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| Kommentare zu Meister
Eckeharts Reden der Unterweisung Thomas Noack (1984) |
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Für Saskia Einleitung Die Reden der Unterweisung sind ein wahres Kleinod für jeden geistig Suchenden, denn hier erbarmt sich ein Lebemeister, einer der seltenen Praktiker des inneren Lebens, der beschränkten Fragen seiner Zeit. Damals wurden sie gestellt von jungen Ordensleuten. Heute, morgen und alle Tage werden sie von religiös bewegten Menschen allerorten gestellt, denn die Beschränkungen erscheinen zwar immer in einem anderen Wortgewand, bleiben aber im Grunde stets die gleichen. "Das sind die Reden, die der Vikar von Thüringen, der Prior von Erfurt, Bruder Eckhart, Predigerordens, mit solchen (geistlichen) Kindern geführt hat, die ihn zu diesen Reden nach vielem fragten, als sie zu abendlichen Lehrgesprächen beieinander saßen." EQ 53.14 Die Überschrift läßt die Entstehung der Reden bereits erkennen. H. Büttner, der erste deutsche Herausgeber und Übersetzer der Schriften und Predigten Meister Eckeharts, schreibt: "Dem angesehenen Lehrer lag, wenn er in einem Kloster als Gast weilte, außer der Predigt auch die Leitung der 'Kollazie' der geistlichen Abendunterhaltung ob, die für bestimmte Tage von der Ordenssatzung vorgeschrieben war. Sie begann mit einem Vortrag des Lehrers über ein freigewähltes Thema, daran schlossen sich Fragen aus dem Hörerkreise, auf die der Meister in kurzer Gegenrede oder in längerer Ausführung antwortete." EB I.XXV Auf Wunsch seiner Zuhörerschaft entschloß sich Bruder Eckehart dann wohl, das Ergebnis zusammenfassend niederzuschreiben. Der Gesprächscharakter, das Wechselspiel von Frage bzw. Einwurf einerseits und Antwort bzw. Erwiderung andererseits kommt teilweise noch durch. Man vergleiche nur die Rede Nummer 22 (Zählweise J. Quint). Eine weitere Schlußfolgerung, die sich aus der Überschrift ergibt, betrifft die Entstehungszeit. Bruder Eckehart hatte zur Zeit der Abfassung zwei Ämter zugleich inne. Vikar von Thüringen und Prior von Erfurt war er. Nachweislich verbot das Generalkapitel des Dominikanerordens im Jahre 1298 die Vereinigung beider Ämter in einer Hand. Sonach dürften die Unterweisungsreden vor diesem Zeitpunkt entstanden sein. Sie stellen damit das früheste erhaltene deutschsprachige Werk Eckeharts dar. Es wurde noch vor dem ersten Pariser Aufenthalt verfaßt, in dessen Verlauf der Dominikanermönch den Magistertitel erwarb, der aus dem Bruder den Meister Eckehart machte. Möglicherweise kann der frühe Abfassungszeitpunkt mit ein Grund dafür sein, daß die spezifisch mystische Note, anders als in den deutschen Predigten, fehlt. Die Reden sind alles in allem nüchterner. Man spürt ihnen die alltägliche Arbeit der Betreuung an. Gleichwohl sind sie nicht flach. Eigentümlich für die Reden ist das Zusammentreffen zweier konträrer Elemente. Eckehart berücksichtigt die Begrenzungen seiner Zeit. Aber darin befangen scheint er nicht zu sein. Die klare Konzeption des inneren Weges der Gotterfahrung vor allen äußeren spricht sich unmißverständlich aus. Bruder Eckehart ist sich seiner Sache sicher. Hier spricht ein ebenso kühner wie überlegener Geist, der dennoch gelinde vorgeht, um niemandem mehr denn nötig vor den Kopf zu stoßen. Schon der Mitdreißiger verstand es, die ihm Anvertrauten zu führen. Später, der gefeierte Volksprediger wird Deutschland an die Schwelle des Geistchristentums führen, von dem Jesus weissagt: "Aber es kommt die Stunde, und sie ist jetzt schon da, da die wahren Beter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden. Denn solche sind es, die sich der Vater als seine Anbeter sucht! Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten." Jh 4.2324 H. Büttner wertet das allzu lange vergessene Werk Meister Eckeharts mit den Worten: "Inhaltlich aber können seine Werke noch immer durch nichts ersetzt werden. Sie sind, um es kurz und vorläufig zu sagen, Dokumente einer versunkenen Religion." EB I.IV Die versunkene Religion, die bei Eckehart anklang, ist seit Swedenborg die neue christliche Kirche benannt. Es ist nicht auszudenken, was alles anders hätte kommen können, wenn Deutschland damals die durch Eckehart angebotene Gelegenheit angenommen hätte. Luther wäre überflüssig geworden. Der Geist der Moderne, der uns letztendlich den unheilvollen Materialismus und Atheistmus bescherte, hätte keinen Boden gefunden. Das sinnliche Denken, im Kleide der Naturwissenschaften auftretend, wäre nicht zu der Ausschließlichkeit erstarkt, die alle metaphysischen Elemente zu vertreiben suchte. Und schließlich fand das Deutschtum im Eckehart seinen wohl genialsten Vertreter, denn das deutsche Wesen zielt ins Transzendente, weswegen dieser edlen Nation ein schwärmerischer Zug eigen ist. Mit der Verwerfung Eckeharts erschwerten sich die Deutschen den Weg der Selbstfindung ungemein. Noch heute haben wir darunter zu leiden. Im Ganzen gesehen darf Eckehart also als Vorläufer des inneren Christentums gelten. Zusammenfasser und Neuschöpfer ist er, indem sich in ihm die alten Weisen wie in einem Knotenpunkt treffen, um in der Verdichtung zu einer neuen Weise verschmolzen zu werden. Dabei formt der alte Meister gleichzeitig den Charakter einer ganzen Nation. Das ist mir Anlaß genug, den verkannten Dominikaner neu zu sehen. Die im Folgenden zu lesenden Kommentare spiegeln meine Art der Texterfassung wieder. Ich versuche, möglichst hautnah am Text zu bleiben, um den Reichtum selbst der unscheinbarsten Wendung nicht zu übersehen. Dabei bemühe ich mich, die Reden jedes Mal wieder als Novum zu erleben, indem ich unbelastet von gehegten Vorstellungen an sie herantrete, denn allzu leicht meint der Mensch, die Dinge erfaßt zu haben. Er hält sich für einen Wissenden und prompt bekommt er Schwierigkeiten mit dem Text, den er plötzlich nicht mehr versteht. Dabei ist der Text ganz einfach, kompliziert und unpassend sind lediglich die Vorstellungen. Sie mögen weichen, wo sie dem Text Gewalt antun. Die Gedanken Eckeharts sind zeitlos wahr. Dennoch wurden sie im Rahmen einer bestimmten Zeit gesprochen. Es gilt, den zeitbedingten Rahmen abzustreifen, die Substanz freizulegen, um sie dann zu unseren Problemen in ein Verhältnis zu setzen. Denn wir tragen uns mit unerkannten Irrtümern und quälenden Fragen, auf die es keine Antwort zu geben scheint, herum. Eines der Anliegen war es von daher, das eckehartsche Licht kontrastreich darzustellen, indem ich den Schatten menschlichen Wähnens einzuarbeiten gedachte. So ist es eher möglich, Eckehart als Antwort zu erkennen. Das Licht scheint im Dunkeln um so heller und wird dort um so eher zum Lockpunkt suchender Geister. Des Weiteren ist wie schon angedeutet Eckehart der große Vorformulierer swedenborgscher und lorberscher Gedanken. Die deswegen zuweilen auftauchenden Zitate aus den beiden Offenbarungen der neuen Zeit, nach dem Jüngsten Gericht, sollen den Zusammenhang verdeutlichen und den Sinn für die Einheit der Wortkundgaben schärfen. Im tiefsten Grunde gibt es nämlich nur eine große Offenbarung, Jesus Christus, für alle Zeiten der beschaulich gewordene Gott. Das äußere Gotteswort ist nur der Weg. Das Ziel ist der Herr, im Herzengrunde erlebt. Er ist die Quintessenz und der Geist aller Worte. Darum: Wer die eine große Offenbarung erkennen will, darf sich an den Unstimmigkeiten der äußeren Offenbarungen nicht aufreiben, und darf sie schon gar nicht gegenseitig ausspielen, die eine Weise begründend, die andere verwerfend. Wer das Gottwort so zerteilend durchforscht, wird nur Meinungen finden, aber ein Gespür für das Wahre, das Göttlich-Wahre nicht entwickeln können. Die im Folgenden niedergeschriebenen Kommentare möchten auch in dieser Hinsicht eine vorläufige Vorführung sein, dem Beispiel Eckeharts folgend. Er als Lesemeister hat die Schriften vieler alter Meister gelesen, und weil er nichts als nur die Wahrheit suchte, fand er die Kraft, die Einzelweisen zu einer Weise, zu seiner unnachahmlichen Weise des eckehartschen Weges zusammenzuschmelzen. Berlin im August 1984 Vom wahren Gehorsam Im ewigen Gelübde legt der Mönch ein feierliches Versprechen ab. Ein für alle Mal weiht er sich dem dreifachen Weg des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit. Eckehart war Mönch. Diesen Weg wählte er, aber er wuchs über ihn hinaus. Das erste Lehrgespräch behandelt bezeichnenderweise den Gehorsam. Für die Klosterinsassen des Mittelalters bedeutete er einfach Unterwerfung des eigenen Willens unter dem der Ordensleitung. Auch Eckehart scheint so zu denken, sagt er doch: "Wenn ich mich meines Willens entäußert habe in die Hand meines Oberen ..." Dennoch kann man bereits aus dem ersten Lehrgespräch beweisen, daß Eckehart schon weiter dachte. Gehorsam bezieht er im Wesentlichen auf Gott. Zunächst wird der Wert des Gehorsams herausgestellt. Gehorsam tun ist nicht möglich, das klingt schon schlecht. Der Mensch kann nur Gehorsam sein. Dieses edle Sein, so betont Eckehart, veredelt dem Menschen jedes Werk. "... kein noch so großes Werk kann geschehen oder getan werden ohne diese Tugend." H. Büttner gibt Gehorsam sinniger Weise mit Hingabe wieder. Begriffe wie Aufopferung, Dienstbarkeit und Verpflichtung für das Ganze sind ebenfalls geeignet, die plumpe Vorstellung vom Gehorsam überwinden zu helfen. Es dürfte auf der Hand liegen, daß dies die Grundbedingungen jedes großen Werkes sind. Interessanterweise spielt in der eckehartschen Sicht schon hier die gesellschaftliche Wertschätzung eines Werkes keinerlei Rolle. Die wirklich großen, bedeutungsvollen und unsterblichen Werke gehen aus dem Gehorsam hervor. Die anderen Werke sind für kurze Zeit groß gemacht. Folgerichtig wird selbst das unscheinbarste Werk durch den Gehorsam in seinem Wert unermeßlich erhöht. Wie unsinnig nehmen sich vor diesem Hintergrund Begriffe wie Karriere, Beförderung oder gesellschaftlicher Aufstieg aus, wenn sie Leitmotive des Handelns werden. "Gehorsam stört nie und behindert nicht ..." Gehorsam scheint eine Fessel zu sein der Gehorsame bindet sich an eine höhere Macht und dennoch ist Freiheit nur im Gehorsam möglich. Denn Freiheit bedarf einer Ordnung, ansonsten entartet sie zu Willkür, und Gehorsam und Ordnung sind ein und dasselbe, weil die Ordnung eine des Dienens, der gegenseitigen Nutzwirkungen, wie Swedenborg es ausdrücken würde, ist. Also wird der Gehorsame in die Ordnung eingebildet und durch diese frei. Der Gehorsame überblickt nicht immer die Folgen seines Tuns. Der sich selbst bestimmende Rationalist dagegen erhebt dies zu seinem Ideal. Er ahnt gar nicht, wie unmöglich sein Unterfangen ist. Die schier endlose Kette der Wirkungen, die sich aus unserem Tun ergibt, kann kein geschaffenes Auge überschauen. Nur Gott weiß Rat und verbindet die Fäden zum mystischen Leib Christi. Der Gehorsame ist in seiner Einfalt viel realer. Was der Rationalist durch lange Ketten von Schlußfolgerungen herauszubekommen bemüht ist, wird dem Gehorsamen dazu gegeben: Die emotionale Überzeugung in die Notwendigkeit und Richtigkeit des durch ihn gewirkten Tuns. "Gehorsam braucht sich nimmer zu sorgen, es gebricht ihm an keinem Gute." An dieser Stelle sei es mir gestattet, einen Einwand vorwegzunehmen, den Eckehart nicht behandelt, weil er von Novizen und Ordensleuten nicht zu erwarten ist, der aber dem Gehorsam vonseiten der kritischen Vernunft des Öfteren vorgeworfen wird. Gehorsam kann mißbraucht werden. Der Mensch begegnet ihm deswegen mit Skepsis oder verwirft ihn gar von vornherein. Die Möglichkeit des Mißbrauchs hat der Gehorsam allerdings mit allen Dingen gemein. Auch der kritische Verstand kann mißbräuchlich verwendet werden, wenn er nämlich derart übersteigert zu Rate gezogen wird, daß er das unwägbare Moment des Vertrauens erstickt. Rein nur wegen dieser Möglichkeit kann der Gehorsam sonach nicht abgelehnt werden. Höchstens die Macht, der man sich gehorsamst gebeugt hat, kann ausgetauscht werden. Die Grundverfassung des Gehorsams bleibt davon unberührt. Es ist sogar so, daß der Mensch, egal wie er sich drehen oder wenden mag, immer nur ein Bild des Gehorsams ist. Dem kann er nicht entweichen. Nur die Wahl hat er, zu wählen, welcher Seite er sich überantworten möchte, den Mächten des Lichtes oder denen der Finsternis. Also finde sich der stolze Mensch damit ab, ein Gehorsam zu sein. Wenn er diese seine Rolle mit aller Selbstentäußerung spielt, dann wird schon dafür Sorge getragen sein, daß es ihm an keinem Gute gebricht. Bis jetzt behandelte Bruder Eckehart das Verhältnis des Gehorsams zu den Werken. Dabei wurde er als ihr Sein erkannt. Im weiteren Gefolge wird die Beziehung zum Göttlichen ausgelotet. "Wo der Mensch in Gehorsam aus seinem Ich herausgeht und sich des Seinen entschlägt, ebenda muß Gott notgedrungen hinwiederum eingehen, ..." Leben duldet kein Vakuum. Wo das eine weicht, strömt das andere ein. Das Eine oder Andere ist das Böse oder Gute. Dazwischen lebt der Mensch und hat sich zu entscheiden. Der Mensch kann Gott oder das göttliche Leben, welches das ewige genannt wird, nicht direkt ergreifen. Fruchtlos bleiben daher die Bemühungen all derjenigen Christen, die sich durch ihr Mühen den Himmel erobern wollen (vgl. Eckeharts Interpretation der Kaufleute, die der Herr aus dem Tempel treibt in Pr. 1). Es gehört zu den Geheimnissen des Lebens, daß es nur indirekt ergriffen werden kann, eben durch den Tod der Ich-Dezimierung. Wer das Leben direkt ergreifen will, gleicht dem Narren, der in die Sonne zu springen beabsichtigt. Dem unmittelbaren Lebenszustrom ist niemand gewachsen. Deswegen geht für uns das Leben immer nur aus dem Tod hervor. Bei Swedenborg lesen wir: "In so weit der Mensch das Böse als Sünde flieht, tut er das Gute nicht aus sich, sondern aus dem Herrn." (Überschrift zu L 1831) Wie also ist es möglich, vom Guten, vom wahrhaft Guten, das vom Herrn kommt, durchweht zu werden? Naive Gemüter würden sich beeilen zu sagen: "Indem man es einfach tut!" Doch dem ist nicht so. Das Leben stellt sich von selber ein und wird als Gnade empfunden, niemals als Verdienst. Des Menschen Aufgabe ist es lediglich, sein Böses nicht zu tun. Der Gehorsam, mit anderen Worten die Hingabe, die Nutzwirkung oder die Nächstenliebe, ist DIE Lebensform der Ich-Einschläferung überhaupt. Deswegen sagt Eckehart: "Wo der Mensch in Gehorsam aus seinem Ich herausgeht ...'" Es gibt auch die Möglichkeit, daß der Mensch notgedrungen seine Interessen zurückstellen muß. Das bringt keinen Gewinn. Dem Bösen muß man als Sünde fliehen. Hat der Mensch auf diese Weise sein Gemüt von sich selbst befreit, dann nimmt er Gott wahr, der schon immer da war. Und was will der Gott, den der Mensch in sich wahrnimmt? "Wo ich von meinem Ich lasse, da muß er (Gott) für mich notwendig alles das wollen, was er für sich selbst will, ..." Man stelle sich vor, Gott will in zig Milliarden Menschen, in unzähligen Legionen von Engeln, immer nur das, was er für sich selbst will, denn Gott ist Einer und läßt sich nicht aufteilen, hier ein bißchen Gott und dort ein bißchen. Wo Gott ist, ist er zur Gänze. Also ist in jedem Menschen die Ganzheit (vgl. Das holographische Modell). Teilchen gibt es demnach nicht. Diesem Geheimnis kommt die erleuchtete Wissenschaft auf die Spur: "Die gesamte Information der Ganzheit des Universums ist ständig und überall, zu allen Zeiten und an allen Orten, in vollem Umfange präsent." (Trendwende 5/84, S. 7) Für mein und dein, das Leben des sich einzeln wähnenden Menschens bedeutet dies: Wer seinen Bruder oder seine Schwester verachtet, tut eben dies an sich selber. Die Nächstenliebe ist demnach kein soziales Gebot, sondern eines der Bewußtseinserweckung. Indem sich der Mensch bemüht Einheit zu leben, kann er sich der Einheit als solche bewußt werden. Es wird klar, warum Jesus sagte: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit dem Urteil, das ihr über andere fällt, wird Gott über euch selbst urteilen, und mit dem Maß, mit dem ihr (anderen) zumeßt, wird Gott euch zumessen." (Mt. 7.12) Gott tut das nicht erst morgen oder im Jenseits. Hier und heute vollzieht er es. Im Scheinbaren, so müssen wir jetzt sagen, Umgang mit "Anderen", bestimmen wir höchstselbst, wie und in welcher Fülle wir das Leben gerne hätten. Die Hingabe überwindet persönliche Grenzen, schüttet sich aus und erhält so alles. Der geläufig gewordene Ich-Stil schafft Grenzen. Hier ist das, was mich bekümmert und das Andere, jenseits der Grenze, geht mich nichts an. Das dieserart verdorrende Leben spürt die entsetzliche Leere, die es sich selber geschaffen hat. Anstatt sich aber nun wieder der Ganzheit zu öffnen, schließt es sich noch mehr ab, weil es meint, erkannt zu haben, wo es hinführt, wenn man sich nicht um sich kümmert, und versucht das Loch durch Besitzbestrebungen, imperialistische Agitationen, Machtausweitung und Herrschsucht auszustopfen. Deswegen kann Eckehart später, in einer seiner Predigten Augustus zitierend, sagen: "Es kommt von der Begehrlichkeit der Seele her, daß sie vieles ergreifen und besitzen will, und so greift sie nach der Zeit und nach der Körperlichkeit und nach der Vielheit und verliert dabei eben das, was sie besitzt." (EQ 208.2730, vgl. auch EQ 208.2325) Sie besitzt vorerst zwar noch unbewußt den ganzen Gott, die Fülle, nichts geht ihr ab. Gehorsam, der den Eigenwillen zum Erliegen bringt, formt das Bewußtsein zu einem verjüngten Bild des Allwillens aus. Wenn der spätere Eckehart über den Gerechten nachdenkt, wird er sich auf seine Frage "Welches sind die Gerechten?" (EQ 182.6) die Antwort geben "Der ist gerecht, der einem jeden gibt (zuteil werden läßt), was sein ist." (EQ 182.7f) Der Gerechte wird also dem Willensanspruch jedes Teilchens gerecht, auf diese Weise ist er jedem gehorsam. Der Ausbruch aus der Ganzheit des Lebens ist geheilt. Die Harmonie und die Schönheit der Schöpfung werden ihm vollbewußt. Harmonie ist die Liebe Gottes und Schönheit ist dessen Weisheit. So ist für Eckehart das Leerwerden im Akte des Gehorsams, die Grundbedingung der Gotterfahrung. Zuletzt, ab 54.10, geht der junge Priester auf ein häufig zu beobachtendes Fehlverhalten ein. Es ist dem Gehorsam diametral entgegengesetzt und verdient daher, erwähnt zu werden. Es verdeutlicht zudem, daß Gehorsam auch ohne einen "Oberen" möglich ist. Eckehart spricht vom Gehorsam dem Leben gegenüber. Der Mensch hat dankbar zu sein für das, was ihm begegnet und soll nicht sagen "'Ich will so oder so' oder 'dies oder das'". Gehorsam bewirkt, daß sich der Mensch seinem Leben einfügt und es nicht gerne anders hätte. Unerfüllte Wünsche, Versagungen und Unglück gibt es nicht. Gehorsam versöhnt den Menschen mit seinem Leben. Erst die vollständige Bejahung der Situation kann dem sich in der Lebensschule Übenden den Sinn der Umstände erschließen, in denen er sich befindet. Solange er sein Heil immer noch woanders sucht, kann er die liebende Hand des Vaters, der ihm den Weg im Hier und Jetzt gezeichnet hat, nicht erkennen. Dabei faßt Eckehart die Idee der Lebenslage sehr weit. Nicht nur die äußeren, die familiären, beruflichen und gesellschaftlichen Bedingungen sind gemeint, auch die Gemütsverfassungen, die Stimmungen und die Erfahrungen, die wir durchleben, sind mit einbegriffen. Eckehart geht sogar so weit, die Sünde, in die der Mensch gefallen ist, mit einzubeziehen. Im zwölften Lehrgespräch heißt es: "Ja, wer recht in den Willen Gottes versetzt wäre, der sollte nicht wollen, daß die Sünde, in die er gefallen, nicht geschehen wäre." (EQ 71.2931) So sehr soll der Mensch sein Leben lieb haben, um es liebend erlösen zu können! In den Jenseitswerken J. Lorbers lesen wir beispielsweise, daß die handelnden Personen immer und immer wieder angehalten werden, die umherirrenden Gestalten liebend aufzunehmen. Diese als Elemente der Innenwelt sind ja nichts anderes als Manifestationen des unerlösten Lebens, begangenen Sünden also. So grausam, wie der Mensch bislang mit sich selbst verfahren ist, indem er verdammte, was nach Liebe lechzte, so grausam ist die Welt, in der wir leben, bis auf den heutigen Tag. Eckehart versäumt es nicht, einen Blick auf die Gebetspraktiken zu werfen, sie erschöpfen sie oft in Bittgesuchen. Dabei weiß der Mensch doch gar nicht, was er benötigt. Wäre die Hilfe so begrenzt wie die Vorstellungen, die er von ihr hat, es könnte keine Hilfe für das ewige, unbegrenzte Leben sein. Die eigene Hilfe, ob nun selbst erdacht oder selbst verabreicht, ist hierbei einerlei, trägt dem Menschen nur für die Zeit Früchte ein, für die Ewigkeit nicht. Daher kommt es, um den Traumwandlern ein Zeichen zu setzen, daß Gott die wahre Hilfe gerne in das Gewand der Überraschung hüllt, völlig unerwartet ist ihr Erscheinen. Selbst die Tragweite des Zwischenfalls, wie die Hilfe im ersten Augenblick oft erlebt wird, ist erst bedeutend später erkennbar. Dem Menschen soll das ein Hinweis auf die Nichtigkeit der eigenen Beratschlagung sein. Nicht um dies oder jenes soll der Mensch bitten, auch um das ewige Leben nicht. Eckehart empfiehlt das offene Gebet in der Formel: "Herr, gib mir nichts, als was du willst ..." Dann kann kommen was will, es ist Gebetserhörung. Was bleiben kann und soll ist die ledige Erwartung, ein anderes Wort für Gehorsam. Sie wie er ist nicht mit bestimmten Inhalten belastet. Bleibt noch übrig zu sagen, daß es sich neben den sanfteren Formen des Ungehorsams, wie das erwähnte Unbehangen in den Lebenslagen, wie hochwirksames Gift ausnimmt, wenn schroffe Ablehnung laut wird. "'Ich will nicht' ist wahres Gift für jeden Gehorsam." Vom ledigen Gemüt Eine Ironie des Lebens ist es, daß sich dessen Fülle erst da einstellt, wo sie nicht mehr beabsichtigt wird. Das Leerwerden war schon beim Gehorsam angesprochen, im vorliegenden Text handelt Eckehart erneut davon, diesmal die sprachliche Formel vom "ledigen Gemüt" verwendend. Es ist Eckeharts Lieblingsthema. Der gefeierte Prediger wird es später einmal in die klassischen Worte fassen: "Wer die Dinge läßt, wie sie Zufall sind, der besitzt sie dort, wo sie ein reines Sein und ewig sind." EQ 224.14f Zufall, das schöne Wort, besagt, daß uns die Dinge hier, im äußeren Leben, nur zugefallen sind. Unser Eigentum sind sie nicht. In diesen Zusammenhang greift Swedenborgs Zurechnungslehre, die in der Wahren Christlichen Religion ausgebreitet ist. Zugerechnet will sagen, angeeignet wird dem Menschen nur das, was er in der Freiheit seines Willens ergreift. Das freilich ist dann nicht mehr bloßer Zufall, sondern Wesensausstattung ist es geworden. Da bedenke man, was es heißt, die Materie zu lieben! Das ledige Gemüt dagegen hat sich Distanz verschafft, so daß es frei atmen kann. In tiefen Zügen atmet es den Odem Gottes ein. J. Linnewedel räumt der Idee des ledigen Gemütes in seinem Buch "Meister Eckeharts Mystik" beachtenswert viel Raum ein. Es lohnt sich schon, diese Haltung ein Leben lang einzuüben, um darin sicher zu werden. In den folgenden Textabschnitten wird das ledige Gemüt mit dem Begriff der Gelassenheit umschrieben. Viele Worte, Ein Thema, Eckeharts Lieblingsthema. Wir wollen uns jetzt nur noch einer Feinheit des uns vorliegenden kurzen Abschnittes zuwenden, denn was ein echter Dichter ist, der legt auch in eine nur flüchtig dahingeworfene Wendung viel Weisheit hinein, und Eckehart war ein großer Dichter. Das vielgestaltige Leben verdichtete er auf die wesentliche Thematik. Gebet und Werk unterscheidet Eckehart. Darinnen spiegelt sich die mönchische Formel "Ora et Labora", "Bete und Arbeite". Diese wiederum ist Ausdruck des Wissens, daß der Mensch in einem Leibe zwei Leben führt. Denn aus der Materie ist er genommen, und Geist soll er werden, ein Bürger der Himmel Gottes. Gebet meint hier nicht vorrangig das Lippengebet. Das geistige Leben in seiner Gesamtheit ist gemeint. Und Werk meint nicht nur die vereinzelte Betätigung, sondern das äußere Leben. Immerfort steht der Erdenmensch im gedeihlichen oder aber auch verderblichen Spannungsfeld dieser beiden Leben. Swedenborg schreibt: "Die Freiheit der Vernunft hat der Mensch dadurch, daß er in der Mitte zwischen dem Himmel (geistiges Leben) und der Welt (natürliches Leben) ist, und daß er aus dem Himmel denken kann und aus der Welt, ferner aus dem Himmel über die Welt, und aus der Welt über den Himmel." GV 142 Die Freiheit der Vernunft ist das typisch menschliche Vermögen oder die Mitgift aus der geistigen Heimat. Ohne sie würde dem Menschen das gewisse Etwas fehlen. Er wäre nicht Mensch, sondern Tier. Das besagte Vermögen ist sonach der Mensch im Menschen. Nach obigem Swedenborgzitat benötigt dieser das zweifach angelegte Leben. Ohne dem ist Menschsein schlichtweg undenkbar. Deswegen zeugt es von einem tiefen Vertrautsein mit den Grundlagen menschlicher Existenz, Gebet und Werk zu unterscheiden und doch in einem Atemzug zu nennen. Hohe Tugend der Gelassenheit Das Wörtchen "Tugend" ist fast aus der Mode gekommen. Etwas abfällig belächelt man es. Dabei sind Tugenden die Einfassungen des Lebens, ohne die es nicht geht. Leben ist zunächst Bewegung, und Bewegung ist Veränderung. Aber Veränderungen, die dem Bereich des Lebens angehören, verändern immer nur in einem bestimmten Bezirk und sparen einen tiefer gelegenen peinlich genau aus. Er heißt: Die Ordnung der Dinge. Sie wird nicht angetastet. Auf wirklich alles darf das Leben gestalterisch einwirken nur die Grundmuster des Seins, sind wie Heiligtümer, die nicht geschlachtet werden dürfen. Im Bereich des gelebten Lebens spiegeln die Tugenden die Ordnung wieder. Als Einziges unter den Geschöpfen wird der Mensch nicht in seine Ordnung hineingeboren, denn der Mensch ist erst auf dem Wege der Menschwerdung, und er wird Mensch je wie er in die Einfassungen des Lebens, in die Tugenden eingeht. Wie verstellt muß das Auge derjenigen sein, die die Tugenden belächeln und in ihnen nicht die Grundwerte des Lebens erkennen? Im zugrunde liegenden Abschnitt unterzieht Eckehart die Gelassenheit einer näheren Betrachtung. Als geschickter Seelenanalytiker erwähnt er eingangs zwei häufig zu beobachtende Verhaltensweisen, die jedoch mit der Gelassenheit unvereinbar sind. Es kann auffallen, daß sich insbesondere das erste Fehlverhalten auf an sich ganz gute Leute bezieht, auf Menschen also, die ein religiöses Leben zu führen gedenken. Häufig ist bei ihnen ein Klagen zu hören, nicht um irdische Dinge, o nein, aber sie bedauern den mangelnden inneren Fortschritt und wären doch ach so gern schon weiter. Ein christliches Leben ist ja soo schwer. Sie zerbrechen sich den Kopf, auf Abhilfe sinnend. Ich glaube, diese Weise ist uns nicht gar zu fremd! "Wahrlich, darin steckt überall dein Ich und sonst ganz und gar nichts." Damit ist jene Gattung von Menschen angesprochen, die sich in einem fort selber vor dem inneren Richterstuhl zerrt, das vernichtende Urteil erwartend. Diese Art gibt sich immer selber Schuld. Die andere Gattung weiß die Schuld immer draußen zu suchen, in den Dingen. Selbstverständlich seien es die Umstände und Bedingungen, in die man gestellt ist, die für die Mißlichkeiten verantwortlich seien. Folgerichtig wechselt diese Art, von Nervosität getrieben, ständig ihren Platz. Daß auch so der Seelenfrieden nicht zu finden ist, braucht wohl nicht näher erläutert zu werden. Aber wo ist er dann zu finden? Was bleibt noch übrig, wenn weder ich noch die Außenwelt schuldig sind? Dann kann das Manko nur in der Schuldfrage liegen. Wer Schuldforschung betreibt, gedenkt auch die Ursache, sofern sie gefunden ist, abzustellen. Darinnen mischt sich bedenklich leicht das eigene Ich ein. Die Grundform der Problemlösung ist die Gelassenheit. Wer die Probleme nicht mehr so schrecklich ernst nimmt, der hat das Problematische in den Problemen schon überwunden. Der Rest wird sich finden. Nicht die Probleme sind so übermächtig, sondern die Methode ihrer Bewältigung ist so schlecht. Gelassenheit ist die Methode des neuen Menschen. Gelassenheit ist innere Freiheit. Es fällt der im Gericht der Materie verstrickten Menschheit schwer, Gelassenheit zu verstehen, dieses herrliche Gefühl der Ungebundenheit. "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." Jh 16.33 Daher kommt es, daß Gelassenheit nur in Christus vollziehbar ist, denn niemand sonst als er hat die Welt überwunden. Er kann uns den Adel des Geistes geben, und Geist atmet Freiheit. Gefangenschaft ist der Materie Zubehör. Gelassenheit ist nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit. Letztere scheint sich ebenso wie die Gelassenheit um die Dinge nicht zu bekümmern. Was jedoch die Gelassenheit von bloßer Gleichgültigkeit unterscheidet ist das schöpferische Moment. Gelassenheit ist die Form des Lebens, während es in der Gleichgültigkeit erschlaffend zerläuft. Gelassenheit ist nicht Untätigkeit, im Gegenteil erst in der Gelassenheit erkennt der ehemals Gebundene die Kräfte, die in ihm ruhen. Gelassenheit ist eine neue Haltung der Stofflichkeit gegenüber. Inmitten der Stofflichkeit bewährt sie sich. Sonach ist es noch nicht einmal angebracht, geschweige denn gut, die Dinge äußerlich loszulassen. Wichtig ist, daß sich der Mensch selber läßt. "Läßt der Mensch aber von sich selbst ab, was er auch dann behält, sei's Reichtum oder Ehre oder was immer, so hat er alles gelassen." Gelassenheit ist die permanente Entspannung des Eigenwillens. Sie ist nicht zu verwechseln mit Unstetigkeit. Ungeübte Gemüter könnten nämlich der Meinung verfallen, ein entspannter Wille folge jedem Reiz und drehe sich demnach wie der Wetterhahn im Wind. Gelassenheit bedeutet zwar Aufgabe des eigenen Willens aber zugunsten eines höheren Willens. Er bekundet sich im Gefühl des Getragenseins und der Geborgenheit in einem Klima des inneren Friedens. Ein Leben in ängstigender Sorge schwindet dahin. Gelassen hat der Gelassene die Welt, gebunden hat er sich an Gott. Jedoch hat er die Welt nicht Stück um Stück gelassen, sondern in einem Stück, indem er sich gelassen hat. "Er soll zuerst sich selbst lassen, dann hat er alles gelassen." Wer die hohe Tugend der Gelassenheit einmal, und sei es selbst an unscheinbarster Stelle, verwirklicht hat, der ist prinzipiell gelassen und mit dieser Einstellung begegnet er allen Dingen immer wieder. Der Mensch braucht sich nicht damit aufhalten, große Dinge lassen zu können, das kleine Verfügungsumfeld des Alltags, der Familie, des Berufes und was dergleichen mehr ist, reicht vollkommen aus, denn "Wer das Kleine willig läßt, der läßt nicht nur dies, sondern er läßt alles ..." "Ein Mensch, der Gott sich läßt in allen Fälln
und Weisen, Von der Gelassenheit Der Mensch, allem Anschein ein Bürger der äußeren Welt, soll sich durch die Sinneseindrücke nicht mehr binden lassen, als es für die Aufrechterhaltung der Inkarnation unumgänglich nötig ist. Das Kunststück, in der Welt ohne Welt zu sein, bringt die Gelassenheit fertig. Sie ergreift die Dinge nicht als Dinge, sondern als den gerechten Gegenpol der ewigen Geburt, gerecht, weil die Seele an diesem Gegenpol hochranken kann. Weswegen die Psyche, wie Swedenborg betont, nur am Baum der Stofflichkeit reifen kann. Das Geheimnis der Gelassenheit offenbart Eckehart später in einer der Gerechtigkeitspredigten, indem er sagt: "Alle Liebe dieser Welt ist gebaut auf Eigenliebe. Hättest du die GELASSEN, so hättest du (in einem) die ganze Welt gelassen." EQ 185.1012 Es ist nicht möglich, daß sich der Mensch von diesem und jenem einzeln abstoßen kann. Nur als Ganzes kann er die Welt lassen, indem er sich der Eigenliebe entsagt. Dadurch wird der Egokrampf der Ich-Zusammenziehung gelockert, derart, daß der Friede Gottes einziehen kann. Der Unfriede der Zeit entsteht aus einem tiefsitzenden geradezu traumatischen Wissen um die Vergänglichkeit aller Dinge. Der emsigen Geschäftigkeit, die sich in ängstlicher Sorge und Hektik zeigt, geht es darum, das Unaufhaltsame aufzuhalten. Daher kommt es auch, daß Zeit immer Illusionen schafft, denn es wird von einem Nicht-wahrhaben-wollen ausgegangen. Die Früchte müssen dementsprechend sein. Ergibt sich der Mensch jedoch in die Ordnung Gottes, dann kann ihm ihr ewiger Ratschluß nicht mehr beunruhigen, und der Mensch findet Frieden. Die zeitliche Friedensillusion treibt den Gehetzten immer nur voran, hoffend an der nächsten Station Ruhe zu finden, aber die bleibt ewig aus. Gelassenheit verändert die Blickrichtung. Nicht mehr nach bestimmten Werken, sondern nach einem bestimmten Sein verlangt es dem Menschen. Entscheidend ist ihm nicht mehr was er tut, wie er was tut wird allbestimmend. Die Verhältnisse lassen sich den eigenen Vorstellungen nie restlos anpassen, immer kommt etwas dazwischen, was dem in der Zeit Befangenen Veranlassung zum Ärgern ist. Dagegen ist es immer möglich, richtig zu reagieren, egal wie verschroben die Lage zu sein scheint. Selbst in der Gefängniszelle erleidet die Freiheit des Gerechten keinerlei Einbuße. Er empfindet das Geschehen um ihn herum nicht im geringsten als Zwischenfall. Immer bleibt er Herr der Dinge. Um dieses hohen Zieles willen verlege sich der Mensch auf die Haltung des richtigen Reagierens. Hinter diesen unscheinbaren Worten verbirgt sich das Wunder der Gottgeburt, denn richtig kann der Mensch nur aus Gott handeln, wie die nächste Rede zeigen wird. Pseudomaßstäbe mögen das mitunter anders sehen. Wo die Erreichung irdischer Vorteile, selbst wenn sie noch so harmlos und gerechtfertigt erscheinen, zum Hauptziel wird, müssen falsche Urteile das Ergebnis sein. Dennoch bleibt es wahr: Nur gotterfüllte Werke sind göttlich, und weil Gott allein groß ist, sind es auch nur seine Werke. Wenn die zeitlichen Modetrends abgeebt sind, dann tut sich die wahre Bedeutung eines Werkes auf. Das sind dann auch die unsterblichen Werke, weil sie mit unsterblichem Sein erfüllt sind. Eckehart spricht, wie wir noch sehen werden, viel von den Werken. Er legt Wert darauf, daß sie richtig eingestuft werden, denn der äußere Mensch hat sie maßlos überhöht. Eine Korrektur ist unter diesen Umständen höchst notwendig. Der auswendige Mensch, was ist er anderes als der werktätige Mensch. Gleichzeitig ist er die Meinung, aus sich zu leben, also sein eigener Herr zu sein. Der äußerliche Mensch, auch die handelnde Selbstliebe genannt, hat kein anderes Verlangen, als dem allgemeinen Lebenszusammenhang zu entfliehen. Eigenverantwortlich möchte der Mensch sein Leben fristen. Und ebendiese Qualität bekommen die Werke aus besagtem Wahn des Weltmenschen. Die Werke, an sich nur Fassade des Seins, werden plötzlich das Sein schlechthin. Die Werke, so gesehen, sind nicht mehr, wie es der Ordnung entspräche, der natürliche Grad des Seins, also dessen unterste Stufe. Die Werke treten als das Leben überhaupt auf. Werk und Leben werden plötzlich ein und dasselbe, beliebig austauschbar. Der Seinsmetaphysiker, Eckehart, dessen Anliegen es ist, die Menschen auf den inneren Pfad der Gelassenheit zurückzurufen, muß daher der Zurechtrückung des Werkswertes besondere Aufmerksamkeit widmen. Er kann das so nicht stehen lassen, weil man die Werke läßt, indem man die überspannten Erwartungen, die an die Werke geknüpft werden, fallen läßt. So läßt der Seinsmetaphysiker die Werke, und nur so, denn unterlassen soll man das werktätige Leben nicht. Mit Eckeharts Worten hört sich das so an: "die Werke heiligen nicht uns, sondern wir sollen die Werke heiligen." Die verkehrte, völlig ungelassene total verkrampfte Ordnung des Weltmenschentums kann nur durch Umkehrung wieder zu Gott gekehrt werden. Also nicht die Werke sind das Erste, die Ursache der inneren Erneuerung, nein umgekehrt, die innere Erneuerung ist die Ursache wahrhaft neuer Werke, denn das Gute, weil es geistiger Natur ist, steigt von innen nach außen und nicht von außen nach innen. Viele bleiben im Ringen um die Vollendung stecken. Warum? Sie suchen in ihren Werken die Ursache der Heiligung. Sie können einfach die Vorstellung nicht lassen, aus eigener Kraftanstrengung das Heil in Christus herbeizunötigen. Auch Swedenborg betont in Übereinstimmung mit Eckehart, daß der äußere Mensch durch den inneren erneuert wird: WCR 591ff: "Der innere Mensch muß zuerst umgebildet werden und dann durch denselben der äußere, auf diese Weise wird der Mensch wiedergeboren." Daher wähle der Mensch die Gelassenheit, was nichts anderes bedeutet, als den Wert der Werke nicht länger mehr zu überschätzen. Obwohl nun Gelassenheit die Beruhigung der Seele bewirkt, hat sie doch nichts gemein mit Untätigkeit oder gar Trägheit. Gelassenheit ist die höchst vorstellbare Tätigkeit des Menschen, eine sehr leichtläufige Tätigkeit. Deswegen ist es nicht möglich, Gelassenheit durch Untätigkeit zu erwerben. Man könnte nämlich der Meinung verfallen, besonders wenn man die verkrampften Handlungsansätze erschauen darf, bloß weg damit, und dann getraut man sich nimmer mehr je wieder eine Betätigung aufzunehmen, weil ohnehin nur Krampf dabei herauskommt. Das kann zwar schon sein, allerdings wird Gelassenheit, wenn überhaupt, dann nur im tätigen Versuch erworben. Die Kunst besteht nicht darin, bloß untätig, sondern in der Tätigkeit untätig zu sein, ein erhebender Zustand. Man spürt, wie sich Schaffenskraft einstellt und reicht ihr die niederen Kräfte dar. Der nörgelnde Weltverstand könnte sich mit der Umwendung der Aufmerksamkeit, wie sie im Zuge der Gelassenheit erforderlich ist, nicht zufrieden geben. Er könnte einwenden: "Auf diese sogenannte gelassene Weise wird die Welt nie anders. Was soll sich ändern, wenn man alles so läßt wie es ist, wenn man immer nur nach innen schaut und sich im übrigen mit den Dingen und Verhältnissen so wie sie sind abfindet? Auf diese lächerliche sich selbst ad absurdum führende Weise würden die Unterdrücker noch heute herrschen. Nur die Stoßrichtung nach außen hat sie über Revolutionen gestürzt. Die Demokratie, ja was sage ich, die gesamten Kulturerrungenschaften gäbe es nicht, wenn der Mensch nicht gestaltgebend in die Stofflichkeit eingedrungen wäre." Dem kann zunächst entgegen gehalten werden, ob der äußere Kulturfortschritt wirklich so hoch zu veranschlagen ist, oder ob er nicht vielleicht die Augen verblendet hat. Alle Augen schauen nur noch nach außen, und vom inneren Seelenfortschritt spricht niemand mehr. Warum soll der äußere Fortschritt wichtiger sein als der innere, so wichtig, daß er das Prädikat der Ausschließlichkeit beansprucht? Wir erleben in unseren Tagen das Fiasko einer Welt, die an seelischer Verarmung stirbt. Die Priorität der Seelenentwicklung vor allem äußeren Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft würde uns nicht, wie uns glauben gemacht werden soll, in den Stand eines Steinzeitmenschen zurückwerfen, o nein, die wahre Kultur wird erst dadurch ermöglicht, denn Kultur ist Vergeistigung der Materie und nicht Vermaterialisierung des Geistes. Niemand verbietet das werktätige Leben, im Gegenteil die Religion des kommenden Zeitalters ist werktätiger Natur, aber die Grade des Seins dürfen nicht länger durcheinander gewürfelt werden. Erst kommt Gott, dann der Geist und zuunterst steht die Materie. Der Weg zu einer neuen Menschheitskultur, die uns vom Fluch des Materialismus erlöst, geht über die Gelassenheit. In ihr schält sich der Mensch aus der Stofflichkeit heraus, wird sich seiner Geistnatur bewußt und kann aus der Distanz die Materie sicher bearbeiten. Nur eine Quelle des Guten Gott Was ist gut? Dies und das ist gut. Alle wollen sie gut sein, jeder handelt natürlich richtig auch wenn er nur selbst davon überzeugt ist. Obwohl der Gedanke des Guten weiteste Verbreitung gefunden hat, ist das Wesen des Guten merkwürdig unbekannt geblieben. Was also ist gut? Wie viele Menschen gibt es, die dem scheinbar Selbstverständlichen, dem Guten ernstlich nachforschen? Wenige sind es, andernfalls wäre man sich über das Wesen des Guten schon längst im Klaren. "Der Grund, an dem es liegt, daß des Menschen Wesen und Seinsgrund, von dem des Menschen Werke ihre Gutheit beziehen, völlig gut sei, ist dies: daß des Menschen Gemüt gänzlich zu Gott (gekehrt) sei." Schlichte Worte, ihre Schlichtheit verhüllt ihren unermeßlichen Wert sorgsam vor dem Zugriff der Unbefugten. Die Wahrheitssucher erkennen ihn trotzdem oder vielleicht gerade deswegen, denn auf den Pomp achtet nur der Pompöse. Die Liebe, die Schlichte erkennt das Ihrige. Gott ist gut. Er ist die Liebe und Weisheit selbst. Nur aus Gott sind des Menschen Werke liebe- und weisheitsvoll, also gut. Das Gute gibt es nicht losgelöst von Gott, hier das Gute und da das Göttliche. Daher: So gottvoll der Mensch ist, so gut ist er auch und im Gegenteil, so gottlos oder atheistisch der Mensch ist, so böse ist er auch. Man hat das Gute vom Göttlichen, d. h. vom Religiösen getrennt. Man will gut sein, aber nicht religiös. Atheisten behaupten, der Mensch brauche Gott nicht, um Gutes zu tun, man könne sehr wohl aus eigenen Kräften für das Wohl der Menschheit streiten. Ja, streiten kann man. Sozialismus und Marxismus sind Versuche, gut zu sein ohne Gott. Anders denkt der einfältige Christ. Er weiß, ohne es näher begründen zu können, daß die guten Werke aus dem Glauben an Gott kommen. Es tut sich die Frage auf: Was ist gut? Wir lasen, Gott ist gut. Aus Gott ist dann "des Menschen Wesen und Seinsgrund" gut. Und aus diesem wiederum sind erst die Werke gut. Die Güte der Werke steigt also von ganz innen herab. Die Werke als solche sind weder gut noch böse. Gut oder böse ist lediglich das in ihnen waltende Prinzip, das vor den Augen der Welt freilich verborgen bleibt. Daher, aber nicht nur daher, mißt sie das Gutsein der Werke an äußerlichen Maßstäben und verfehlt somit den eigentlichen Gegenstand der Frage meilenweit. So entstehen Pseudomaßstäbe, um die fortan das Denken kreist. Verborgen bleibt das wahre Sein. Der z. Z. wohl wichtigste Pseudomaßstab ist der Anspruch des sozialen Handelns. Allgemein gesagt sind alle gesellschaftlichen Normen, da sie immer nur das äußere Tun betreffen, solche Ersatzsysteme. Selbst die Gesetzesbücher der Staaten berühren das eigentliche Gut nicht. Immerhin sind sie notwendig, um das öffentliche Leben zu ordnen. Doch Gott schaut auf das Verborgene. Es gibt viele Menschen, die sich aufgrund ihrer praktizierten Sittlichkeit einbilden, gut zu sein. Die Wahrheit wird jedoch erst nach dem Tode offenbar, wenn das Angelernte abfällt, und der wesentliche Mensch zutage tritt. Dann zeigt sich, inwieweit er es verstanden hat, ein Werkzeug Gottes, des Guten zu werden. Immer wieder machen Heilslehren die Runde. Wenn sich die Nichtigkeit der Vorangegangenen einzustellen beginnt, tauchen, um das Rad in Bewegung zu halten, neue Ideen auf. Sie leben meist nur daraus, daß sie sich von Bisherigen absetzen. Ob sie gut sind, bleibt zu fragen offen, klar ist meist nur, daß sie eben anders sind. Nun gut, wie dem auch sei; eine Idee mag noch so gut sein, wenn Gott nicht in ihr ist, dann wird sie eines Tages verblassen. Dann ist sie nämlich zeitlich und nicht ewig. Doch gewiß, kaum daß sie verblaßt, wird schon wieder das absolut Neue propagiert, das noch nie dagewesen ist. Es befreie sich der Mensch aus dem Zirkus der Zeit. Erkennet, daß alles vergeht. Nur Gott bleibt ewig. Jede rettende Idee, jede politische Bewegung wird ihr Manko deutlich zeigen. Daher schaue man nicht auf die Geschicklichkeit der Beweisführung, die zu begründen sucht, warum dies und nur dies Mittel gut sein soll. Man schaue, ob Gott in ihm ist. Und da die Mittel als Mittel nur tote Formen sind, die jenseits von gut und böse liegen, denn das sind die Wertbegriffe, die sich ausschließlich auf den Menschen beziehen, schaue man auf den verkündenden Menschen. Erst wenn der Gottmensch die Erde betreten wird, erst dann ist der Bann gebrochen. Dann nimmt das Gute seinen wahren Anfang. Vorher ist alles mehr oder weniger Lug und Trug. Der Gottmensch weiß die Dinge zu nehmen aus Gott. Dann werden die Dinge besser, wie sonderbar dessen Ideen auch klingen werden. Die Pseudomaßstäbe, vom sittlichen Grund losgelöst, bewegen nur auf eine Zeit die Gemüter. Jede Gesellschaft hat ihre Helden, die macht sie sich, und verteilt ihre Orden. Das gehört zum Geschäft. Davon lasse man sich nicht beeindrucken. "Suche Gott, so findest du Gott und alles Gute (dazu)." Wie kann der beschränkte menschliche Verstand jemals ermessen, was gut ist? Er berücksichtigt doch immer nur einen winzigen Teil des Gesamten. Das Gute aber geht über das Teilhafte hinaus, zielt auf das Gesamte, stammt es doch vom Gesamten, vom Alleinen von Gott. Daher ist das Gute immer wie ein Aufruf, ein wenig störend, eben aufrufend, das Jetzige zu verlassen. Es überfordert stets ein wenig. Im Derzeitigen begründet sich bloß das Böse, daher dessen Bequemlichkeit. Deswegen entbinde der Mensch das Gute aus der Oberherrschaft des beschränkten Verstandes. Er versuche nicht mehr rational zu schlußfolgern, was gut sei. Tiefer als der Verstand geht das Lebensgefühl. Denn der Verstand teilt, er analysiert, Ganzheit schafft das Leben, die Liebe oder das Gefühl, womit nur eines gemeint ist. Mit dem ganzheitlichen Prinzip erfahre der Mensch seinen Gott. Gott will aus der Kontrolle der Gedanken entgleisen. Eckehart sagt es mit den Worten: "Und was zuvor du suchtest, das sucht nun dich; wem zuvor du nachjagtest, das jagt nun dir nach; ..." Die Gottkraft ist entbunden. Lebendig wird sie gefühlt. Und, genau da beginnt der atemberaubende Selbstlauf des Lebens. Da erfährt der Mensch das wahre Gut. Gott freilassen Wer Gott in rechter Weise hat, also vollkommen ist, der hat ihn in jeder Lebenslage, sei es lieb oder leid, Alltag oder Kirche. Wer aber noch nicht rein nur Gott hat, der bindet ihn an bestimmte Situationen, und mit den Bedingungen büßt der Betreffende dann auch seinen Gott ein. So soll es jedoch nicht sein. Nehmet Gott nicht von draußen, denn er ist die innerste Lebenswirklichkeit. Diese gilt es in all die Stätten und Werke hineinzutragen. So wirkt sich Gott durch die Seele aus und ist als Impulsgeber viel eigentlicher der Täter des Werkes als die Seele, die nur Mittäterin ist. Da nun Gott durch Zeit und Raum nicht begrenzt und durch die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen nicht gestört wird, findet die Seele, die rein nur Gott im Auge hat, keine Behinderung am dies und das der Zeitlichkeit. Das ist Freiheit. Es muß zwar zugegeben werden, daß Beten edler ist als Spinnen, und die Kirche ist eine würdigere Stätte als die Küche. Aber wem diese Unterschiede noch beeinflussen, der hat noch kein gleich bleibendes Gemüt, das in Gleichmut allen Dingen begegnen kann. Die innere Gottgegenwart ist das Entscheidende. Wer die nicht kennt, wird genau genommen durch die bösen Worte und Werke ebenso abgelenkt wie durch die guten, denn er nimmt so oder so die Schale für den Kern. Nachdem nun der Erscheinliche vom Wesenhaften Anteil getrennt wurde, erhebt sich die Frage, wie man Gott hat, denn in diesen oder jenen Ausdrucksformen hat man ihn eben nicht, so daß es irrig ist, diese zu wählen und jene zu lassen. Der rechte Mensch heiligt, wie gezeigt, alles durch die ihm innewohnende Gottgegenwart. Gott hat man nicht im Denken und, bloßen Glauben, sondern im Streben, Lieben und Leben. "Der Mensch soll sich nicht genügen lassen an einem gedachten Gott, denn wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott." EQ 60.2022 (Daraus wird u. a. das Dilemma des Christentums deutlich, das zu einer bloßen Glaubensreligion verkommen ist.) Wer sich nach dieser Art Gott und das Göttliche nicht nur vorstellt, wem es vielmehr zur inneren, lebendigsten Gewißheit geworden ist, der wird vom Leben getragen und gelenkt und kann es vergleichsweise genausowenig verlieren, wie ein Durstiger die Vorstellung des Trankes. Das wäre das Ziel, daß Gott nicht unter Vorsatz, sondern frei und wie er es will in des Menschen Seele wirken kann. Zur Erlangung dieser Lebenskunst ist es zunächst notwendig, daß der Mensch grundsätzlich von der Leidenschaft des Religiösen berührt wurde. Daraus entspringt Hingabe, Sehnsucht, die nicht mehr losläßt. Zweitens ist genaue, disziplinierte Selbstbetrachtung erforderlich. Wie steht es um das Innere? Was sind die Beweggründe des Tun und Lassens? Wachsam, unvoreingenommen, ehrlich und besonnen hat der Mensch diese Übung zu vollziehen. Außerdem ist das Leben nicht in Weltflucht zu finden, sondern in der harten Konfrontation mit den Äußerlichkeiten. Die Welt und ihre Verhältnisse wollen als Gnadenmittel erkannt sein. Wer sich in die Einöde zurückzieht, verkennt in tragischer Weise die Chance des materiellen Lebens. Inmitten der Welt gilt es die Welt als Selbstwert zu durchbrechen und als Gottwert zu finden. Dazu ist anfangs sauere Mühe erforderlich, denn zu Beginn bedarf es der bewußten Mitarbeit, bis der neue Lebensstil schließlich in Fleisch und Blut übergegangen ist und unwillkürlich vollzogen wird. Das beschauliche und das wirkende Leben Im vorliegenden Text klingt bereits ein Thema an, das Eckehart später in der Predigt über Maria und Martha (Pr. 28) ausführen wird: das Verhältnis des beschaulichen zum wirkenden Leben. Die via contemplativa ist der Vollendungsweg des Ostens. Wesentliches Element ist die Meditation. "Man findet's bei vielen Leuten, und leicht gelangt der Mensch dahin, wenn er will: ..." In diesen Worten kündigt Eckehart etwas an, was starke Verbreitung gefunden hat und was zudem verhältnismäßig leicht zu erwerben ist, wenn sich der Mensch nur entschlossen darum bemüht. Was hat der Prediger im Auge? Er blickt auf einen Vollendungszustand, da dem Menschen "die Dinge, mit denen er umgeht, nicht hindern noch irgendeine haftende Vorstellung in ihm hineinsetzen, ..." Das äußere Leben "hindert" den Menschen nicht mehr. Den sprachlichen Ausdruck der Behinderung verwendet Eckehart oft. Soweit ich sehe, kommt darinnen die Idee zum Vorschein, daß das äußere Leben dem inneren bzw. religiösen Leben entgegen gesetzt ist. In der Bergpredigt steht der überdenkenswerte Satz: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Mt 6.24 Hinter "Gott" verbergen sich die geistigen Werte, hinter "Mammon" dagegen die irdischen Güter wie Geld, Reichtum, Machtgewinn, Ruhm und Behaglichkeit. Die geistigen Werte sind Errungenschaften des Geistes. Samt und sonders gehen sie auf Herzensgüte und Vernunftgebrauch zurück. Zuweilen werden sie auch Tugenden genannt. Es ist offensichtlich nicht möglich, beides gleichermaßen anstreben zu können. Unweigerlich kommt der Mensch in Konflikte, die ihn zur Entscheidung zwingen. Dann merkt er, wie sehr ihn die weltlichen Güter betören, sprich behindern an der rechten Wahl. Swedenborg kleidet die Grundproblematik des zwiefachen Lebens im Menschen in die Worte: "Der natürliche (äußere) Mensch kann von Gott nichts wahrnehmen und sich aneignen, sondern nur von der Welt. Eine der Grundlehren der christlichen Kirche besagt deshalb, daß der natürliche Mensch dem geistigen feind sei und sie einander bekämpfen." WCR 11a Aus diesem Grunde ist Selbstzucht die erste Christenpflicht, denn folgt der Mensch seinem natürlichen Hange, so gleitet er ins Welttum ab, denn der natürliche Mensch kann von Gott absolut nichts wahrnehmen. Daher kommt es, daß die gewöhnliche Streberichtung, die durch die Reize (Dinge) der Außenwelt erregt wird, dem Menschen ein Hindernis an der Innerlichkeit ist. Die Folge der Behinderung sind "haftende Vorstellungen". Nicht gemeint ist, daß wir unser Gedächtnis ausschalten sollen, so daß nichts mehr haften kann. Aber die pathologische Ausprägung der Eigenliebe erzeugt ein verkrampftes Denken. Es ist gekennzeichnet von der Angst vor dem Untergang. Diesem Denkstil fehlt die Freiheit, die aus dem Vertrauen resultiert, Gott umhegt uns. Während der Glaubende seine Lebensabsicherung aus dem geheimen Wissen bekommt, Gott ist mit mir, bindet sich der Eigensorger an dies und das. Von Bedingungen macht er sein Heil abhängig, etwa wenn er sagt: "Das Leben meint es gut mit mir, wenn ich meine Arbeitsstelle behalte, wenn ich gesund bleibe, wenn ich keine Not leide, wenn, wenn, wenn ..." Das sind haftende Vorstellungen, denn sie sind so außerordentlich mit dem Leben eins geworden, daß das Leben als solches gar nicht mehr hervortritt. Der Glaubende weiß, daß es das Leben immer gut mit ihm meint. Auf diese Weise heftet er es nicht an bestimmte Vorstellungen. Er bleibt innerlich beweglich. In wahrem Gleichmut kann er die Dinge kommen und gehen lassen. Was kümmert es seinem Heil?! Es ist einleuchtend, daß eine derartige Geisteshaltung, die sich durch Unabhängigkeit vom Umgebenen auszeichnet, leichtlich zu völliger Abkehr von aller Umgebung und zu totaler Versenkung führen kann. Während der Weltmensch seine Welt zu sehr umarmt, stößt sie der kontemplativ Lebende zu sehr von sich. Beide verkennen sie den eigentlichen Wert eines Lebens unter stofflichen Bedingungen, denn "wir sollen uns alle Dinge in hohem Maße zunutze machen, ..." Sicherlich ist das innere Abstandhalten die Vorbedingung des rechten Lebens. "Daran aber soll's uns nicht genügen." Dem Befreiten sollte es an und für sich möglich sein, die Welt kunstvoll zu handhaben. Schließlich erwächst aus der Überformung der Stofflichkeit durch den Geist alle Kultur. Weltflucht ist das Beste nicht! Eckehart offenbart sich schon hier als der große Gestalter des Situativen. Seine Mystik, obwohl in den Klöstern gepredigt, ist für den Alltag gedacht. Das Geheimnis seines Erfolges liegt wohl zu einem Gutteil in der ausgesprochen geschickten Lebenshandhabung des Lebemeisters. Das Christentum ist vor allen anderen Religionen aufgerufen, das äußere Leben zu kultivieren, denn im Christentum wurde Gott, der Geist ist, Mensch mit Fleisch und Blut aus Materie. Darinnen liegt die noch viel zu wenig erkannte Kraft der Gnadenreligion und seine atemberaubende Größe. Von den höchsten Zinnen der Geistigkeit zieht sie sich bis in die tiefsten Tiefen des an sich Gefallenen. Bleibt da ein Bereich ausgespart? Etwa der des äußeren Lebens? Wahrhaft allumfassend ist das Christentum. Vielleicht war Eckehart einer der Ersten, der das in seiner Tragweite erkannt hat. Im Christentum wird die alte Zwietracht zwischen Geist und Materie restlos ausgesöhnt. Unverständlich ist danach das gesamte Klosterwesen, die Einsiedelei und die Weltverteufelung in den verschiedensten Formen. Machet euch die Welt in hohem Maße zunutze, ruft Eckehart der Christenheit zu. Die Religion des menschgewordenen Gottes wird sich erst dann als der Weg des Lebens in aller Deutlichkeit offenbaren, wenn sie sich dieser ihrer Möglichkeit voll bewußt wird. Sie kann die Welt gebrauchen, ohne zu verweltlichen, ja mehr noch, sie kann die Welt gebrauchen, um geistig zu werden. Das ist der vernichtendste Sieg über jede Form des Zeitlichen. Eckehart verstand es, die Äußerlichkeit aus Innerlichkeit zu gebrauchen. Kommen wir seinem Kunststück auf die Spur! "Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur." Mk 16.15 Im buchstäblichen Sinne ist in diesen Worten der Aufruf zur Weltmission enthalten. Die Kirche hat sie zur Genüge praktiziert, und in den Ländern der Dritten Welt wird noch heute fleißig missioniert. Im psychologischen Sinne ist die Durchgottung der Umstände gemeint, wie sie Ziel des eckehartschen Weges ist. Der Lebenspraktiker aus Hochheim hat die immerwährende Gottgegenwart vor Augen, wenn er sagt: "... und sie (die rechten Leute) ergreifen Gott in allen Dingen gleich, und sie finden von Gott gleich viel in allen Dingen." Die Dinge und die Werke werden bei Eckehart voll und ganz in den christlichen Lebensweg einbezogen. "Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." Jh 3.16 Also sollen wir die Welt nicht verteufeln, denn Gott hat sie geliebt. Eckehart spielt in der theoretischen Spekulation beide Möglichkeiten durch: "entweder muß er (der Mensch) Gott in den Werken zu ergreifen und zu halten lernen, oder er muß alle Werke lassen." Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Der erste Weg überwindet die Welt, der zweite, der östliche Weg vermeidet sie von vornherein. Wer hat die glücklichere Wahl getroffen? Eckehart kommt zu dem Schluß: "Da nun aber der Mensch in diesem Leben nicht ohne Tätigkeit sein kann, die nun einmal zum Menschsein gehört ... darum lerne der Mensch seinen Gott in allen Dingen zu haben und unbehindert zu bleiben in allen Werken und an allen Stätten." Die große Frage "Wie kann das fleischliche Leben entmachtet werden?" hat der Lebemeister verblüffend beantwortet: Man lasse es zur Geltung kommen, denn ganz bei Seite schieben kann man es ohnehin nicht. Uns mag die Antwort so verblüffend nicht vorkommen. Wir gewöhnten uns eben schon zu sehr an ihren Wortlaut. Die Christen können alles im rechten Maße haben. Von den Weltmenschen unterscheiden sie sich auf den ersten Blick wenig. Und dennoch sind Christen ganz andere Menschen. Sie haben es gelernt, die Welt in rechter Weise zu gebrauchen. Die rechte Weise wollen wir nun ein wenig näher betrachten. Leute gibt es; die ziehen das eine Werk dem anderen vor. Hier beloben sie das Schicksal, dort tadeln sie es. Was in ihnen ist es, das den Unterschied schafft, den zwischen Gefallen und Mißfallen? Die Eigenliebe muß es sein, denn die Gottesliebe, im Herzen verspürt, traut dem Herrn nur gute Werke zu. Zwischenfälle gibt es nicht. Wären unsere Tage in Gott gelebt, sie würden sich wie die Perlen einer Kette aneinanderreihen. Die Zwischenfälle macht sich der Mensch selber. In seinen Lebensplan verliebt er sich, und wenn dann zwischen dem Leben und dem Plan etwas dazwischen fällt, dann wird das Leben angeklagt, ein Zeichen, daß der Mensch seinen Plan mehr liebt als das Leben. Gnade ist es, Zwischenfälle erleben zu dürfen. Sie weisen uns neue Wege und machen uns die eigenen Begrenzungen bewußt. "Wir sollen uns alle Dinge in hohem Maße zunutze machen, sei's was immer es sei ... wie fremd und ungemäß es uns auch sei." Der Mensch verengt die Fülle dessen, was durch das äußere Leben an ihn herangetragen wird mit zunehmendem Alter auf das, was seine Weltsicht ausmacht. Die Weltsicht wird für das Leben genommen, übrig bleibt die Sicht, verloren geht das Leben. Oft läßt sich beobachten, um nur ein Beispiel zu nennen, daß vornehmlich ältere Menschen mit der modernen Zeit nicht mehr zurechtkommen. Sie haben sich zu sehr beinahe verschwörerisch an die in ihrer Jugend vorherrschende Erscheinung der Dinge gebunden, so daß sie mit den jetzigen Verhältnissen in Konflikt geraten müssen. Die Zeit unterliegt dem Wandel. Man kann sie ebenso wenig einfangen wie das Rinnsal am Wegesrand. Daher lasse man die Zeit laufen und binde sein Bestes daran nicht. Dem Menschen bleibe nur das Vermögen geistiger Flexibilität. Es ist nicht immer möglich, daß sich die Dinge so gestalten, wie wir es gerne hätten, wohl aber ist es immer möglich, für jede Lage eine rechte Antwort zu finden. Gott ruft uns in der Zeit, der Mensch übe sich in der Erwiderung. Dadurch eröffnet sich der Geist. Gerade das Fremde und Ungemäße erschließt neue, ungeahnte Aktionspotentiale, wenn sich der Mensch um Stellungnahme bemüht. Offenen Auges gehe der Mensch durch sein Leben, um nichts brach liegen zu lassen, um alles im hohen Maße zu nutzen, damit das gesamte Saitenspiel der Seele zu klingen gebracht wird, damit der Herr sein Lied aus dem Vollen spielen kann. Hinweisend sei angemerkt, daß Eckchart in der 4. Predigt ausführlicher über die Unmöglichkeit von Zwischenfällen spricht. Das werktätige Leben will also nicht nur wie wir anfangs feststellten angenommen sein, es will ganz angenommen sein. Die totale Lebensbejahung ist schon ein kräftiger Schritt in Richtung Lebensmeisterschaft. Der ergänzende Schritt ist dann die Blickrichtung nach innen, "Und der Mensch soll zu allen seinen Werken und bei allen Dingen seine Vernunft aufmerkend gebrauchen ..." Der Stellenwert der Vernunft in der eckehartschen Mystik zeigt sich in folgender Stelle: "Vernunft ist der Tempel Gottes. Nirgends wohnt Gott eigentlicher als in seinem Tempel, in der Vernunft, ..." EQ 197.2729 Der Mensch ist vor aller Kreatur das einzige vernunftbegabte Wesen, denn er ist gottbegabt. Vernunft und Gott gehören inniglich zusammen, denn Gott ist das Wort (Jh 1.1), und in der Vernunft spricht es sich aus. Im Hören des Gotteswortes liegt die menschliche Vollkommenheit. Der Mensch wäre allerdings nicht frei, wenn er die Vernunft nicht auch mißbrauchen könnte. Deswegen soll er sie nicht irgendwie, sondern "aufmerkend" gebrauchen. Merke auf Gott, vernehme seine Stimme! Im stillen Empfangen wird alle Weisheit geboren. Wo sich dagegen der Verstand aus der Anleitung der Vernunft emanzipiert, da ist der Verirrung Tür und Tor geöffnet. Der Mensch kann sich sein Leben nicht selber erklären. Gott erklärt es im Innewerden der Wahrheit, Er löst auch den Knoten des Fremden und Ungemäßen. Versperrt jedoch ist der Weg für die stille Einsprache, wo sich der Mensch über sein Leben zu ärgern beginnt, wo er vor den vermeintlichen Fehlern resigniert. "Tja", sagen manche Menschen nachdenklich, "das war mein größter Fehler." "Nein", ruft der Geisterwachte, "das war meine richtungsweisendste Erfahrung." Nur in der Hoffnung läßt sich die Vernunft aufmerkend gebrauchen. Denn Verzweiflung schließt das Gemüt nach oben hin zu. Ein häufig praktizierter Lebensfehler ist die Schuldzuweisung. Niemand hat Schuld. Alle Ereignisse wollen uns zur Selbsterkenntnis führen. Wann lernt der Mensch die Umkehrung des Denkens, um aus der verkehrten Art herauszukommen? "Und der Mensch soll ... bei allem ein einsichtiges Bewußtsein von sich selbst (Selbsterkenntnis) und seiner Innerlichkeit (Gottgegenwart) haben ..." Das letztlich ist das Ziel, am Baume des äußeren Lebens heranzureifen zu wahrer Innerlichkeit. Die Blickrichtung nach innen krönt den Pfad, die Dinge zu ergreifen, ohne sie als Dinge zu ergreifen. Was bekümmert uns die Welt? "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Jh. 18.36 Und doch wir sahen es in dieser Welt will es erkämpft sein. Die Welt ist ein verlockend Weib, das uns anlächelt: Komm buhle mit mir. Der Mensch soll nicht zu eilfertig mit seinen Taten sein. Vor jedem Werk sammle er sein Gemüt in Gott. Er erwäge die Güte des Herrn und bewege unsterbliche Gedanken in seinem Geiste. "Eile mit Weile! In aller Weltarbeit, wenn sie zu eifrig betrieben wird, liegt der Tod!" JJ 296.12 Ein Wort des Herrn aus der Jugend Jesu! Wie viele Menschen kommen bereits vor ihren Taten zur Besinnung? Wenige sind es. Die meisten benötigen deftige Erfahrungen, um wenigstens halbwegs aufzuwachen. Als die Menschen die Zeit vermarkteten, da hatte plötzlich niemand mehr Zeit. Da versuchte man wie von Sinnen in einer Zeitschublade so viel wie nur irgend möglich unterzubringen, denn Zeit sei Geld, und kaum einer bemerkte, wie das Leben unter der Hand hektisch und oberflächlich wurde. Und dabei kann jeder wissen, daß an der Oberfläche nur die harte Rinde ist. Der markige Lebenssaft pulsiert im Inneren. Die Zeit läuft uns nicht davon. Nicht die Menge der Verrichtungen macht die Größe eines Lebens aus, sondern deren Tiefe und Gehalt. Nicht das Was, sondern das Wie des Tuns ist entscheidend. Der Mensch sammle seine Gedanken allzeit in Gott. Denn "Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut." Mt 12.30 Die Mannigfaltigkeit der Erscheinungsformen zerstreut den Geist. Erschreckend anzusehen ist es, wie unkritisch sich der kritische Mensch freiwillig den Zerstreuungen widmet, um sich zu entspannen, wie er sagt. In falsch verstandener Entspannung läuft das Leben bis zur Erschlaffung aus. Die Vielfalt der Dinge soll nicht über die Einfalt des Seins hinwegtäuschen, denn Gott ist Einer. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Alles war schon einmal da. Nur die Erscheinungsweise wechselt. Damit heizt der Teufel die Gemüter an. Die Grundmuster des Geistes aber bleiben stets dieselben. Danach kehre der Mensch seinen Geist. Dann wird die Unruhe der Zeit seine Ruhe nicht stören. Dann wird der Mensch "aus einem gleichen Gemüt" alle Werke zum Lobe Gottes verrichten. Eckehart gibt noch einen Hinweis zum Umgang mit dem Weltlichen. Der Mensch soll es nicht selber aufsuchen. Er soll sich dem widmen, was ihm zufällt. (vgl. EQ 63.811). Irgendetwas liegt immer an, sonst würden wir kein äußeres Leben haben. Vernehmen wir in diesen Gedanken den Geist der Freiheit und Gelassenheit? Der Weltmensch wählt aus. Dies erstrebt und jenes meidet er. Der Geistmensch hält sich zurück. Das Leben ist so beschaffen, daß es immer an ihn herantritt. Dafür ist also gesorgt. Und da es auf das Was nicht ankommt, sondern nur auf das Wie, können wir dem Leben getrost die Freude gönnen 'Was an uns herzutragen. Das, was sich dann einstellt, ist frei von eigensorglerischen Störungen und kann als reines Geschenk Gottes betrachtet werden. Im Schoße der Ewigkeit ruhend läßt sich die Zeitlichkeit gut bearbeiten. Im Christentum ist es möglich, das beschauliche mit dem wirkenden Leben zu einem himmlischen Geben zu vereinigen. Der ständige Aufbruch Ein Kennzeichen des Bösen ist die Zusammen- und schließlich Abschnürung von der allgemeinen Lebensgemeinschaft, denn weil Gott Einer ist, steht alles Leben in Verbindung. In jedes Teilchen fließt das Ganze ein, und jedes teilt sich dem Ganzen mit. Der Mensch neigt immer zum Bösen. Darüber soll er sich nicht betrüben, denn es gehört zu seinen Existenzgrundlagen, weil eine wesentliche Voraussetzung des menschlichen Lebens das Gefühl ist, aus sich zu leben. Dieses Lebensgefühl ist zwar zur bewußten Gotterfahrung notwendig, entspricht aber nicht der Wahrheit, denn in aller Wahrheit gibt es nur ein Sein Jehova genannt. Wenn es der Mensch nicht lernt, sein Lebensgefühl zu zügeln, dann entsteigen ihm Bosheiten ohne Zahl. Das Lebensgefühl wird auch die Eigenliebe genannt, dessen verderblichste Frucht der Hochmut ist. Eigenliebe ist eigentlich Ohnmacht, also Tod, weil sie von der Allmacht nichts wissen will. Deswegen benötigt der Mensch ständig neue Impulse, wofür er nur in der Demutshaltung empfänglich ist, damit sich die lebensnotwendige Ohnmacht nicht in lähmender Erstarrung herausstellt. Die Antenne, die diese Impulse auffängt, ist die aufmerkende Vernunft. Sie überschreitet die gegenwärtigen Grenzen. Aus seiner Eigenliebe tendiert der Mensch zur Behaglichkeit. Er begründet sich gerne im Derzeitigen und ist nicht geneigt, sich loszureißen, neuen Ufern entgegenstrebend. Aus dem Fluß des Lebens wird ein stehendes Gewässer, in welchem sich Fäulnis bildet. Aus dem Zug der Eigenliebe zur Abgrenzung und Konservierung kommt es auch, daß neue Ideen anfangs meist auf erbitterten Widerstand stoßen, bis dann irgendwann aus ihnen alte, traditionelle Werte geworden sind, die dann ihrerseits erneut krampfhaft verteidigt werden, nun gegen wieder neue umfassendere Sehweisen. Der Paradigmenwechsel ist die typische Erscheinung, wo sich die Unendlichkeit mit der Endlichkeit verbindet. Doch die Eigenliebe mag das nicht. Für sie ist Tradition ein Argument, das Neue abzulehnen. Aber Gott ist die Unendlichkeit, die ewig unausschöpflich ist. Der Mensch, obschon ein endliches Wesen, ist aufgerufen, Gott in der Gestalt des Menschgewordenen zu folgen. Unser Herr nennt sich selber das Wort. Darinnen spricht sich die unendliche Fülle Gottes in endlicher Erfahrbarkeit aus und verlockt uns zu neuen Gestaden. Doch nur der kann "seine Stimme" (Jh. 10.3) vernehmen, dessen Vernunft nicht "müßig" wird oder gar "einschläft". Nichts ist gefährlicher als die Zufriedenheit im Momentanen. Wann sich gar der Verstand gebrauchen läßt, das Nunmalige zu rechtfertigen, so daß er sich ganz darin vergräbt, dann ist es um den echten Fortschritt, den des Geistes, geschehen. Swedenborg betont, daß es die typisch menschliche Gabe ist, den Verstand über den Willen zu erheben. An anderen Stellen sagt Swedenborg etwas, was dem zu widersprechen scheint. Der Verstand ist nichts anderes, als die Erscheinungsform der Liebe, die das Innere des Willens ist. Danach ist es unverständlich, wie der Verstand seiner Liebe, welche die Eigenliebe ist, den Rücken zukehren kann. Offenbar hat der Mensch ein zweifaches Leben und von daher ein zweifaches Denken. Das niedere, aus dem Eigenen aufsteigend, ist der Welt zugewandt. Vielleicht ist es das logische Denken. Das höhere Denkvermögen ist die Vernunft, womöglich ist es das intuitive Denken, das beim momentanen Stand der Bewußtseinsentwicklung eher die Ausnahme ist. Während sich das logische Denken in einer Unzahl von Fakten zerstreut, faßt das intuitive Denken diese zusammen, indem es den Erscheinungen einen Sinn abgewinnt. Damit wird der Kontakt zur Sinnebene hergestellt, also zur Ebene der Urbilder, welches die geistige Welt ist. Da Denken immer nur die Außenseite des Lebens ist, dessen Umhüllung, zeugt das höhere Denken von einem höheren Leben, das vorerst noch latent ist, im Vollzug der inneren Entwicklung aber offenbar werden soll. So gesehen bleibt Wille und Verstand eine Einheit, und dennoch, kann sich der Verstand scheinbar über den Willen erheben. In Wirklichkeit ist es die Stimme Gottes, für die der Mensch empfänglich ist, doch der logisch strukturierte Verstand schreibt sie sich zu, um die Eigenfähigkeit, den Anschein aus sich zu leben, zu wahren. Der intuitive Einbruch erscheint im Nachhinein logisch, im Augenblick des Einbrechens aber, sprengt er die gegenwärtige Ordnung. Deswegen kann der Mensch immer nur dann über sich hinauswachsen, wenn er es zuläßt, das Liebgewonnenes gestört wird. Freilich ist es nicht der Mensch, der über sich hinauswächst, es ist der Herr im Menschen, aber dem Menschen erscheint es so. Um die Aufbruchsstimmung zu fördern, rät Eckehart dem Suchenden: "Der Mensch soll auch nie ein Werk so gut beurteilen noch als so recht ausführen, daß er je so frei oder so selbstsicher in den Werke werde, daß ..." Der Mensch soll sich nie einreden, der große Macher zu sein, der sich in seinem Lebenskreis bestens auskennt. Andererseits ist der Mensch stets versucht, dies anzunehmen und fest zu glauben. Das hängt mit der natürlichen Willensneigung zusammen. Der Mensch muß sie daher erkennen und einschätzen lernen, um ihrer verhängnisvollen Einflüsterung nicht zu verfallen. Der Mensch an sich ist nichts als böse. Darüber muß er sich im Klaren sein, um dann im nächsten Schritt, dem Bösen als Sünde entfliehen zu können, und Bosheit wurzelt, wie wir sahen, in jenem Hochgefühl ein eigenständiges Ich zu sein. Wenn sich das Hochgefühl in die Zucht Gottes nehmen läßt, dann ist es rein. Wenn es sich allerdings vom Göttlichen emanzipiert, dann wird es Hochmut genannt und ist der Tod. Das Hochgefühl von sich aus neigt immer zur letzteren Möglichkeit, sonst wäre es kein Hochgefühl. Es ist die Kraft des Herrn, die wir bereits gebrauchen, wenn wir davon Abstand nehmen mit unseren Werken in selbstgefälliger Weise zufrieden zu sein. Das Hochgefühl will uns einreden, wir höchst selber hätten die Erfolge herbeigeführt. Der Einflüsterung können wir uns schwerlich entziehen. Schlimm wird es allerdings, wenn die Vernunft beipflichtet. Wenn sie sich in das Gefühl der Selbstsicherheit einlullen, dann ist sie eingeschlafen, und soweit darf es nicht kommen, denn das oben angeführte Zitat schließt mit den Worten "daß seine Vernunft je müßig werde oder einschlafe". "Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet! Der Geist (die Vernunft) ist willig, aber das Fleisch (die natürliche Willensneigung) ist schwach." Mt. 26.41 Wenn der Mensch mit seinem Leben rundum zufrieden ist, dann entsteht die behagliche Ruhe des Todes. In ihr schlafen die höheren Kräfte den wonnigsüßen Traum der Selbstverwalter des Lebens zu sein. Es soll zwar nicht gesagt werden, daß Zufriedenheit schlecht ist, aber Zufriedenheit ist nicht gleich Zufriedenheit. Jede Reizbefriedigung bringt ihr Behagen. Wir aber ziehen die dynamische Ruhe der statischen vor. Dem Menschen ist die Vernunft gegeben, nicht um sich zu rechtfertigen, sondern um sich immer wieder in Frage zu stellen, denn die Vernunft ist unsere einzige Chance das Wort zu hören, das lebendig macht. Verständniswiedergabe RdU 9 Die aufsteigende Begierde ist noch keine Sünde. Darüber soll sich der Mensch nicht betrüben, denn Tugend wie Untugend liegen einzig nur im Willen. Nun ist zwar die Begierde auch ein Wille, aber ein von außen herangetragener. Der Wille, der den Ausschlag gibt, ob etwas Sünde sei, ist innerlicher Art. Wenn der Mensch den Begierden seines äußeren Menschen nicht nachgeben will, sondern vielmehr eine herzliche Sehnsucht nach dem tugendhaften Leben hat, dann sündigt er trotz aller Sündhaftigkeit, die ihm anhanget, nicht. Er rechtfertigt dann auch den Andrang zur Sünde nicht, denn sündigen kann der Mensch immer nur aus Vorsatz. Deswegen soll der Mensch die Begierden nicht verteufeln. Totprügeln, wie es vielfach geschehen ist, soll er sie nicht. Das Leben rächt sich an diesem Gewaltakt. Der Mensch soll sie vielmehr weise benutzen lernen, so daß sie der Herausarbeitung des innersten Lebensanliegens dienen müssen, das allerdings vorliegen muß. Die ganze Welt ist Aufruf zur Sünde. Sie winkt dem äußeren Menschen zu, ihr zu folgen, und dieser sagt sich: "Warum nicht ?!" Wenn sich der Mensch dann nicht selbst beschaut, mit sich selbst uneins wird, dann verweltlicht er mehr und mehr. Er kann beim besten Willen nichts Anrüchiges an seinem Tun entdecken und begründet sich darin. Der Verstand als gehorsamer Diener des Willens findet immer plausible Argumente für dieses oder jenes Tun. So bekommt das Leben den Schein der Rechtschaffenheit. Das freilich ist dann Sünde, denn auch die obersten Kräfte sind eins geworden mit dem Anreiz zur Sünde. Die Menschen bekritteln alles Mögliche, nur im Umgang mit sich selbst legen sie ein bemerkenswert unkritisches Verhalten an den Tag. Und doch gehört es zu den typisch menschlichen Befähigungen, die Spannung zwischen Materie und Geist schöpferisch auszutragen. Dabei soll der Mensch den Weltpol immer nur als Abstoßpunkt erkennen lernen. Der rechte Mensch soll nicht wünschen frei von stofflich orientierten Anreizungen zu sein, denn in der Gefahr bewährt sich die Kunst. Das Lebensgerüst würde einfach zu theoretisch bleiben, wenn es nicht durch die Übungen des äußeren Lebens mit Leben erfüllt werden könnte. Der Lockruf der Welt versetzt uns in die segensvolle Lage, das Geistige trotzdem zu wollen. In diesem trotzdem steckt der Akt bewußter Entscheidung für Gott, denn im Irdischen liegt die Tendenz, Selbstzweck werden zu wollen, den sittlichen Halt abschüttelnd. So formt der Mensch sein Bewußtsein zu einem Tempel Gottes und als Lohn dafür im Unterschied zu aller Kreatur erlebt er Gott bewußt. Das wäre jedoch nicht möglich, wenn die Begierde nicht in einem fort umschwängernd gegenwärtig wäre. Deswegen soll der Mensch seinen äußeren Menschen nicht zur Hölle wünschen. Zieht's diesen auch dahin, so kann er doch gefügig gemacht werden, die Frucht der Ewigkeit in seinen Schoß aufzunehmen. Der Mensch kommt zum Himmel nicht unter Umgehung der Sünde. Er muß durch dieses Tal hindurch. Was wird ihm die Gewähr des Sieges geben? In aller Anfechtung möge er ein reines Herz behalten, in dem die stille Sehnsucht nach dem Einen ruht. Der Wille und die Liebe, das eigentliche Sein des Menschen Was ist der Mensch? Worin besteht sein wesentliches Sein? Nicht in Besitz, nicht in Ruhm ist es zu suchen. Eckehart, ebenso wie Swedenborg, siedelt es im Willen an. Der Mensch ist also, was er will. Dieses wesentliche Sein überlebt dann auch den körperlichen Tod, der uns nur vom Unwesentlichen trennt. Der Mensch lebt als ein Wille weiter. Das ist unser Sein. Da es das einzige ist, was uns nach der Stunde der Wahrheit bleibt, sollte unsere Sorge schon jetzt ausschließlich der Willenspflege gelten. Im Willen besitzt der Mensch alles, was er will. In diesem Leben wird es zwar noch nicht in aller Deutlichkeit offenbar, aber im Jenseits zeigt es sich ganz klar. Im Willen liegt Tugend wie Untugend, nicht in den Taten. Wieder zeigt sich, daß die Werke bei Eckehart nur untergeordnete Bedeutung haben. Entscheidend ist, was der Mensch will, ob es ihm gestattet ist, sein Wollen umzusetzen, ist eine andere Frage. Für die menschliche Entwicklung ist das völlig uninteressant. Was der Mensch ernsthaft will, daß wird ihm als vollbrachte Tat angerechnet. Es ist so gut wie getan, wenn es nur an der Gelegenheit mangelte, den guten aber auch den bösen Willen umzusetzen. Ein Mord kann schon verübt sein, wenn wir unseren Mitmenschen "nur" zur Hölle wünschen. Ähnliches gilt beispielsweise für den Ehebruch: "Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen." Mt 5.28 Der Wille ist also in aller Wahrheit das primäre Sein. Alles Andere gehört nur insoweit zu uns, wie es mit dem Willen verbunden ist. Die Gedanken, von ihnen wird gesagt, daß nur die bleiben, die in den Willen also in das Leben übergingen. Und nur die Taten sind unsere Taten, die aus innerster Lebensüberzeugung verrichtet werden. Wenn der Wille so wichtig ist, dann ist es unverständlich, warum die Menschen den Willen unbeachtet wie einen Wildling wachsen lassen. Das ganze irdische Leben dient doch der Heranbildung eines gediegenen Willens. Der Wille muß kräftig werden. Das Gegenteil ist meist der Fall. Er liegt erschlafft im Gericht der Materie, unfähig Grundfunktionen wie Aufraffen und Konzentrieren zu betätigen. Ein kräftiger Wille, so lehrt uns Eckehart ist immer auf die Gegenwart gerichtet. "Nicht also: 'Ich möchte nächstens', das wäre noch erst zukünftig, sondern: 'Ich will, daß es jetzo so sei!'" Ist es nicht so? Die Entschlossenheit geht jeder großen Tat voran. Der Wille kennt eigentlich keine Beschränkungen, er nimmt sie lediglich aus dem Reich der Materie an. Deswegen kann er sich über Zeit und Gelegenheit erheben. Überhaupt kann er sich über alle materiellen Mittel erheben. Wer gerne allen Menschen helfen würde, wem es ein unerschütterliches Herzensbedürfnis ist, der hat schon jetzt allen Menschen geholfen, selbst wenn er gänzlich unvermögend ist. Tugend wie Untugend, alles, Leben und Tod, liegt im Willen. Es ist notwendig, dies einmal in aller Klarheit zu sagen, denn die "Hast-du-was-bist-du-was"-Menschen sind zu zahlreich geworden. Erst wenn der Wille wieder in den Mittelpunkt des Seins gerückt ist, kann der Sinn des Stofflichen neu beantwortet werden, denn für Eckehart-Leser kann sich die Frage stellen: Wenn der Wille das Allentscheidende ist, welche Bedeutung haben denn dann die Taten? Und da die Taten das äußere Leben sind, so gilt es, den Sinn desselben neu zu erschließen. Doch das ist nicht die Aufgabe des vorliegenden Textes. Eckehart fragt weiter: "Nun könntest du fragen, wann der Wille ein rechter Wille sei?" Interessanterweise ersteht der Wille mit anderen Worten die Lebenskraft erst so richtig, wenn sie ihr Unvermögen einsieht und gewissermaßen schon vor dem Sterben stirbt. Einmal müssen wir alle den Gang über die Todesschwelle antreten, doch dann sollte uns Sterben schon längst zur Gewohnheit geworden sein. Die Religion fordert, die Ich-Bindung aufzugeben und sich seiner selbst zu entäußern. Das ist die unabdingbare Grundvoraussetzung, das Wirken der Allkraft im eigenen Herzen zu erfahren. Wer sie gefunden hat, der weiß, daß es über dem natürlichen Leben noch ein geistiges Leben gibt. Es ist die Liebe. Was Eckehart bisher vom Willen gesagt hat, daß bezieht er nun auf die Liebe. Aus den Werken Swedenborgs geht ja unmißverständlich hervor, daß der Wille nur daß Organ der Liebe ist, somit gehen wir, wenn wir auf die Liebe schauen, eine Stufe tiefer. Wieder ist eine Unterscheidung hilfreich, um unser Unterscheidungsvermögen, den Verstand, zu schärfen. Das Wesen der Liebe wird vom Liebesausbruch abgegrenzt. Die Liebe ist wesentlich im Willen zu Hause, und wie sie dort zu Hause ist, daß weiß allein Gott. Für den Menschen ist die Offenbarung der Liebe augenfälliger. Eckehart nennt "Innigkeit, Andacht und Jubilieren". Das sind Erscheinungsformen der Liebe auf einer bestimmten Ebene. Allerdings brauchen sie nicht in jedem Falle aus der Liebe stammen. Es gibt Menschen, die von Natur aus schwärmerischer veranlagt sind und solche, die alles viel nüchterner nehmen. Das sagt nichts über die Liebesfähigkeit der Betreffenden aus. In den Gefühlen zeigt sich zwar die Liebe, aber die Liebe ist mehr als das Gefühl. Es kann sogar sein, daß Menschen im Zuge des Liebeserwachens an Gefühlen abnehmen. Das Innenleben wird gesetzter. Man hüte sich also, von den Erscheinungen auf den Kern zu schließen. Das Reich Gottes ist eine tiefinnere Angelegenheit. Dort will es gefunden und erlebt werden. Der Weg heißt Verinnerlichung, und so können wir auch das Wort vom Aufgeben und Wiederfinden verstehen. Wer eine Lebens- oder Liebesmanifestation auf einer mehr äußeren Ebene verläßt, der muß sie auf der nächsthöheren Ebene finden, denn die Lebenskraft bleibt erhalten, weil Gott unvergänglich ist. Selbst die Naturwissenschaft spricht vom Energieerhaltungssatz. Energie kann nicht verloren gehen, sondern nur von einer Form in eine andere transformiert werden. Das gleiche gilt für die göttliche Lebensenergie Liebe genannt. Wo sie in einer Weise verloren geht, da muß sie in schönerer Blüte weiter oben neu erstehen. Deswegen kann es sogar sinnvoll sein, die Gefühle zurückzuhalten, denn wichtiger als deren Ausbruch ist deren Vertiefung. So treibt uns Eckehart immer aufs Neue an, nach Innen zu schauen, bis wir schließlich den abgeschiedenen Gott finden, der allem Äußeren abhold ist. Die immerwährende Gottgegenwart Eckehart unterscheidet zunächst die seinsmäßige von der erscheinlichen Gottgegenwart. Der gute Wille kann Gott gar nicht verlieren. Das ist eine reine Unmöglichkeit, denn der gute Wille ist von Gott gut. Wo also ein guter Wille, d. h. ein guter Mensch ist, da ist notwendigerweise auch Gott. Das ist die seinsmäßige Gottgegenwart im Willen, denn der Wille oder die Liebe ist unser Sein. Es kann nun allerdings geschehen, daß die Liebe mal mehr und mal weniger erregt ist. Daraus geht dann das erscheinliche Verspüren Gottes hervor. Wie die Erde Berge und Täler hat, so hat auch der Mensch Hochs und Tiefs. Das gehört zum Leben. Spannung und Entspannung wechseln einander ab. Jedes Streichinstrument zeigt es uns. Gerade der Wechsel bringt die Schwingungen, die zu Tönen werden, die sich zu einer himmlischen Sinfonie aneinanderreihen. Der Wechsel im Erscheinlichen soll uns nicht beunruhigen. Deswegen rät Eckehart zu Gleichmut. Versuche in allen Stimmungslagen gleich zu bleiben. Nur so ist es möglich, ihnen nicht übermäßig Gewicht beizulegen. Dann tritt Ruhe ein, die die Augen öffnet für das eigentlich wesentliche Sein: Der gute Wille kann Gott gar nicht verlieren. So lenkt Eckehart also den Blick hinweg von der empfundenen Gottgegenwart hin zur seinsmäßigen; und es tut sich die Frage auf: Was ist denn nun aber ein guter Wille? Darum brauchen wir uns keine Gedanken zu machen, denn unser Herr weiß was er tun soll. Wir haben nur die Bedingungen zu schaffen, daß sich der Wille Gottes einstellen kann. Eine dem Menschen innewohnende Angst ist die, zunichte zu werden, sich fallen zu lassen. Es scheint nichts Schlimmeres zu geben, als nicht zu wissen, wo es lang geht. Vertrauen in das Leben, ist die wichtigste Grundbedingung, damit sich der Wille Gottes einstellen kann. Das Leben ist Gott; weil er es immer gut mit uns meint, darum will uns auch das Leben nur hilfreich zur Seite stehen. Wir erleben es aber oft als feindlich und schmieden Pläne, auf daß sich in keinem Falle das einstellen kann, was sich von selbst einstellen würde. Wir meinen, es sei das Chaos; Gott meint, es ist das Heil. Die Göttliche Vorsehung ist unablässig bedacht, uns die Nichtigkeit des Eigenwollens vor Augen zu führen. Darum geht so viel daneben. Doch unsere Schlußfolgerung ist eine andere: Nächstes Mal muß ich besser aufpassen, damit mir dies Ungeschick nicht noch einmal wiederfährt. Man sollte meinen, nichts sei einfacher, als sich in die Arme Gottes fallen zu lassen. Er sorgt für uns. Jedoch die tagtägliche Erfahrung lehrt, daß nichts schwerer ist. Die Kunst des schöpferischen Nichtstuns beherrschen nur wenige Menschen, des schöpferischen wohlbemerkt. Es geschieht zwar viel auf diesem Planeten, doch viel zu wenig im Sinne Gottes. Überall beobachten wir emsige Geschäftigkeit. Lassen wir uns davon nicht blenden. Wer wenig nach außen tut, kann dennoch das Wenige viel gehaltvoller tun, und darauf kommt es letztlich an. Was ist groß? Meist stellt sich erst nach Jahren oder Jahrhunderten die wahre Größe eines Werkes heraus, denn für die Momenthascher gilt vielfach der am meisten, der am lautesten schreit. In das Pompöse hüllt sich meist das Nichtige ein; Christus, die wirkliche Größe, kam schlicht auf die Erde. Und er kommt wieder, jeden Tag, immer dann, immer dort, wo Menschen sich selber lassen. Solche hüllt er ein in seine Liebe, tief innerlich wird sie erlebt. Sie ist eine wahre Heimstatt, die, wie Eckehart sagt, selbst das Leiden versüßt, denn, nehmen wir die Dinge mit Gott, so nimmt Gott die Dinge zuerst, und gibt sie uns dann, aber dann vergottet. Was Er berührt erstrahlt. Das also ist der Lohn für ein bißchen Selbstaufgabe, ein bißchen deswegen, weil das Selbst ja selbst nur ein Bißchen ist. Uns freilich erscheint es groß. Wir nehmen uns eben zu wichtig. Dergestalt in Gott geborgen sind die Tage immer ein Erlebnis, und wir kommen zum Anfang, selbst wenn Zwischenfälle den Weg säumen. "Von solchen Vorfällen kann man in diesem Leben nie ganz verschont bleiben", sagt Eckehart. Aber, wie gesagt, Gott ist nicht immer im Erscheinlichen gegenwärtig, er verhüllt sich zuweilen, aber im Sein ist er alle Tage bei uns. Der echte Gottsucher weiß das und versteht es, alle Dinge im Namen Gottes zu nehmen, selbst die Sünden. Wie sich der Mensch in Sünden verhalten soll "Sünden getan haben ist nicht Sünde." Der Mensch ist ein mit einem Körper umkleideter Geist. Beide Pole gehören zum Verständnis des menschlichen Wesens. "Sünden getan haben" bezieht sich auf den Körper. Das ist keine Sünde, wenn der Geist nicht mitsündigt. Oftmals ist die Natur stärker als der gute Wille, dann muß der Mensch dem Bedürfnis seiner Natur nachgeben und sündigt. Jetzt kommt es auf den Geist an, ob er die teilweise begangene Sünde zur Vollsünde macht, was geschieht, wenn er das mit seinem Körper verübte Tun erst beschönigt und dann rechtfertigt. Dann begibt sich der Geist, also das Denken, in den Körper, also in die natürlichen Neigungen; und beide bilden eine höllische Einheit. Der Mensch kann sich aber von seinen Taten distanzieren, d. h. er kann über sich selbst nachdenken. Diese Fähigkeit des Reflektierens sollte gebraucht werden. Der Mensch sollte sich vorbehaltlos erkennen lernen, mit sich selbst uneins werden, dann ist Erneuerung möglich. Neu wird der Mensch nur aus Gott, alle eigenen Versuche müssen irgendwann scheitern. Deswegen verweist Eckehart auf die einzig wahre Quelle der Erneuerung bzw. Wiedergeburt. Jeder hat gewiß seine eigene Methode mit der Gottkraft in Beziehung zu treten. Eckehart meint, einer der stärksten Antriebe sei es, sich vor Augen zuhalten, wie Gott den Menschen von einem Feind zu einem Freund gemacht hat. Gedanken haben anregenden Charakter. Es ist wirklich sehr hilfreich, heilige Gedanken zu erwägen; und der heiligste aller Gedanken ist der der Erlösung. Wer dann merkt, wie Erlöserkräfte das schwache Herz stärken, der glaubt, daß er nie mehr sündigen muß, denn "ich habe die Welt überwunden". Jh 16.33 Die erste Forderung im Umgang mit der Sünde ist es also, die Sünde als Sünde zu erkennen, sich innerlich von ihr zu distanzieren, um frei zu werden für Gott. Die zweite Forderung ist es, die Tatsache, daß man gesündigt hat zu bejahen. Mehr noch, man kann die Sünde produktiv bewältigen. Wenn Gott, der doch alles in allem ist, die Sünde schon nicht wollte, so hat er sie doch immerhin zugelassen und weiß sie zu verwenden. Es gibt nichts, was stärker wäre als Gott. Deswegen muß es so sein, daß selbst das Sündhafte letztlich nur im Dienste Gottes steht, einen Himmel aus dem menschlichen Geschlecht zu schaffen. Anstatt sich mit Selbstzerknirschung zu peinigen, gilt es, die Wege Gottes zu erkennen, die er mit uns in der Sünde gegangen ist. Gott wollte auch da nur unser Bestes, darauf können wir vertrauen. Dies Vertrauen wird gesättigt, indem wir Einzelheiten der göttlichen Vorsehung im Nachhinein erkennen können. Vertrauen ist die Aura der Liebe; und Liebe ist Gottes Gegenwart in uns. Wo Gott ist, da sind keine Sünden mehr. Wie groß der Berg unserer Sünden auch sein mag, Gott hat sie uns in dem Moment gänzlich vergeben, als wir seine Liebe in uns spürten, denn was Gott tut, das tut er ganz. Somit ist Hoffnung für jeden, auch für den Tiefstgefallenen. Die Macht der Dunkelheit wird jeden Morgen aufs Neue mit einem einzigen Lichtstrahl gebrochen. Daran können wir die innere Kraftlosigkeit der Sünde erkennen, sie ist gebrochen. Noch mehr Hoffnung und Zuversicht entsteht, wenn wir bedenken, daß viele große Menschen zuvor kräftig sündigten. Erkennet, die Sünde hält uns nicht mehr auf. Sie ist im Grunde genommen überwunden, denn sie ist nur eine Chimäre. Allerdings, nur in der Demut erkennen wir die wahre Kraft. Solange wir unser Eigenich noch auf den Thron setzen, bekämpft ein Phantom das andere, zwei Kraftlosigkeiten wiegen sich einander auf, so daß die Sünde als übermächtiges Ungeheuer erscheint. Gott läßt es zu, damit wir ihn nachher um so mehr loben können. Von zweierlei Reue Der Mensch hat seine Sünden zu bereuen. Jedoch ist Reue nicht gleich Reue, denn ehe wir uns versehen, hat sich die sinnliche Natur in die an sich so notwendige Reue eingeschlichen und hat sie wirkungslos gemacht. Deswegen grenzt Eckehart die zeitliche Reue von der göttlichen ab, indem er eingangs sagt, was Reue nicht ist. Im Angesicht all seiner Gebrechen verfällt der Mensch nämlich allzu leicht in Selbstzermarterung. "Daraus wird nichts" (EQ 73.6f), schließt Eckehart lakonisch. Die "göttliche Reue" ist ganz anders: "Denn je gebrechlicher sich der Mensch findet und je mehr er gefehlt hat, desto mehr Ursache hat er, sich mit ungeteilter Liebe an Gott zu binden, ..." (EQ 73.1416) Hier klingt schon an, was Eckehart später als "Gott zwingen" bezeichnen wird. Statt dessen geschieht es aber immer wieder, weil die sinnliche Natur den Menschen dazu verleitet, daß sich der Mensch nicht fangen kann, in Selbstvorwürfe fällt und in Verzweiflung endet. Während sich die zeitliche Reue an der Sünde aufhält, strebt die göttliche Reue zu Gott empor, und der Mensch kann "ohne Sünde sein kraft der göttlichen Reue" (EQ 73.18f). Eckehart sagt nicht "Kraft der Werke". Darinnen bekundet sich die Erneuerung erst später. Die göttliche Reue ist eine Geisteshaltung (Gemütsverfassung), die die Sünde überwindet, indem sie sich im unerschütterlichen Vertrauen an den Herrn bindet und gleichzeitig in Entschlossenheit willens ist, ewig von aller Sünde abzustehen. Diese Sicherheit kommt freilich nicht aus dem Menschen, sondern aus dem göttlichen Durchwirktsein, dessen sich der Mensch durch seine Hingabe geöffnet hat. Es erfordert ein nicht unerhebliches Maß an Selbstcourage, sich inmitten der anekelnden Sünden aufzuraffen, den reinen Herrn Jesus Christus anzuschauen. Aber gerade daraus bezieht die göttliche Reue ihre gesamte Kraft. Dem Herrn bleibt nichts anderes übrig, als sich in ein solcherart vertrauensvoll aufschauendes Gemüt zu ergießen. Der Mensch hat nämlich noch immer nicht zur Genüge begriffen, daß Gott die Liebe ist. Als solche vergibt er lieber große Sünden als kleine. Die göttliche Reue nimmt diese Eigenart der Liebe ernst. Vom Vertrauen Das Vertrauen ist der notwendige Begleiter der Liebe. Liebe ohne Vertrauen ist undenkbar, sie würde ersticken, denn im Vertrauen spricht sich die Liebe aus. Es sind nicht unbedingt die flammenden Gefühle, die von der Liebe zeugen. Sie flammen zwar stark auf, betören dadurch, aber sind doch nicht von Dauer, auch im Himmel nicht. Das Vertrauen ist dagegen das beständige und gleichmäßige Erkennungszeichen der Liebe. Deswegen möge sich der Mensch auf das Vertrauen verlegen. Darinnen wird er nie enttäuscht. Wir wissen, daß wir Gott über alles lieben sollen. Das ist das Einzige, was sich bis zur Maßlosigkeit steigern darf, ja sogar muß. Alles andere ist kreatürlich und hat von daher sein Maß. Weil das Vertrauen aber der Liebe angehört, deswegen darf es sich wie diese unendlich weiten. Darum sollen wir nicht befürchten Gott mit unserem Vertrauen zu überfordern. Im Vertrauen sind wir mit Gott eins, denn es beherbergt auch Hoffnung und Zuversicht, und schließlich liegt im Vertrauen ein "wahres Wissen" und "zweifelsfreie Sicherheit" geborgen in Gottes Armen. Das Vertrauen ist nach Swedenborg das Innerste des Glaubens: "Das Sein des Glaubens ... ist: 1. Vertrauen auf den Herrn, unseren Gott und Heiland Jesus Christus, 2. Zuversicht, daß Er selig macht den, der auf rechte Weise lebt und glaubt." WCR 344. Somit ist das Vertrauen der Übergang der Liebe in den Glauben, und damit ist es das Bindeglied, das aus beiden eine Einheit macht. Diese Einheit nennt Swedenborg die himmlische Ehe. Sie ist die Wiedergeburt und der Himmel in uns. Ohne diese Ehe ist niemand eine neue Kreatur. Damit können wir die Bedeutung des Vertrauens abschätzen. Gehen wir weiter voran, denn nie hat ein Mensch Gott zu viel vertraut. Die Gewißheit der Glaubenden Eckehart grenzt das innere Wissen von äußeren ab. Es gibt ein Licht, das die normale Einsichtsfähigkeit übersteigt. Die Glaubenden kennen es, weswegen ihre Gewißheit in den Augen der Durchschnittsmenschen als Torheit erscheint oder als starke Einbildung. Das beirrt die Glaubenden jedoch nicht, denn sie wissen, daß sie eine höhere Quelle anzapfen als den Gehirnverstand, der im matten Licht der Logik umhertastet. Das Leben ist des Menschen höchstes Gut; und dennoch wissen nur wenige, daß es zweierlei Leben gibt. Vor Augen liegt das natürliche Leben. Aber es ist vorübergehend. Das eigentliche Leben ist das ewige, wobei wir unter ewigem Leben zweierlei verstehen können. Zum einen ist die nachtodliche Existenz gemeint, die im Himmel oder in der Hölle stattfindet. Das Leben in der Hölle ist aber im Grunde genommen der Tod. Das eigentliche ewige Leben ist das geistige, das schon im Körper empfindbar ist. Von diesem Leben sagt der Prediger, gebe es zweierlei Wissen. Aus der Religion, egal welche es sei, weiß so gut wie jeder Mensch, daß es einen Gott gibt, und daß man nach ihm sein Leben ausrichten soll. Das wäre geistiges Leben. Auch weiß jeder, daß man gut leben soll. Wir wissen es aus dem Worte der Offenbarungen. Darinnen wird uns auch mitgeteilt, daß es ein Leben nach dem Tod gibt, wo jedem die ihm gebührende Gerechtigkeit widerfährt bzw. zuteil wird. Dieses Wissen dringt von außen in den Menschen. Eckehart erwähnt besonders Zustände paranormaler Erleuchtung, in denen Wissen übermittelt werden kann, aber es bleibt die Ausnahme, weil der Nutzen derartiger Mitteilungen, selbst wenn sie inhaltlich hochwertig sind, für den Betreffenden, der sie bekommt, geringwertig ist, denn man kann viel wissen und wenig leben. Von anderer Art ist das geistige Wissen, welches das Licht des Glaubens ist. Geistiges Wissen bedeutet nicht in erster Linie Wissen über geistige Zusammenhänge, vielmehr ist ein von innen, aus dem Geiste kommendes Erkennen gemeint, also eine Art, nicht ein Inhalt der Wahrnehmung. Geistiges Wissen kommt aus der Liebe. Jede Liebe hat ihr Licht, in dem sie sich beschauen kann. Auch die Höllischen haben ihr Licht, das jedoch vom Standpunkt des Himmels reinste Finsternis ist. Geistiges Licht entsteigt aus der geistigen Liebe, welches die Liebe zu Gott und zum Nächsten ist. Liebe ist Leben; aus dem Leben des erneuerten Menschen kommt ein Gewahrwerden von Lebenszusammenhängen. Dieses Wissen ist eine innere Erfahrung. Sie ist daher zweifelsfrei. Eckehart sieht dieses Licht aus dem Vertrauen kommend, weil Vertrauen, wie wir oben sahen, das Innerste des Glaubens ist; und Glaube ist nur ein anderer Ausdruck für geistiges Wissen. Es wird deutlich, daß dieses Wissen aufs Engste mit dem Leben verbunden ist. Anders erscheint das Gehirnwissen. Immerhin lebt ein ganzes Zeitalter, die Neuzeit, von dem Gedanken des objektiven Erkennens, ein Erkennen, das vom Leben des Betrachters unabhängig ist. So konnte es geschehen, daß die Kultivierung des Lebens aus den Augen geriet, d. h. Religion verschwand. Das Lebensgefühl des modernen Menschen wurde wesentlich atheistisch. Dabei ist die Wahrheit doch nur das Licht der Liebe. Deswegen muß der Lebensgrund gereinigt werden, wenn der Mensch neu erkennen will. Eckehart wirft einen Seitenblick auf die Sünde. Die Liebe tilgt alle Sünden und rechtfertigt den Menschen dadurch. So entsteht Vertrauen in Gottes Heilstatt, aus dem das innere Wissen erwächst. Der Liebende erlebt Gottes Wirken in der eigenen Innenwelt, und da alle Bilder nur ein mehr oder weniger starker Ausdruck von Gottes Heilsbestrebung sind, wird der Liebende in die Lage versetzt, der Welt des Erscheinlichen eine neue Deutung zu geben. Das ist geistiges Wissen, denn die Quintessenz des Wissens wird im Inneren erlebt. Im Vergleich der beiden Erkenntnisarten ist die geistige der natürlichen haushoch überlegen. Das innere Licht ist umfassender, ganzheitlicher und untrüglicher. Es kann bis zur absoluten Zweifelsfreiheit gedeihen. Das äußere Wissen hingegen kann durch vernünftelnde Kunstgriffe derart entstellt werden, daß man nicht mehr weiß, was wahr und falsch ist babylonische Sprachverwirrung entsteht, ein heilloses Durcheinander, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Der Ausweg ist auch in der Tat nicht im Begrifflichen zu suchen, sondern in der Erneuerung des Lebens. Sie ist nur über die Vergebung der Sünden möglich. Daher schließt Eckehart mit den Worten des Herrn: "Wem mehr vergeben wird, der liebe auch mehr." Lk 7.47 Buße, Vorbedingung der Empfängnis Eckehart setzt sein Bußverständnis von den mittelalterlichen Vorstellungen ab. Er ermöglicht uns damit einen neuen, viel freieren Zugang zum Wesen der Buße. Unter Buße wird das menschliche Tun verstanden, insoweit es ihn vorbereitet, den Herrn zu empfangen. Somit bezeichnet Buße zusammengefaßt des Menschen Mitwirkung am göttlichen Erlösungsgeschehen. Alles, was wir tun können, ist Buße. "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!" (Mt 3.2), rief und ruft Johannes der Täufer am Jordan. Auch Swedenborg erkannte den zentralen Stellenwert der Buße und räumte ihr ein ganzes Kapitel in seiner "summa theologica" der Wahren Christlichen Religion ein. Eckehart setzt den Schwerpunkt der Buße nicht in die Werke, wie er überhaupt die Werke als sekundär betrachtet (vgl. im zugrunde liegenden Text EQ 77.16), sondern in die Gesinnung. Es gibt also keine Bußwerke, sondern nur eine bußfertige Gesinnung. "Solche Buße ist (nichts anderes als) ein von allen Dingen fort ganz in Gott erhobenes Gemüt." EQ 76.29f Demnach sind Fasten, Barfußgehen, Wachen, Lesen und dergleichen mehr wertlos, denn jegliches Werk bezieht seine ganze Qualität aus der Gesinnung. Inwieweit sonach Liebe und Gottvertrauen in den Werken sind, insoweit sind es Bußwerke, denn sie büßen unsere Sünden ab. "Und je unbefangener und einfältiger du ihn (Gott) im Blick hältst, um so eigentlicher büßen alle deine Werke alle Sünden ab." EQ 77.911 Unsere Werke sind ein in der Zeit manifest werdendes Bild der zeitlosen Weise des ewigen Gottes in Jesus Christus. Er verrichtet auch heute sein Bußwerk in uns, wenn wir willens sind, uns in den Zustand des Gott-Erleidens zu versenken. Dabei meint Erleiden nicht unbedingt Leiderfahrung, vielmehr eine Haltung, die grundsätzlich empfangend ist und alles gleichmäßig als von Gott kommend ansieht. Und was Gott schickt ist gut und sehr förderlich. So verrichtet Christus sein Bußwerk in uns. Statt dessen mühen sich aber auch heute noch, über 650 Jahre nach Eckehart, die Menschen mit Bußwerken ab, die sie für groß und wichtig halten. Es sind dies zwar nicht mehr Sack und Asche aber andere Formen der Verdrängung. Nur Wenige erleben das Wunder der Verwandlung. Daß es dennoch an uns Wahrheit werden kann, dazu helfe uns Jesus Christus. Die kleinen Leiden Die ganze Hl. Schrift ist von Worten durchsetzt, die den Leidensweg als DEN Weg zum Leben verkünden. Aus der Fülle mögen nur folgende Beispiele der Illustration dienen: Mt. 10.39: "Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden." Mt. 7.14: "Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden." Jh. 12.24: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt's allein; wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht." Mt. 16.24: "Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir." Die Nachfolge Christi scheint ohne Kreuz nicht möglich zu sein. Der Herr lehrte diesen Weg und ging ihn auch, wie wir wissen bis nach Golgatha. Seitdem ist sein Vorbild für viele zur Quelle der Inspiration geworden, und sie versuchen im Kleinen das wiederzugeben, was er vorgegeben hat. Die Heiligen vergangener Tage folgten Seinen Spuren und entwarfen die klassische Vorstellung eines bußfertigen Lebens in Askese, die bis auf den heutigen Tag nachwirkt. Sie beherrscht die Gedanken des normalen Christen, wenn er über die oben angeführten Stellen nachdenkt. Die Wirkung ist verheerend. Sein Gemüt erlahmt in Verzagtheit, denn wer hat die Kraft, den schmalen Weg zu gehen, der doch ach so dornenvoll ist? Die auserwählten Seelen, ja, die konnten ihn gehen, aber der einfache Christ, er bleibt auf der Strecke. Sein ohnehin nur spärlicher Mut sinkt restlos zusammen, wenn er sich diese schauderlichen Gedanken vergegenwärtigt. Diesen Weg meint er niemals gehen zu können. Zu genau immerhin kennt er seine Schwäche. So verbleibt er beim Durchschnittlichen und rückt sich Gott, den er eigentlich ganz gerne hätte, wieder, ein wenig wehmütig zwar aber schließlich doch, in weite Ferne. Hier setzt Eckehart ein: "Denn darin liegt ein großes Übel, daß der Mensch sich Gott in die Ferne rückt; ... Gott geht nimmer in die Ferne, er bleibt beständig in der Nähe; und kann er nicht drinnen bleiben, so entfernt er sich doch nicht weiter als bis vor die Tür." Gott ist allgegenwärtig. Aus seiner Allgegenwart lebt die Kreatur. Deswegen ist Er der Beständig-Nahe. Doch seine Nähe gibt der Kreatur keine Seligkeit, nur das natürliche Leben. Erst wenn der Mensch die Tür seines freien Willens öffnet, tritt der Himmel ein. Vielleicht dachte Eckehart, als er das Wort prägte, an ein ähnliches aus der Johannesapokalypse: Offb. 3.20: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir." Die Tür versinnbildlicht die menschliche Entscheidungsfreiheit, Ja oder Nein sagen zu können. Der Herr gibt durch sein Klopfen zu erkennen, daß er eintreten möchte. Allerdings achtet er die Freiheit des Menschen und wartet, bis sich der Mensch rührt, willens die Tür aufzumachen, um den Herrn in sein Leben eintreten zu lassen. Dann beginnt die Geistwerdung, dargestellt im Hl. Abendmahl, worunter Swedenborg die Einführung in den Himmel versteht. Das Schriftwort, ebenso wie Eckehart's, zeigt, daß der Mensch ringsum in Gott geborgen ist. Allein, die Tür ist verschlossen, so daß sich der Mensch dieser fundamentalen Wahrheit nicht bewußt werden kann, und darin gerade läge seine Seligkeit. Die verschlossene Tür kann beispielsweise eine irrige Meinung sein, auf die man sich versteift hat. So können die Gedanken vom Leiden das Gemüt verzagen lassen, d. h. die Tür schließen und Gott entfernen, wenn schon nicht wirklich, so doch scheinbar. Denn man bedenke, Gott ist die Stärke in uns, nur ein zuversichtliches Gemüt kann ihn daher aufnehmen. So kann es sein, daß ausgerechnet das, was zum Leben führen soll, das Leid, den aufbrechenden Menschen vom Leben fernhält, was sehr schlecht wäre. Deswegen unterzieht Eckehart im vorliegenden Text das Leiden einer näheren Betrachtung. Hat der Herr wirklich die martervolle Askese gepredigt? Auffallen kann schon des Herrn Wort: "Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht." Mt. 11.30 In einem merkwürdigen Widerspruch dazu steht die christliche Tradition. Der Weg wurde als schwer und entbehrungsreich beschrieben. Wie ist der Widerspruch zu lösen? Durch Mühsal windet sich der Mensch hindurch, solange er nur selbst an sich arbeitet. Aber das Christentum ist vor allen anderen Religionen die der Erlösung. Hier trägt der Erlöser die Last, die dann leicht ist. Jedoch muß beigefügt werden: Christus trägt, wenn sich der Mensch ihm unterstellt und mitträgt, wie seinerzeit Simon von Cyrene. Die Christenheit hat es bis heute nicht gelernt, in das mitwirkende Verhältnis zum Herrn zu treten, was, wie Swedenborg nachweist, ursächlich damit zu tun hat, daß sie den Herrn schon sehr bald nicht mehr als den einzigen und alleinigen Gott des Himmels und der Erde anbetete. Somit verschloß sich die Tür und die Mühsal alter Tage legte sich erneut auf die Schulter der Menschheit. Wieder rückte der Leidgedanke in den Vordergrund. Dabei ist ein Leben, das in den Himmel führt, gar nicht so schwer. Man vergleiche HH 528535. Nun soll nicht geleugnet werden, daß ein christliches Leben im Meiden des Bösen aus religiösen Gründen besteht. Damit besteht es, wenigstens vordergründig betrachtet, in einem Leben gegen die menschliche Natur, was eine gewisse Art von Leid immer nach sich zieht. Jedoch gilt es, das Leiden als Weise vom Leiden als inneren Vorgang zu unterscheiden. Letzteres ist eigentlich gar kein Leiden im üblichen Sinne, denn es macht sich äußerlich nicht bemerkbar. Der solcherart "leidende" Mensch kann auf der Ebene des äußeren Menschen lebensfroh sein und ist es meistens auch. Der innere Mensch leidet, er erleidet Gottes Einsprache und achtet darauf, daß er in sich gefestigt bleibt, um nicht durch die fünf Sinne nach draußen auszulaufen, wo er, wie er hellstens inne wird, im Gericht der Materie erstarren würde. Das übliche Leiden nennt Eckehart eine Weise. Es ist also, wie so vieles auch, nur eine von unzähligen Weisen, Gott zu finden. Wem Gott diese Weise zugedacht hat, nun gut, der nehme sie willig an, denn es ist dann seine Weise, und Gott wird ihm die Kraft geben, diesen Weg zu vollenden. Wem Gott aber eine andere Weise gegeben hat, der nehme seine Weise und schaue nicht auf die des Anderen. Jeder nehme Seine. Er achte nicht so sehr auf die Weise als vielmehr auf die Weisung, die von Gott an ihm ergeht, in jeder Lebenssituation; denn man soll Gott nicht in der Weise, sondern "im Geist und in der Wahrheit anbeten" Jh. 4.24. Das ist Geistchristentum, dessen unerschütterlichster Vorkämpfer Eckehart war. Die Weisen haben eine wichtige Funktion. Sie schaffen Unterschiede, die höchstnötig sind. Denn in aller Wahrheit gibt es nur eine Wahrheit Gott. Ohne die Weisen wäre er das alleinige Sein. Da es aber Weisen gibt, kann das eine Sein in viele Seinsweisen aufgespalten werden. Weisen schaffen Sonderheiten und ermöglichen damit den Aufbau von Persönlichkeiten. Soweit sind sie gut. Wo sie aber Ausschließlichkeit beanspruchen, was geschieht, wenn sie, jede für sich, die Alleinmaßgebliche sein wollen, wird die Harmonie gestört. Egoismen bilden sich. Der allgemeine Lebenszusammenhang, der Leib Christi oder einfach gesagt die Menschheit bricht auseinander. Die unseligen Folgen kennen wir. Daher rät Eckehart zur Toleranz, eine wichtige christliche Disziplin. Meinungsunterschiede sind noch kein Sektentum, im Gegenteil, sie können der Wahrheitsfindung sehr förderlich sein. Schlimm wird es jedoch, wenn sich Meinungen verhärten und Fronten bilden. Dann wird die Weise für das Sein genommen und das Sein geht in der Weise unter. Und was ist eine Weise ohne Sein? Jede Weise ist anders. So viele Menschen es gibt, so viele Wege gibt es, Gott zu erfahren. Eckehart hat das mehr als einmal gesagt, und dennoch, in jeder Weise kann man sein Bestes finden, was nichts anderes als der Herr ist. Er ist unser Bestes. Das ist das Wunderbare, obwohl die Weise nur ein Ausschnitt ist, zeigt sich in ihm doch das Ganze. Somit versäumt derjenige nichts Gutes, der sich auf eines nur, auf seine Weise nämlich, beschränkt. So findet der Mensch die Einfassung seines Lebens, findet also sich selbst und erlebt den Frieden Gottes, der in der Ruhe weilt. "Du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein in deines Herrn Freude." Mt. 25.21 Das Wenige ist die kleine Weise, in der der Mensch sein Bestes verwirklichen soll. Das Viele ist die Herrschaft des Geistes über die Seele und den Körper. Und schließlich, des Herrn Freude, ist der Zustand der Vollendung. Nicht im Großen ist er zu finden, nein, im Kleinen, nicht im außerordentlichen, nein, im kleinen Leiden. Ein jeder fülle wirkend den Rahmen aus, der ihm gesteckt ist. Er bietet Möglichkeiten der Selbstüberwindung genug. Die kleinen Unpäßlichkeiten des Lebens sind das eigentliche Feld. In schönen Beispielen beleuchtet es der Lebemeister: "So ... ist's dir manchmal schwerer, ein Wort zu verschweigen, als daß man sich überhaupt aller Rede enthalte. Und so fällt es einem Menschen manchmal auch schwerer, ein kleines Schmähwort, das nichts auf sich hat, hinzunehmen, als vielleicht einen schweren Schlag, auf den er sich gefaßt gemacht hat, und es ist ihm viel schwerer, allein zu sein in der Menge als in der Einöde, und es ist ihm oft schwerer, etwas Kleines zu lassen als etwas Großes, und ein kleines Werk zu verrichten als eines, das man für groß erachtet." Die Reize der Welt Der Mensch der Erde ist aus dem Gericht der Materie hervorgegangen. Im irdischen Leben ist dem erstmals zu Bewußtsein gelangten Lebewesen, die Aufgabe gestellt, die Materie der Welt freiwillig zu verlassen. So weit, so gut. Kurzsichtig Denkende meinen nun aber, ein die Welt verlassendes Leben bestehe darin, alle Annehmlichkeiten des Lebens von sich zu weisen. Von christlicher Armut und Selbstverleugnung haben viele Zeitgenossen eine sehr sonderbare Vorstellung. Ein Pfarrer beispielsweise, der eine Villa bewohnt, mutet schon befremdend an. Eine andere Lebensangenehmlichkeit, die Ehe, ist den katholischen Priestern bis auf den heutigen Tag verwehrt. Sie unterstehen dem Zölibat. Glücklicherweise schwinden Vorstellungen dieser Art, die rein äußerlich sind, dahin. Nicht die äußerliche Weltflucht befreit aus den Klauen der Weltlichkeit, die tief innerlich gelebte Erhabenheit tut's. Seinen Körper kann der Mensch unbeschadet in diese oder jene Verhältnisse stellen, wenn er nur sein Herz nicht an sie bindet. Ein Zeichen dafür ist es, ob er "Gemach" wie "Ungemach" gleichermaßen gerne aus der Hand Gottes annehmen kann. Diese Gleichgültigkeit, im edelsten Sinne des Wortes, macht unabhängig, und der Mensch ist in der Welt ohne Welt. Hier gilt das Wort Hiobs: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!" Ijob 1.21 Es wird zum Prüfstein der geistigen Freiheit. "Und dabei kann man dann auch Ehre und Gemach hinnehmen." EQ 81.2 f Es wäre ein Zeichen schwacher Innerlichkeit (vgl. EQ 80.18), wenn man ängstlich darauf bedacht wäre, sich keinen Luxus zu gönnen. Jedoch warnt Eckehart, der ansonsten der Äußerlichkeit nicht viel Beachtung widmet, vor Sonderlichkeiten. Die Aussteigerszene, aber nicht nur die, fällt zum Beispiel durch Verhaltens- und Bekleidungsauffälligkeiten auf. Das ist insofern bedenklich, weil hier Normen und Riten einen zentralen Stellenwert erhalten. Damit fallen sie aus der Rolle des Dienenden heraus, wo es doch so ist, daß alles Äußere nur dient. Recht gehandhabte Äußerlichkeit, die nämlich von der Innerlichkeit gesteuert wird, mündet unweigerlich in Einfachheit, Schlichtheit und Mäßigung. Im Lorberwerk lesen wir den beherzigenswerten Satz, der das irdische Leben betrifft: "Wollet ihr aber als Menschen wahrhaft glücklich leben auf dieser Erde, so bleibet bei eurer alten Einfachheit!" Ev IV.183.7 Einfachheit ist das geistgegebene Maß des äußeren Lebens. Sonderlichkeit dagegen ist die Emanzipation des äußeren Menschen aus der Leitung des inneren (vgl. Swedenborgs Lehre vom äußeren und inneren Menschen). Freilich braucht sich der König nicht als Bettler verkleiden und der Pfarrer nicht als Lumpensammler, "denn wer ein Besonderer ist, der muß auch viel Besonderes tun ..." Überall aber gilt, daß sich der Mensch nicht gefangen nehmen lassen soll von den Reizen der Welt, um frei zu sein für Gott, der uns stilvoll durch die Wogen der Zeit geleitet. Befreiung von aller Äußerlichkeit ist Eckeharts in allen Variationen wiederkehrendes Thema. Unermüdlich bringt er neue Gesichtspunkte ins Spiel. Diesmal gilt eine Episode dem Leid. Es löst ab, von allem Gericht des nach außen verkehrten Lebens, denn "Das lebt nicht, was von außen bewegt (angeregt) wird." EQ 176.8f Leid führt den Menschen zu sich selbst, in seinen inneren Reichtum. Nicht umsonst sagt der Volksmund "Not macht erfinderisch". Leid macht wesentlich. "Mensch, werde wesentlich: denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht", dichtete A. Silesius im Cherubinischen Wandersmann. Eckeharts Leidspekulationen verdeutlichen mir die Konsequenz und Kühnheit seines Gedankenganges. Während sich Leute, die als durchaus gut gelten können, daran aufhalten, das Leid zu rechtfertigen, mit der Liebe Gottes in Einklang zu bringen, geht der Lebemeister schon einen Schritt weiter. Für ihn ist die Förderung durch das Leid, auch wenn es der Sinnennatur anders erscheint, eine ausgemachte Sache. Nun stellt sich natürlich die Frage, wieso Gott nicht viel reichlicher das Gnadenmittel des Leidens austeilt, um seinen Geliebten dadurch die Welt zu vergellen. Eckehart kann es sich nur so erklären, daß Gott den guten Willen anrechnet. Demnach kann sich der Mensch einiges Leid ersparen, wenn er seine Weltverhaftung herzlich verabscheut und sehnlichst ein Anderer wäre. Für den Seinsmetaphysiker vollzieht sich die Wandlung ohnehin im Sein des Menschen, welches nach Swedenborg die Lebensliebe bzw. der Wille ist. Die Abkehr von der Welt geht so weit, daß den Menschen die Weisen und Werke nicht mehr beunruhigen (vgl. EQ 81.19f). Das eigentliche Leben tummelt sich wesentlich innerlich. Es schält sich mehr und mehr aus der Welt heraus und spielt sich schließlich unbekümmert in der eigenen Brust ab. Eingedenk der Unmöglichkeit, von außen Beeinträchtigungen zu erfahren, fallen sorgenvoll bewegtes Denken und überhaupt alle Formen der Beunruhigung weg. Entscheidungen werden nicht mehr in nervöser Hektik getroffen, die aus der Befürchtung kommt, etwas zu verlieren, zu verpassen oder nicht schnell genug zu sein. Das eigentliche Leben ruht so gesammelt im Herzen, daß es von dem, was draußen geschieht, nicht mehr betroffen wird. Und da geschieht das Wunder! Der Abgeschiedene kann aus der Ferne mit seinem äußeren Leben viel besser umgehen, als der, der mit der Nase vor den Dingen steht. Aus der Distanz kommt alle Lebensmeisterschaft. Worin besteht sie? Christus wird in dir, lieber Bruder, in dir, liebe Schwester, wieder Mensch, wie damals, als er sich eigens einen eigenen Leib bildete. "Du sollst wirken, und er soll (Gestalt) annehmen. In der Haltlosigkeit Gott als den einzigen Halt erkennen In der fünften Rede sprach Eckehart in aller Deutlichkeit vom Guten. Alles Gutsein kommt dem Menschen aus Gott zu. Es gibt keine andere Quelle. Dennoch geht die Eigenliebe oft verschlungene Wege, um dennoch eine Möglichkeit zu finden, doch noch aus eigenen Kräften Gutes zu tun. Verfeinerte Formen der Eigenliebe findet man häufig bei Menschen, die auf dem geistigen Weg sind. Verfeinerte Formen sagen wir deswegen, weil diese Menschen das Wunder der Verwandlung noch lange nicht erlebt haben. Sie haben vielmehr ihre Eigenliebe bis an den äußersten Punkt der Verfeinerung gebracht, so daß sie fast schon geistig scheint, aber doch nicht ist. So ist zum Beispiel gerade bei religiösen Menschen zu beobachten, wie sie nach Gerechtigkeit streben, meinend sie durch ihre Werke zu finden. Sie glauben an die Macht ihrer Taten und wollen damit das Göttliche herbeizitieren, als wären die Werke für Gott Veranlassung zum Menschen zu kommen. Nicht der Mensch veranlaßt Gott, sondern umgekehrt: Gott veranlaßt den Menschen. Es soll damit freilich nicht geleugnet werden, daß der Mensch lernen kann, mit seinem Gotte mitzuwirken. Aber unantastbar bleibt die Wahrheit, daß Gott das Innerste bilden muß und der Mensch das Umhüllende. Wo der Mensch das Innerste sein will, da ist die Ordnung verkehrt. Nichts anderes, als das Innerste sein zu wollen, liegt nun aber in dem Bestreben, durch die Werke den Himmel zu erstürmen. Für "das Innerste" läßt sich auch "das Verursachende" sagen. Vielleicht macht diese Wortwahl den Irrtum jener Haltung anschaulicher. Der Mensch darf sich nicht auf seine Werke stützen, Halt dürfen sie ihm nicht sein. In den Werken wirkt sich das Gute lediglich aus, aber bewirken können die Werke das Gute nicht. Diese irrige zudem weit verbreitete Vorstellung möchte der Herr zerstreuen. Das ist Absicht seiner Göttlichen Vorsehung. Daher kommt es, daß geistig Suchende oftmals den Eindruck bekommen, auf der Stelle zu treten oder gegen unüberwindliche Schwierigkeiten anzukämpfen. Die Einsicht soll es fördern, wie kraftlos des Menschen Werke sind. Auch die vielen Rückschläge verfolgen keinen anderen Zweck; denn Gott hat keine Freude am Leiden der Kreatur. Er freut sich nicht daran, daß seine Kinder die Anhöhe ein Stückchen erklimmen, um dann an der spiegelglatten Wand schließlich wieder abzurutschen, um sich, in der Tiefe seiend, erneut hochzumühen. Viele vergebliche Versuche, auf diese Weise die Höhen des Geistes zu erringen, können ermüden, und sie sollen auch ermüden. Aber dann verzage der Mensch nicht, sondern erkenne, wie nichtig die eigenen Kraftanstrengungen sind, selbst wenn es darum geht, das Leben zu vollenden. Daß es nichtig ist, nach der Welt zu haschen, hat der religiöse Mensch ja bereits eingesehen. Daß es aber ebenso nichtig ist, nach dem Leben zu greifen, daß kann er jetzt staunend lernen. Alles, was Gott tut, ist reinste Barmherzigkeit. Der Mensch lerne, selbst die subtilsten Formen der Eigensorge abzulegen. Der Herr will es so. Er will sich als das Ein und Alles offenbaren. Wie soll es jedoch geschehen, wenn falsche und fest begründete Vorstellungen den Weg versperren? Geradezu verbissen hat sich der Mensch in den Gedanken, sein eigener Herr zu sein. Offenbar ist es seine Lieblingsvorstellung. So faßt denn auch der späte Eckehart Religion mit den schönen Worten zusammen: EQ 381.1316: "Darauf läuft alles hinaus, was man raten oder lehren kann: daß ein Mensch sich selbst raten läßt und auf nichts als nur auf Gott schaue, wenngleich man dies in vielen und verschiedenen Worten ausführen kann." In der Tat! Der Mensch muß abnehmen, damit Gott in ihm zunehme; und ein Abnehmen ist es eben noch nicht, wenn man sich selbst um den Himmel abmüht. Damit ist das "sich selbst" noch immer rege, nicht selten fleißiger als denn je zuvor, lediglich der Gegenstand der Regsamkeit ist ausgetauscht. Doch ist er wirklich ausgetauscht? Eckehart predigt beileibe nicht die Vernichtung des Menschen als eines tätigen Etwases; wir hören, wie er sagt, der Mensch lerne mitzuwirken. Es geht also nicht um die Vernichtung des Selbstes, nur um dessen Peinigung dreht sich das Geschehen. Ein Jeder weiß, daß Gut und Böse nicht nebeneinander bestehen können. Aus dem Worte der Heiligen Schrift entnimmt man es, wo es heißt: "Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Mt. 6.24. Und dennoch weiß kaum jemand, was das praktisch wohl bedeuten möge, denn anders ist es nicht erklärbar, daß selbst Christen den Zugriff zum Lebendigen wagen, wo es doch wahr ist, daß der Mensch das Leben nie und nimmer direkt ergreifen kann, immerhin wird es Gnade genannt, wenn es sich einstellt. Der Mensch, weil er ein Mitwirkender ist, kann das Leben nur indirekt ergreifen. Das tue er denn auch, und stütze sich nicht auf den vermeintlicherweise heilenden Wert seiner höchsteigenen Werke. Gott heilt. Wieso sonst heißt er Heiland? Der indirekte Weg, er allein schätzt den Wert der Werke richtig ein, wird Buße genannt und besteht darin, das Böse als Sünde zu fliehen. Der Mensch tut demnach das Gute, insoweit er das Böse nicht tut. Das ist die rechte Art. Nicht umsonst ist der zweite Teil der zehn Gebote, der den Menschen betrifft, als Verneinung des Bösen formuliert: Du sollst nicht, steht geschrieben, töten, ehebrechen, stehlen usw. Je wie der Mensch dies, sein natürliches Begehren nicht tut, wird er von Gott zum Guten angeregt. Voraussetzung ist allerdings, daß der Mensch das Gute Gott zuschreibt, andernfalls schnürt er sich von der Kraftquelle ab, und gerät, weil es keine andere Möglichkeit gibt, dahin, den Halt in seinen eigenen Werken zu suchen, was der Herr dem Menschen nehmen muß, wenn er ihn beseligen will. Das Heilige Abendmahl In der "Wahren Christlichen Religion" führt Swedenborg nur zwei Sakramente an, die Taufe und das Hl. Abendmahl. Die Taufe ist die natürliche Waschung, sprich Reinigung, und führt den Menschen in die Kirche ein. Die natürliche Waschung ist die Buße, denn der Täufer, Johannes, ist bekannt geworden als der Bußprediger. Deswegen ist Buße das wirkende Element der Taufe, und die Taufe als äußere Handlung ist nur ein Sinnbild, das auf etwas Eigentlicheres hinweist, eben auf die Buße. Deswegen sagt Swedenborg: WCR 510: "Es gibt mancherlei Dinge, die den Menschen beim Durchschreiten der ersten Lebensalter zur Kirche vorbereiten und darin einführen; was aber die Kirche beim Menschen recht eigentlich begründet, das sind die Handlungen der Buße." Taufe ohne Buße ist tot. Erst die Buße ist derjenige Akt der Entscheidung, durch welchen der Mensch zu erkennen gibt, daß er ein religiöser Mensch werden möchte. Wenn die Taufe als natürliche und nicht etwa geistige Waschung bezeichnet wird, dann deutet das an, daß dieses Tun einer höheren Segnung bedarf, um zum Erfolg zu führen. Denn als natürliche Waschung hat die Taufe also die Buße nicht die Kraft, den Menschen zu vergeistigen. Die Handlungen der Buße reisen demnach beständig im Natürlichen, wenn nicht etwas dazu kommt. Und dieses Etwas ist das Hl. Abendmahl . Während die Taufe noch ohne den Herrn, als den Inbegriff alles Geistigen denkbar ist, ist das Abendmahl ohne den Herrn nicht zu verstehen, denn Er ist es, der mit den Seinigen diesen Akt vollzieht und, wie es die Tradition zu berichten weiß, sein Fleisch und Blut gibt. Von der Fülle der kultischen Handlungen, die im Judentum Bestand hatten, bleiben, wie wir sahen, nur zwei übrig. Sie fassen in grandioser Verdichtung das wesentliche Verhältnis zwischen Gott und Mensch zusammen. Die Taufe ist das Symbol der menschlichen Mitwirkung. Das Abendmahl ist das der göttlichen Erlösung, weswegen der Herr im Abendmahl nicht fehlen darf. Wirkung Gottes und Mitwirkung des Menschen wird uns noch im Kommentar zur Nummer 23 ausführlicher beschäftigen. Die ganze Taufe zielt also auf das Abendmahl und findet erst dort seine Erfüllung, und das Abendmahl zielt auf den Herrn, und findet dann darinnen seine Erfüllung. Swedenborg bezeichnet das Abendmahl daher als die Einführung in den Himmel, während die Taufe die Einführung in die Kirche darstellt. Beide Sakramente sind Einführungen, die Taufe ist die natürliche und das Abendmahl die geistige. Auch Eckehart sieht die Bedeutung des Abendmahls in der Einswerdung mit Gott. Gott teilt sich dem Menschen mit. Fleisch und Blut bzw. Brot und Wein symbolisieren die göttliche Liebe und Weisheit. Diese beiden Universalien des Lebens werden dem Menschen durch das Abendmahl angeeignet, was im Akt des Essens und Trinkens geschieht. In den Jenseitswerken J. Lorbers werden immer wieder Abendmahlsszenen geschildert. Sie deuten an, daß die Betreffenden, mit denen der Herr das Abendmahl feiert, nun in ihre himmlische Gesellschaft vom Herrn eingeführt werden. Das Abendmahl bringt die Kämpfe zum Abschluß. Nunmehr wird dem Menschen vom Herrn das himmlische Leben zugeeignet. Das Abendmahl bringt zum Ausdruck, daß sich der Mensch nicht selbst erlösen kann, denn dann genügte die Taufe. Der Herr ist der Erlöser. Er vervollständigt unser Werk. Der Mensch reckt sich zwar zu Gott, doch Gott erbarmt sich und nimmt ihn an Kindesstatt an. Die solcherart bewirkte Einswerdung ist so total, daß es kaum vorstellbar ist. "Diese Einung ist viel enger, als wenn einer einen Tropfen Wasser gösse in ein Faß Wein: dann wäre Wasser und Wein; das aber wird so in eins gewandelt, daß keine Kreatur den Unterschied herauszufinden vermöchte." Wer will das begreifen? Immer wieder tauchen beim späten Eckehart Passagen auf, die die Totalität der Einung rühmen. Es scheint, als ob nichts ausgespart bleibt. Nichts! Die Seele erfährt totale Vergottung, und selbst der Körper wird ganz ins Geistige hinübergezogen. Jesus hat uns die Vergeistigung der Materie am eigenen Leibe vorgeführt, und er hat uns zur Nachfolge aufgerufen. Das mag zu denken geben. Einung bedeutet für Eckehart zunächst Sammlung der Kräfte, denn durch die fünf Sinne läuft die Lebenskraft, der Interessen beispielsweise, in die Außenwelt aus. Deswegen muß das Zerstreute zunächst eingesammelt werden, indem sich der Mensch wie aus sich der zeitlichen Freuden enthält. Und dann, wenn das Leben auf ein Minimum verdichtet ist, auf eine Weise nämlich, dann geschieht die Umkehrung und Ausweitung nach innen. Deswegen führt das Leben durch die enge Pforte der Demut. Dem Menschen scheint es, als verrichte er das Werk aus eigener Kraft. In Wirklichkeit wirkt der Herr in uns. "Und vom innewohnenden Gott werden sie (die leiblichen Kräfte) nach innen gewöhnt und der leiblichen Hemmungen durch die zeitlichen Dinge entwöhnt und werden behende zu göttlichen Dingen; ..." "Vom innewohnenden Gott" sagt Eckehart, weil Gott nicht der ferne Gott ist, der über den Sternen thront. Gott ist, seit Christus, das innerste Lebensprinzip im Menschen. Ja, dieser menschgewordene Gott ist es, der den Menschen in eine neue Natur hineingewöhnt. Die Gewohnheit ist nach Swedenborg die zweite Natur des Menschen: WCR 563: "Es ist bekannt, daß die Gewohnheit beim Menschen die zweite Natur darstellt, weshalb dem einen leicht fällt, was dem anderen mit Schwierigkeiten verknüpft ist." In der Gewöhnung gewöhnt sich der Mensch ein neues Leben an, ein Leben, das in der freiwilligen Beschränkung neue Freiheit gewinnt, ein Leben, dem schließlich die Freuden der Zeit fade erscheinen. Dieses Leben ist Gott, das geistige Leben, die Einswerdung mit ihm. Es kann Wunder nehmen, daß diese Einswerdung durch Essen von Brot und Trinken von Wein bewerkstelligt werden soll. Es ist natürlich nicht die rituelle Handlung als solche, die dies Wunder bewirkt. Aber, die Handlung ist auch nicht zu unterschätzen, denn sie bringt alle körperlichen Bewegungen in eine Form, die der geistigen Form der Einswerdung auf das Genaueste entspricht. Freilich ist die Handlung als äußere Form tot, wenn nicht die Seele des Geschehens zugegen ist. Ist diese aber zugegen, dann bewirkt die Übereinstimmung der äußeren mit der inneren Form, daß sich der Einfluß bis ganz nach unten fortpflanzen kann. Denn der ganze Mensch mit Seele und Leib konzentriert sich auf den Inbegriff der Wiedergeburt. Jede Ablenkung durch fremdartige Betätigungen ist ausgeschlossen. Vielleicht kann man das Abendmahl als die christliche Form der Meditation bezeichnen, christliche Versenkungspraxis. Doch, wie gesagt, die Wirkung steigt vom Geistigen ins Natürliche herab. Deswegen muß die Seele des Abendmahls zugegen sein, was der Fall ist, wenn der Mensch würdig zum Tisch des Herrn geht. Würdig bedeutet nicht, daß man sich künstlich in Hochstimmung bringen muß. Vom momentanen Empfindungsniveau, ob es andächtig oder nivellierter ist, hängt die würdige Haltung nicht ab. Viel entscheidender ist die permanente Ausrichtung auf Gott, die sich im Lebensalltag bewährt. Eckehart gliedert die würdevolle Haltung in dreifacher Weise auf. "Der Mensch, der unbekümmert zu unserem Herrn gehen will und kann, der muß zum ersten dies haben, daß er sein Gewissen frei von allem Vorwurf der Sünde finde. Das Zweite ist, daß des Menschen Wille zu Gott gekehrt sei ... Zum dritten muß ihm dies eigen sein, daß die Liebe zum Sakrament und zu unserem Herrn dadurch mehr und mehr wachse ..." Das bedeutet mit anderen Worten gesagt, daß der Mensch Buße tun muß. Buße ist das werktätige Abstandnehmen vom Sündhaften. Die Voraussetzung der Buße ist die Erkenntnis der Sünde, nicht der allgemeinen Sünde, sondern der besonderen, die man selber tut. Demzufolge gehören Buße und Selbstbeschauung untrennbar zusammen. Infolge der Buße flieht der Mensch dann das Böse, weil er es als Sünde erkannt hat. Mit Buße ist, wie wir schon sahen, die Mitwirkung des Menschen am Erlösungsgeschehen gemeint. Zur Buße muß sich dann der Aufblick zum Herrn gesellen. Das ist der zweite Punkt. Der Mensch, wie tätig er auch sei, muß ständig; alles Gute nur von Gott erwarten. So hält er sein Gemüt offen, hält es in der Empfangshaltung. Diese beiden Punkte regeln das Verhältnis zwischen Gott und Mensch und stellen das Wesentliche der Religion dar. Das Zusammenspiel beider Punkte bewirkt dann den Fluß des Lebens, und das ist Eckeharts dritter Punkt, das immerwährende Wachstum. Den Engeln wohnt die Idee des Ewigen inne. Sie wissen, daß sie in Ewigkeit an Liebe und Weisheit zunehmen werden. Daher stimmt etwas nicht, wenn Stagnation einsetzt. Die drei Punkte bilden die Seele der Religion und geben dem Abendmahl die notwendige Deckung. Ansonsten wäre es ein hohles Spiel. Mit diesen drei Punkten ist die würdige Haltung beim Gang zum Abendmahl umrissen. Alle anderen Gangarten sind nichtig. Der religiöse Ernst ist wichtig, wir sahen es. Das heißt aber nicht, daß der Mensch, seiner Schwäche gewahr werdend, vor dem Gang zum Abendmahl zurückschrecken soll. Daß wir Sünder sind, ist allzumal klar. Gerade diese unsere Eigenschaft sollte jedoch Anlaß genug sein, zum Herrn zu gehen. Der Weltmensch versteht es nicht, aber der religiöse Mensch kennt die Situation. Im Anblick der eigenen Sünde, widert ihn sein eigenes Wesen an, und es fällt ihn schwer, Gott den Reinen anzuschauen. Wie Adam würde man sich lieber verstecken, um die Blöße nicht zu zeigen. Nein, gerade die Blöße soll uns zu Gott führen. Die Kranken brauchen den Arzt, nicht die Gesunden, und die Armen benötigen den Schatz, der Jesus Christus ist. Eckehart unterscheidet in diesem Zusammenhang auch die obersten von den niedersten Kräften im Menschen. Die obersten sind licht und Gott zugewandt. Die niedersten sind der Welt zugeneigt. Wichtig ist zunächst nur, daß die inneren Kräfte ein herzliches Verlangen nach Gott beherbergen. Die äußeren Kräfte werden dann schon durch die inneren gottvoll werden. Sonach muß es den Menschen nicht bekümmern, wenn er sich in Schwächen findet, entscheidend ist, daß sich der Mensch in solchem Tun nicht, nie und nimmer, rechtfertigt. Eckehart schließt mit einem Hinweis, der zeigt, daß der Lebemeister schon weiter dachte als die meisten seiner Zeit, wieder spricht der Künder des geistigen Lebens. Die äußere Form des Abendmahls hat ihren Wert. Das ist zwar wahr. Der Mensch kann den Leib des Herrn jedoch auch rein geistig empfangen, denn die Seele kann zwar ohne den Leib leben, aber der Leib nicht ohne die Seele. Im geistigen Geschehen empfängt der Mensch das Heil, tief innerlich kann es sich tausend Mal am Tag einstellen und noch viel öfter, denn die rein geistigen Freuden unterliegen keiner Beschränkung. Von der Überwindung des äußeren Lebens
durch das innere Die Religionen predigen den inneren Weg der Vergeistigung. Das Leben im stofflichen Körper macht jedoch ein äußeres Leben erforderlich. Eckehart behandelt nun die Frage, wie das innere Leben ohne Beeinträchtigung (Behinderung) durch das äußere gelebt werden kann. Letztlich geht es dabei um die Überwindung des Natürlichen durch das Geistige und damit um die Errichtung der Lebensordnung. Dem natürlichen Leben ist nämlich der bedenkliche Hang eigen, entarten zu wollen, indem es Selbstwert beansprucht. Es bedarf daher dringend eines höheren Regulativs. Das ist das geistige Leben. Es gibt dem natürlichen das rechte Maß und Ziel und verhindert die ausufernde Lebensweise, die sich aus dem nur Natürlichen ergeben würde. Jesus prägte das schöne Wort: Mt 22.21: "So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Er unterscheidet damit die weltliche von der geistigen Obrigkeit und lehrt, daß jeder Mensch beiden Seiten den Tribut schuldig ist. Jedoch soll man beide Seiten, die natürliche und die geistige, peinlich genau trennen; eine Wahrheit, die nicht immer beachtet wird, was sich zum Beispiel im Verhältnis von Kirche und Staat zeigt. Der Staat kümmert sich um seine Aufgaben, welche die politischen genannt werden, aber die Kirche kümmert sich nicht um die ihrigen. Sie läßt sich vielfach von dem Schrei betören, wohl aus innerer Armut, daß sie als Massenorganisation eine politische oder gesellschaftliche Aufgabe habe. Es muß jedoch klar gesagt werden, daß die Aufgabe der Kirche eine kirchliche bzw. religiöse zu sein hat, die den inneren Weg der Vergeistigung betrifft. Die äußeren Verhältnisse regelt der Staat. Meistens geht nämlich bei der leidvollen Verquickung der beiden Zuständigkeitsbereiche nicht das Staatliche, sondern das Kirchliche verloren, denn dem Staatlichen wohnt, weil es dem äußeren Menschen entspricht, ein aggressiver Zug inne, dem die Kirche nicht gewachsen ist, schon gar nicht, wenn sie meint mitreden zu müssen, wo sie nicht mitreden kann. Sie geht unter, wenn sie nicht in ihrem Feld bleibt. Das Äußere soll zwar durch das Innere erneuert werden, aber nicht, indem sich das Innere in das Äußere ergießt und solcherart veräußerlicht. "Man muß lernen, mitten im (äußeren) Wirken (innerlich) ungebunden zu sein." Das sinnenhafte Leben macht Tätigkeit nach außen erforderlich, denn darin besteht diese Form des Lebens nun mal. Aber Eckehart gibt uns im vorliegenden Satz den ersten Hinweis, wie sich das Geistige rein halten kann. Es darf sich nicht binden lassen. Um zur Veranschaulichung noch einmal das Verhältnis von Kirche und Staat zu nehmen: Die Kirche darf sich nicht auf politische und gesellschaftliche Programme verpflichten lassen. An anderen Stellen spricht der Prediger von der Gelassenheit. Es ist möglich, auch wenn es in ungeübten Ohren seltsam klingt, mitten im äußeren Wirken ein anderes Wirken im Auge zu halten, so daß sich die Kräfte des Denkens und Wollens beschäftigen, aber nicht mit dem Äußeren. Denn diese beiden Kräfte sind das Innere des Menschen, sind der Geist, der den materiellen Tod überlebt. Dieser Geist soll sich frei halten, und er hält sich ungebunden, wenn er sich durch das bloß Formale nicht einfangen läßt. Während der Körper, unser Kaiser, äußeres Leben gebietet, Leben, das immer mehr oder weniger knechtisch ist, soll der Geist gottzugewandt bleiben und Gott geben, was Gottes ist. Dies geschieht durch den Einsatz der Vernunft. Egal wie sich die äußeren Verhältnisse gestalten ob zweck- oder unzweckmäßig, sie können immer vernünftig beleuchtet werden, so daß der Geist immer über den Körper triumphieren kann, so daß der Geist immer ungehindert seinem Geschäft nachgehen kann, das Wort zu hören. Die Vernunft nämlich ist derjenige Teil im Menschen, der das Wort vernimmt. Das Wort seinerseits ist der Herr bzw. das wirkende Wort ist der Hl. Geist. Der Geist kann sich also immer im Empfangen des Göttlichen üben und bleibt somit innerlich ungebunden, weil er sein Bestes nicht an die Außenwelt verschwendet. Eckehart verwendet dann noch einige Worte darauf, wie mühevoll es ist, die Vernunft wieder aus dem Kreatürlichen zu befreien, wenn man sie einmal durch Vernünfteleien zu sehr darin versenkt hat. Denn, wie gesagt, dem Staatlichen ist ein gewisser aggressiver Zug eigen. Von sich aus läßt er das Geistige nicht mehr erstarken. Durch die fünf Sinne fließen dem Menschen Reize zu, die das natürliche Begehren erwecken und, wenn man nicht auf der Hut ist, die gesamte Lebenskraft nach außen locken und ziehen bis hin zum Zwanghaften. Schließlich sind die Gedanken und Absichten so eng mit dem sinnlich Erfahrbaren verbunden, daß geistige Dinge schlichtweg geleugnet werden, denn der sinnliche Mensch ist für diese unempfänglich geworden. Vor diesen Hintergrund wird es verständlich, wenn Eckehart geistiges Leben, abgesehen vom Eifer, in zwei Dinge setzt: "Das eine, daß sich der Mensch innerlich wohl verschlossen halte ... Das andere, daß sich der Mensch weder in seine inneren Bilder ... noch in äußere Bilder zerlasse." Ersteres meint die Abkehr vom Weltlichen. Es wird immer unwichtiger und entschwindet nach und nach. Dafür taucht am Horizont ein neuer Lebensbereich auf, der bislang brach lag, die innere Lebensvollendung. Es geht nunmehr nicht mehr darum, stoffliche Güter zu erwerben. Der freie Geist empfindet seine Freude darin, stets edler zu wollen und klarer zu denken, weil im Edlen die Liebe und im Klaren die Weisheit wohnt, und beide zusammen genommen sind Gottes Gegenwart im Menschen. Wenn die Welt also beim Menschen vor verschlossenen Türen steht, dann findet dieser sein Wesentliches in der Sammlung, denn die Sammlung verschließt, weil sie das Gegenteil von Zerstreuung ist. Sie ist aber nicht Selbstzweck, denn in der Konzentration auf das Wesentliche ersteht ein neues Wirkungsfeld. Der zweite Punkt behandelt dann das entscheidende Merkmal der neuerlichen Zuwendung zum Äußeren. Doch ist es jetzt eine Zuwendung aus der Position der Stärke heraus. Das Herz hängt nicht mehr an den Dingen, still und verborgen hängt es an Gott. So können die Dinge kommen und gehen und erzeugen weder Lust noch Leid. Der Mensch ist abgeklärt. Er hat es gelernt, sein Augenmerk unverrückt Gott zuzuneigen. Für das äußere Leben ergibt sich oder bleibt nur noch Enthaltsamkeit. Die Kräfte sind so gefestigt, daß sie durch die Verlockungen des Sinnlichen nicht zerlassen bzw. zerstreut werden. Für den Lebemeister, Eckehart, war die hier in umständlichen Worten beschriebene Lebenshaltung eine Selbstverständlichkeit. In der vorliegenden Rede kann er denn auch in aller Leichtigkeit plaudern und gibt uns dennoch mit jedem Satz wertvolle Hinweise, die wir, da wir ungeübt sind, nur mühsam verstehen können. So ist es wohl ein Schlüsselsatz, wenn Eckehart darauf aufmerksam macht, daß "alle Dinge für die innerlichen Menschen eine inwendige göttliche Seinsweise haben". Erst diese Entdeckung ermöglicht einen geistvollen Umgang mit den Dingen. Vor Augen liegt die äußerliche, materielle Seinsweise der Dinge. Gäbe es nur diese, wir wären verdammt, äußerliche Menschen bleiben zu müssen. Jedoch die Vernunft, unsere Mitgift aus der geistigen Heimat, ist der Zauberstab oder die Zauberflöte, mit der die Verwandlung des scheinbar nur Kreatürlichen gelingt. Aus Zeit und Raum, den beiden Universalien der stofflichen Welt, wird Liebe und Weisheit. Die Vernunft, die aufmerkend gebraucht wird, rührt die Dinge an und, man höre und staune, sie verwandeln sich in eine Bedeutungssinfonie. Was trocken und spröde vor Augen steht, hat für jeden Menschen eine Bedeutung, für jeden eine andere, doch für jeden die angemessene. Das Ding ist plötzlich nicht mehr Ding, es ist Erinnerung, Gedanke, Absicht, Zweifel, Skrupel, Scheideweg, Herausforderung und dergleichen mehr. Swedenborg bemerkt: HH 472: "Die Tat oder das Werk sind daher an und für sich nur eine Auswirkung, so sehr beseelt und belebt von Wollen und Denken, daß sie eigentlich nur deren Wirkung und folglich auch deren äußere Form darstellt." Also das dinglich Erscheinliche ist eigentlich nur ein dinglich gewordenes Wollen und Denken. In dieses ist es wieder aufzulösen, wenn wir nicht im Materiellen erstarren wollen. Der geistige Weg ist eine Rückbesinnung auf diese Tatsache und ihre konsequente Anwendung. Das ist der Schlüssel mit dem Materiellen umzugehen, ohne materiell zu werden. Einen weiteren Hinweis gibt uns Swedenborg. Der Materie ist die Trägheit eigen. Daraus entsteht Verharrung und daraus die Besitzkultur wie sie heute herrscht als sinnlose Anhäufung von Gütern. Damit hat sich der Mensch genau dem der Materie innewohnenden Prinzip ergeben und ist materiell geworden. Der Mensch wird die Materie nur dann meistern können, wenn er ihr, also ihrer Trägheit permanent widersteht, wenn er die Materie in Form von Gütern in Bewegung hält. Deswegen faßt Swedenborg seine Lebenslehre in dem Gedanken der Nutzwirkungen zusammen. Nutzen schaffen bedeutet abgeben, die Güter kreisen lassen. Auf diese Weise überwindet man die Materie, weil man ihrem Prinzip nicht nachgibt. Das führt dann zwangsläufig dazu, daß man sich auf etwas anderes konzentrieren muß, denn die stoffliche Gegenwart eines Dinges wechselt dann ja immer. Und hier genau ergänzen sich der swedenborgsche Weg der Nutzwirkungen und der eckehartsche Weg der Gottinnigkeit. Das, auf was man sich konzentrieren muß, weil nichts anderes übrig bleibt, ist eben der Bedeutungshall, den das Ding in uns auslöst. Mit der Idee der Nutzwirkungen einerseits und der Entdeckung der "inwendigen, göttlichen Seinsweise" andererseits haben wir das Rüstzeug, Gebieter der Materie zu werden. So könnte die Ordnung erstehen, die besagt, daß der Geist die Materie beherrscht und nicht umgekehrt. "Der Mensch muß sich daran gewöhnen, in nichts das Seine zu suchen und zu erstreben, vielmehr in allen Dingen Gott zu finden und zu erfassen." Die neue Lebensweise ist nicht von heute auf morgen praktizierbar, allmählich wird sie dem Menschen eingewöhnt, und zwar von Gott, jedoch unter Mitwirkung des Menschen, damit sein Gemüt vermöge der Anspannung offen bleibt. Wir sahen, daß der neue Lebensstil darin besteht, die Dinge, die Taten und Werke nicht als solche zu nehmen, sondern darin, sie als Außenhaut der geistigen Welt zu verstehen. Alles, was wir durch die fünf Sinne wahrnehmen, ist nur Ausdruck eines im Grunde genommen geistigen Geschehens. Allerdings reicht diese Entdeckung noch nicht aus. Ein weiterer wichtiger Gedanke muß dazu kommen. Die geistige Welt polarisiert sich in zwei große Lager, seit altersher Himmel und Hölle genannt. Deswegen muß der Mensch lernen, das innere Geschehen diesen beiden zuzuordnen. Der Mensch kann das Seinige aber auch das göttliche, somit das Höllische oder das Himmlische, auf die Umstände projizieren. Sie können ihm Ausdruck der eigenen Klugheit aber auch der göttlichen Vorsehung sein. Beide Möglichkeiten wären im Ernstfalle beweisbar und schließen sich dennoch gegenseitig aus. Hier steht der Mensch in der Entscheidung, niemand kann sie ihm abnehmen. Man kann nur wie Eckehart raten "in nichts das Seine zu suchen und zu erstreben, vielmehr in allen Dingen Gott zu finden und zu erfassen." "Das Seine" basiert immer auf Selbst- und Weltliebe. Das Selbst bzw. das Eigene des Menschen ist, so lehrt es jedenfalls das Christentum, nicht das Leben, sondern nur das Organ oder Aufnahmegefäß des Lebens. Somit ist das Selbst, von seiner prinzipiellen Qualität her gesehen, das Äußere oder Umhüllende des Lebens. Und somit wiederum ist die Qualität der Selbstwahrnehmung prinzipiell äußerlich. Wenn sich daher das Eigene auf den Thron der Eigenherrschaft schwingt, und der Steuerung durch das Geistige entweicht, dann wird die Wahrnehmung und das ganze Lebensgefühl ausschließlich äußerlich. Und am traurigen Ende dieser Entwicklung steht die Welt so, wie sie heute gesehen wird, als eigenständiges nach gewissen Naturgesetzen funktionierendes Etwas. Der Mensch verliert den Blick für das Geistige in den Dingen und infolgedessen nimmt er die Dinge als Dinge, die Welt als Welt, die Natur natürlich und das irdische Leben als das einzige Leben, auf das sich alles zu orientieren hat. Er verkennt den Wert des irdischen Lebens als Übergangsstadium. Der Wert des stofflichen Daseins wird nicht jenseits der Grenzen des Stofflichen gesucht, sondern innerhalb derselben. Die sinngebenden Systeme werden innerweltlich, und ehe man sich versieht, ist das irdische Leben Selbstzweck geworden oder anders gesagt, die irdische Liebe, die Selbstliebe ist der Mittelpunkt geworden, dem alles andere nur zu dienen hat. Der Mensch sucht das Seine, der eigene Vorteil zählt, was nicht richtig ist. Gott in den Dingen finden und erfassen bedeutet beispielsweise, die Natur als Buch Gottes lesen. Im Lorberwerk finden wir eine unschätzbare Hilfe zur Entschlüsselung des Naturgeschehens. Wind und Wetter, Wolkenbildungen und Vegetation, hinter allem steht gestaltend der Geist. Gott in den Dingen finden und erfassen bedeutet auch, den Sinn erkennen, weil Gott der Sinn ist. Die Dinge können das Schicksal sein, durch das der Herr etwas sagen will. Die Dinge können Begegnungen mit Menschen sein, durch die der Herr etwas geben will. So wird Gott dem Suchenden schließlich alles in allem. Denn: "Mit allen jenen Gaben will er uns nur bereiten zu der Gabe, die er selber ist; ..." Leben in Gottes Hand ist etwas anderes als Leben unter der Regie des beschränkten Egos. Da Letzteres äußerlich ist, führt es in die Veräußerlichung. Sinnentleert wird das Leben, hohl und oberflächlich, wutschnaubend kennt der Tiermensch nur noch einen Sinn, den des Fleisches, in der Befriedigung der eigenen Interessen. Und alles, was nicht der Leitung der eigenen Logik untersteht, ist Zufall, Glück, Pech, notwendige Folge oder was auch immer, jedenfalls gibt es außerhalb der eigenen Logik keine höhere Intelligenz. Leben in Gottes Hand setzt das Grundgefühl des Vertrauens frei, bestehend in einer nicht weiter erklärbaren Gewißheit in einem großen Plan geborgen zu sein, der es gut mit jedem Einzelnen meint. Es gibt Handlungen, in denen sich das Vertrauen stärker ausspricht, wo es erhöht gefordert wird, dann gibt es aber auch Handlungen, wo das Vertrauen mehr im Hintergrund weilt. Parallel dazu läßt ich sagen, die edlen Kräfte, Tugenden genannt, sollen letztlich rein und lauter empfunden werden. Nicht von Werken sollen sie abhängig sein, vielmehr durchwirken sie des Menschen Sein als die ledige Essenz des neuen Lebens. Sie sind innerlich ungebunden. Sie, in der Zusammenfassung das geistige Leben genannt, erfüllen zwar das äußere Leben, aber können auch frei davon existieren, ansonsten jenseitiges Leben ja nicht denkbar wäre. Daher unterscheidet Eckehart den "zufälligen und unwesentlichen Willen" von "entscheidenden, schöpferischen und eingewöhnten". Der zufällige Wille ist vorsätzlich. Auf eine bestimmte Situation bezogen erfolgt seine Kontraktion. Der eigentliche Wille ist dagegen permanent, wesentlich und bleibend und heißt die Lebensliebe. Der zufällige Wille untersteht der Kontrolle der tagesbewußten Gehirnarbeit und behindert, so gut er auch sein mag, das freie Walten der Gottkräfte immer ein wenig. Eckehart rät denn auch abschließend: "Solange lerne man sich lassen, bis man nichts Eigenes mehr behält". Wobei hier zu bemerken ist, daß das Eigene nicht das Gefäßhafte ist, sondern der Eigenwille. Wenn der Egokrampf ganz gelockert ist, dann durchweht der Geist den freien Menschen und in seinem Gefolge ist der Friede Gottes und das Gefühl Ewigkeiten hindurch wirken zu dürfen, was Weite bedeutet, so daß sich niemand von der Hektik des Zeitlichen mitreißen lassen muß. Die Konzentration auf Eines, und das Erfassen der Ganzheit Wer ein neues Leben beginnen will, der kann es nur von Gott empfangen. Gott ist der Liebe- und Weisheitsquell in uns. Ihn rufe der Suchende an, doch es muß ihm Ernst sein. In aller Entschlossenheit hat er sich des Seinigen zu entäußern. Was des Menschen eigene Leistung ist, ist immer böse, wie gut es auch erscheinen mag. Das wahre Gut kommt von oben, aus der Quelle, die das Persönliche, Zeit- und Raumbegrenzte unseres Seins transzendiert. Das Eigene ist als Bosheit in purer Natur zu erkennen und dann als Sünde zu fliehen. Letzteres ist ein Ausdruck, den Swedenborg verwendet; das Böse muß als Sünde geflohen werden. Es gibt nämlich viele Gründe, die Eigenliebe zurücktreten zu lassen, so daß sie nicht allzu sehr offenbar wird, aber unter allen zählt nur der Grund, nach dem das Böse als Sünde geflohen wird. Dann hat sich der Mensch des Seinigen wahrhaft entäußert. In den bußfertigen Tempel kann sich nun Gott ergießen. Der Mensch wird liebe- und weisheitsvoll. Gott, der Allmächtige hat sich des Endlichen, des Ohnmächtigen erbarmt, und läßt es als ein Etwas gelten. O Wunder des göttlichen Weges! Der Dialog des unendlichen Seins mit dem endlichen, personhaften Sein bildet den Hintergrund für die weiteren Ausführungen Eckeharts. Vergegenwärtigen wir uns: Der Mensch, obschon ein endliches Wesen, kann den Unendlichen ertragen. In Jesus Christus gelingt die Symbiose. Die seltsame Ehe findet sich in den Gedanken Eckeharts, der Mensch solle bei der einmal begonnenen Weise verbleiben. Der Begriff der Weise umschreibt die Umstände, die sich zu dem Panorama des jeweiligen Lebens zusammengesellen, so daß eine ganz eigentümliche und vor allem personenbezogene Artung des gelebten Lebens entsteht. Die Weise deines Lebens ist eine andere, als die meines Lebens oder die noch eines anderen Menschens. Jede Weise ist anders. Sie ist somit die Verendlichung des jeweilig gelebten Lebens. Durch die Weise hebt sich das eine Leben vom anderen ab und Personen und Charaktere entstehen. Die Weise ist das notwendige Ergänzungsstück des äußeren Menschen. Wie dieser ist sie endlich; und dennoch soll und kann der Mensch die Allheit Gottes begreifen, jedoch nicht, was oft geschieht, durch häufigen Wechsel der Weise. Der Mensch soll bei der Weise, die sich nun einmal für ihn ergeben hat, verbleiben. Als Kenner des Lebens weiß Eckehart natürlich, daß der Mensch immerzu von neuen Weisen versucht wird, denn ständig lockt das Neuartige, um uns zu verlocken, die Weisen leichtfertig zu wechseln. Der Mensch hüte sich, und bleibe auf seinem Weg. Ein Jeder suche Gott nach seiner Weise. Auf die Frage, wie denn alles Gute in einer Weise zu finden sei, antwortet Eckehart: Der Mensch bewahre sich, die Sonderheit seiner gewählten Weise zu ergreifen. Wörtlich lesen wir: "In einer Weise eben soll man alle guten Weisen und nicht die Sonderheit (eben) dieser Weise ergreifen." Man soll sich zwar auf eine Weise konzentrieren, aber nicht auf die Sonderheit eben dieser Weise. Das würde Veräußerlichung bedeuten. Das Gemüt würde nach oben verschlossen werden, der geistige Einfluß wäre dann abgebrochen. Hier wie an vielen Stellen leuchtet Eckeharts Gedanke der Abgeschiedenheit durch, die sich zwar nicht in eine Klause zurückzieht, aber in der Welt ohne Welt ist. Eine Ironie des Schicksals ist es, daß diejenigen, die die Welt suchen, den Gegenstand ihres Begehrens nie so richtig zufrieden stellend finden. Wem dagegen die Welt nicht mehr ist, als die Übungsstätte des Lebens, wo sich das göttliche Leben auswirken kann, der bekommt die Welt frei dazu. Der kann sich in einer Weise niederlassen und Ruhe finden, während der Andere, der seine Welt ach so sehr liebt, seinem Glücke immer hinterher läuft. Die Umstände, die die Weise bilden, sind lediglich als Gelegenheit zu betrachten, Gottesleben zu leben; indem wir es praktizieren wird es uns angeeignet. Die Umstände als Umstände fallen eines Tages ab, spätestens mit dem leiblichen Tod. Ein Hinweis ist das für den Sehenden, ihnen schon jetzt nur den notwendigen Wert beizulegen, das Zeughaus des Geistes zu sein. Das heißt, die Umstände sind nicht in sich selber Wert, wertvoll sind sie nur im Hinblick auf den Geist. Deswegen ist der Geist auch der einzige Grund, die Umstände zu wechseln. Wenn eine Weise zu eng wird, dann kann der Geist sie weiten, denn "Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist." Jh 3.8 Noch eines ist dem Prediger aus deutschen Landen wichtig: Gott nimmt jeden Menschen in seinem Allerbesten oder in der allerbesten Weise. Gott, was ist er anderes als die Göttliche Vorsehung, die in uns wirksam ist. Sie hat es bei allem und jedem auf das Unendliche und Ewige abgesehen; von ihr aus ist jeder Mensch für den Himmel bestimmt. Dahingehend wirkt sie und nimmt den Menschen somit in seinem Allerbesten, denn was Gott tut ist wohlgetan. Gott ist alles in uns. Er ist das Leben, der einzige unerschöpfliche Quell. Wir sind nur Organe des Lebens. Leben wir, so leben wir in ihm; und selbst die Toten, die geistig Toten, verkehren nur die göttliche Kraft. Wenn sonach Gott Alles ist und, wie oben gesagt, jeden Menschen in der allerbesten Weise nimmt, warum läßt er dann diejenigen nicht schon als Kinder sterben, bevor sie die Vernunft mißbrauchen können, von denen er weiß, daß sie abtrünnig werden. Der Einwand veranlaßt Eckehart eine wichtige Seite des göttlichen Wirkens aufzudecken. "Da sagte ich: Gott ist nicht ein Zerstörer irgendeines Gutes, sondern er ist ein Vollbringer." Wissen wir, was das heißt? Alles, was der Mensch jemals gewollt und gedacht hat bleibt erhalten. Da haben die Karmadenker gar nicht so unrecht. Gott, die Kraft in uns, zerstört unser Gut nie mehr; immerhin, wie unvollkommen ja verkehrt es auch sein mag, Gottkraft gab irgendwie den Anstoß seiner Existenz. Deswegen kann es Gott nicht zerstören, es kann nur sein Bestreben sein, es zu vollenden. Da ahnt man ein wenig, was Erlösung heißen könnte. Bedenken wir nur einen kurzen Augenblick lang, den Gedankenberg, den wir durch Zeitenläufe hindurch, aufgebaut haben. Gott bekämpft die Sünde nicht, indem er ihr Aufkommen von Anbeginn an unterdrückt; denn das Sündhafte kann gereinigt werden und erstrahlt dann im Lichte der Göttlichen Weisheit. Wollte Gott das Mangelhafte von vornherein unterbinden, dann müßte er zwangläufig den Menschen beseitigen; denn so, wie er vorerst ist, ist er voller Mängel; er kann gar nicht anders sein. Denn was ist der Mensch? Nach Swedenborg ist er die Fähigkeit, in Freiheit die Vernunft zu gebrauchen. Die Freiheit verlangt Spielraum, der Fehler ermöglicht. Auf den Weg der Erfahrungen holen wir dann stets die Ernte ein, die wir aussäten, so daß wir dadurch lernen können und reifen. Auch die Hölle ist nur eine Erfahrung, freilich die Schrecklichste. So kann der Mensch lernen, die Vernunft, das Erbteil Gottes, recht zu gebrauchen. Zu Fragen bleibt, ob das möglich wäre, wenn Gott peinlich bedacht wäre, das Sündhafte nie aufkeimen zu lassen. So findet sich Gott also mit der Existenz des Bösen ab, mehr noch, er heiligt es, indem er Mensch wird. Was Gott annimmt, das nimmt er ganz an, denn er kennt keine Halbheiten. Demzufolge zerstört er das einmal Aufgebrachte niemals mehr; er versucht es vielmehr in seine Scheuer heimzuholen. Daran soll sich der Mensch ein Beispiel nehmen, weil es heißt: "Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Mt 5.48 Bemühen wir uns, das einmal Angefangene zu Ende zu führen. Die Weise, mit der wir begannen, soll beibehalten werden. Verwerfen wir sie nicht wieder leichtfertig, denn wie soll der Beständige bei uns sein, wenn wir so unbeständig sind. Die Weise oder die Zeit oder das Stoffliche oder wie wir es auch nennen wollen, hindert uns niemals das Ewige zu finden. Was uns hindert, ist der Wechsel der Weise, aus der Einbildung kommend, im Neuen das zu finden, was wir im Alten vermißten. Mit dem Reiz des Neuartigen lockt der Teufel seine Kinder. So erst entsteht Zeit, denn Zeit ist Unrast. Überwinde die Zeit nach den Worten Eckeharts: "daß der Mensch ein Gott in allen Dingen suchender und ein Gott zu aller Zeit und an allen Stätten und bei allen Leuten in allen Weisen findender Mensch werden müßte." Der wirkende Gott und der mitwirkende Mensch Der Mensch soll sich zwar seines eigenen Willens entäußern und ebenso des daraus hervorgehenden Denkens, doch das Ziel soll nicht die absolute Leere sein, die darin bestünde ohne jeglichen Antrieb und ohne irgendeine Vorstellung zu sein. Dann wäre der Mensch in ein Nichts entsunken. Der mystische Tod ist jedoch nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, somit ein Übergangsstadium. Das Ziel ist eine neue Wirksamkeit aus Gottimpulsen. Der Mensch soll es lernen, mit seinem Gotte mitzuwirken (vgl. EQ 94.17f). Um dieses Zieles willen ist es besser tätig zu sein und zu bleiben, als in wonniglicher Selbstauflösung dahinzuschwelgen, ein Zustand, der sich bei der Meditation einstellen kann. Wenn sich Antriebe in der Leere nicht von selber einstellen, dann soll man sich nach Eckehart eben zwingen ein Werk zu verrichten, freilich immer ein Auge darauf habend, ob sich nicht aus dem Inneren Impulse einstellen, die es dann zu verarbeiten gilt. Schon hier wird deutlich, daß der Dominikaner das tätige Leben über das beschauliche stellt. Der Vollendungsweg des Christentums ist nun mal nicht die pure Versenkung, sondern die tätige Liebe, die Nächstenliebe. Eckehart wirft mit seiner Betrachtung das Problem der Mitwirkung auf. Obwohl Gott das einzige Sein und Leben in sich selbst und alle Kreatur nur ein Aftersein aus dem Ursein Gottes ist, hat der Herr dem Menschen das Gefühl verliehen, ein Etwas zu sein, mit dem Anspruch ernst genommen zu werden. Der Mensch empfindet sich nicht anders, als wäre er ein ja sogar der Lebensmittelpunkt, als lebe er aus eigenen Quellen. Gott billigt dies dem Menschen zu, allerdings nicht, damit der Anschein aus sich zu leben zu Hochmut entarte, sondern damit der Mensch etwas habe, was er Gott darbieten könne, das Gegenseitige der Verbindung. Ohne diesen Anschein, die Genesis spricht von der Ähnlichkeit Gottes, wäre der Mensch nicht Mensch. So aber, wie es nun eingerichtet ist, kann der Mensch anheben, mit Gott zu sprechen. Jedoch steht auch der breite Weg offen. Im Anschein kann sich der Mensch begründen, er sei der Macher aller Dinge das ist die Hölle. Halten wir fest: Das Verhältnis Gott und Mensch ist eines der Wirkung und der Mitwirkung. Gott ist der Wirkende, der Mensch ist der Mitwirkende, der Partner Gottes. Es fragt sich nun, worin die Mitwirkung besteht. Oder anders formuliert: Welchen Beitrag kann der Mensch zu seiner Wiedergeburt und schlußendlichen Erlösung leisten? Eckehart gibt die gleiche Antwort, die wir auch im Lorberwerk und bei Swedenborg finden. Freilich drückt sie jeder in der ihm eigentümlichen Sprache aus, doch das Gemeinsame steckt auch in der unterschiedlichen Wortwahl, und darauf kommt es an. "Ein Werk bleibt einem billig und recht eigentlich doch, das (aber) ist: ein Vernichten seiner selbst." Vernichten meint, der weitere Verlauf der Stelle zeigt es, die Demut. In ihr verläßt der Mensch den selbstherrlichen Thron des Hochmutes. Im Lorberwerk finden wir den schönen Satz: HGt II.11.12: "Die Demut ist das Einzige, das ihr mir geben könnet, ohne es eigentlich vorher von Mir empfangen zu haben." Man beachte: das Einzige! Als Aufnahmegefäße des Lebens haben wir alles, was uns ausfüllt von Gott. Dem Gefäß ist nur eines eigen, das Gefäßhafte, also die Fähigkeit aufzunehmen, und das ist Demut. Diese unsere Eigenschaft gilt es herauszustellen, damit kommen wir der Wahrheit unseres Seins näher. Normalerweise ist das Gefäß mit Alltagsschrott angefüllt. Das Gefäßhafte, die aufnehmende Funktion, muß erst wieder freigeschaufelt werden. Der Mensch hat die Inhalte des Eigenen hinauszuwerfen. Swedenborg kleidet den Erlösungsbeitrag daher in die Worte: WCR 331d: "Der Mensch soll sich selbst von seinem Bösen reinigen und nicht erwarten, daß es der Herr für ihn tut." Das Böse ist nämlich der Alltagsschrott. Jede Liebe zieht ihre Inhalte an. Die Selbst- und Weltliebe macht da natürlich keine Ausnahme. So fliegen uns die Denkinhalte zu, um die es sich im Alltag normalerweise dreht. Sie sind wie dunkle Wolken, in der geistigen Welt erscheinen sie tatsächlich so, die das Licht der Sonne verschlucken. Gott kann sich nicht in das solcherart vollgestopfte Gefäß ergießen. Demut und "das Böse als Sünde fliehen", so drückt sich Swedenborg an anderer Stelle aus, gehören deswegen thematisch zusammen. Gleiches ist mit dem "vernichten seiner selbst" gemeint. Nicht das Gefäßhafte soll vernichtet werden, nein, das soll sich ja gerade glorreich offenbaren, das Falsche des Bösen gilt es zu überwinden. Demut ist permanente Erniedrigung. Gleichzeitig ist sie die Grundhaltung des neuen Menschens, also ist sie nicht etwas Vorübergehendes, sondern etwas Andauerndes. Wie aber läßt sich das mit den Worten des Herrn vereinbaren. "Wer sich erniedrigt, der wird erhöht werden" (Mt. 23.12). Wenn Demut permanente Erniedrigung ist, wo ist dann noch Platz für die Erhöhung? Die Antwort ist einfach: Erniedrigung und Erhöhung, obwohl sprachliche Gegensätze, sind dennoch nur die berühmten zwei Seiten ein und derselben Sache. Eine Veranschaulichung dieser Wahrheit geschieht in Eckeharts Worten: "Je tiefer der Grund ist und je niedriger, um so höher und unermeßlicher ist auch die Erhebung und die Höhe, und je tiefer der Brunnen ist, um so höher ist er zugleich." Die tatsächliche und atemberaubende Größe des inneren Seins tut sich just in dem Moment auf, wo der Mensch seine Beschränkungen erkennt und anerkennt, wo er sich auf das Minimum reduziert, das wirklich er selbst ist das Gefäßhafte, auf das Reize von außen und Einflüsse von Innen einströmen. "Die Höhe und die Tiefe sind eins." Gott, die Höhe, und der Mensch, die Tiefe, sind eins, sind die beiden Seiten einer Sache. Paradoxerweise geht der Einswerdung die Trennung voran, die Trennung der Zuständigkeitsbereiche, um es mal so zu sagen. Einswerdung durch Trennung oder Scheidung ist auch ein Gedanke, den Swedenborg äußert: GV 4 (Satzveränderung): "Die Form bildet um so vollkommener eine Einheit, als diejenigen Dinge, welche in die Form fallen, als andere voneinander verschieden, und dennoch vereinigt sind." Die unüberbietbare Grazie des eckehartschen Ausdruckes wird dann in seinem Kommentar zu einem weiteren Jesuswort deutlich: "'Wer der Größte sein will, der werde der Geringste unter euch (Mark. 9.34)'. Wer jenes sein will, der muß dieses werden. Jenes Sein ist nur zu finden in diesem Werden." Der Seinsmetaphysiker spricht. "Sein" und "Werden" treten in Beziehung. Das zeitbedingte Werden, also der äußere Mensch, ergreift Gott, das ewige Sein. Allerdings kann der Zugriff nicht absolut oder unmittelbarer Art sein. Der Mensch ergreift Gott durch das Menschliche hindurch. Dementsprechend bekommt der Weg in die Höhe den Beigeschmack der menschlichen Tiefe. Der Zugang zu unserem "wesenhaften Sein" liegt im Zunichtewerden des zufälligen Seins. Es ist wie mit einer Sanduhr. Der Sand in ihr vergeht nicht, aber er vergeht in einer Hälfte der Glasröhre, und wer nur diese sieht, der meint, der Sand vergehe. Dabei sammelt er sich in der unteren Hälfte. Die Lebenskraft vergeht nicht; wo sie der Zeit entzogen wird, sammelt sie sich im Ewigen. Der Weg ins Göttliche geht für uns über die Demut. Damit ist das Verhältnis zwischen Gott und Mensch prinzipiell erörtert. Der Herr ist der Gebende, und der Mensch nimmt die Einflüsse auf, getreu den Worten des Evangeliums: "Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel." Jh 3.27 Hierbei haben wir unter "Himmel" letztlich den Herrn zu verstehen, denn er ist dessen ein und alles. Der Mensch muß sich, um empfangen zu können, ständig im Zustand der Empfangsbereitschaft halten, weswegen ihm das Weltliche nicht Lebensinhalt sein darf. Das ist die Aufgabe des Menschen. Aber wie sieht sie praktisch aus? Eckehart gibt uns einige Hinweise. Der Dreh- und Angelpunkt ist die persönliche Einstellung zum Besitz, denn wer die Welt, will sagen den Besitz liebt, der wird ein Bild der Hölle. Das mag verwundern, denn die Welt gebärdet sich eher harmlos. Sie zu lieben kann doch nicht so schlimm sein. O doch, lassen wir uns nicht betören. Die Wahl zwischen Himmel und Hölle ist für den irdischen Menschen, der also inkarniert ist, gar nicht die Wahl zwischen diesen beiden Polen, sondern zwischen Himmel und Welt oder Innerlichkeit und Äußerlichkeit. Erst nach dem Tod schlägt die Äußerlichkeit ins Höllische um. Bei Swedenborg heißt es: JG 16u: "Wer die Welt und nicht zugleich den Himmel in sich aufnimmt, der nimmt die Hölle auf." Keinerlei Illusionen hege man daher betreffs der vermeintlichen Harmlosigkeit der Welt. Sie ist potentiell höllisch. Welche Ratschläge gibt Eckehart nun im Umgang mit dem Besitz. Zum Einen soll der Mensch seinen Besitz nicht als Eigentum ergreifen, zum anderen soll er willig annehmen, was Gott ihm schickt. Das wäre die rechte Art. Den ersten Punkt formuliert Eckehart folgendermaßen: "Wir vielmehr sollen alle Dinge (nur so) haben, als ob sie uns geliehen seien und nicht gegeben." An Leihgut bindet man sich innerlich nicht. Man trauert nicht, wenn man es durch den Tod oder den Wechsel der Umstände abgeben muß. Man empfindet es auch nicht als muß. Die Dinge kommen, begleiten uns auf kurz oder lang, und gehen wieder. Das ist normal. Als unnormal wird es aber meistens empfunden, denn der moderne Lebensstil hat sein wesentliches Sein in Hab und Gut versenkt. Ein Wechsel der Aufmerksamkeit tut not. Man merke in den Dingen und Verhältnissen nicht mehr auf eben diese, sondern auf sein Denken und Wollen, weil das das wesentliche Sein ist, das den Tod überdauert. Eine neue Blickrichtung formuliert sich in diesen Worten. Das Ideal der Armut des Geistes leuchtet auf. Das ist etwas ganz anderes als äußerliche Armut, die gerade zur Zeit Eckeharts besonders in den Klöstern gang und gäbe war. In der Armutspredigt, die breiteste Verbreitung fand, kleidet Eckehart diesen Gedanken der geistigen Armut in sein klassisches Gewand. Menschen können notgedrungen arm sein, und in sich das brennende Verlangen nach Besitz tragen. Sie können neidvoll zu den Reichen aufschauen. Kurz, was nützt ihnen ihre Armut? Nichts, denn ihr Denken und Wollen ist keinen Pfennig anders, als das des gemeinen Durchschnitts. Entscheidend ist nicht wie arm oder reich der Mensch ist, sondern wie er arm oder reich ist. Er soll seinen Besitz ohne Bedürfnis danach besitzen. Anders gesagt: Man soll im Besitz nicht den Besitz und letztlich sich selbst lieben, sondern die Nutzwirkung, die vermittels des Besitzes schaftbar ist, und letztlich liebt man auf diese Weise den Herrn in den Dingen. Damit wäre die Welt überwunden. Die Eigentumsidee ist völlig neu zu fassen. In den Gesetzesbüchern ist das statische Eigentum verankert. Es zeichnet sich durch Anhäufung aus. Eine Neuerung würde das dynamische Eigentum bedeuten, wonach der Mensch nur so viel besitzen darf, wie er nutzbringend gebrauchen kann. Auf diese Weise hielten sich die Güter in Bewegung, kämen nicht ins Stocken, und der Fluß des Lebens bliebe intakt, Stillstand bedeutet überall Tod. Und genau dieser Stillstand ist die unweigerliche Folge des statischen Eigentums. Vielleicht können wir darinnen die eigentliche Ursache der Weltwirtschaftskrise erblicken. Der zweite Punkt behandelt die Zufriedenheit mit dem Gegebenen. "Er (Gott) gibt einem jeden nach dem, was sein Bestes ist und für ihn paßt." Egal wie sich die Umstände gestalten, die Göttliche Vorsehung waltet in ihnen. Ihr Ziel ist die Seligmachung des menschlichen Geschlechtes im allgemeinen und jedes einzelnen Menschens im besonderen. Nicht ein blinder Zufall, auch nicht menschliche Willkür schlägt zu, wenn das Schicksal seine Schmerzensseite zeigt. Hinter allem steht die Göttliche Vorsehung. Sie gibt das Große ebenso wie das Kleine, denn Gott ist alles in allem. Darauf setze der Mensch sein ganzes Vertrauen und hadere nicht mehr mit dem Schicksal. "Darum klage nicht, klage vielmehr nur darüber, daß du noch klagst und kein Genügen findest." Der religiöse Mensch wertet alles als Antwort Gottes auf den eigenen Tatentwurf. Ein Entwurf ist es, weil es einen Versuch der Mitwirkung darstellt. Der geistige Mensch bemüht sich, die Sprache der Ereignisse zu verstehen. Ernst nimmt er sie, um seinem Gotte näher zu kommen. Nur das Äußere hat der veräußerliche Mensch im Auge, dem Verinnerlichten ist dagegen der geistige Fortschritt wichtig. Eckehart predigt eine neue Einstellung zum natürlichen Grad des Lebens, zu den Taten und Verhältnissen, die das Gewand der Taten abgeben. Abgeschiedenheit trotz Einsatz ist ihr Kennzeichen. Der neue Mensch ist innerlich frei. Er zieht sich nicht in die Einsiedelei zurück und verliert sich auch nicht im Weltlichen. Er ist in der Welt ohne Welt, denn der Geist des neuen Menschen schaut auf das Geistige, also auf die Absichten, während der Körper sein Werk verrichtet. Der neue Mensch bemüht sich, nur Gottimpulse zum Ausbruch kommen zu lassen. Ihm ist der Erfolg im Äußeren nicht so wichtig. Er ist flexibel, immer bereit und fähig, einen neuen Plan in der Zusammengesellung der Umstände zu erblicken, denn er versteift sich nicht auf den Plan der eigenen Klugheit. Sein Plan ist die Göttliche Vorsehung, deren treuer Diener er sein möchte. So erst, indem er kein Absehen auf das Äußere hat, wird er fähig Gottes Leitung zu empfinden, denn der Geist weht sanft. Wer stur und starr seine fixe Idee verfolgt, der kann des Herrn sanfte Einsprache unmöglich vernehmen, denn zu grob sind die Sinne geworden. Daher verfeinere bzw. vergeistige der Mensch sein Gemüt, damit er Gott als den Wirkenden erlebt. Der Mensch dagegen finde seine Rolle in der Mitwirkung. Sie erfordert ständige Beweglichkeit, denn Gott ist alle Tage neu. Wem sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, wer gelernt hat, sich alle Tage wie von selbst auf den Herrn einzustellen, der findet Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Das ist die Ruhe des siebenten Tages, wo Gott seinen Platz in der Seele gefunden hat und die Seele ihren in Gott, wo Gott wirkt im mitwirkenden Menschen. Nachwort Lasse ich rückblickend noch einmal die Reden und Kommentare vorbeistreifen, so will es mir scheinen, als kristallisiere sich ein wesentlicher Gedanke heraus, der gleichsam das Motiv in Eckeharts Mystik ist. Zunächst bemüht sich der Lebemeister alle Kräfte nach innen einzuziehen. Dort am heimeligen Ort hüpft das Leben freudevoll in der Gewißheit: Gott ist bei mir. Unsagbare Wonnen entzünden das Herz zu immer neuen Lobgesängen, woraus ich mir Eckeharts nimmermüden Zug erkläre, den inneren Pfad zu predigen. So gesehen ist Eckehart der Meister der Gottinnigkeit. Aber, und das ist das große Aber, aus der Sammlung, aus der Gelassenheit, aus der Abgeschiedenheit entwirft Eckehart einen neuen Vorstoß, das äußere Leben zu handhaben. Der Lebemeister bleibt nicht bei den flutenden Gottkräften stehen, nein, er wendet sich von ihnen ab. Eckehart ist Praktiker. Hätte man ihn vor die Entscheidung gestellt, Gottinnigkeit oder praktisches Leben, ich fürchte, er hätte sich für Letzteres entschieden. So jedenfalls wäre die 28. Predigt die sonderbare verständlich, da Eckehart Matha über Maria stellt und damit allem Anschein nach im Widerspruch zum Herrn gerät. Oder vielleicht gerät er gar nicht im Widerspruch, vielleicht zeigt er uns nur das tiefste Geheimnis des Christentums. Immerhin läßt sich mit Fug und Recht behaupten, selbst die ewige Liebe brach sich von der Heiligkeit Gottes ab, um Mensch zu werden. Mit diesem Akte nahm die ewige Liebe den Menschen wichtiger als Gott. Genau das tat Eckehart, als er die Gottinnigkeit opferte, um das wirkende Leben zu verkünden. Der Mensch ist nicht mehr Mensch. Gott ist nicht mehr Gott. Der Mensch ist Gott und Gott ist Mensch. Wenn wir seit Christus von Gott sprechen, meinen wir den Menschen. Und Swedenborg sagt, die göttliche Vorsehung wirkt durch Menschen. Als Gott Mensch wurde, überwand er das alte Gottesbild und schuf ein neues, den Menschen. So kann ich es versehen, wenn Eckehart keinen Unterschied mehr zwischen Gott und Mensch findet. |
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