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Swedenborgs Entwicklungschristologie
Krippe und Kreuz dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Die einseitige
Betonung des Kreuzes in der Theologie des Westens hat das Kreuz aus dem
Zusammenhang eines Lebensprozesses herausgelöst. Der Tod am Kreuz
galt als die Erlösungstat schlechthin. Das Leben des Erlösers
verlor demgegenüber an Bedeutung. Aber nicht nur das Kreuz, auch
die Krippe steht isoliert da, denn der Mann aus Nazareth scheint dieser
Theologie zufolge bei seiner Geburt schon der gewesen zu sein, der er
doch nur nach und nach wurde, unser Herr und Gott (Joh 20,28). Krippe
und Kreuz zusammengedacht ergeben Swedenborgs Entwicklungschristologie,
die kurz gesagt darin besteht, daß der Herr sein Menschliches, während
er in der Welt war, göttlich gemacht hat. Die herkömmliche Christologie
zeigt uns den immer schon fertigen Christus, bestehend aus der einen göttlichen
Person des Logos in zwei Naturen, der göttlichen und der menschlichen.
Swedenborg überwindet dieses erstarrte Gebilde und zeigt uns die
innere Entwicklung des Erlösers, wodurch ein höchst lebendiges
Bild entsteht. Den biblischen Anknüpfungspunkt für seinen Entwurf
findet Swedenborg im johanneischen Begriff der Verherrlichung. Sie ist
zugleich der Urtypus unserer Wiedergeburt. Zwischen beiden Vorgängen
bestehen strukturelle Gemeinsamkeiten, nur ist die Verherrlichung ein
bei weitem intensiverer und umfassenderer Vorgang gewesen. Durch Swedenborg
erkennen wir die innerseelische Dimension des Erlösungswerkes Christi.
Jesus Christus hat in sich den Bruch zwischen dem Menschlichen und dem
Göttlichen geheilt und ist somit Heiland der Welt geworden. Wenn
aber Christi Werk ein inneres Werk war, dann ist auch unser Werk in der
Nachfolge ein inneres. Swedenborgs Entwicklungstheologie ist somit zugleich
die Grundsteinlegung für eine Kirche der spirituellen Wandlung.
Der Prozeß der Verherrlichung oder Vergöttlichung
Der johanneische Jesus bezeichnet die Verherrlichung mehrfach als das
Ziel seines Lebens: Die Krankheit des Lazartus führt nicht zum
Tode, sondern dient der Verherrlichung Gottes. Durch sie soll der Sohn
Gottes verherrlicht werden (Joh 11,4). Als sogar Griechen, also Heiden
(entsprechend äußeren Weltgedanken), den Herrn sehen. wollen,
gibt dieser die sonderbare Antwort: Die Zeit ist gekommen, daß
des Menschensohn verherrlicht werde (Joh 12,23). Die anschließenden
Ausführungen gipfeln im Gebetsruf: Vater, verherrliche deinen
Namen! (Joh 12,28). Darauf ertönt eine Stimme vom Himmel: Ich
habe ihn verherrlicht und will ihn abermals verherrlichen (Joh 12,28).
Die Stufung ich habe und will abermals könnte auf die Verherrlichung
des Leibes durch das Kreuzesleiden hindeuten, der die Verherrlichung des
Herrn im Geist vorausgegangen war. Nachdem Judas, der Verräter oder
Auslieferer an die Weit (der Weltgeist), hinausgegangen war, spricht Jesus:
Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist verherrlicht
in ihm (Joh 13,31). Schließlich sei noch das hohepriesterliche
Gebet erwähnt: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn,
damit auch der Sohn dich verherrliche (Joh 17,1). In diesem Gebet
wird übrigens die Verherrlichung nicht nur auf das Verhältnis
des Sohnes zum Vater, sondern auch auf das Verhältnis des Verherrlichten
zur Gemeinde ausgedehnt (Joh 17,10). Wir sehen darin einen Beleg für
die enge Verflechtung des Weges Jesu mit unserem Weg.
Die genannten Stellen sollten die zentrale Bedeutung der Verherrlichung
im Leben des johanneischen Jesus bezeugen, denn Swedenborg knüpft
mit seiner Entwicklungschfistologie an eben diesen Begriff an. Ja, für
den Altmeister der Neuoffenbarung ist die Verherrlichung das Zentrum,
von dem aus er Leben und Werk Christi begreift. Nicht umsonst steht dieser
Begriff in einem so grundlegenden und das Ganze umgreifenden Text wie
dem sogenannten Glaubensbekenntnis der Neuen Kirche: Der Herr von Ewigkeit,
Jehovah, kam in die Welt, um die Höllen zu unterjochen und sein Menschliches
zu verherrlichen (WCR 2). Verherrlichen bedeutet vergöttlichen.
Daß die Verherrlichung ein Prozeß ist, ist klar. Man vergleiche
nur einmal Joh 7,39 mit 13,31. Daß sie aber der Prozeß der
Vergöttlichung ist, wird vielleicht nicht so klar, kann aber ebenfalls
aus dem Neuen Testament ersehen werden. Lehrreich ist der Vergleich von
Aussagen des vorösterlichen Jesus mit Aussagen des Auferstandenen
oder gar des gen Himmel Gefahrenen. Läßt sich beim vorösterlichen
Jesus noch deutlich eine Wechselbewegung zwischen der göttlichen
und der menschlichen Seinsweise beobachten, so ist der Auferstandene von
seinem Gottsein ganz durchdrungen. Man kann sich auch die Frage stellen,
was mit der Herrlichkeit gemeint ist, die der Herr beim Vater
hatte, ehe die Welt war (Joh 17,5). Die Herrlichkeit des vorweltichen
Logos war nichts anderes als das Gottsein des Logos (Joh 1,1). Die göttliche
Wahrheit (oder das göttliche lichtvollste Bewußtsein) tauchte
in die finstere Welt ein, nahm sichtbare Gestalt an, mußte aber
seine Herrlichkeit des Lichtes abschatten, denn welcher Sterbliche hätte
diese Fülle des Lichtes ertragen? Nun aber, nachdem der Gesalbte
Gottes das ihm aufgetragene Werk vollendet hat (Joh 17,4), bittet er um
den Eintritt in die Herrlichkeit des Lichtes, d.h. um die Durchlichtung
aller noch finsteren Bereiche des Fleischleibes. Swedenborg sieht in der
Verherrlichung den Prozeß der Vergöttlichung: Verherrlichen
heißt göttlich machen (divinum facere, NJ 294). Die Verherrlichung
(glorificatio) ist die Vereinigung des Menschlichen des Herrn mit dem
Göttlichen seines Vaters (WCR 126). Das Menschliche des Herrn
stammte aus der Mutter Maria und war der Leib (oder die physische Existenz).
Die Vergöttlichung betraf nicht nur die Seele des Gesalbten (Ich
habe ihn verherrlicht ...), sondern. erreichte mit Kreuz und Auferstehung
sogar den Leib des Herrn (... und will ihn abermals verherrlichen).
Mit vollbrachter Verherrlichung war etwas Neues entstanden, das Göttlich-Menschliche
oder der Sohn Gottes im engeren Sinne: Durch die Erlösungstaten
hat der Herr das von der Mutter stammende Menschliche abgelegt und das
Menschliche vom Vater angezogen. Daher ist das Menschliche des Herrn göttlich,
daher ist in ihm Gott Mensch und der Mensch Gott (WCR 102). Das Göttlich-Menschliche
ist nicht - kurzschlüssig gedacht - das in Gottsubstanz verwandelte
Menschliche. Diese Denkweise scheint der Irrtum des sogenannten Monophysitismus
zu sein, der lehrt, die menschliche Natur habe sich in der göttlichen
ebenso verloren, wie ein Tropfen Wasser in einem Faß voll Wein.
Bei Swedenborg bleibt die menschliche Natur erhalten, aber aus dem anfangs
menschlich Menschlichen wird das Göttlich-Menschliche Swedenborg
beschreibt die Wandlung immer mit den beiden Begriffen "ablegen" und "anziehen".
Der Herr hat das von der Mutter stammende Menschliche abgelegt und
das Menschliche vom Vater angezogen. Dabei ist zu beachten, daß
der Mensch-Gewordene zu keiner Zeit sein menschliches Wesen (im rein organhaften
Sinne) abgelegt hat, wohl aber die menschlichen Schwächen (z.B. Stolz,
Herrschsucht, Zorn), die dem menschlichen Wesen innewohnen Auf diese Weise
reinigte der Herr sein menschliches Wesen, und zwar so vollständig,
daß er sogar mit dem Leibe auferstehen konnte, und somit sogar die
böse Schlacke für das Göttliche wiedergewinnen konnte.
Der Prozeß der Vergöttlichung ist somit streng genommen keine
Vergöttlichung, sondern. eine Durchgöttlichung oder die Vereinigung
des Menschlichen mit dem Göttlichen. Wenn wir im folgenden dennoch
von "vergöttlichen" sprechen, dann deswegen, weil dieser Begriff
geläufiger ist und durchaus das Richtige aussagen kann, wenn man
ihn nur richtig versteht.
Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit des jesuanischen
Weges auf menschliche Verhältnisse
Sollte auch das Menschliche aller anderen Menschen in der Nachfolge Christi
göttlich werden? Indem wir so fragen, bemühen wir uns, die Möglichkeiten
und Grenzen der Übertragbarkeit des jesuanischen Weges auf unsere
normalmenschlichen Verhältnisse auszuloten. Es hat Mystiker gegeben,
die von einer Vergöttlichung des Menschen sprachen Meister Eckehart
beispielsweise, der herausragende Kopf der deutschen Mystik, schreibt
in seinem Traktat vom edlen Menschen, einer der wenigen eigenhändigen
Schriften des Meisters: Birnbaums Same erwächst zum Birnbaum,
Nußbaums Same zum Nußbaum, Same Gottes zu Gott (EQ 142,9f).
Und anderswo erfahren wir: Gott wird und entwird ... Wenn ich in den
Grund, in den Boden, in den Strom und in die Quelle der Gottheit komme,
so fragt mich niemand, woher ich komme oder wo ich gewesen sei. Dort hat
mich niemand vermißt, dort entwird 'Gott' (EQ 272,16 und 273,25ff).
Und in der Predigt über die Armut im Geiste lesen wir gar: Als
ich (noch) in meiner ersten Ursache stand, da hatte ich keinen Gott, und
da war ich Ursache meiner selbst (EQ 304,34f). Wir wollen hier nicht
der Frage nachgehen, welches "Ich" bei Eckehart spricht (doch wohl nicht
das Ichbewußtsein des äußeren Menschen?!). Wir wollen
überhaupt Eckehart nicht zum Thema machen. Wir wollten nur die eingangs
aufgeworfene Problematik verschärfen. Seit dem Tage, da die Schlange
(das Sinnliche) zum Weibe (dem Ichbewußtsein des äußeren
Menschen) sprach: Ihr werdet sein wie Gott (Gen. 3,5), steht der
Mensch in der Gefahr, sich an die Stelle Gottes zu setzen und den Unterschied
zwischen Schöpfer und Geschöpf verhängnisvoll zu verwischen.
Wir müssen daher den letzten Schritt der Vergöttlichung für
den Menschen ausschließen. Das heißt aber auch, wir müssen
die Verherrlichung des Herrn auf das menschliche Maß reduzieren
und vor allen Dingen beachten, daß wir den Weg nur im Glauben an
den Herrn gehen können, während der Herr ihn aus eigener Kraft
gehen konnte. Wenn wir das berücksichtigen, können wir getrost
nach Parallelen Ausschau halten. Swedenborg ermuntert uns zu diesem Unternehmen
geradezu, wenn er nämlich sagt: Die Wiedergeburt des Menschen
ist ein Abbild der Verherrlichung des Herrn (HG 3138). Was demnach
auf der Ebene des Gottmenschen die Verherrlichung oder Vergöttlichung
war, das ist auf der Ebene von uns normalen Sterblichen die Wiedergeburt.
Oder anders gesagt: Jesus erlebte die göttliche Wiedergeburt, wir
können nur die geistige Wiedergeburt erfahren. Dann ist der qualitative
Unterschied in den Adjektiven göttlich und geistig zum Ausdruck gebracht,
die Gemeinsamkeit hingegen im gemeinsamen Substantiv. An einer anderen
Stelle schreibt Swedenborg: Der Herr verherrlichte sein Menschliches
geradeso wie der Herr den Menschen wiedergebiert (Dominus glorificavit
suum Humanum quemadmodum Dominus regenerat hominem, WCR 105). Man
beachte die völlige Gleichordnung der Satzglieder im lateinischen
Original, die noch durch quemadmodum anstelle von sicut
verstärkt wird. Das handelnde Subjekt ist in beiden Sätzen der
Herr. Das heißt, der Herr handelte aus eigener Kraft, wir hingegen
aus der Kraft des 'Löwen' aus Juda. An die Steile von verherrlichen
tritt wiedergebären und an die Stelle des Menschlichen
tritt der Mensch. Mit diesen formalen Beobachtungen sind eigentlich
schon alle Gemeinsamkeiten und Unterschiede genannt. Die Verherrlichung
des Menschlichen des Herrn führte zu der neuen Bewußtseinseinheit
des Göttlich-Menschlichen. Die Wiedergeburt des Menschen hebt dagegen
den personalen Unterschied zwischen dem Christen und Christus nicht auf,
wenngleich das Eigene der Engel immer durchsichtiger für die Nähe
Christi wird. Das Aufgehen des menschlichen Bewußtseins Jesu im
göttlichen Bewußtsein war nur durch die völlige Entäußerung
(exinanitio heißt eigentlich Ausleerung), d.h. durch den Gehorsam
bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz (Phil 2, 8), möglich. Im vollen
Bewußtsein der entsetzlichen Kreuzesqualen überwand der Menschensohn
die Stimme seines. Fleisches und öffnete es dem Einfluß des
Urgöttlichen. Somit ist die Auferstehung am dritten Tage der große
Unterschied zwischen dem Herrn und uns. Kein Mensch wird mit dem Körper
auferstehen, mit dem er in der Welt umgeben war; sondern allein der Herr
ist in dieser Weise auferstanden. Und die Begründung: weil
der Herr seinen Körper, während er in der Welt war, verherrlicht
bzw. göttlich gemacht hat (HG 5078). Die Auferstehung des Herrn
ist also Folge der Vergöttlichung seiner Körperzellen. Die Toten
hörten die Stimme des Sohnes Gottes und erwachten zum Leben. Das
Menschliche des Herrn ist daher bei aller Ubereinstimmung mit unserem
menschlichen Wesen doch von besonderer Art: All jene, die das Menschliche
des Herrn dem Menschlichen eines anderen Menschen gleichartig machen,
denken nicht über seine Empfängnis unmittelbar aus dem Göttlichen
nach, und erwägen nicht die Tatsache, daß der Körper eines
jeden das Abbild seiner Seele ist. Auch denken sie nicht über seine
Auferstehung mit dem ganzen Körper nach und wie man ihn sah, als
er verwandelt wurde, daß nämlich sein Gesicht leuchtete wie
die Sonne. Sie denken auch nicht über das nach, was der Herr vom
Glauben an ihn gesagt hat, vom Einssein mit dem Vater, von der Verherrlichung
und von der Macht über Himmel und Erde. Das sind göttliche Dinge
und ausgesagt werden sie von seinem Menschlichen, usw. (NJ 292). Eine
Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag wird es also so, wie es die
Kirche glaubt, nicht geben. Zwar werden die Toten am jüngsten oder
letzten Tag ihres irdischen Lebens auferstehen, sie werden auch einen
Leib haben, einen geistigen. Leib, aber eine Wiedervereinigung der abgeschiedenen
Seele mit ihrem irdischen, längst verwesten Fleischleib wird es nicht
geben. Die Verherrlichung bleibt dem Herrn vorbehalten, uns ist die seelisch-geistige
Neugeburt bestimmt.
Pole der Wandlung: Das Göttliche und das Menschliche im Herrn
Im Gottmenschen begegneten sich Gott und Mensch. Diese Begegnung ist der
Beginn der Neuen Schöpfung und daher der Ausgangspunkt unserer Überlegungen.
Als die Jüdin Maria die Worte hörte: Der Heilige Geist wird
über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten
(Lk 1,35), war klar, daß ihr Sohn, den sie Jesus nennen sollte,
keinen irdischen Vater haben würde, denn ihr Kind war unmittelbar
aus dem Göttlichen gezeugt. Folglich nannte Jesus später das
Göttliche, das er in sich wahrnahm, seinen Vater und sich selbst
dessen Sohn. Sich selbst, d.h. das Menschliche, durch das sich Gott
in die Welt sandte (WCR 92-94). Dieses Menschliche war der Leib von
der Mutter oder die physische Existenz, die Gottes Hiersein in dieser
Welt ermöglichte. Das Göttliche war der Vater und das Menschliche
der Sohn. Die kirchliche Dogmatik unterscheidet seit eh und je die Trinitätslehre
von der Christologie. Während sich die Dreieinigkeitslehre mit dem
Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist beschäftigt, ist
das Verhältnis der göttlichen und menschlichen Natur Gegenstandsbereich
der Christologie. Wenn für Swedenborg das Göttliche der Vater
und das Menschliche der Sohn ist, dann interpretiert er trinitarische
Begriffe christologisch; oder anders gesagt, er überwindet den Bruch
zwischen dem trinitarischen und christologischen Denken. Noch anders gesagt,
Swedenborgs Trinitätslehre ist streng auf dem Boden christologischer
Einsichten aufgebaut. Das kann man vom altkirchlichen Dogma nicht sagen.
Als die christologische Frage auftauchte, war die trinitarische im wesentlichen
beantwortet. Das hatte weitreichende Folgen. Als man über das Göttliche
und Menschliche des Herrn nachdachte, stand bereits fest, daß man
unter dem Sohn einen Sohn von Ewigkeit her verstehen wollte. Das Menschliche,
durch das sich Gott in die Welt sandte, konnte daher unmöglich
der Sohn Gottes sein, denn dieses Menschliche ist in der Zeit angenommen
worden, der Sohn aber ist von Ewigkeit her. Und das Göttliche konnte
unmöglich der Vater sein, denn Mensch geworden war ja der präexistente
Sohn, die zweite göttliche Person. So gesehen mag es das Schicksal
des altkirchlichen Dogmas gewesen sein, daß die christologische
Frage erst auftauchte, als die trinitarische schon beantwortet war. Swedenborgs
Ausgangspunkt sind nicht metaphysische Überlegungen, die den Sohnbegriff
in die Transzendenz verlegen, sondern der urchristliche Glaube an Jesus
Christus, Gottes einzigen Sohn (filium eius unicum), unseren Herrn, der
empfangen ist durch den Heiligen Geist und geboren von der Jungfrau Maria
(apostolisches Glaubensbekenntnis). Im Sinne Swedenborgs ist es richtiger,
vom einziggeborenen Sohn zu sprechen, als vom eingeborenen
Sohn. Der eingeborene Sohn führt zur Vorstellung der Inkarnation
eines präexistenten Sohnes. Der einziggeborene oder einziggezeugte
Sohn dagegen bezeichnet eben gerade das Menschliche, durch das sich
Gott in die Weit sandte. Für Swedenborgs Sicht der Dinge spricht,
daß das johanneische monogenes sogar richtiger mit einziggezeugt
als mit eingeboren zu übersetzen ist. Vater und Sohn bezeichnen demnach
nicht zwei nebeneinander bestehende Personen, sondern zwei ineinander
bestehende Wesensschichten (essentialia, WCR 166), somit ein Seinsverhältnis,
das der Mensch Jesus in sich wahrnahm. Der Sohn ist zunächst das
Menschliche, durch das sich Gott in die Welt sandte, im weiteren Verlauf
dann aber das Göttlich-Menschliche. In diesem Sinne versteht Swedenborg
den Sohnbegriff, wenn er sagt: Eine Dreiheit ist im Herrn; das Göttliche
selbst, welches Vater, das Göttlich-Menschliche, welches Sohn, und
das hervorgehende Göttliche, welches Heiliger Geist genannt wird
(NJ 290). Wir sehen also, daß der Sohnbegriff zwei Bedeutungsebenen
hat. Auf der einen Seite bezeichnet er das Menschliche, weil es von Gott
gezeugt und somit Gottes Sohn war. Auf der anderen Seite bezeichnet er
das Göttlich-Menschliche, somit den erhöhten und. verherrlichten
Herrn. Vom Menschlichen zum Göttlich-Menschlichen war ein Weg zurückzulegen,
der Weg von der Alten zur Neuen Schöpfung.
Die Entwicklung des Herrn zwischen Krippe und Kreuz
Als Mensch begann der Zimmermannssohn seinen Weg, nicht als Gott. Er durchlief
eine menschliche Entwicklung, nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade
bei Gott und den Menschen (Lk 2,52). Wenn Jesus schon zu Beginn Gott
in vollendeter Gestalt gewesen wäre, wie hätte er dann an Weisheit
zunehmen können, wo Gott doch die Weisheit selbst ist!? Der einzige
Unterschied uns gegenüber bestand darin, daß er diese Entwicklung
schneller, umfassender und vollkommener als andere durchlief (WCR
89).
Den Beleg findet Swedenborg in der Perikope vom zwölfjährigen
Jesus im Tempel. Dort heißt es: Alle, die ihm zuhörten,
verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten (Lk 2,47).
Die schnellere, umfassendere und vollkommenere Entwicklung verwundert
nicht, wenn man weiß, daß in diesem Knaben Gott als die ewige
Wahrheit Mensch geworden ist. Der Knabe war auf dem Weg, vom Urlicht ganz
durchdrungen zu werden. Die Antworten, die Jesus später geben wird,
zeugen von allerhöchster Geistesgegenwart. Überhaupt spielt
das Licht im Leben Jesu eine entscheidende Rolle. Er nennt sich das
Licht der Welt (Joh 8,12) und der Weg, die Wahrheit und das Leben
(Joh 14,6). Er ist in die Welt gekommen als das Licht (Joh 12,46),
denn er lehrte uns den Weg. Die ältesten Christusdarstellungen zeigen
ihn deshalb mit der Rhetorengeste. Interessant ist nun freilich, daß
die Erleuchtung oder Durchlichtung nicht nur seine Seele erfaßte,
sondern offenbar auch seinen Körper. Die seinsmäßige Umsetzung
wurde erstmals auf dem Berg der Verklärung sichtbar Jesus nahm Petrus
(den Glauben), Jakobus (die Tätigkeit aus Liebe) und Johannes (die
Liebe zum Herrn) und führte sie auf einen hohen Berg (innere Erhebung;
Entrückung aus der irdischen Enge in die Weite des Geistes). Und
er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die
Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht (Mt 17,2).
Das griechische Wort metamorfóo (Metamorphose!) bedeutet
eigentlich verwandeln. Luther übersetzt es mit verklären. Swedenborg
hält sich ganz eng an das Original und wählt transformare
(Transformation!). Eine Transformation wurde sichtbar, die Verwandlung
der physischen Existenz eines Leibgeborenen in Licht. Sie kam mit Tod
und Auferstehung zum Abschluß (vgl. WCR 126-131). Christi Leiden
und seine Verherrlichung hängen eng zusammen: Mußte nicht
Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? (Lk 24,26),
fragt der Auferstandene die Emmausjünger. Die Qualen am Kreuz waren
sicherlich ein unvorstellbarer Druck auf das Fleisch und haben wohl den
Willen des Fleisches gebrochen und zur Verwandlung geführt. Wie das
geschehen ist, bleibt ein Geheimnis. Einen Anhaltspunkt könnten höchstens
die Forschungen am Turiner Grabtuch bieten. Es zwingt uns immerhin die
Frage auf, wie das Bild auf das Tuch gekommen ist? Simple Pinselstrich-
oder Abdrucktheorien scheiden jedenfalls aus. Ich halte es für wahrscheinlich,
daß die Auferstehung die Umwandlung der atomaren Struktur des Fleischleibes
war. Dieser Vorgang muß mit einer kurzen, aber intensiven Energiefreisetzung
verbunden gewesen sein, die das geheimnisvolle Bild erzeugt hat. Der Auferstehungsleib
gehorcht nicht mehr den Gesetzen der Naturwelt. Materie kann die Gegenwart
des Auferstandenen nicht mehr verhindern. Er geht durch verschlossene
Tore (Joh 20,19 und 26) und zeigt sich den Seinigen, die an seiner Realität
nicht zweifeln. Nach mehreren Offenbarungen wird er aufgehoben gen
Himmel und setzt sich zur Rechten Gottes (Mk 16,19). Auf dem Weg nach
Damaskus umleuchtet Saulus ein Licht. Es ist der Auferstandene, er erscheint
dem Christenverfolger in der Glorie des Lichtes. Auf Patmos schaut Johannes
einen, der einem Menschensohn gleich war; dessen Angesicht leuchtete,
wie die Sonne scheint in ihrer Macht (Offb 1,13 und 16).
Von Swedenborg erfahren wir, daß der Herr als Person stets von der
Sonne umgeben ist (evtl. das unzugängliche Licht von 1.Tim 6,16)
Wenn er im Himmel erscheint, so zeigt er sich allerdings nicht umgeben
von der Sonne (diesen Anblick dürften wohl auch die Engel nicht ertragen),
sondern in engelhafter Gestalt (forma angelica). Von den eigentlichen
Engeln unterscheidet er sich nur durch das Göttliche, das sein Antlitz
durchleuchtet (vgl. HH 121). Das alles unterstreicht die Bedeutung des
Lichtes im Leben des vor- und nachösterlichen Herrn.
Wir haben die Verherrlichung als Vergöttlichung und die Vergöttlichung
als Durchlichtung begriffen, denn Gottes Essenz (Wesen) ist Licht, aber
nicht nur Licht, sondern Licht und Liebe. Gott ist die Liebe und die
Weisheit selbst, sie stellen sein Wesen dar (WCR 37). Die Verherrlichung
läßt sich demnach auch als Vereinigung des Lichtes mit der
Liebe beschreiben (vgl. HG 6716). Das tote, kalte und lieblose Verstandeslicht
hat ja erst die Welt so weltlich gemacht (In der Welt habt ihr Angst
..., Joh 16,33). Die Verstandesbildung gilt mehr als die Herzensbildung;
sonderbar, ist es doch gerade die Verstandesbildung, die Atombomben baut,
kaltblütig Völker dahinschlachtet, Kinder im Mutterleib tötet,
die Erde plündert und grenzenloses Wachstum für die höchste
Weisheit hält! Das reine Licht mußte von der Liebe überholt
werden. Doch wie sollte das geschehen? Jesus hat anscheinend nie studiert.
Woher kam ihm die Weisheit? Meister Eckehart sagte einmal: Ihr tragt
doch alle Wahrheit wesenhaft in euch (EQ 181,29f). Auch für Swedenborg
ist Wahrheit nicht gleich Wahrheit. Er unterscheidet sehr genau zwischen
bloßen Wissensdingen (scientifica = gemachtes Wissen), Einsicht
(intelligentia: aus inter und legere, sozusagen die Kunst, zwischen den
Zeilen zu lesen, d.h. den eigentlichen Sinn erfassen) und Weisheit (sapientia).
Das bloße Wissen ist Angehör des äußeren Menschen
und hat mit dem Leben nichts zu tun. Einsicht ist bereits ein Verständnis
für das Wahre, das der äußere Mensch nur weiß. Aber
die Weisheit ist das wahre Licht des Lebens, d.h. der Liebe, denn das
Leben ist die Liebe. Der Vater, von dem sich der Sohn (das Wahre) gesandt
wußte, war das göttliche Gute (WCR 88). Der Menschensohn erkannte
demnach, daß die Liebe die Quelle des Lichtes ist. Er übte
daher sein Leben in beständiger Selbstverleugnung, um seinen eigenmenschlichen
Willen ganz der ewigen Liebe untertan zu machen. Diesen Weg empfahl er
später auch seinen Jüngern. Damit ist die Geisteshaltung der
Entäußerung angesprochen, deren menschliches Maß die
Umbildung ist.
Entäußerung und Versuchung; die Umbildung als das menschenmögliche
Maß der Entäußerung
Ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich
gesandt hat (Joh 5,30). Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen
dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk (Joh 4,34). Grundlage
der Verherlichung war die Entäußerung; diese wiederum bestand
in der Erniedrigung des Herrn vor dem Vater (humiliatio coram patre, WCR
104). In der Erniedrigung ordnete der Menschensohn das eigene Hoheitsgefühl
(den Fürsten der Welt) dem Bewußtsein der allwaltenden Liebe
unter. Im Zustand der Erniedrigung erkannte sich der Sohn (das Wahre)
als vom Vater (vom Guten) gesandt und sah in der Liebe seinen Nährgrund.
Das völlige Erlöschen der eigenmenschlichen Bewußtseinstätigkeit
führte zu der neuen Bewußtseinseinheit des Göttlich-Menschlichen.
Eine derartig umfassende Ausleerung (exinanitio) ist uns nicht möglich.
Deswegen wird aus der exinanitio Christi, wenn wir sie auf das menschliche
Maß reduzieren, die Umbildung oder Umgestaltung (reformatio). Wir
sahen bereits, daß die Verherrlichung Christi auf menschlicher Ebene
der Wiedergeburt entspricht. Nun sehen wir, daß die Entäußerung
Christi mit der Umbildung des Menschen korrespondiert (diesen Schluß
legt WCR 105 nahe). Die Umgestaltung oder Umordnung des Gemüts besteht
in der Erkenntnis, nicht das Leben selbst zu sein, sondern nur ein Aufnahmeorgan
des Lebens. In diesen Zusammenhang spielt Swedenborgs Lehre vom göttlichen
Einfluß, von der Gegenwart von Engeln und Geistern und vom freien
Willen hinein. Unsere Gedanken gehören uns ebensowenig wie die Luft,
die wir atmen. Sie sind aus einem Bewußtseinskontinuum geschöpft,
das uns sowohl äußerlich in Form des Traditionszusammenhangs
(Geschichte, Kultur, Sprache usw.) umgibt, als auch innerlich in Gestalt
der geistigen Welt oder des kollektiven Unbewußten, in dem alle
Gedanken versammelt sind, die je gedacht wurden und die künftig von
schöpferischen Menschen gedacht werden. Swedenborgs Einflußlehre
kann hier nicht entfaltet werden, aber die Dimension des Wortes "Aufnahmeorgan"
sollte wenigstens anklingen. Der Menschensohn wurde zum Gottessohn, weil
er sich restlos entäußerte; der Mensch kann zum Engel (Boten
Gottes) werden, wenn er sich als ein Organ des Lebens erkennt. Das Eigene,
das sich Adam im Schlaf beigesellte, der Ichwahn, muß überwunden
werden, wobei freilich die personale Existenz gewahrt bleibt.
Noch zwei Sätze zur Umbildung: Im Zustand der Umgestaltung blickt
der Mensch aus seinem Natürlichen auf das Geistige und sehnt sich
danach (WCR 571). Die Umgestaltung ist somit die Sehnsucht, im Netzwerk
des Ganzen seinen Platz zu finden, denn das Geistige ist eben das Ganze.
Im Zustand der Umgestaltung spielt der Verstand die erste und der Wille
die zweite Rolle; im Zustand der Wiedergeburt hingegen spielt der Wille
die erste und der Verstand die zweite Rolle (WCR 1O5; vgl. auch WCR 587-590).
Die Umbildung ist demnach ein bewußt geplanter Akt, der erst im
nachhinein durch eine innere Wandlung bestätigt und sanktioniert
wird.
Das Mittel der Verherrlichung waren Versuchungen aller Art. Angegriffen
wurde die Liebe des Herrn zu uns; er sollte in seiner Liebe zum menschlichen
Geschlecht erschüttert werden. Von Anfeindungen aller Art umgeben,
unter dem sinnlosen Gebrüll wilder Massen, in der Verzweiflung und
Einsamkeit einer geschundenen Seele, kämpfte die Liebe, um nicht
zerstört zu werden. Wenn Swedenborg schreibt, der Herr kam in
die Welt, um die Höllen zu unterjochen (WCR 2), dann ist damit
nicht die Unterjochung der Höllen unter die göttliche Allmacht
gemeint. Ein Machtwort wäre die Besiegelung des Todes im Gericht
der Welt gewesen. Gemeint ist die Unterwerfung von Haß und Rache
unter die Macht der verzeihenden Liebe (Aufhebung des Karmagesetzes).
Das ist bezogen auf die Hölle der gefährlichste Sieg. Der Herr
wurde nicht nur von Menschen, höllischen Geistern und Teufeln versucht,
sondern auch von Engeln. Das waren sogar die schwersten, weil subtilsten
Versuchungen. Die grobschlächtigen Angriffe der Haßwelten konnte
der Herr verhältnismäßig leicht parieren, anders die innersten,
wohlmeinenden und doch so verhängnisvollen Erweichungen der göttlichen
Absichten durch die Engelswelten. Die Evangelien erwähnen nur zweimal
die Versuchungen des Herrn. Ein summarischer Bericht findet sich bei den
Synoptikern, die vierzig Tage und Nächte in der Wüste. Dann
herrscht Schweigen; berichtet wird erst wieder Jesu Ringen in Getsemane.
Angesichts des Kreuzes ist seine Seele betrübt bis an den Tod
(Mk 14,34), er wirft sich auf die Erde und betet, daß, wenn es möglich
wäre, die Stunde an ihm vorüberginge, und spricht: Abba, mein
Vater, alles ist dir möglich; nimm. den Kelch von mir. Aber dann
wieder der Selbstverzicht: doch nicht, wie ich will, sondern wie Du
willst! (Mk 14,35f). Menschlicher Halt bleibt ihm versagt. Die Jünger
schlafen. Doch er reagiert mit Verständnis. Selber schwach, richtet
er die Schwachen auf. So hatte der Herr den letzten und schwersten Kampf
gekämpft. Das Leiden am Kreuz brachte den vollständigen Sieg.
Das Grab ist leer. Aber noch immer soll es Leute geben, die den Lebendigen
bei den Toten suchen, und denen der historische Jesus wichtiger ist als
der im Geist wirksame Herr. Mit der Verherrlichung war der Heilige Geist
entstanden (Joh 7,39). Der Heilige Geist ist kein Gott für sich (deus
per se), sondern die von dem einen Herrn ausgehende göttliche Wirksamkeit
(divina operatio). Sie ist nicht an Ämter und Institutionen gebunden,
denn jeder Mensch ist Gottes Tempel, und der Geist Gottes wohnt in ihm
(1.Kor 3,16). Gerade einer Jugend, die nach den spirituellen Praktiken
des fernen Ostens Ausschau hält, sollte das spirituelle Christentum
aufgeschlossen werden. Innere Wandlung im Zeichen des Auferstandenen,
das ist die Zukunft des Christentums. Die Politisierung der Kirche halte
ich für einen Irrweg. Das Reich Gottes ist kein politisches Gebilde,
sondern die Auferstehung des Geistes aus den Gräbern der Nacht durch
die Kraft Christi.
Leib und Auferstehungsleib als Wandlung der Kirche
Abschließend noch ein Ausblick auf weitere Verstehensweisen unseres
Themas "Leib und Auferstehungsleib". Paulus hat die Kirche als Leib Christi
bezeichnet. Sollte es auch in dieser Hinsicht einen Auferstehungsleib
Christi geben? Swedenborgs Unterscheidung der ersten chrislichen Kirche
nach der Ankunft Christi im Fleische von der zweiten christlichen Kirche
nach der Wiederkunft Christi im Geiste legt diesen Schluß nahe.
Wir wissen noch nicht, wie diese neue Kirche aussehen wird, aber soviel
ist sicher, sie wird Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten (Joh 4,24).
Die Offenbarung des inneren Sinnes der Heiligen Schrift schuf dazu die
formalen Voraussetzungen. Kirche ist für Swedenborg aber nicht nur
die Gemeinschaft der Heiligen, sondern zuerst und zunächst jeder
einzelne Mensch, der sich der Wirksamkeit des Geistes geöffnet hat
(vgl. WCR 510 oder HH 57). Kirche hat sozusagen eine psychologische und
eine soziologische Komponente. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen
wird sich dann deutlicher als bisher zeigen, wenn die Kirche als Gemeinschaft
des Heiligen genügend oft erfahren wurde. Das innere Leben
mit Christus ist das dringendste Gebot unserer Zeit. Die Wandlung des
Leibes in den Auferstehungsleib ist auf den Einzelnen bezogen die Überwindung
der dogmatischen Beschränktheit und Intoleranz von Bekenntnisschriften.
Nicht die lupenreine Reproduktion von Lehrsätzen und das eifersüchtige
Wachen über die Reinheit der Lehre bilden den Schwerpunkt des christlichen
Lebens, sondern die Wandlung des schweren und grobstofflichen Dogmenleibes
in ein lebendiges Verständnis. Das lebendige Verständnis aber
wird immer die Verstehensweise von Tatchristen sein. Deswegen kann eine
neue Zeit nur dann anbrechen, wenn der Sohn (das Wahrheitsbewußtsein
im äußeren Kopfverstand) erkennt, daß er der vom Vater
(der Liebe im Herzen) Gesandte ist. Wir sahen, daß dieser Weg nur
beschritten werden kann, wenn sich der Mensch bereit findet, seine normale
und unreflektierte Geistestätigkeit umzuorganisieren. Wir sahen ferner,
daß die Regeneration des Geistes einen Kampf voraussetzt, einen
Kampf freilich, den wir nicht allein kämpfen müssen.
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