Hilfe zu bitten. Einen ähnlichen Zusammenhang vermutet Hoskyns: "Da es das Werk des Propheten sei, auch den Ort der Vergebung zu bestimmen, bäte sie (die Frau) ihn, den wahren Ort des Gottesdienstes anzugeben." (nach Schnackenburg 469). Hilfe kann nur von Gott kommen - soviel ist dem geistigen Menschen klar -, aber wo kann man ihn anbeten? Die Frage nach dem Ort ist im geistigen Sinne die Frage nach dem Zustand. Die Frau legt dem Propheten die alte Streitfrage zwischen Samariern und Juden vor: "Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet, ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte; wo man anbeten muß." Im geistigen Gesichtsfeld der Frau erscheint eine Zweiheit. Da, wo der himmlische Mensch nur eines wahrnimmt, sieht der geistige Mensch zwei, denn er befindet sich noch im Zwiespalt eines gewissen Kampfes. Die Polarität von Liebe und Weisheit ist noch nicht überwunden. Garizim oder Jerusalem?, lautet die Entweder-oder-Frage der Frau, Berg oder Stadt? Der Berg entspricht der Liebe, hier der Liebe des geistigen Menschen, also dem tätigen Liebeseinsatz oder der inneren Erhebung des ideellen, an geistigen Werten orientierten Handelns. Jerusalem, die Stadt der Städte, ist die göttliche Lehre als himmlische Gabe. Halten wir also fest: Der geistige Mensch denkt in polaren Begriffen, polarisiert das Ganze und gerät daher in Streit. Die Aufhebung der Gegensätze auf einer höheren Ebene, das mysterium unitatis, kennt er nicht. Aber noch etwas ist wichtig, Jesu Antwort: "Gott ist Geist", sie weist auf die hintergründige Wirklichkeit des Seins, das in vordergründigen Begriffswelten nicht faßbar ist. Damit erkennen wir ein weiteres Manko des geistigen Menschen. Nicht nur die Polarität seiner Weltordnung hindert ihn, die Einheit des Seins zu erfahren, auch die Vordergründigkeit seiner Begriffsschablonen verwehrt ihm den Zugang zum Hintergrund des Seins. Der geistige Mensch läßt sich nur allzu leicht vom Jetztzustand seiner Vorstellungsbilder gefangennehmen, zumal wenn die Verbindung mit dem inneren Menschen und der sprudelnden Wahrheitsquelle noch nicht hergestellt ist. Die Bilder oder Gedanken des äußeren Menschen, auch wenn sie aus dem Gotteswort begründet sein sollten, sind immer nur Annäherungen an die eigentliche, unergründliche Wahrheit. Wer Bilder festhält und womöglich fanatisch verteidigt, bringt sich um seine innere Entwicklung.

Die Hilfe kann nur darin bestehen, die Geistigkeit Gottes wahrhaft zu erkennen, den Geisthauch Gottes wahrhaft zu spüren. Wer ihn gespürt hat, ist vom inneren Wahren berührt, ist geheilt und kann das Wahre nun endlich verwirklichen, denn die hohlen Bilder des Verstandes haben keine Wirkkraft in sich, erst der Reichtum aus dem Geisthauch Gottes kräftigt das innere Leben und bahnt ihm die Wege nach außen. Der Herr sagt: "Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt da, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden; denn der Vater will es, daß die Menschen ihn also anbeten sollen; Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!" Das "schon jetzt" weist auf Jesus Christus, den Prototyp der neuen Gottesverehrung. Da aber die Möglichkeiten der inneren Entwicklung, die Jesus Christus uns eröffnet hat, noch nicht erkannt worden sind, was wesentlich mit der verunglückten Gotteslehre zusammenhängt, kommt die Zeit der Realisierung dieser Möglichkeiten erst noch, und zwar in der neuen Kirche. "Gott ist Geist", daher kann die eigentliche, gottgemäße Anbetung auch nur im Geist des Menschen erfolgen und daselbst in der lichtvollen Wahrheit aus Gott. Mit der "Anbetung im Geist und in der Wahrheit" ist die Aufnahme des göttlichen (= heiligen) Geistes in den Geist des Menschen, die Seele, gemeint, die ja ein "organum recipiens Dei" (ein gottaufnehmendes Organ; WCR 34) und somit der eigentliche Tempel Gottes ist. Jesus will also die innere Anbetung im Unterschied zur äußeren, kultisch-zeremoniell gebundenen als die eigentlich gottgemäße herausstellen. Natürlich läuft in dieser Welt alles unter einer gewissen Form, Zeremonie genannt, ab. Aber nicht die Form ist das Wesentliche, sondern ihr Inhalt. Überall, wo ein gottliebendes Herz ist, ist auch Gott und der wahre Gottesdienst. Diese Feststellung darf nicht verwässert und entwertet werden. Es darf nicht zu einer nachträglichen Wiederaufwertung der Formen kommen. Jesus Christus ist gekommen, um die Vorbildungen abzuschaffen und anstelle des toten den lebendigen Gottesdienst zu begründen. Daß die Gefahr der Überbetonung der Form trotz der deutlichen Worte Jesu im Christentum gegeben ist, zeigt mir die Geschichte des Katholizismus. Kaum war das Heidentum durch die eine Pforte hinausgetrieben, kam es in christlicher Verkleidung durch die andere Pforte wieder herein. Nach Schnackenburg (471) soll sich "ein spiritualistisches Verständnis" der Anbetung im Geist ist und in der Wahrheit, "als wolle Jesus dem äußeren Kultort eine rein innerliche, im Geist des Menschen erfolgende Gottesverehrung gegenüberstellen" verbieten. Der äußere Mensch hat eine Vorliebe für das sinnlich Faßbare, er möchte Gott dingfest machen, vergißt dabei aber, daß der "Geist weht wo er will". Heutzutage besteht wieder die Gefahr der Veräußerlichung und somit des Verrats (im Sinne der Auslieferung an die Mächte der Weit) am Christentum. Bezeichnend für diese Situation ist z.B. die Anmerkung der Einheitsübersetzung der HI. Schrift zu Luk 17,21. Als Übersetzung erhält der Leser die Worte: "Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch." In der Anmerkung steht: "Andere Übersetzungsmöglichkeiten: Das Reich Gottes ist (eines Tages plötzlich) unter euch da. Oder: Das Reich Gottes ist in euch. - Gegen die zweite Möglichkeit spricht, daß die Evangelien das Wirken Gottes im Innern des Menschen nicht als 'Reich Gottes' bezeichnen." Vielleicht bezeichnen die Evangelien das Wirken Gottes im Innern des Menschen eben doch als "Reich Gottes", nämlich ausdrücklich an dieser Stelle! Nur, dazu müßte man sie entsprechend übersetzen. Stattdessen ersetzt das ferne Eschaton die nahe Wirklichkeit des Geistes und des Geistwirkens Gottes. Zwar läßt sich das griechische "entos hymon" sowohl mit "inwendig in euch" als auch mit "mitten unter euch" übersetzen, aber bezeichnend ist eben, daß man sich für die zweite, gesellschaftsbezogene Möglichkeit entscheidet. Luther und Swedenborg dagegen entschieden sich eindeutig für das im Sinne Schnackenburgs "spiritualistische Verstandnis" der Stelle. Ich möchte mit diesen Äußerungen nur belegen, wie sehr die innere Anbetung gerade heute, im Zeitalter der Politisierung und Vergesellschaftung des Christentums, in Gefahr steht, als unchristlich zu gelten. Die neue Kirche und ihre Körperschaft könnten hier ein Gegengewicht bilden, denn das Bewußtsein vom inneren, spirituellen Sinn befreit das Christentum und die Theologie aus der Bindung an die Weltmächte - heute ist es der Geist der Objektivierung, der in Form der historisch-kritischen Methode die Theologen beherrscht. Die historische Theologie sagt: Gott ist Geschichte. Wenn Christentum wieder als Lebenshilfe erlebt werden soll, dann müssen wir die frohe, weil befreiende Botschaft: "Gott ist Geist und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten" neu hören lernen.

Die Offenbarung des inneren Lichts
Christus in der griechischen und Messias in der hebräischen Sprache bedeuten einen Gesalbten. Der Gesalbte ist zugleich König, und da das Königtum oder die Herrschaft dem göttlich Wahren zugeschrieben wird, bedeutet Christus im Grunde das göttlich Wahre (vgl. OE 375 und 684; HG 9954, EO 520 und 779; zur Bedeutung Christi als des göttlich Wahren vgl. HG 3004-3011). Interessant ist der Bedeutungsbogen vom Gesalbten zum göttlich Wahren. Gesalbt wurde mit Öl, und Öl entspricht der Liebe, somit korrespondiert der Gesalbte mit der göttlichen Liebe. Zugleich ist dieser Gesalbte aber auch das göttliche Wahre. Darin ist folgendes Geheimnis enthalten: Christus vereinigte in seiner Wesenheit das göttlich Wahre mit dem göttlich Guten, so daß sie fortan in der Menschenwelt nicht mehr als zwei, sondern als eines wirken können. Da das göttliche Gute oder die Liebe zugleich das Leben der Dinge ist, bedeutet dieser Vorgang auch die Belebung der Totgeburten und somit die Erlösung aus der Macht des Todes. Dieser Prozeß wird - bezogen auf den Heiland - die Verherrlichung (des Wahren durch das Gute) genannt. Christus ist also, wenn man von der Person absieht und auf das Wesen schaut - und eben das tun die Engel des Himmels - eine neue Dimension der Wahrheitserkenntnis. In Christus erweist sich das Licht als Sohn der Flamme. Der Wissensimport von der Außenwelt ist daher im Prinzip überwunden. Johannes, "die Stimme eines Rufers in der Wüste" oder der geläuterte Weltverstand, hat sein Haupt verloren. Christus, das Licht aus der Liebe, ist erschienen. Wenn die Frau am Jakobsbrunnen zum Schluß sagt: "Ich weiß, daß der Messias kommt, der da Christus heißt"; und von diesem Christus sagt: "er wird uns alles verkündigen (oder lehren)" und Jesus ihr daraufhin sagt: "Ich bin's, der mit dir redet", dann ist damit genau dies gemeint: die innerste und somit reinste Form der Wahrheitserkenntnis. Die Frau, die anfangs aus dem Brunnen des äußeren Gottwortstudiums ihr Wasser schöpfte, hat nun in Christus den inneren Quell des Lichtes erkannt, der ihr alles verkündigen und daher ihren Durst wahrhaft stillen wird. "Denn bei Dir ist des Lebens (wahre) Quelle, in Deinem Lichte sehen wir das Licht." (Ps 36,10).

Fußnoten:

[1] Die modernen Kommentare sprechen sich allerdings gegen diese Gleichsetzung aus: "Eine Verschreibung für Sichem, wie sie schon Hieronymus annahm, ist nicht wahrscheinlich, da eine Verdrängung dieses alten biblischen Ortes durch Sychar unverständlich bliebe." Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium I. Teil (1979), S.458. zurück

[2] Nach Lorber ist das lebendige Wasser a) die Demut des Herrn und b) die Erkenntnis Gottes und des ewigen Lebens aus Gott (vgl. Ev I.26.8f). zurück

[3] "He keulia" bez. ursprünglich die Leibeshöhle (von keulos = hohl) und im übertragenen Sinne das Geheimste, weil Innerste im Menschen. Joh 7,38 kann auch übersetzt werden: ganz innen aus ihm heraus werden Ströme lebendigen Wassers fließen, (nach Bauer). zurück

[4] Nach Lorber ein Arzt! zurück

 

 
     
 

veröffentlicht in: Offene Tore 6 (1990) 237-250